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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.06.2013

Meist bekomme ich, was ich will - Ein Interview mit Bernadette Lafont
Sabine Reichelt

Die SchauspielgrĂ¶ĂŸe der Nouvelle Vague ist 2013 in der Titelrolle des Films "Paulette" zu sehen. Ein GesprĂ€ch ĂŒber gesellschaftskritische Filme, die Arbeit mit Claude Chabrol und François ...



... Truffaut und den GlĂŒcksfall, jetzt wieder eine Hauptrolle zu spielen.

Das Institut Français wird an diesem Dienstag im Juni, der einem verregneten Wochenende folgt, von Sonne beschienen. Tourist_innen essen Himbeereis aus beigen Waffeln, GeschĂ€ftsfrauen und -mĂ€nner hetzen zielstrebig den KurfĂŒrstendamm auf und ab. Vor der "Salle Boris Vian" im vierten Stock hat sich eine Traube Journalist_innen gesammelt. Uns Wartenden werden Wasser und Petits Fours auf einer Etagere angeboten. Wir haben kleine Terminfenster zugewiesen bekommen, in denen wir unsere Fragen stellen können. Denn die Interviewpartnerin, Bernadette Lafont, ist berĂŒhmt, beliebt und begehrt.
1938 in NĂźmes geboren macht sie nach einer klassischen Tanzausbildung ihre ersten Kinoerfahrungen in Filmen der Nouvelle Vague. Unter damals ganz jungen Regisseuren wie François Truffaut und Claude Chabrol spielt sie Hauptrollen und wird zur festen GrĂ¶ĂŸe des französischen Kinos. In Truffauts erstem Werk ĂŒberhaupt, dem Kurzfilm "Les mistons" ("Die UnverschĂ€mten") von 1957, ist sie die radfahrende Bernadette, der eifersĂŒchtige Jungen in einer Hassliebe verfallen sind. In Chabrols "Les bonnes femmes" ("Die Unbefriedigten") von 1960 spielt sie Jane, eine von vier VerkĂ€uferinnen, die von einem besseren Leben mit Mann trĂ€umen und dann von der Wirklichkeit enttĂ€uscht werden.
Mit Nelly Kaplan dreht sie 1969 "La fiancĂ©e du pirate" als Marie, die die Bewohner_innen eines Dorfes mit deren kleinbĂŒrgerlichen Heuchelei konfrontiert. Es folgen weitere Haupt- und Nebenrollen im Film und seit Ende der 1970er Jahre auch im Theater. FĂŒr ihre Rolle in Claude Millers "LÂŽEffrontĂ©e" mit Charlotte Gainsbourg erhĂ€lt sie 1986 den CĂ©sar als beste weibliche Nebendarstellerin. 2003 wird Bernadette Lafont mit dem Ehren-CĂ©sar fĂŒr ihr Lebenswerk ausgezeichnet.
Nun spielt sie Paulette im gleichnamigen Film von JĂ©rĂŽme Enrico – eine 80-jĂ€hrige Frau, die verarmt in der französischen Banlieue lebt und aus Geldnot in den Haschisch-Handel einsteigt. Paulette ist unfreundlich, bösartig und rassistisch, wird mit steigenden Einnahmen allerdings zunehmend umgĂ€nglicher und toleranter.
Bernadette Lafont muss an jenem Dienstag so viele Interviews geben, dass alle Termine doppelt und dreifach belegt sind. Trotzdem ist sie freundlich und durchaus auch komisch. Mit mir fragt ein gestandener Journalist, der fĂŒr österreichische Tageszeitungen schreibt. Er hat Chabrol noch persönlich fĂŒr Interviews getroffen und formuliert seine Fragen kompetent-routiniert spontan auf Deutsch. Ich meine vorbereitet und ein wenig schĂŒchtern auf Französisch. Jörg Taszman dolmetscht exzellent und feinfĂŒhlig.

Wir bedauern sehr, dass Bernadette Lafont am 25. Juli 2013 verstorben ist. Unser Interview haben wir am 4. Juni 2013 in Berlin gefĂŒhrt.


AVIVA-Berlin: Rollen fĂŒr Ă€ltere Frauen sind im aktuellen FilmgeschĂ€ft nicht gerade dicht gesĂ€t. Gesetzt den Fall, Sie hĂ€tten die Rolle der Paulette nicht bekommen, wie hĂ€tten Sie reagiert? Und wie haben Sie tatsĂ€chlich reagiert, als Sie die Rolle bekommen haben?

