Stefan Koldehoff - Die Bilder sind unter uns. Das Gesch√§ft mit der NS-Raubkunst und der Fall Gurlitt - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Buecher
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA-Berlin > Buecher AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 21.10.2014

Stefan Koldehoff - Die Bilder sind unter uns. Das Geschäft mit der NS-Raubkunst und der Fall Gurlitt
Hilde Schramm

Der Kulturredakteur und Autor hat sein 2009 bei Eichborn erschienenes Buch aktualisiert, um das Kaptitel "Gerettet oder gestohlen? Der Fall Gurlitt" erweitert und ein Schlusskapitel "Perspektiven...



... f√ľr eine neue deutsche Raubkunstpolitik 2014" angef√ľgt.

Der Anhang enth√§lt, wie bereits 2009, "Ausgew√§hlte Vorschriften √ľber den Kunstbesitz von Juden in Deutschland 1933- 1945", die "Washingtoner Erkl√§rung" 1998, und die "Berliner Erkl√§rung" 1999. Im Gegensatz zur Ausgabe von 2009 fehlt ein alphabethisches Literaturverzeichnis.

Das Buch berichtet √ľber die Beraubung von Juden und J√ľdinnen, die Kunstsammlungen besa√üen, durch den deutschen Staat zwischen 1933- 1945 und den skrupellosen Handel mit diesem Raubgut ‚Äďspeziell mit Bildern - in der Bundesrepublik Deutschland bis Ende der 90er Jahre. Es erl√§utert, welche Ver√§nderungen im Diskurs und in der Praxis der Restitution stattfanden, seitdem sich Deutschland in der "Berliner Erkl√§rung" von 1999 "zur Auffindung und R√ľckgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus j√ľdischem Besitz" (S. 313) verpflichtet hat. Dar√ľber hinaus diskutiert das Buch das gegenw√§rtige Fehlen von Rechtsgrundlagen. Angesichts der Tatsache, dass trotz einer Selbstverpflichtung viele Probleme ungel√∂st sind, pl√§diert der Autor abschlie√üend daf√ľr, die moralische Verantwortung durch eine "praktischen Verantwortung" (S. 272) zu untermauern, und macht konkrete Vorschl√§ge, wie das Auseinanderklaffen "zwischen Recht und Moral" (S. 266) zu verringern sei.

Das Buch quillt geradezu √ľber von Informationen und ist dennoch gut zu lesen, nicht selten sogar richtig spannend. Dabei erspart es dem Leser und der Leserin ein Erschrecken √ľber die zentralen Befunde und √ľber viele schier unfassbare Details nicht.

Der Autor arbeitet vorrangig mit "ausgew√§hlten Beispielen, die etwas Exemplarisches belegen" (S. 256), in die er thematische Einsch√ľbe einf√ľgt. Zum einen rekonstruiert er Biographien von Kunsth√§ndlern, ganz √ľberwiegend M√§nner, die im Auftrag oder mit Billigung der NS-Regierung deren Raubkunstpolitik umsetzten, und nach dem Krieg h√§ufig weiter im Kunsthandel t√§tig waren. Zum anderen sp√ľrt er beispielhaft dem Verschwinden und Wiederauftauchen von Sammlungen und einzelnen Bildern aus j√ľdischem Besitz nach. Indem Koldehoff biographische Recherchen zu den Akteure mit fallbezogenen Recherchen zu Kunstwerken auf einander bezieht, kann er das Zusammenspiel von Kunsth√§ndlern, Museen und Privatpersonen bei der Vermarktung von Bildern j√ľdischer Herkunft detailreich belegen. Die Beispiele zeigen, dass in der fr√ľhen Bundesrepublik kaum jemand Ansto√ü daran nahm, dass f√ľr die Zeit von 1933-1945 in der Regel Angaben zu den fr√ľheren Besitzern fehlten. Kunsth√§ndler und Auktionsh√§user verwischten oder unterschlugen die Herkunft der Bilder, auch wenn sie diese nachweislich kannten. Die K√§ufer ihrerseits, seien es Museen oder Privatpersonen, fragten nicht nach. Die einen deklarierten "Herkunft ungekl√§rt", die anderen reklamierten "gutgl√§ubigen Erwerb".

