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AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 04.10.2007


Ganz im Zeichen von Hedwig Dohm
Marlies Hesse

Ein Gedenkstein als Zeichen gegen das Vergessen. Impressionen zu einer der bekanntesten Publizistinnen und Vordenkerinnen der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts, Hedwig Dohm, geborene Schlesinger.




© Fotos: Sharon Adler
Ein Wochenende mit Nachfeiern zu Hedwig Dohms Geburtstag am 20. September 2007 trug dazu bei, den Namen einer der bekanntesten Publizistinnen und Vordenkerinnen der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts in ihrer Heimatstadt Berlin endlich wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.
Gestartet wurden die Veranstaltungen am Freitagabend, den 21.09., mit einer szenischen Lesung "Aber-ich soll ein wahres Weib sein?!" im ausverkauften Institut der Menschenrechte. Die beiden Herausgeberinnen der Edition Hedwig Dohm, Nikola Müller und Isabel Rohner, begleitet vom Schauspieler Gerd Buurmann in Rollen prominenter Antifeministen, erzählten vom Leben der Schriftstellerin und lasen Auszüge aus ihren Büchern und Schriften.

Am Samstagmorgen folgte die Einweihung einer Hedwig-Dohm-Straße zum Bahnhof Südkreuz vom Sachsendamm im Süden bis zur Kreuzung Tempelhofer Weg. Lang genug hat es gedauert, bis der Stadtbezirk Schöneberg einem Antrag stattgab, nach der "Großen Tochter der Stadt" eine Straße zu benennen. Unter Beifall der Anwesenden wurde das neue Straßenschild mit Angaben zur Person von Hedwig Dohm begrüßt. Dass der noch in Richtung Naumannstraße weisende Bahnhofs-Ausgang möglichst bald eine angepasste Bezeichnung erhält, dürfte zu den Selbstverständlichkeiten gehören.

Schon wenige Stunden später versammelten sich mehr als hundert Menschen auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg, um an der festlichen Enthüllung des Gedenksteins für Hedwig Dohm teilzunehmen. Ein sonniger Herbsttag, wie er nicht schöner sein konnte, beflügelte von Anfang an die Stimmung unter den Spenderinnen und Förderinnen, JB-Mitgliedern und frauenbewegten Frauen, die das vom Journalistinnenbund minutiös vorbereitete Ereignis nicht versäumen wollten. Im Jubiläumsjahr 2006 zum 175. Geburtstag von Hedwig Dohm hatte das Netzwerk der Medienfrauen die Patenschaft für die Gedenkstätte übernommen und für die nächsten 20 Jahre abgesichert.

Eine RBB-Nachrichtenmeldung über das bevorstehende Ereignis lockte zusätzlich BesucherInnen an. Wer weit vor dem Einladungstermin um 13.30 Uhr eintraf, staunte zunächst über die roten Luftballons. Ein immerhin ungewöhnlicher Anblick auf einem Friedhof. Unweit des Eingangs an der Großgörschenstraße wurden sie emsig aufgeblasen und mit einem Zitat von Hedwig Dohm an einem Gitter befestigt, um nicht voreilig davon zu fliegen. Trotzdem ging etlichen frühzeitig die Luft aus. Laut zerplatzten sie, weil Wespen sich erdreisteten, ihnen einen Stich zu versetzen. Aus Anlass der verschiedenen Feiern wurden an alle Anwesenden extra hergestellte Buttons mit dem Porträt von Hedwig Dohm verteilt. JedeR steckte ihn sich gerne an. Besonders begehrt waren sie bei den SchülerInnen der Hedwig-Dohm-Oberschule als Erkennungszeichen.

Ein hinreißend schönes Bild bot sich, als sich alle mit Luftballons in der Hand langsam der Grabstätte von Hedwig Dohm näherten. Schon von fern waren die musikalischen Improvisationen der Saxophonistin Marion Schwan zu hören.
Mit Spannung wurde die Enthüllung des Gedenksteins erwartet. Als die Moderatorin der Feststunde, die frühere Vorsitzende des Journalistinnenbundes, Inge von Bönninghausen, die roten und weißen Tücher entfernt hatte, klickten die Digitalkameras um die Wette. Warum es sich bei dem Aufbau des weißen Marmorblocks mit der Inschrift "Die Menschenrechte haben kein Geschlecht" zunächst noch um ein Provisorium handelt, erklärte die Kölner Künstlerin Ulrike Oeter, die den Stein entworfen hatte. Wie das vom Glaskünstler Detlef Tanz angefertigte Originalteil aussehen würde, wäre es nicht im Schmelzofen zersprungen, ließ ein von Sonnenstrahlen durchglühtes Glasbruchstück erkennen. "Durch rotes Glas hinausschauen in die Welt – eine glühende, brennende Märchenwelt von unerhörter Pracht", ließ Hedwig Dohm in ihrem Roman "Schicksale einer Seele" ihre Protagonistin schon 1899 sagen. Und auch ihr zerbrach das Glas!

