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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 01.08.2013

Rutu Modan - Das Erbe
Madeleine Jeschke

Nach "Blutspuren" erscheint nun die zweite Graphic Novel der israelischen Comiczeichnerin und Illustratorin. Teilweise durch ihre eigene Biographie inspiriert, erz├Ąhlt Modan die Geschichte einerÔÇŽ



... gemeinsamen Woche von Gro├čmutter und Enkelin in Polen. Die urspr├╝ngliche Bestimmung dieser Unternehmung nimmt, mit dem Aufkommen von lange Verdr├Ąngtem, eine Wendung und wird f├╝r beide Frauen zu einer bedeutenden und emotionalen Erfahrung.

Reise in die Vergangenheit

Nach dem Tod ihres Vaters begleitet die junge Israelin Mica ihre Gro├čmutter Regina nach Warschau, um ihr dabei zu helfen eine Hinterlassenschaft entgegen zu nehmen, die ihre Familie in den 1940 Jahren gezwungen war aufzugeben. Regina war als junge Frau vor den Nazis nach Israel geflohen und hat ihre ehemalige Heimat seither nicht mehr betreten.

Kurz nach der Ankunft im Hotel wird Regina von einem Geheimnis aus ihrer Vergangenheit einholt, als sie aus Neugier einen Blick in das lokale Telefonbuch wirft und eine erschreckende Entdeckung macht. Doch anstatt diese mit ihrer Enkelin zu teilen, beginnt Regina einen Streit und will nichts mehr von dem urspr├╝nglichen Grund der Reise wissen.
Irritiert ├╝ber das Verhalten ihrer Gro├čmutter unternimmt Mica eigene Nachforschungen zu dem genauen Inhalt des Erbes. Auf Schritt und Tritt begleitet wird sie dabei von dem undurchsichtigen und penetranten Avram, ein Freund der Familie, den sie im Flugzeug getroffen haben.

"Der Familie muss man nicht die ganze Wahrheit sagen und das ist noch lange keine L├╝ge"

Dieses Zitat im Epigraph zu "Das Erbe" stammt von Michaela Modan (Rutu Modans Mutter) und ist programmatisch f├╝r diese Geschichte. Alle ProtagonistInnen haben Geheimnisse voreinander. Jede/r scheint eigene Ziele zu verfolgen und keine/r dem anderen zu wirklich zu vertrauen.
Begleitet von Irrt├╝mern und falschen Vermutungen wird das R├Ątsel um Reginas Geheimnis bis zum gro├čen Finale fortgef├╝hrt. Dazu versammeln sich die Hauptcharaktere, zu Zaduszki (Allerseelen), auf einem Warschauer Friedhof, einem Ort, an dem Vergangenheit und Gegenwart aufeinander treffen.

Es geht jedoch nicht allein um Reginas Konfrontation mit ihrer Vergangenheit. Auch Mica erf├Ąhrt viel ├╝ber sich selbst innerhalb dieser einen Woche in Warschau. Sie l├Âst nicht nur das R├Ątsel um ihre Familie, sie verliebt sich auch in den Polen Tomasz, einen Comiczeichner, der seinen Job als Tour Guide durch das J├╝dische Warschau als Quelle f├╝r seine Illustrationen nutzt.

Rutu Modan ist bekannt daf├╝r, in ihren Arbeiten komplexe gesellschaftliche Themen im Rahmen von zwischenmenschlichen Beziehungen und Familiengeschichten zu verarbeiten. Hier n├Ąhert sie sich dem Konflikt zwischen der ersten und dritten Generation Holocaust├╝berlebender ├╝ber die Beziehung einer Gro├čmutter zu ihrer Enkelin. Letztere versucht L├╝cken in ihrer Identit├Ąt zu schlie├čen, die durch das bewusste Verschweigen der Gro├čmutter von wichtigen Ereignissen aus ihrer Vergangenheit entstanden sind. Die K├╝nstlerin nimmt auch Bezug auf das J├╝disch/Israelisch-Polnische Verh├Ąltnis nach der Shoa, indem sie Charaktere beider "Seiten" miteinander agieren l├Ąsst. Modan verzichtet jedoch auf traumatische R├╝ckblenden oder Darstellungen polnischen Antisemitismus┬┤. Wenn sie sich auf den Holocaust bezieht, dann in satirisch-humoristischer Weise. So l├Ąsst sie einen israelischen Lehrer zynisch bemerken: "Madjanek steckt Ausschwitz in die Tasche. Ist viel grausiger." An anderer Stelle ger├Ąt Mica inmitten eines historischen Rollenspiels zum Gedenken an den Aufstand des Warschauer Ghettos und wird versehentlich von einem ├╝bereifrigen, als SS-Soldat verkleideten Schauspieler festgenommen.