Bernadette Lafont: Ich bin an einem Punkt, wo ich weiß, dass ich in meiner Karriere mit wirklich schönen Rollen verwöhnt wurde. Wichtig ist aber, dass zu einer schönen Rolle auch ein guter Film gehört, sonst ist das frustrierend. In diesem Fall war ich mir ziemlich sicher, dass ich die Rolle bekomme, denn meist bekomme ich, was ich will. Ich bin ja auch schon sehr lange in diesem Metier tĂ€tig. Angenommen, ich hĂ€tte den Part nicht erhalten, hĂ€tte ich mich mit einer schönen Theaterrolle getröstet oder mit einer schönen Lesung, denn beides bereitet mir auch viel Freude.

AVIVA-Berlin: "Paulette" kritisiert auf humorvolle Art und Weise ein reales Problem: Altersarmut. Wie wichtig ist es Ihnen, dass Ihre Filme auch gesellschaftskritisch sind?

Bernadette Lafont: Jean Eustache, mit dem ich "La maman et la putain" ("Die Mama und die Hure") gedreht habe, hat einmal gesagt, die politischsten Filme sind die, in denen Politik ĂŒberhaupt nicht erwĂ€hnt wird. Und der Eustache-Film, der die moralische Situation in Frankreich nach dem Mai 1968 zeigt, ist so etwas wie die "GefĂ€hrlichen Liebschaften" des 20. Jahrhunderts. Meiner Meinung nach gibt es ein paar gute Filme, wie zum Beispiel "Les bonnes femmes" von Claude Chabrol, wo das Soziale durchaus eine Rolle spielt, aber eine rein soziologische Arbeit sollte man den Soziolog_innen ĂŒberlassen. Denn ein Film hat immer auch den Charakter einer Fabel und ist in jedem Fall "larger than life". Was mich an einem Film wie "Paulette" interessiert, sind die Parallelen zur italienischen Komödie der 1960er und -70er Jahre, zu Filmen wie sie Ettore Scola oder Francesco Rosi gedreht haben, oder wie sie Ken Loach heute in Großbritannien dreht.

AVIVA-Berlin: Sie haben in sieben Filmen mit Claude Chabrol gearbeitet. Wie waren die Dreharbeiten mit einem so interessanten und amĂŒsanten Menschen?

Bernadette Lafont: Die ersten vier Filme haben wir praktisch gemeinsam gedreht. Angefangen bei "Le beau Serge" ("Die EnttĂ€uschten"), ĂŒber "À double tour" ("Schritte ohne Spur") und "Les bonnes femmes" bis hin zu "Les godelureaux" ("Speisekarte der Liebe"). SpĂ€ter dann auch noch "Violette NoziĂšre". Als ich ihn kennengelernt habe, war ich 18 und er 26. Wir waren alle noch sehr jung, aber er war schon damals brillant, witzig und freundlich, an allen interessiert. Und er hĂ€lt seinem Filmteam die Treue. Das gilt auch fĂŒr die Schauspieler_innen. Erst hat er mit mir gedreht, dann mit StĂ©phane Audran, die er geheiratet hat, spĂ€ter war es dann Isabelle Huppert. Und er war jemand, der unglaublich gern gelebt hat, ein Bonvivant. Wein und Essen waren ihm sehr wichtig. Wenn er einen Drehort auswĂ€hlte, war eine seiner ersten Fragen: Wo isst man in dieser Gegend am besten? Und das war dann das ausschlaggebende Kriterium. Besonders gut war es, wenn auch Jean Poiret dabei war, ein ebensolcher Gourmet. Das waren immer sehr angenehme Dreharbeiten.

AVIVA-Berlin: Ihr erster Mann, der Schauspieler GĂ©rard Blain, war dagegen, dass Sie Schauspielerin werden. François Truffaut hat ihn aber dennoch davon ĂŒberzeugen können, dass Sie eine Hauptrolle in seinem Film spielen. Wie ist ihm das gelungen?

Bernadette Lafont: Also ehrlich gesagt ist mir das selbst ein RĂ€tsel. Ich kann es mir bis heute nicht ganz erklĂ€ren. Ich war 16 Jahre alt, als ich GĂ©rard kennenlernte und kam nicht aus einem kĂŒnstlerischen Milieu. Mein Vater war Apotheker. Ich mochte das Kino sehr, aber als MĂ€dchen aus der Provinz hatte man nicht den Traum, Filmschauspielerin zu werden. Das war, als hĂ€tte ich gesagt, ich will auf den Mond fliegen. Ich habe klassisch getanzt und GĂ©rard wusste sehr wohl, dass ich nicht gut genug war, um damit eine Opernkarriere zu machen. Also hat er mich im Tanzen bestĂ€rkt. Aber wir kannten Truffaut, Chabrol, Éric Rohmer, AndrĂ© Bazin und die anderen von der Filmzeitschrift "Cahiers du CinĂ©ma" und sie beschlossen, ihre ersten Filme zu drehen. So bin ich irgendwie zum Kino gekommen. Wie das genau kam, weiß ich bis heute nicht. Nachdem ich allerdings in "Le beau Serge" mitgespielt hatte, hat mich GĂ©rard in den Zug gesetzt und wusste, dass er mich nicht wiedersehen wĂŒrde, weil mir Kino gefiel. Schon im ersten Kurzfilm von Truffaut, "Les mistons", habe ich mich vor der Kamera wohlgefĂŒhlt. Ich war also 19, meine Ehe vorbei und ich bin wieder bei meiner Mutter eingezogen.

