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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2022 - Beitrag vom 02.05.2022


Interview vom Porsche Tennis Grand Prix 2022 mit Iga Świątek
Sylvia Rochow

Die 20-Jährige ist die Spielerin der Stunde auf der WTA-Tour und führt seit Anfang April 2022 als erste Polin überhaupt die Tennis-Weltrangliste an. Ihr erster Turniersieg oberhalb der ITF-Kategorie…




... bescherte Iga Świątek gleich einen Grand Slam-Titel: Im Oktober 2020 triumphierte sie bei den French Open in Paris.

Mit den Turniersiegen in Adelaide und Rom etablierte sie sich 2021 endgültig in der absoluten Weltspitze. Bei den Australian Open erreichte Świątek im Januar 2022 das Halbfinale. Danach gewann die Warschauerin innerhalb weniger Wochen die drei WTA-Turniere der höchstens Kategorie in Doha, Indian Wells und Miami. Durch den Rücktritt der dreifachen Grand Slam-Siegerin Ashleigh Barty aus Australien übernahm die Rechtshänderin im Anschluss als erste polnische Tennisspielerin die Führung in der Weltrangliste.

Bevor sie in den Porsche Tennis Grand Prix vom 18. bis 24. April 2022 eingriff, gewährte die 20-Jährige auf einer Pressekonferenz auch AVIVA-Berlin umfassende Einblicke in ihre Erwartungen an die neue Rolle und ihre Ziele in der bevorstehenden Sandplatz-Saison.

Iga Świątek kam nicht nur als Grand-Slam-Siegerin und Weltranglisten-Erste zum Porsche Tennis Grand Prix, ihrer Premiere in Stuttgart eilte auch eine Erfolgsserie von 19 Einzelsiegen in Folge voraus. Eine besondere Erwartungshaltung oder gar eine Vorhersage, wie lange sie sich an der Spitze der Weltrangliste behaupten könne, mochte die Sportlerin daraus dennoch nicht ableiten: "Ich werde mich darauf konzentrieren, das weiterzuführen, was ich begonnen habe und sehen, ob ich in der Lage sein werde, diese Position im Ranking beizubehalten. Aber das ist nicht das, worauf ich meinen Fokus lege. Ich möchte mich in erster Linie auf meine Leistung konzentrieren," erklärte sie lächelnd. Auf ihren Run mit zuletzt vier Turnieren ohne Niederlage in Folge angesprochen betonte sie: "Für mich fühlt es sich nicht so an, als würde dadurch zusätzlicher Druck entstehen. Im Gegenteil: Mir gibt die Serie einen zusätzlichen Motivationsschub. Und wenn ich doch mal wieder ein Spiel verlieren sollte, wäre das auch nicht schlimm. Keine Serie dauert ewig. So ist der Sport. Ich kann mich nur immer wieder auf mein nächstes Match vorbereiten und versuchen, dieses zu gewinnen."

So sehr die Rechtshänderin die Erwartungshaltung sich selbst und ihr gegenüber auch drosseln möchte, spurlos ging der Rücktritt Ash Bartys selbstverständlich nicht an ihr vorbei. 40 Minuten habe sie geweint, nachdem sie davon erfuhr. Es sei eine Mischung aus der Überraschung, der Wertschätzung gegenüber der Australierin und der Möglichkeit, selbst die Nummer Eins zu werden, gewesen: "Auf jeden Fall war es ziemlich traurig für mich, weil ich Ash mag und sie meiner Meinung nach ein wirklich gutes Vorbild für alle gewesen ist. Mit ihrem Slice und ihrer Vielseitigkeit hat sie in meinen Augen das beste Tennis gespielt, das es gibt. Ihr Rücktritt hat mich von daher wirklich überrascht, aber inzwischen habe ich von Leuten, die sie ein bisschen besser kennen, gehört, dass es für sie keine so große Überraschung war. Es hat mich sehr beeindruckt, dass Ash so mutig gewesen ist, diese Entscheidung zu treffen und ihr Glück an die erste Stelle zu setzen. Ich denke, es ist eine schöne Art, sich zu verabschieden und ein neues Kapitel zu beginnen. Natürlich habe ich in diesem Moment auch ein bisschen an meine Position gedacht, aber ich wusste, dass ich mein Erstrunden-Match in Miami erst noch gewinnen musste, um Platz 1 zu bestätigen."