Und so braucht man sich auch nicht zu wundern, dass selbst Adenauer Werke f√ľr seine Bildersammlung erwarb, die unter NS-Raubkunst fallen (S. 231 ‚ÄďS. 247). Auch der Bundeskanzler interessierte sich nicht daf√ľr, woher die ihm angebotenen Bilder stammten und vermied es so, auf m√∂gliche Restitutionsanspr√ľche zu sto√üen.

In der deutschen Nachkriegsgesellschaft wurden personelle Kontinuit√§ten im Kunsthandel ebenso ausgeblendet wie Kontinuit√§ten im widerrechtlichen Besitz j√ľdischen Eigentums. Dabei hatte die Alliierte Milit√§rregierung f√ľr die westlichen Besatzungszonen die R√ľckgabe von Verm√∂gen jeder Art in einem Gesetz verankert (S. 110 f.) und bereits ab Herbst 1945 damit begonnen, Kunstwerke ihren rechtm√§√üigen Eigent√ľmer oder deren Erben zur√ľckzugeben (S. 154). Die Aufforderung dazu kannten alle, sie wurde aber nur im Ausnahmefall von √∂ffentlichen Einrichtungen und Privatpersonen befolgt. Die entsprechenden alliierten Vorschriften gingen in die sp√§tere Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland zur Entsch√§digung und Wiedergutmachung ein, deren Fristen allerdings in der Regel bereits in den 60er Jahren ausliefen. Wie sich diese Gesetzgebung auf die R√ľckerstattung speziell von NS-Raubkunst auswirkte, wird im vorliegenden Buch zwar gestreift, ist aber kein eigenst√§ndiges Thema.

Im Rahmen des skizzierten Zusammenspiels von Kunsth√§ndlern, Museen und privaten Sammlern ist besonders aufschlussreich, wie stark der Handel mit NS-Raubkunst verschr√§nkt war mit dem An- und Verkauf moderner Kunst. Die Verschr√§nkung reicht bis in die Zeit des Nationalsozialismus zur√ľck. Schon damals verschafften sich h√§ufig die gleichen Kunsth√§ndler, die an der Arisierung j√ľdischen Eigentums mitwirkten und von der Diffamierung und Verfolgung j√ľdischer K√ľnstler und K√ľnstlerinnen profitierten, Zugang zur sogenannten "entarteter Kunst". Sie erwarben Bilder der Moderne zu Spottpreisen, die in Museen beschlagnahmt worden waren oder aus j√ľdischen Sammlungen stammten. Ein Teil der Bilder eigneten sie sich selbst an, andere verkauften sie - mit oder ohne staatliche Erlaubnis - an Privatpersonen oder ins Ausland. Dabei spielte durchaus, bei einigen mehr bei anderen weniger, das Motiv eine Rolle, Werke, die als "entartet" galten, vor der Vernichtung zu bewahren, und zwar unabh√§ngig davon, ob Juden und J√ľdinnen oder Nichtjuden sie geschaffen hatten. Wie Koldehoff zugespitzt am Beispiel von Bernhard Boehmer zeigt, konnten beides, Bereicherung und Bewahrung, in einer Person eng beieinander liegen (S. 92-110, S. 116).

Im Zuge der in Deutschland nachzuholenden Moderne kamen dann zahlreiche Kunsth√§ndler, die mit dem NS-Regime paktiert hatten, oder ihre Erben, nicht nur zu Reichtum, sondern auch zu Ehren. Ihnen wurde als Verdienst zugeschrieben, dass Werke, die als "entartete Kunst" aus dem √∂ffentlichen Leben verschwunden waren, nun wieder in deutschen Museen hingen (S. 256). Sie wurden als "Retter" moderner Kunst gefeiert, wie Ernst Holzinger (S. 149-154), als M√§zenen geehrt wie Karl Haberstock (S. 155-158), stilisierten sich als NS-Opfer, wie Wilhelm Ettle (S. 158-168) oder wirkten dubios im Hintergrund wie Wilhelm R√ľdiger, der ein Vorreiter der NS-Kunstideologie und -Politik gewesen war und schlie√ülich als Kunsthistoriker zu Ansehen zu kam (S. 191-197, S. 201-210). Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Beteiligung am Kunstraub w√§hrend der NS-Herrschaft und ihre private Vorteilsnahme verschwiegen. Erst in letzter Zeit erschienen vereinzelt Biographien, die solche apologetischen Selbstdarstellungen und gesellschaftlich akzeptierten Deutungsmuster korrigierten.

