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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.12.2011

Sandra Danicke - Rauchende Frauen brandgefährlich. Verlosung
Lisa Scheibner

Die Zigarette zwischen weiblichen Lippen: verrucht, gewagt, unschlagbar l√§ssig. Rauchen ist f√ľr Frauen schon seit mehr als einem Jahrhundert ein Symbol, mit dem sie ihre Unabh√§ngigkeit...



... im Leben und Denken öffentlich demonstrieren.

Die Kunsthistorikerin Sandra Danicke ist seit ihrer Kindheit fasziniert von rauchenden Frauen und setzt mit ihrer Ver√∂ffentlichung "Rauchende Frauen brandgef√§hrlich" den vielen M√∂glichkeiten zur Selbstinszenierung, die die Zigarette bietet, ein Denkmal. Sie wecke allerlei Fantasien und stelle eine "laszive Verschr√§nkung von Sinnlichkeit und Verg√§nglichkeit, von Verf√ľhrung und Abgrund" dar. F√ľr ihren Bildband hat die Autorin 26 Portraits rauchender Frauen aus unterschiedlichen Zeitepochen zusammengestellt, darunter Gem√§lde und Fotografien.

Schon 1862 malte √Čdouard Manet eine Romni mit Zigarette, die aktuellste Raucherin ist eine junge, reiche Russin mit Nerz, Zigarre und gleich zwei Martini-Cocktails vor sich auf dem Tisch, die Martin Parr 2007 fotografierte.

Es war lange vor allem der m√§nnliche Blick ist, der nicht von der Rauchenden lassen konnte: unter den im Buch vertretenen K√ľnstlerInnen befinden sich nur sechs Frauen.
Die Arbeiten werden von kurzen Texten begleitet, in denen Danicke Hintergr√ľnde des jeweiligen Werks und Informationen √ľber die K√ľnstlerInnen zusammenfasst. So erf√§hrt die Leserin etwa, dass rauchende Frauen stark mit sexueller Symbolik verbunden wurden: Vor allem in den Malereien des 19ten und fr√ľhen 20sten Jahrhunderts gibt es viele Motive, in denen die Frauen sich auf dem Kanapee r√§keln und/oder gar v√∂llig nackt sind, wie etwa bei F√©lix Vallottons r√§tselhaftem Paar "La Blanche et la Noire" aus dem Jahre 1913.
Die Zigarette zwischen den Lippen der Frau als Andeutung f√ľr Geschlechtsverkehr ist selbst noch 1979 bei Tom Wesselmanns "Smoker #9" pr√§sent, der sich seine Motive in Werbung und Pornografie zu suchen pflegte.

Die Raucherin als großstädtische Intellektuelle

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wird die Zigarette vor allem ein Symbol f√ľr die Unabh√§ngigkeit der Frau. Christian Schad malte 1928 die Sekret√§rin "Sonja", die wie eine echte Boh√®mienne wirkt in ihrer ernsthaften, modernen Eleganz, und ihre Camel mit Zigarettenspitze im romanischen Caf√© in Berlin genie√üt.
Auch in Otto Dix` "Bildnis der Journalistin Silvia von Harden" von 1926 ist eine Frau im Caf√© zu sehen. Der √úberlieferung nach zierte sich die Journalistin und Lyrikerin zun√§chst: "Sie wollen meine glanzlosen Augen, meine verschn√∂rkelten Ohren, (...) meinen d√ľnnen Mund - Sie wollen meine langen H√§nde, die kurzen Beine, die gro√üen F√ľ√üe malen?" Genau das wollte Dix. Denn noch heute erkennt mensch in dem Portrait sogleich eine Intellektuelle: das Monokel, die Hand mit Zigarette, die sie zum Gestikulieren beim Reden benutzt, der Drink, der herabgerutschte Strumpf, das Karo-Kleid, das unpr√§tenti√∂s, aber dennoch wie ein Statement wirkt - alles an dieser Frau ist besonders. Sie scheint ganz klar zu wissen, was sie denkt und schreiben will, sie wird diejenige sein, die im Gespr√§ch die F√ľhrung √ľbernimmt.

Ganz anders bei Edward Hoppers "A Woman in the Sun" von 1961. Die erschöpft aussehende Frau wärmt ihren blassen, nackten Körper im einfallenden Sonnenlicht. Die Zigarette mag eine Art erster Nahrung sein, mit der sie sich einsam auf den Tag vorbereitet.

