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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.02.2015

Fathiyeh Naghibzadeh - Vom Unwillen, sich von Haaren verr├╝ckt machen zu lassen
Sabrina Goldemann

Die im Iran aufgewachsene P├Ądagogin Fathiyeh Naghibzadeh hat einen Film ├╝ber den Kopftuchzwang im Iran gedreht und das "Mideast Freedom Forum Berlin" mitgegr├╝ndet. Mit ihrer Dialogpartnerin...



... Sabrina Goldemann hat sie ├╝ber ihr Exil im eigenen Land nach der "Islamischen Revolution" gesprochen ÔÇô und ├╝ber ihren eigenen Weg von der Israelfeindlichkeit zur Kritik am Iran.



Sabrina: Warum bist du nach Deutschland gekommen?

Fathiyeh: 1979 hat im Iran eine "Islamische Revolution" stattgefunden. Diese Revolution hat die Gesellschaft vollkommen ver├Ąndert und die neuen Machthaber haben unsere Hoffnungen auf Freiheit und Gleichheit vollst├Ąndig zerst├Ârt. Ich habe mich daraufhin in der iranischen Gesellschaft sehr fremd gef├╝hlt und bin ins Exil gegangen, wie Millionen meiner Landsleute.

Exil beginnt mit dem Gef├╝hl k├Ârperlicher Entfremdung

Sabrina: Was bedeutet f├╝r Dich Exil?

Fathiyeh: Wenn man Exil als negativen, abgrenzenden Begriff definiert, w├╝rde ich sagen, dass ich mich zum ersten Mal im Iran nach 1979 "im Exil" gef├╝hlt habe. Als ich im "wirklichen" Exil in Deutschland war, habe ich angefangen, ├╝ber diesen Begriff nachzudenken. Besonders, als ich 2004 mit drei Mitstudentinnen einen Film ├╝ber iranische Frauen im Exil und das Kopftuch gemacht habe. Exil ist komplexer, als man denkt, denn die Person im Exil muss sich jeden Tag aufs Neue mit dieser Situation auseinandersetzen. Ich bin f├╝r mich zu dem Schluss gekommen, dass mein Exil mit dem k├Ârperlichen Unbehagen begann, das ich empfand, als man mich im Iran gezwungen hat, auf der Stra├če Kopftuch und Tschador zu tragen. Dieses Gef├╝hl k├Ârperlicher Entfremdung steht f├╝r mich vor allen anderen, daraus resultierenden Gef├╝hlen und Erlebnissen. Als ich verschleiert auf die Stra├če ging und dort die islamischen Sittenw├Ąchter sah, die auf mich wie Fremde von einem anderen Planeten wirkten, begann mein Exil.



Sabrina: Ist Deutschland f├╝r dich ein Exil?

Fathiyeh: Jein. Deutschland ist f├╝r mich erst einmal Berlin. Berlin ist meine zweite Heimat, manchmal frage ich mich, ob es meine erste ÔÇô vor Iran ÔÇô geworden ist. Wenn ich in einer anderen Stadt oder im Ausland bin, sehne ich mich nach meinem Zuhause, und das hei├čt Berlin. Wenn ich in Berlin an meine Kindheit im Iran denke, dann habe ich Erinnerungen an sch├Âne Erlebnisse, Begegnungen mit Menschen, Feiertage und dann kommt die Sehnsucht nach meiner iranischen Heimat.

Sabrina: Du hast einen Film ├╝ber das Kopftuch gemacht. Was h├Ąltst du von den Debatten ├╝ber das Kopftuch in Deutschland und Europa?

Fathiyeh: Das meiste finde ich erb├Ąrmlich.

Sabrina: Warum?

Fathiyeh: Weil mir die Debatten zeigen, dass die Europ├ĄerInnen ├╝berhaupt nicht verstehen wollen, was das Kopftuch f├╝r die Islamisten bedeutet. Man redet immer von einem St├╝ck Stoff, als ob es sich um ein Modeaccessoire handeln w├╝rde. Ich habe im Iran erlebt, wie wichtig den Islamisten von Anfang an die Zwangsverschleierung zur Etablierung ihres totalit├Ąren Systems war. Kopftuch im Iran und die Einf├╝hrung der Scharia ÔÇô die Ersetzung des ver├Ąnderbaren s├Ąkularen Rechts durch die ewigen Gottesgesetze ÔÇô sind f├╝r mich Synonyme.