Die Geschichtsvergessenheit in Deutschland zur NS-Raubkunst dauerte mindestens 40 Jahre. Entscheidendes √§nderte sich erst in den 90er Jahren. Dazu beigetragen hat, dass Erben j√ľdischer Sammler h√§ufig ihre Besitzanspr√ľche erst nachweisen konnten, nachdem die Archive im ehemaligen "Ostblock" zug√§nglich geworden und die Sperrfristen in den Archiven der Bundesrepublik abgelaufen waren. So hat z.B. die Oberfinanzdirektion Berlin, bei der 77 Aktenorder aus den Jahren 1935-1944 √ľber die bei der Reichskammer der Bildenden K√ľnste anzumeldenden Versteigerungen lagerten, erst 1989 ihren Aktenbestand an das Landesarchiv Berlin √ľbergeben (S. 112 f.).

Ausschlaggebend f√ľr die Ver√§nderungen aber war der zunehmende internationale Druck. Im Dezember 1998 verabschiedeten 44 Staaten, darunter Deutschland, gemeinsam mit Nicht-Regierungs-Organisationen und j√ľdischen Opferverb√§nden die "Washingtoner Erkl√§rung". Sie enth√§lt "Grunds√§tze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden" und wurde den einzelnen Staaten zur Umsetzung empfohlen (S. 113 f.). Dem kam Deutschland im Dezember 1999 mit einer gemeinsamen Erkl√§rung der Bundesregierung, der L√§nder und der kommunalen Spitzenverb√§nde nach (S. 114 f.). Diese "Berliner Erkl√§rung" geht an einem entscheidenden Punkt √ľber die "Washingtoner Erkl√§rung" hinaus: Sie formuliert Restitutionsanspr√ľche auch f√ľr "NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut", also f√ľr Kulturgut, das in einer Zwangs- oder Notsituation von den j√ľdischen Eigent√ľmern selbst zum Verkauf gegeben wurde, und beschr√§nkt sich nicht wie die "Washingtoner Erkl√§rung" auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt oder in anderer Weise aktiv weggenommenen wurden.

Die Berliner Erklärung ist eine freiwillige moralische Selbstverpflichtung, an die zwar "durch die Zustimmung ihrer Träger alle öffentlichen deutschen Museen, nicht aber die Privatsammler gebunden sind" (S. 115). Die nur moralische, nicht rechtliche Verpflichtung bedeutet zugleich: "Nach wie vor kann kein Museum, kein Händler dazu gezwungen werden, diesen Grundsätzen zu folgen" (S. 114). Auch eine Kommission, die zur Schlichtung von Streitfällen eingesetzt wurde, die sogenannte "Limbach-Kommission", darf lediglich Empfehlungen aussprechen.

Kolderhoff kommt zu dem Ergebnis, dass die Akzeptanz der Washingtoner und Berliner Prinzipien nach wie vor gering ist. (Ausf√ľhrungen und Bespiele zu Unterlassungen und eklatanten Verst√∂√üen siehe S. 115, S. 177, S. 260-267, S. 272). Dabei verkennt er nicht, dass zahlreiche Museen dabei sind, ihre Best√§nde zu durchforschen oder bereits durchforscht haben, und Kunstwerke aus ehemals j√ľdischem Besitz zur√ľckgaben, wie z.B. die Hamburger Kunsthalle oder die Staatliche Kunstsammlung Dresden. Eine der Ursachen f√ľr die ungen√ľgende Umsetzung der Selbstverpflichtung sieht er darin, dass viele Museen, insbesondere kleine Museen, keine Kapazit√§ten und keine Mittel f√ľr Provenienzforschung haben, und der Bund erst seit 2008 F√∂rdermittel hierf√ľr, wenn auch noch immer in einem zu geringen Umfang, zur Verf√ľgung stellt (S. 275).

Die seit 1994 von Bund und L√§ndern gemeinsam betriebene "Lost Art Internet-Datenbank" soll √ľber Suchmeldungen das Auffinden von Kulturg√ľtern erleichtern, die kriegsbedingt abhanden gekommen sind oder insbesondere j√ľdischen Eigent√ľmern verfolgungsbedingt entzogen wurden. Sie soll zudem √ľber Fundmeldungen zur Kl√§rung der Herkunft von Kulturg√ľtern beitragen, "f√ľr die auf Grund von Provenienzl√ľcken eine solche Verlustgeschichte nicht ausgeschlossen werden kann" (Lost Art Koordinierungstelle Magedeburg). Koldehoff weist verschiedentlich auf die begrenzte Nutzung der Datenbank durch die gegenw√§rtigen Besitzer hin. Immer noch unterlassen es viele Museen und Privatpersonen, Kunstwerke, die m√∂glicherweise aus j√ľdischem Besitz stammen, dort einzustellen.