Kippen und Kunst

Bei den zeitgen√∂ssischen K√ľnstlerinnen wird dem Rauchen laut Danicke wieder eine neue, rebellische Funktion zuteil. Die Medienk√ľnstlerin VALIE EXPORT benannte sich sogar nach der Zigarettenmarke, die sie rauchte, was sie in dem Bild "Smart Export Transfer Identity" von 1970 nachtr√§glich festh√§lt.
Auch Sarah Lucas inszeniert sich selbst. In "Self Portrait: Smoking" von 1998 ist sie kopf√ľber zu sehen, auf dem R√ľcken liegend, mit leerem Blick, scheinbar kontemplativ Zigarettenrauch aussto√üend. Die Betrachterin wohnt einem intimen Moment bei, in dem Lucas cool und unabh√§ngig √ľber ihre eigenen Visionen nachzudenken scheint. Ihre Beziehung zur Zigarette geht aber noch weiter: nach eigener Aussage hat sie den Drang, Hunderte von Zigaretten auf ihre Skulpturen zu kleben, was sie "als eine Form der Masturbation" beschreibt, weil es sie derma√üen befriedigt, wie wir im Begleittext erfahren.

In Hanna & Klara Lidéns fotografischer Inszenierung "Untitled (Sisters)" (2006) ist das Qualmen hingegen eher beiläufig. Dennoch, mit Gummistiefeln, Hammer und Schaufel vor einem Bagger macht es sich gut.
Auf anderen Bildern wird die Zigarette zum bedeutungsvollen Accessoire: Bei Frida Kahlos "Ich und meine Papageien" (1941) ist sie ein merkw√ľrdiges Detail, das die K√ľnstlerin trotz traditioneller Frisur und Kleidung als modern kennzeichnet, und in Wilhelm Sasnals ikonischem Gem√§lde von Peaches, "Girl Smoking (Peaches)" (2001), ist es vor allem die Fluppe im Mundwinkel, die die Musikerin erst erkennbar macht.

Es sind auch einige fotografische Portraits ber√ľhmter Raucherinnen vertreten, wie Henri Cartier-Bressons Aufnahme Coco Chanels als √§ltere Dame (1964) und Gis√®le Freunds Fotografie von Virginia Woolf (1939).

"Rauchende Frauen brandgef√§hrlich" ist keine ausf√ľhrliche Kulturgeschichte des weiblichen Rauchens. Es ist eine inspirierende, kleine Sammlung von au√üergew√∂hnlichen Darstellungen, abgerundet mit kompakten Informationen und Danickes eigenen Betrachtungen. Letztere sind allerdings nicht immer √ľberzeugend, etwa wenn sie rauchenden Filmschauspielerinnen besondere Intelligenz nachsagt oder √ľber das Sexualleben der portraitierten Frauen recht simpel spekuliert.

Dennoch macht es Spa√ü, Frauenbilder anhand einer so oft polarisierten T√§tigkeit wie dem Rauchen zu untersuchen. Diese Galerie lenkt den Blick auf ein wichtiges Detail, das mehr bedeuten kann, als mensch zun√§chst glauben mag: es erz√§hlt viel √ľber Zeit, Ort und Rollenbilder innerhalb derer die jeweilige Dame sich den Glimmst√§ngel g√∂nnt.

AVIVA-Tipp: In Gesellschaft und Einsamkeit, zur Selbstdarstellung oder Kontemplation, die Zigarette macht auf viele Arten s√ľchtig. Sie verleiht Glamour, macht gef√§hrlich, hilft beim Denken oder l√§sst eine einfach gut aussehen. Und es sind besonders die Raucherinnen, die K√ľnstlerInnen schon lange inspiriert haben. Rauchende Frauen brandgef√§hrlich bietet eine anregende Auswahl von Werken, kombiniert mit kurzen Beschreibungen und ist eine ideale Begleitlekt√ľre f√ľr die eine oder andere Zigarettenpause...

Zur Autorin: Sandra Danicke, 1968 geboren, studierte Kunstgeschichte, machte eine Ausbildung zur Redakteurin und arbeitet f√ľr zahlreiche Kunst- und Kulturmagazine und Tageszeitungen als (Chef-)redakteurin oder freie Autorin, unter anderem bei art, DIE ZEIT, der S√ľddeutschen Zeitung und der Frankfurter Rundschau. Im Belser Verlag erschien zuletzt ihr Buch "Kunst interessiert keine Sau". Danicke hat das Rauchen inzwischen aufgegeben, nach eigener Aussage sei sie dazu wohl nicht "tough genug".


AVIVA-Berlin verlost 3 B√ľcher. Bitte senden Sie uns den Namen der Rezensentin unserer Rezension von "Die Zigarette. Leben mit einer verf√ľhrerischen Geliebten" von Cristina Peri Rossi bis zum 31.01.2012 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Sandra Danicke
Rauchende Frauen. brandgefährlich

Belser Verlag, erschienen 2011
Fester Einband, 64 Seiten mit 28 Abbildungen
ISBN 978-3-7630-2600-5
14,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die Zigarette. Leben mit einer verf√ľhrerischen Geliebten" von Cristina Peri Rossi

"Thank You For Smoking", Film (2006)

Das Frauen-Nichtraucher-Buch" von Shirley Seul

Gewinnspiele Beitrag vom 14.12.2011 AVIVA-Redaktion 





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