Comic, Roman und Film - eine Verschmelzung

Dies sind die Elemente, die Rutu Modans "Das Erbe" ausmachen.
Ihren cineastischen Stil, der schon in "Blutspuren" abzeichnete, f├╝hrt sie fort und hat dieses Mal au├čerdem mit SchauspielerInnen zusammengearbeitet, wodurch ihre Figuren noch realistischer wirken. In einem Interview mit der National Post erz├Ąhlt die K├╝nstlerin: I decided to make the book almost like a low-budget film. I hired professional actors and directed them according to a storyboard. I even used wardrobe and props. What I tried to achieve is that the characters will feel very much alive, like they were real people".

Graphisch erinnert Modan an die Technik der ligne claire von Herg├ęs "Tim und Struppi". Ihr reduzierter Stil betont durch seine klaren Linien und leuchtenden Farben insbesondere die Mimik und Gestik der ProtagonistInnen und l├Ąsst so selbst subtile emotionale Schattierungen sichtbar werden.

Die Erz├Ąhlweise der Comicautorin ist novellistisch und schafft es, durch Auslassungen die Spannung durchgehend aufrechtzuerhalten. Durch die Liebesgeschichte sowie durch die vielen humorvollen Szenen kreiert Modan eine fesselnde Balance zwischen Kom├Âdie und Drama.

AVIVA-Tipp: Der Comicautorin und Illustratorin gelingt es, schwer fassbare, vielschichtige Themen um Identit├Ąt, Generationskonflikte und den Umgang mit traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit, in einer nicht weniger komplexen, daf├╝r aber greifbareren Familiengeschichte den Lesenden in leichter, oft am├╝santer Form zug├Ąnglich zu machen.

Zur K├╝nstlerin: Rutu Modan wurde 1966 in Tel Aviv geboren, wo sie lebt und als Comicautorin und Illustratorin arbeitet. 1992 schloss sie die Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem ab, war Mitherausgeberin der israelischen Ausgabe des "MAD-Magazine". 1995 gr├╝ndete sie zusammen mit Mira Friedmann, Batia Kolton, Yimri Pinkus und Itzik Rennert "Actus Tragicus", ein israelisches K├╝nstlerInnenkollektiv und Verlagshaus f├╝r alternative ComicautorInnen, mit dem Modan als Comiczeichnerin internationale Bekanntheit erlangte. Seit 2005 geh├Ârt sie zu den von der Israel Cultural Excellence Foundation (IcExcellence) ausgezeichneten "hervorragenden K├╝nstlern Israels". 2008 wurde ihre Graphic Novel "Blutspuren" auf Deutsch in der Edition Moderne ver├Âffentlicht. Die franz├Âsische Ausgabe bekam im Fr├╝hling 2008 beim renommierten internationalen Comic-Festival in Angoul├¬me den "Prix France Info". Rutu Modan ist in Israel und im Ausland auch als Illustratorin und Texterin f├╝r Magazine und B├╝cher t├Ątig, inklusive der "New York Times", "New Yorker" und "Le Monde". 2012 ver├Âffentlichte sie mit "Maya Made a Mess" ihr erstes eigenes Kinderbuch, zuvor arbeitete bereits erfolgreich als Illustratorin f├╝r KinderbuchautorInnen.

Das Erbe
Rutu Modan

Originaltitel der englischen Ausgabe: The Property
Originaltitel der hebr├Ąischen Ausgabe: Ha Neches
├ťbersetzung aus dem Hebr├Ąischen Gundula Schiffer
Carlsen Verlag, erschienen 30. Juli 2013
Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-551-78576-3
Preis: 24,90 Euro
www.carlsen.de

Diesen Titel k├Ânnen Sie online bestellen bei FEMBooks

Mehr zu Rutu Modan unter:

www.heflinreps.com


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Blutspuren - Rutu Modan

Cargo Comicreportage Israel - Deutschland

CARGO - Comicreportagen aus Deutschland-Israel

Interview mit Aisha Franz

Merav Salomon - Frostbeulen

(Quellen: Verlagsinformationen, National Post Interview: A Q&A with Rutu Modan, author of The Property)

Buecher > Graphic Novels Beitrag vom 01.08.2013 AVIVA-Redaktion 





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