Melissa M├╝ller und Monika Tatzkow - Verlorene Bilder, verlorene Leben - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 19.03.2009

Melissa M├╝ller und Monika Tatzkow - Verlorene Bilder, verlorene Leben
Sharon Adler, Claire Horst

Im gr├Â├čten Kunstraub aller Zeiten enteignete das Naziregime etwa 600.000 Kunstwerke aus j├╝dischem Besitz. Sie wurden gestohlen, beschlagnahmt, eingezogen, zwangsverkauft oder versteigert.



Seit 1945 bem├╝hen sich Gesch├Ądigte und ErbInnen meist mit m├Ą├čigem Erfolg um die R├╝ckgabe ihrer "verlorenen Bilder", der oft letzten physisch greifbaren Erinnerung an die in der NS-Zeit "verlorenen Leben". W├Ąhrend die Medien h├Ąufig nur ├╝ber die heute zu erzielenden Kaufpreise der Bilder berichten, erz├Ąhlt dieses Buch von den Menschen hinter den einstigen Sammlungen und gibt tiefe Einblicke in die Problematik der Kunstrestitution.

Dass diese Problematik bis heute nicht gel├Âst ist, zeigt sich an aktuellen F├Ąllen wie dem Gerichtsstreit um die Plakatsammlung von Hans Sachs. Das Berliner Landgericht hatte entschieden, dass das Deutsche Historische Museum ein Plakat an die ErbInnen zur├╝ckgeben muss. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat jetzt gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt ÔÇô da der verstorbene Sammler auf die R├╝ckgabe verzichtet habe, st├╝nde den ErbInnen die R├╝ckgabe nicht zu.

Die komplexe Diskussion um die Restitution von Raubkunstwerken kann nur verstehen, wer die Hintergr├╝nde kennt. Wie es wirklich geschah, wer die Menschen sind, die hinter den Sammlungen standen, davon berichtet das Buch. In "f├╝nfzehn exemplarischen Biografien von Menschen und Bildern" wollen die Herausgeberinnen dem Vergessen entgegenwirken. Sie verstehen den Raub der Kunstwerke als ein Element des Musters, das Adolf Hitler schon in seinem Buch "Mein Kampf" skizziert hatte. Denn Juden und J├╝dinnen wurden schon fr├╝h systematisch aus dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben verdr├Ąngt. Anfangs versuchten einige noch, Kunstwerke ins Ausland mitzunehmen. Doch die Politik der Nationalsozialisten kalkulierte auch das mit ein. So diente die "Reichsfluchtsteuer" ab Mitte der drei├čiger Jahre dazu, den EmigrantInnen ihren letzten Besitz zu nehmen.

Die Autorinnen zeichnen die Geschichte des Kunstraubs in Deutschland und ├ľsterreich anhand einiger beispielhafter F├Ąlle nach. In ├ľsterreich ist das etwa die Geschichte der Familie Rothschild, deren einzigartige Sammlung geraubt wurde. Sie machen dabei deutlich, dass es nicht nur hochrangige Nazis wie die Kunstliebhaber Hitler und G├Âring waren, die j├╝dische SammlerInnen ausbeuteten. Museumsdirektoren nutzten die Gelegenheit zur Bereicherung ihrer Best├Ąnde, ebenso wie sich auch NachbarInnen gern am Besitz der Vertriebenen bedienten.

Die Geschichte des Kunstraubs endet leider nicht mit dem Ende des Nationalsozialismus. Die SammlerInnen ÔÇô sofern sie ├╝berlebt hatten ÔÇô k├Ąmpften jahrzehntelang, zum Teil bis heute, um den Wiedererhalt ihrer Werke, zumindest aber um Wiedergutmachung. Auch Nachbarl├Ąnder wie etwa Frankreich und die Niederlande weigern sich bis heute, Werke zu restituieren. Der ├Âsterreichische Staat etwa schob das Denkmalschutzgesetz vor und weigerte sich mit diesem Argument, den ├╝berlebenden Rothschilds ihren Besitz zur├╝ckzuerstatten. Sie wurden zu einer "Schenkung" an den Staat gezwungen. Erst 1998 konnte mit dem Kunstr├╝ckgabegesetz die Restitution durchgesetzt werden.

Denn auf Druck der ErbInnen ├Ąnderte sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Gesetzeslage. Pl├Âtzlich wurden Archive zug├Ąnglich, und der Weg der geraubten Kunstwerke konnte zur├╝ckverfolgt werden. Im Dezember 1998 wurden in Washington die "Grunds├Ątze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden" beschlossen. 44 Staaten unterschrieben diese Washingtoner Grunds├Ątze. Und dennoch m├╝ssen sich Eigent├╝merInnen immer wieder mit den altbekannten antisemitischen Stereotypen auseinandersetzen. Ihnen wird Habgier und der Wunsch, sich zu bereichern, vorgeworfen, wenn sie ihr Eigentum zur├╝ckfordern ÔÇô besonders perfide, wenn man bedenkt, dass Raffgier das Motiv der Nazis f├╝r den Kunstraub war.