Geschichte wird gemacht ÔÇô Ein ver├Ąndertes Bild von Israel

Sabrina: Du warst in Israel. Welches Bild hast du vorher von Israel und von J├╝dInnen gehabt?

Fathiyeh: Mein Bild von Israel war immer ein sehr politisch gepr├Ągtes. Als ich in den 80er Jahren mein Land verlie├č, gab es kein Internet und ich h├Ârte immer die ausl├Ąndischen Kurzwellensender in persischer Sprache, vor allem Radio Israel. Es gab und gibt keine diplomatischen Beziehungen zwischen der Islamischen Republik und Israel. Und deshalb gibt es in Radio Israel auch nicht die politischen R├╝cksichtnahmen wie bei anderen westlichen Sendern, wie z.B. BBC. Das hat Radio Israel als Quelle interessant gemacht, da wir m├Âglichst ungefilterte Informationen ├╝ber die Situation im Iran bekommen wollten. Dadurch bekam ich auch Nachrichten aus Israel mit und nahm wahr, dass Israel eine Demokratie ist.

Trotzdem war ich am Anfang sehr an der Seite der Pal├ĄstinenserInnen, was deren Konflikt mit Israel betrifft. Mit der Zeit fragte ich mich aber, warum das iranische Regime die Pal├ĄstinenserInnen so massiv unterst├╝tzte, vor allem aber, warum mir nie ein Wort pal├Ąstinensischer Kritik gegen Khomeini oder der Solidarit├Ąt f├╝r iranische politische Gefangene bekannt wurde, von denen viele propal├Ąstinensisch waren.



Sabrina: Was hast du von den Pal├ĄstinenserInnen erwartet?

Fathiyeh: Vorweg muss ich von meinem damaligen Geschichtsbild von Israel sprechen: Ich dachte damals, dass die Pal├ĄstinenserInnen friedlich in ihrem eigenen Staat lebten, bis die ZionistInnen kamen, St├╝ck f├╝r St├╝ck ihr Land aufkauften und sie dann vertrieben. Das Wort "Zionist" war im Iran ein Synonym f├╝r "Faschist".

Von den Pal├ĄstinenserInnen erwartete ich, dass sie diejenigen propal├Ąstinensischen IranerInnen unterst├╝tzen w├╝rden, die jetzt vom Khomeini-Regime verfolgt wurden. Was nicht der Fall war.

Sabrina: Warum bist du dann 2008 nach Israel gefahren?

Fathiyeh: Wie ich oben erw├Ąhnte, hatte ich mit anderen einen Film mit dem Titel "Kopftuch als System ÔÇô oder machen Haare verr├╝ckt" gemacht. Man hat mich nach Jerusalem und Tel Aviv eingeladen, um diesen Film dort zu zeigen.

Sabrina: Was f├╝r ein Gef├╝hl war das, in Israel zu sein?

Fathiyeh: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich war zun├Ąchst sehr verunsichert und gleichzeitig w├╝tend. Ich sah mich als Exilantin aus einem Land, von dem eine Vernichtungsdrohung gegen Israel ausgeht. Ein Chaos an Emotionen stieg in mir hoch. Obwohl ich sehr freundlich behandelt wurde, l├Âsten meine Begegnungen sowohl mit Israelis, als auch mit Pal├ĄstinenserInnen Gef├╝hle der Wut aus. Gleichzeitig sp├╝rte ich, dass diese Wut unberechtigt war, was mich erst recht verunsicherte.

Antisemitismus als Suchtmittel

Sabrina: Kannst du erkl├Ąren, warum du w├╝tend gewesen bist?

Fathiyeh: Ich will mit einem Erlebnis nach meiner R├╝ckkehr nach Berlin antworten. Eine deutsche Freundin fragte mich, ob es Antisemitismus in meiner Familie gegeben habe. Ich antworte spontan, dass ich so etwas niemals gekannt h├Ątte. Im selben Moment erinnerte ich aber, wie meine Gro├čmutter mir als Kind mit folgender Drohung Angst machte: Wenn ich keinen Mittagsschlaf machen wolle, w├╝rde sie mich der alten Frau in der Nachbarschaft ├╝bergeben, die J├╝din sei und Kinder in den Topf werfe und koche. Ich glaube, dass diese verdr├Ąngte Geschichte in mir weiterarbeitete und mir das Gef├╝hl gab, J├╝dInnen k├Ânnten niemals unschuldig seien. Als ich mir langsam ├╝ber diese Gef├╝hle bewusst wurde, hat mich das von meiner oberfl├Ąchlichen Besch├Ąftigung mit dem israelisch-pal├Ąstinensischen Konflikt zur Besch├Ąftigung mit Antisemitismus und Antizionismus gebracht.

Sabrina: Wie hat diese Auseinandersetzung konkret ausgesehen?

Fathiyeh: Ich vergleiche Antisemitismus mit einer schweren Suchtkrankheit ÔÇô anscheinend bed├╝rfen viele in islamischen, aber auch in christlichen Gesellschaften sozialisierte Menschen dieses Suchtmittels. Und wenn man beginnt, sich dieser "Abh├Ąngigkeit" bewusst zu werden, ist die Auseinandersetzung damit und der Kampf dagegen ein lebenslanger Prozess. Es ist mir z.B. in meinen Freundschaften sehr wichtig zu wissen, dass die jeweilige Person nicht antisemitisch denkt.

Sabrina: Wie siehst Du Antisemitismus und die Auseinandersetzung damit in der deutschen Gesellschaft?

Fathiyeh: Bei jedem Konflikt zwischen Israel und den Pal├ĄstinenserInnen nehme ich wahr, dass die Pal├ĄstinenserInnen hier als totale Opfer dargestellt werden. Das ist zentral f├╝r das entpolitisierte, antisemitische Bild von den Israelis als absoluten T├ĄterInnen. Ich nenne als Beispiel G├╝nter Grass, f├╝r den Israel den Weltfrieden bedroht, w├Ąhrend er Ahmadinejad einen "Maulhelden" genannt hat ÔÇô als w├Ąre er entt├Ąuscht von ihm.

Sabrina: Wie engagierst Du dich als politischer Mensch in Deutschland gegen Antisemitismus und Islamismus?

Fathiyeh: F├╝r mich ist heute als iranische Exilantin klar, welche antisemitische Bedrohung vom iranischen Regime ausgeht und dass die Macht dieses Regimes ├╝ber die Menschen im Iran und im Nahen Osten ohne diesen Antisemitismus nicht denkbar w├Ąre. Ich habe deshalb mit deutschen FreundInnen, die dies genauso sehen, vor sechs Jahren das "Mideast Freedom Forum Berlin" und die Koalition "Stop the Bomb" gegen das iranische Nuklearprogramm und f├╝r die Unterst├╝tzung der demokratischen iranischen Opposition gegr├╝ndet.
Fathiyeh Naghibzadeh ist Co-Regisseurin des Films "Kopftuch als System ÔÇô Machen Haare verr├╝ckt?" von 2004, den sie im Februar 2008 auch in Tel Aviv und Jerusalem pr├Ąsentierte. Sie referiert und publiziert unter anderem zum Geschlechterverh├Ąltnis im Islam, zu Antisemitismus und Antizionismus und zur Erfahrung des Exils und ist Gr├╝ndungsmitglied des Mideast Freedom Forum Berlin.

Drei ausgew├Ąhlte Ver├Âffentlichungen von Fathiyeh Naghibzadeh:

The peace train (mit Andreas Benl) Jerusalem Post 16.04.2012

Freiheit ist keine Metapher. Seit der Einf├╝hrung der Zwangsverschleierung im Jahr 1979 geh├Ârt die Unterdr├╝ckung der Frauen zum ideologischen Kern der Islamischen Republik. Jungle World 26/2009

Die g├Âttliche Mission der Frau. Zu Geschichte und Struktur des Geschlechterverh├Ąltnisses im Gottesstaat Iran: Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europ├Ąischen F├Ârderer. Wien 2008

Das Interview, das Fathiyeh Naghibzadeh mit Sabrina Goldemann gef├╝hrt hat, finden Sie auf AVIVA-Berlin>Lokale Geschichte_n



Dieser Beitrag wurde von den Autorinnen am 14. April 2015 im Rathaus Charlottenburg in Anwesenheit von Senatorin Dilek Kolat und der Gleichstellungsbeauftragten Carolina B├Âhm pr├Ąsentiert.

Au├čerdem lasen weiteren Teilnehmerinnen des AVIVA-Projekts "Lokale Geschichte(n)" und die Initiatorinnen Sharon Adler und Claire Horst stellten das projekt vor.



"Lokale Geschichte(n) Charlottenburg-Wilmersdorf" wird gef├Ârdert durch:



Copyright Fotos von Fathiyeh Naghibzadeh und Sabrina Goldemann: Sharon Adler






Women + Work > Lokale Geschichte_n Beitrag vom 17.02.2015 AVIVA-Redaktion 





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