AVIVA-Berlin: Neben Ihren Filmrollen spielen Sie auch, wie bereits erwĂ€hnt, Theaterrollen. In einem aktuellen Interview mit Paris Match haben Sie gesagt, dass das Theater fĂŒr Sie eine Offenbarung war. Inwiefern?

Bernadette Lafont: Ich hatte meine Karriere im Kino begonnen und habe bis 1978 ĂŒberhaupt kein Theater gespielt, weil ich so viel gedreht habe. Deshalb musste ich Theater beim Spielen erlernen. Im Kino ist es leichter, da gibt es keine Gesetze. Im Theater brauchst du aber sehr viel Spielpraxis und musst dir gewisse Techniken aneignen. Außerdem ist es ganz wichtig, das Lampenfieber zu ĂŒberwinden. Denn da ist die Angst vor dem Publikum, das dir gegenĂŒber sitzt. Lampenfieber ĂŒberwindet man aber nur dadurch, dass man sehr viel spielt.



AVIVA-Berlin: Was war fĂŒr Sie die grĂ¶ĂŸte Herausforderung beim Verkörpern der Paulette im Film von JĂ©rĂŽme Enrico?

Bernadette Lafont: Bei Paulette darf man nicht vergessen, dass sie eine Entwicklung durchmacht. Am Anfang ist sie ganz verarmt. Das sieht man beispielsweise auch an der Art, wie sie sich kleidet. Im Laufe des Filmes gelingt es ihr, ihre WĂŒrde wiederzuerlangen, indem sie Dinge tut, die illegal sind. Aber dadurch kann sie ihre Schulden bezahlen, sich schönere Kleidung kaufen, zum Friseur gehen, ihrem Enkel Geschenke machen. All das musste ich spielen, ohne den Charakter der Figur zu verlieren, was nicht einfach war. Aber dabei haben mir die Szenen geholfen, die fĂŒr Paulette geschrieben wurden, denn diese waren immer wahrhaftig. Man darf nicht versuchen, die Figur zu verbessern, sie netter zu machen oder klĂŒger. Auch wenn sie schreckliche und rassistische Dinge zu ihrem Schwarzen Enkel sagt. Ich durfte die Figur nicht verfĂ€lschen.

AVIVA-Berlin: Hat es Ihnen Spaß gemacht, im Film als Paulette bösartig und gemein zu sein?

Bernadette Lafont: Es hat mir Spaß gemacht, eine Figur zu spielen, die wenig mit mir selbst zu tun hat. Das ist eine grĂ¶ĂŸere Herausforderung. Die besten Bösewichte im Kino werden von sehr freundlichen und liebevollen Menschen gespielt. Denn wirklich böse Menschen erkennt man, die können sich nicht verstellen. Und als Schauspielerin muss ich die Partitur spielen, die mir gegeben wird. Sonst fange ich an, selbst Regie zu fĂŒhren und zu interpretieren. Und das ist nicht meine Aufgabe. Außerdem ist Paulette als Figur nicht besonders interessant. Sie ist weder besonders intelligent, noch besonders aufregend. Sie ist allerdings sehr clever und sie verfĂŒgt ĂŒber einen großen GeschĂ€ftssinn. Aber ehrlich gesagt ist sie keine, mit der ich mir viel zu sagen hĂ€tte. Ich wĂŒrde kein Glas mit ihr trinken gehen. Sie wiederum zu spielen, das war großartig!

AVIVA-Berlin: Weiterhin so herausfordernde Rollen und vielen Dank fĂŒr das Interview!

"Paulette" ist ab dem 18. Juli 2013 im Kino zu sehen.
Mehr Infos und der Trailer unter: www.paulette-film.de

Cliquez ici pour lire la version française

Weitere Informationen:

Bio- und Bibliographie auf www.allocine.fr

Interviews: Bernadette Lafont sprach mit

Paris Match (2013)

www.femina.ch (2013)

tvmag.lefigaro.fr (2013)

www.telerama.fr (2012)

Thierry Ardisson (2002)

Rezensionen zu Filmen mit Bernadette Lafont auf AVIVA-Berlin:

Familientreffen mit Hindernissen (2012)

Triff die Elisabeths (2009)

Wenn wir zusammen sind (2009)

Les Petites Couleurs (2004)

Copyright Foto von Bernadette Lafont: Sabine Reichelt

Interviews Beitrag vom 10.06.2013 Sabine Reichelt 





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