Die Hauptschwierigkeit bei der Umsetzung der Prinzipien, zu der sich die Bundesrepublik Deutschland bereits 1998 verpflichtet hat, sieht der Autor darin, dass es in Deutschland, anders als in √Ėsterreich - wenn auch dort nur mit beschr√§nkter Reichweite (S. 273) ‚Äď kein Gesetz gibt, das die Suche nach Raubkunst und deren die R√ľckgabe regelt. Er fordert unter Ber√ľcksichtigung der f√∂deralen Zust√§ndigkeit f√ľr Kultur eine gesetzliche Verpflichtung, der sich auch die Bundesl√§nder nicht entziehen k√∂nnen (S. 273 f.).

Die gegenw√§rtig begrenzte Handlungsf√§higkeit des Staates, den Opferfamilien gerecht zu werden, hat f√ľr Koldehoff "der Fall Gurlitt" vor Augen gef√ľhrt. Verj√§hrung und l√§ngst abgelaufene Anspruchsfristen erwiesen sich als nicht √ľbersteigbar. √úberlegungen zu einem r√ľckwirkenden Gesetz blieben, bei guten Gr√ľnden auf beiden Seiten, kontrovers. Vermeiden von √Ėffentlichkeit und Unverh√§ltnism√§√üigkeit der Mittel kennzeichneten das Verhalten der Justiz im vorliegenden Beispiel.

Zu bedenken ist allerdings: "Allein auf dem juristischen Weg wird sich das Problem nicht l√∂sen lassen" (S. 271). Nach fast 70 Jahren, der unterlassenen, zeitnahen Kl√§rung j√ľdischer Besitzanspr√ľche und dem h√§ufig dutzendfachen Standortwechsel eines Kunstwerks k√∂nnen viele aktuelle Besitzer in der Tat nicht wissen, dass ihr Bild einmal einer j√ľdischen Familie geh√∂rte. Ein fairer Ausgleich w√§re oft nur mit staatlicher finanzieller Unterst√ľtzung m√∂glich. "Was die privaten Sammlungen angeht, so ist das deutsche Raubkunst-Dilemma ‚Ķ vor allem ein finanzielles" (S. 274). Das gleiche gilt f√ľr finanzschwache Museen, sofern beide Seiten im R√ľckkauf die bestm√∂gliche L√∂sung sehen. Koldehoff entwickelt deshalb die Idee einer Bundesstiftung Raubkunst in Analogie zur Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" f√ľr vergessene NS-Opfer, insbesondere ehemalige Zwangsarbeiter. Wie dort Unternehmen, so sollten sich hier die Kunsthandelsverb√§nde finanziell beteiligen.

Zum Autor: Stefan Koldehoff, geboren 1967, ist Kulturredakteur beim Deutschlandfunk in K√∂ln und schreibt unter anderem f√ľr Die Zeit und die FAZ. 2008 wurde er f√ľr seine investigativen Recherchen mit dem puk-Journalistenpreis ausgezeichnet. 2012 ver√∂ffentlichte er gemeinsam mit Tobias Timm Falsche Bilder, echtes Geld zum Fall Beltracchi. Das Buch wurde mit dem Prix Annette Giacometti und dem Otto-Brenner-Preis ausgezeichnet.

Stefan Koldehoff
Die Bilder sind unter uns.
Das Geschäft mit der NS-Raubkunst und der Fall Gurlitt

Verlag Galiani Berlin, erschienen März 2014


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Fiskalische Auspl√ľnderung der Juden in Berlin 1933 bis 1945

Eine Debatte ohne Ende - Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum

Melissa M√ľller und Monika Tatzkow ‚Äď "Verlorene Bilder, verlorene Leben"

"Stealing Klimt"

AVIVA-Interview mit der Regisseurin von "Stealing Klimt", Jane Chablani

Schuhhaus Pallas - Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte

Die Wertheims

Ich besaß einen Garten in Schöneiche bei Berlin. Jani Pietsch



Buecher Beitrag vom 21.10.2014 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken