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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.04.2016

Sarah Moss - Wo Licht ist. Verlosung
Helga Egetenmeier

Als die Suffragetten in England den Kampf um Gleichberechtigung aufnahmen, hatten mutige Frauen den Weg f├╝r Ver├Ąnderungen bereits vorbereitet. Um den Beginn der Frauenbewegung im viktorianischen...AVIVA verlost 3 B├╝cher



...Zeitalter kreiert Sarah Moss ihre Coming-of-age-Geschichte der sp├Ąteren Dr. Ally Moberley, die von ihrer sich in Frauenh├Ąusern engagierenden Mutter als eine der ersten Frauen bis zum Studium der Medizin gef├╝hrt wird.

Im Manchester der 1860er Jahre beginnend, verbindet die Autorin die Familien- und Lebensgeschichte der jungen Ally Moberley mit unterschiedlichen viktorianischen Milieus. Dabei gehen schon bei den Eltern, die im B├╝rgertum angesiedelt sind, die Wege auseinander. Der Vater, Alfred, gezeichnet als liebevoller, freiheitlich denkender Maler, ist der emotionale Gegenpart zu Mutter Elizabeth, die eine strenge christlich-evangelikale Sozialisation erfuhr und diese puritanische Erziehung an ihre beiden T├Âchter weitergibt.

"┬┤Es ist Zeit, dass ihr zur Schule geht┬┤, sagt Mama. ┬┤Dort wird euch beigebracht, was ihr lernen m├╝sst, um als Frauen unabh├Ąngig und von Nutzen zu sein.┬┤" Mit diesen Worten verlangt die Mutter von Ally und May in die neugegr├╝ndete Schule f├╝r M├Ądchen zu gehen. Mit Weitsicht reagieren die Eltern dabei auf den historischen Umbruch durch die fortschreitende Industrialisierung und die sich f├╝r Frauen ├Âffnenden Bildungs- und Berufsm├Âglichkeiten. Gleichzeitig haben sie als f├╝rsorgende Eltern aber auch - au├čer einer guten Verheiratung - keine Alternative f├╝r ihre T├Âchter, da sie ihnen als Angeh├Ârige des weniger wohlhabenden B├╝rgertums keine unbeschwerte Zukunft vererben k├Ânnten.

Durch die Wohlfahrtst├Ątigkeit der Mutter f├╝hrt Sarah Moss die drastischen Lebensbedingungen proletarischer Frauen w├Ąhrend der beginnenden Industrialisierung in England mit denen des B├╝rgertums zusammen. Die Mutter nimmt beide T├Âchtern bereits in jungen Jahren mit zu den Frauenh├Ąusern von Manchester. Sie erkl├Ąrt ihnen auch die Auswirkungen der in diese Zeit fallenden Gesetze ├╝ber die Zwangsuntersuchung von Prostituierten (1864 - 1869), die Contagious Diseases Acts, aus deren Gegnerinnen sich die Suffragetten entwickelten.

In diese turbulente Zeit, in deren Verlauf Ally zum Medizinstudium nach London geht, geh├Ârt historisch auch der UK Medical Act von 1876. Dieser "allowed all British medical authorities to license all qualified applicants whatever their gender". Dieser Gesetzes├Ąnderung vorangegangen war im Jahr 1874 die Gr├╝ndung der London School of Medicine for Women, die als erste medizinische Universit├Ąt Englands Frauen unterrichtete. Motiviert durch das neue Gesetz, erreichte diese Schule im Jahr 1877 ein ├ťbereinkommen mit dem Royal Free Hospital, das weiblichen Studentinnen erstmals erlaubte, in England ihr Medizinstudium offiziell abzuschlie├čen.

Sarah Moss verbindet ihre Motive zwischen Fiktion und historischen Entwicklungen, zwischen den ausgebeuteten Verliererinnen der sich entwickelnden Industrialisierung und der aus dem kritischen B├╝rgertum aufkommenden Frauenbewegung, leidenschaftlich und dennoch unaufdringlich. Inhaltlich n├Ąhert sie sich dabei der damals entstandenen Pauperismusliteratur, deren VertreterInnen, wie etwa Charlotte Bronte (1816 - 1855) und Elizabeth Gaskell (1810 - 1865), Verarmung und soziale Abh├Ąngigkeit thematisierten.

Wie bereits in ihren vorherigen Romanen, entfaltet die Autorin eine intensive weibliche Gef├╝hlswelt, die durch ihre Beschreibung der Verf├╝gungsgewalt der Mutter gegen├╝ber der Tochter, wie auch der Aussichtslosigkeit weiblicher Lebensentw├╝rfe, durchaus Gruselcharakter hat. Jedoch l├Ąsst sie auch Lichtblicke zu, denn trotz aller Zw├Ąnge w├Ąchst ihre Protagonistin zu einer kraftvollen jungen Frau heran.

Mit "Ja. Sie ist gl├╝cklich; sie freut sich auf morgen." entl├Ąsst die Autorin ihre Protagonistin in eine scheinbar freundlichere und freiere Zukunft. Wie ihr Leben weitergeht, wird die Fortsetzung der Lebensgeschichte von Dr. Alethea Moberley Cavendish zeigen, die bereits 2015 sehr erfolgreich in Gro├čbritannien unter dem Titel "Signs for Lost Children" erschienen ist.

Zum Schluss bleibt die Frage, wieso dieser Titel? F├╝r ihren Roman "Schlaflos", f├╝hrt der permanente Gef├╝hlszustand einer Mutter mit zwei kleinen Kindern zum Titel und in "Sommerhelle N├Ąchte" reflektiert die Autorin ihre Zeit auf Island. Bei "Wo Licht ist" hilft nur ein Blick auf den Originaltitel "Bodies of Light", der an Judith Butlers "Bodies that Matter" ("K├Ârper von Gewicht") erinnert. Der K├Ârper als gesellschaftlich definierter Tr├Ąger von Weiblichkeit ist f├╝r Ally der Ort von Bestrafungen wie etwa Disziplinierungen und dient als Begr├╝ndung f├╝r die Benachteiligung von Frauen. Als angehende ├ärztin verhilft ihr das Wissen um die weibliche Anatomie zu mehr pers├Ânlicher Freiheit, so wie diese Kenntnisse der Frauenbewegung halfen - und immer noch helfen m├╝ssen - sich gegen absurde Argumente der Unterdr├╝ckung zu wehren.

AVIVA-Tipp: Auch wenn sie strenge Charaktere und aufw├╝hlende Lebensbedingungen zeichnet, bleibt Sarah Moss eine liebevolle und leidenschaftliche Mutter ihrer Figuren. Den Blick auf die sich in Bewegung befindlichen Geschlechterverh├Ąltnisse verkn├╝pft sie mit der Dramaturgie einer klassisch erz├Ąhlten und abwechslungsreich voranschreitenden Geschichte. Und trotz aller Aufbruchsstimmung, auf die der Inhalt langsam zusteuert, ist Sarah Moss damit ihr bisher d├╝sterster Roman gelungen, der zeigt, welch gro├če literarischen F├Ąhigkeiten in ihr stecken.

Zur Autorin: Sarah Moss, 1975 in Glasgow geboren und in Manchester aufgewachsen, studierte und promovierte in Oxford und arbeitet als Associate Professor f├╝r Creative Writing an der Universit├Ąt von Warwick. Sie schreibt neben der Lehrt├Ątigkeit Romane und Sachb├╝cher und lebt mit ihrer Familie. Den ├ťbergang von der Wissenschaftlerin zur Mutter verarbeitete sie in "Schlaflos", ├╝ber ihren Aufenthalt in Island an der Universit├Ąt Reykjavik schrieb sie "Sommerhelle N├Ąchte". Mit "Bodies of Light" kam sie auf die Shortlist 2015 des Wellcome Book Prize. Ihr Nachfolgebuch "Signs for Lost Children" ist 2015 bereits in Gro├čbritannien erschienen und kam auch in die engere Wahl f├╝r den Wellcome Book Prize 2016.
Mehr Infos unter: www.sarahmoss.org

Zur ├ťbersetzerin: Nicole Seifert, geboren 1972, studierte nach einer Ausbildung im S. Fischer Verlag Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und Amerikanistik in Berlin. Seit ihrer Promotion lebt sie als freie Lektorin und ├ťbersetzerin in Hamburg.

Sarah Moss
Wo Licht ist

Originaltitel: Bodies of Light
├ťbersetzerin: Nicole Seifert
Mare, erschienen September 2015
Gebunden mit Schutzumschlag und Leseb├Ąndchen, 336 Seiten
ISBN-13: 978-3-86648-233-3
22,-- Euro
www.mare.de

Weitere Infos unter:
Interview mit Sarah Moss ├╝ber Schreiben, Muttersein, Feminismus und zu "Bodies of Light" auf Granta Books


AVIVA-Berlin verlost 3 B├╝cher. Bitte senden Sie uns den AVIVA-Tipp aus unserer Rezension zu Sarah Moss - Schlaflos mit Angabe Ihrer Postadresse bis zum 10.07.2016 per Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Sarah Moss - Schlaflos. Mit dieser Ich-Erz├Ąhlerin f├╝hrt die Autorin Sarah Moss, wie ihre Protagonistin selbst Wissenschaftlerin, die LeserInnen in eine st├╝rmische Geschichte um Kindererziehung und Geschlechterverh├Ąltnisse w├Ąhrend eines Sommers auf einer rauen schottischen Insel." (2013)

"Die Suffragetten". Herausgegeben von Antonia Meiners. Vor fast 100 Jahren haben sich die Suffragetten, wie sie despektierlich genannt wurden, aufgelehnt gegen unw├╝rdige Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen. Sie forderten f├╝r alle Frauen das uneingeschr├Ąnkte Wahlrecht, sie wurden daf├╝r verspottet, gedem├╝tigt und verhaftet. Diese Frauen hatten Mut, Kampfgeist und eine klare Vorstellung von nicht verhandelbaren Werten. Das macht ihr Handeln so aktuell. (2016)


"Suffragette. Taten statt Worte." In ihrer Radikalisierung riskierten sie, alles zu verlieren ÔÇô ihre Arbeit, ihr Heim, ihre Kinder und ihr Leben. Maud war eine dieser mutigen Frauen. Der Film um die "Women┬┤s Social and Political Union" erz├Ąhlt die Geschichte des Kampfes um W├╝rde und Selbstbestimmung. (2016)

Sophie Rois liest Jane Eyre Die Diva der Volksb├╝hne gibt Charlotte Bront├ź eine moderne Stimme und ist damit ein Gl├╝cksfall f├╝r den eindr├╝cklichen Roman der au├čerordentlich begabten Pastorentochter. (2006)




Gewinnspiele Beitrag vom 13.04.2016 Helga Egetenmeier 





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