AVIVA-Tipp: Die Autorinnen zeichnen die Geschichte jeder einzelnen Sammlung genauestens nach und untersuchen dabei die Rolle aller Beteiligten: Auktionsh├Ąuser, KunstsammlerInnen, Medien, Landesregierungen und Museen.
Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion ├╝ber die Restitution geraubter Kunstwerke. Denn dass es hier nicht (nur) um materielle Werte geht, sondern um - wenn auch sp├Ąte - Gerechtigkeit, ist vielen nicht bewusst. Wenn ein Kulturstaatsminister Rechtsmittel einlegt gegen die R├╝ckgabe eines Plakates aus der Sammlung Hans Sachs, zeigt sich, dass es mit dem Rechtsbewusstsein nicht weit her ist.

Das Buch stellt die Biografien vor von:

  • Lilly und Claude Cassirer, Berlin
  • Paul Westheim, Berlin
  • Alfred, Tekla und Hans Hess, Erfurt
  • Leo Bendel, Berlin
  • Eleonora und Francesco von Mendelssohn, Berlin
  • Walter Westfeld, D├╝sseldorf
  • Sophie Lissitzky-K├╝ppers, Hannover/M├╝nchen
  • Max Silberberg, Breslau
  • Max Steinthal, Berlin
  • Oscar Huldschinsky und Ann Sommer, Berlin
  • Adele und Ferdinand Bloch-Bauer, Wien
  • Karl Gr├╝nwald, Wien
  • Alma Mahler-Werfel, Wien
  • Alphonse Mayer und Louis Nathaniel de Rothschild, Wien
  • Jacques Goudstikker, Amsterdam

    Die Autorinnen

    Melissa M├╝ller, geb. 1967 in Wien, begann bereits w├Ąhrend des Studiums der Germanistik und BWL in Wien, f├╝r verschiedene Magazine und Tageszeitungen zu schreiben. Zahlreiche, international erfolgreiche Ver├Âffentlichungen, u.a. "Das M├Ądchen Anne Frank. Die Biographie", "Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekret├Ąrin erz├Ąhlt ihr Leben" sowie Dokumentationen, u.a. "Hitler und der Adel" (ARD/ORF).
    Monika Tatzkow, geb. 1954 bei Berlin, studierte Geschichte in Berlin und promovierte 1986 an der Akademie der Wissenschaften. 1992 gr├╝ndete sie den Wissenschaftlichen Dokumentationsdienst f├╝r Offene Verm├Âgensfragen in Berlin "Dr. Tatzkow und Partner", seit 1998 mit Schwerpunkt NS-Raubkunst. Sie publizierte u.a. "Nazi Looted Art. Handbuch Kunstrestitution weltweit" (in Zusammenarbeit mit Gunnar Schnabel, 2007).

    Unter Mitarbeit von
    Thomas Blubacher
    , geb. 1967 in Basel, studierte u.a. Theaterwissenschaft. Promotion 1997. Er arbeitet als Theaterregisseur und Autor. 2002 war er Writer-in-Residence in der Villa Aurora in Pacific Palisades (USA). Er verfasste Biografien ├╝ber Gustaf Gr├╝ndgens und die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn ("Gibt es etwas Sch├Âneres als Sehnsucht?", 2008).
    Gunnar Schnabel, geb. 1962, studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg und Berlin, seit 1991 Rechtsanwalt in Berlin, Schwerpunkt offene Verm├Âgensfragen, zahlreiche Publikationen zum Verm├Âgens- und Grundst├╝cksrecht, seit 1998 Schwerpunkt Kunstrestitution weltweit, Rechtsvertretung f├╝r Alteigent├╝mer und aktuelle BesitzerInnen.

    Melissa M├╝ller/Monika Tatzkow
    Verlorene Bilder, verlorene Leben

    J├╝dische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde
    Unter Mitarbeit von Thomas Blubacher
    Mit einem Nachwort von Gunnar Schnabel
    Gebunden mit Schutzumschlag
    21 x 27,5 cm, 256 Seiten, 180 Abbildungen
    34,- Euro
    ISBN 978-3-938045-30-5
    Elisabeth Sandmann Verlag, erschienen 2009www.elisabeth-sandmann.de

    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    "Stealing Klimt". Der Film dokumentiert den juristischen Kampf Maria Altmans um f├╝nf Gem├Ąlde von Gustav Klimt, die ihrer Familie von den Nazis geraubt wurden.

    Lesen Sie auch das AVIVA-Interview mit der Regisseurin von "Stealing Klimt", Jane Chablani.

    Lesen Sie auch den Beitrag zur Ausstellung "Verfolgt - Verfemt - Entartet" im Willy-Brandt-Haus auf AVIVA. Gezeigt wurden 130 Werke von K├╝nstlerInnen, die w├Ąhrend des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Lesen Sie auch die Rezension zu "Eine Debatte ohne Ende - Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum" herausgegeben von Julius H. Shoeps und Anna-Dorothea Ludewig, "Fiskalische Auspl├╝nderung der Juden in Berlin 1933 bis 1945" , Die Wertheims, Ich besa├č einen Garten in Sch├Âneiche bei Berlin von Jani Pietsch

    Verstrickung Berliner Universit├Ąten im Nationalsozialismus
    "Bilder eines Vaters" von Christiane Kohl

  • Buecher Beitrag vom 19.03.2009 AVIVA-Redaktion 





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