Zum vielschichtigen Werk von Hedwig Dohm sprach zunächst Cornelia Wenzel vom Kasseler Archiv der Frauenbewegung. "Ihre Waffe war die Feder, die sie virtuos zu führen wusste. Das war damals ein großer Gewinn für die Frauenbewegung und das ist es für uns noch heute", betonte sie in ihrer Rede.
Marianne Krüll, Autorin des Buches "Im Netz der Zauberer" über die Familie Mann, wandte sich direkt an "Hedwig", die sie seit über 30 Jahren verehrt: "Du hast diese Würdigung hier in deiner Heimatstadt mehr als verdient. Du bist für uns heutige Frauen ein Vorbild, eine Symbolfigur geworden, an der wir uns aufrichten können in unserem leider immer noch notwendigen Kampf um mehr Rechte für uns alle."
Von ihrer Suche nach dem eingeebneten Grab von Hedwig Dohm berichtete Reingard Jäkl von der Berliner Initiative "Hedwig Dohm sichtbar machen". Ihrer Pionierarbeit im Zuge einer open-air Ausstellung über die auf dem Kirchhof ebenfalls begrabene Frauenrechtlerin Minna Cauer ist es zu verdanken, dass die Stelle genau geortet werden konnte, an der die Asche ihrer Zeitgenossin am 4. Juni 1919 beigesetzt wurde.
Ein großes Dankeschön für die finanzielle Unterstützung der Initiative des Journalistinnenbundes sprach die JB-Geschäftsführerin Marlies Hesse aus. Von Herzen freute sie sich über alle kleinen und großen Zuwendungen, die es ermöglicht hatten, Hedwig Dohm einen so wunderschönen Gedenkstein als Zeichen gegen das Verdrängen und Vergessen zu setzen.
Bewegende und zugleich fröhliche Augenblicke waren es, als sich zum Abschluss der Feier die Luftballons in die Lüfte erhoben bis sie nur noch als roter Punkt zwischen den Wolken am blauen Himmel erkennbar waren. "Irgendeiner hat Hedwig Dohm bestimmt erreicht", meinte die frühere JB-Vorsitzende und Hedwig-Dohm-Preisträgerin des Jahres 1997,Gisela Brackert.
Fortgesetzt wurde die festliche Veranstaltung um 15.30 Uhr im legendären John F. Kennedy-Saal des Rathauses Schöneberg unter der Schirmherrschaft des Stadtrats für Bildung und Kultur, Dieter Hapel. Organisiert hatte sie die Bezirksverordnete Reingard Jäkl. Noch einmal wurde die Bedeutung Hedwig Dohms für die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau gewürdigt. Gundula Thors vom Journalistinnenbund, die im Jahr 2000 ihre Magisterarbeit über Hedwig Dohm schrieb, war froh, im Kreis der Zuhörenden endlich mal nicht erklären zu müssen, "wer diese bemerkenswerte Frau war und was sie gegen unvorstellbare Widerstände nicht nur für Frauen, sondern für die Menschheit insgesamt geleistet hat."

Quasi als "Stimme der Familie" kam der verlesene Auszug aus dem Grußwort von Inge Jens bei den Zuhörenden an. Zusammen mit Walter Jens hatte sie 2005 das Buch " Katias Mutter" über das außergewöhnliche Leben von Hedwig Pringsheim, der Tochter von Hedwig Dohm, veröffentlicht. Sie schrieb: "Ja, Hedwig Dohm hat Spuren gelegt, die nicht im Nirgendwo enden. Man hat immer wieder versucht, diese Spuren zu verwischen. Ganz gelungen ist das gottlob bis heute nicht, und es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass sie sichtbar bleiben. Darum begrüße ich den Entschluss, diese mutige, besondere und doch so "normale" und uneitle Frau heute in aller Öffentlichkeit zu feiern und die Erinnerung an ihr Wirken nicht nur durch die Publikation ihrer Schriften, sondern auch durch ein weithin sichtbares äußeres Zeichen zu stärken… "

Den Festvortrag zu Hedwig Dohm hielten die schon erwähnte Historikerin Nikola Müller und die Literaturwissenschaftlerin Isabel Rohner. Beim Wechselspiel ihrer Aussagen wurde deutlich spürbar, wie sehr ihnen die einvernehmliche Zusammenarbeit Freude bereitet.
Unter dem Aspekt, dass Hedwig Dohm nicht nur gesellschaftliche Essays und Feuilletons hinterlassen, sondern auch Romane und Novellen geschrieben hat, traten sie für einen ganzheitlichen Blick auf die Schriftstellerin ein, zumal sie in den 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts zu den meist gespielten TheaterautorInnen gehörte. Vor diesem Hintergrund wurde leicht nachvollziehbar, dass die beiden Herausgeberinnen der seit 2006 im Berliner Trafo Verlag veröffentlichten Edition Hedwig Dohm noch eine große Aufgabe vor sich haben. Vorausssichtlich wird frau/man noch sieben Jahre warten müssen, bis ihre kommentierte Gesamtausgabe komplett vorliegt.

Ins Rahmen-Programm der Rathaus-Feier fügten sich engagiert sechs Schülerinnen und ein Schüler der 8. und 10. Klasse der Hedwig-Dohm-Oberschule mit eindrucksvollen Textpräsentationen ein. Ganz im Sinne ihrer Namenspatronin verlasen sie pointiert Nachrichten über Gewaltausbrüche und Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in Ländern wie Saudi-Arabien, Bangladesh, aber auch in England und Deutschland. "Wir brauchen eine neue Hedwig Dohm!", deklamierten sie zum Schluss. Eine kleine Ausstellung zur rechtlichen und sozialen Situation von Frauen weltweit ergänzte ihren Auftritt.

Für das Bezirksarchiv in Schöneberg wird jetzt ein Konvolut mit allen am 22. September 2007 gehaltenen Reden und Beiträge angelegt, um über die Feiern hinaus das Andenken an Hedwig Dohm als eine der wichtigsten Kämpferinnen für Frauenbildung und das Wahlrecht auch in Zukunft wachzuhalten. Zu wünschen bleibt, dass diese Sammlung dann auch im Internet zu finden ist.

"Alles was ich schreibe, steht im Dienste der Frauen". Unter diesem Motto spießte sie mit spitzer Feder die Missstände ihrer Zeit auf. Hedwig Dohm kommt am 20.9.1831 als Marianne Adelaide Hedwig Jülich zur Welt. Sie ist das dritte Kind und die älteste Tochter des jüdischen Tabakfabrikanten Gustav Adolph Schlesinger und Wilhelmine Henriette Jülich, unehelich geboren und wahrscheinlich die Tochter eines französischen Soldaten. Ihre Eltern heiraten erst 1838, nach der Geburt ihres zehnten von insgesamt achtzehn Kindern. Nach der Eheschließung werden die vorher Geborenen vom Vater explizit anerkannt und tragen von da an den Namen Schlesinger.

Die Familie lässt 1851 den jüdisch klingenden Namen Schlesinger in Schleh ändern. Ihr Vater ist bereits 1817 zum Christentum konvertiert. In dieser Zeit besucht Hedwig für ein Jahr das Lehrerinnenseminar. Es folgt ein halbjähriger Aufenthalt bei ihrem ältesten Bruder Gustav Adolf Herrmann in Spanien. Im Zuge der Vorbereitungen der Reise lernt sie ihren späteren Ehemann Wilhelm Friedrich Ernst Dohm kennen, der ihr als Hauslehrer Sprachunterricht in Spanisch erteilt.

Am 21.3.1853 heiratet sie den 12 Jahre älteren, liberalen jüdischen (assimilierten) Schriftsteller Ernst Dohm (1819-1883), der als leitender Redakteur beim Berliner politisch-satirischen Wochenblatt "Kladderadatsch" arbeitet. Er wurde am 24.5.1819 in Breslau als Elias Levy geboren, Sohn von David Marcus Levy und Rosalie Lichtenstädt. Seine Familie konvertierte 1828 zum evangelischen Glauben und nahm den Namen Dohm an.

Durch die Ehe erhält Hedwig Zugang zu ihr völlig neuen gesellschaftlichen Kreisen. Im berühmten Salon der Dohms treffen sich KünstlerInnen, Wissenschaftler und Politiker. Sie bekommt hintereinander fünf Kinder: vier Töchter und einen Sohn, der jedoch schon im Kindesalter stirbt. Die älteste Tochter Hedwig wird später Alfred Pringsheim, deren Tochter Katia Thomas Mann heiraten. Damit wird Hedwig Dohm zur Großmutter von Katia und Thomas Mann.

Lesen Sie auch das AVIVA-"Interview"mit Hedwig Dohm.

Lesen Sie auch unsere Rezension zum ersten Band der kritischen Gesamtausgabe von Hedwig Dohm, "Ausgewählte Texte" erschienen zum 175. Geburtstag und herausgegeben von Nikola Müller und Isabel Rohner.

Weitere Infos unter:
www.journalistinnenbund.de und www.hedwigdohm.de - Dieser Internetseite sind auch die Informationen zum Leben von Hedwig Dohm entnommen.


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Beitrag vom 04.10.2007

AVIVA-Redaktion 






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