Hilfreich wird Świątek in dieser Ausnahmesituation auch die Sportpsychologin beiseite gestanden haben, mit der sie seit ungefähr drei Jahren zusammenarbeitet. Auf deren Rolle angesprochen führte die Polin aus: "Nun, als die Idee aufkam, mit einer Psychologin zusammenzuarbeiten, ging es mir hauptsächlich um die Dinge, die auf dem Court passieren. Aber dann habe ich erkannt, dass eigentlich alles, was in meinem Leben passiert, meine Leistung beeinflusst. Außerdem habe mich sehr wohl gefühlt und gemerkt, dass ich Daria wirklich vertrauen kann. Mir wurde klar, dass ich auch außerhalb des Platzes mehr Selbstvertrauen gewinnen und mich als Mensch besser fühlen könnte. Warum sollte ich es nicht versuchen? Von da an ging es nicht mehr nur um mentales Training, sondern insgesamt um eine bessere geistige Gesundheit sowie ein ruhigeres und zufriedeneres Leben." Lachend fügte sie hinzu: " Also, im Grunde arbeiten wir momentan an allem.

AVIVA-Berlin: Sie stehen jetzt an der Spitze Ihres Sports, viele Menschen verfolgen, was Sie tun. Interessieren Sie sich selbst auch für irgendwelche Sportarten, sei es Tennis oder etwas anderes?

Iga Świątek: Also, ich würde sagen, ich habe immer so Phasen. Als die letzte Fußball-Europameisterschaft stattfand, die Euro 2020 – 2021, sie wurde ja verschoben –, habe ich viel Fußball geschaut. Eigentlich vor allem, weil das so gehypt wurde. Bei den Olympischen Winterspielen 2022 habe ich Ski Alpin verfolgt. Ach ja, und wenn eine neue Staffel von "Drive to Survive" (Anm.d.Red.: Dokumentarserie des US-amerikanischen Streamingdienstes Netflix) herausgekommen ist, habe ich mir die Formel 1 angesehen. (lacht) Im Grunde bin ich aber kein großer Sportfan.

Mit Tennis befasst sich die Warschauerin dagegen umso lieber und sieht bei der sich mit ihr in der Weltspitze messenden Spielerinnen-Generation großes Potenzial für interessante Aufeinandertreffen in den nächsten Jahren. "Ich denke, dass der Wettbewerb, der ja bereits begonnen hat, den wir jetzt haben, auch in Zukunft Bestand haben wird. Meine Matches gegen Maria Sakkari, gegen Paula Badosa, Anett Kontaveit zum Beispiel. Gegen diese Spielerinnen habe ich bereits viermal gespielt – vielleicht mit Ausnahme von Paula. Das ist für mich eine Menge, denn ich bin ja erst seit drei Jahren auf der WTA-Tour. Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr darauf, denn ich denke, es ist wichtig, solche Leute dabei zu haben, die so gut spielen und einen selbst anspornen, noch besser zu werden," erläuterte Świątek.

Auf Sand muss die Rechtshänderin sowieso kaum eine Gegnerin fürchten, wie sie nicht zuletzt mit ihrem Sieg in Roland Garros 2020 unter Beweis gestellt hat, und auch der Court in der Porsche Arena bereitete ihr vorab kein großes Kopfzerbrechen: "Es fällt mir nie wirklich schwer, den Belag zu wechseln. Natürlich ist es etwas herausfordernder, in Stuttgart zu spielen, weil ich bisher nie hier war und der Platz ein wenig rutschig ist. Aber ansonsten glaube ich, dass der Porsche Tennis Grand Prix genau zur richtigen Zeit kommt – nach den Hartcourts in den USA und vor den Freiluftsandplätzen der anderen Turniere. Ich freue mich auf die Sandplatzsaison, auch wenn es anstrengend wird und ich physisch in einer guten Verfassung sein muss."

Herausfordernder stellen sich Fragen nach der politischen Lage dar, insbesondere im Hinblick auf den Krieg in der Ukraine. Wiederholt trug sie während ihrer Matches in den vergangenen Wochen eine gelb-blaue Schleife als Zeichen der Solidarität am Basecap. Auf ihren Social Media-Kanälen erinnerte die Polin Anfang April 2022 im Rahmen des jährlichen Anti-Doping-Aktionstages "Play True Day" unter den Hashtags #PlayTrueDay und #PlayTrueforPeace daran, dass es im Sport und insbesondere im Licht des Ukrainekonflikts darum gehe, sich gegenseitigen Respekt zu zollen und auf und neben dem Platz fair zu verhalten. In Stuttgart ergänzte sie: "Ich bin natürlich gegen den Krieg und ich möchte dem ukrainischen Volk helfen. Wir arbeiten daran. Ich weiß, dass ich das seit einigen Wochen immer wieder sage, aber wir arbeiten wirklich gerade unter Hochdruck an einer Initiative, die langfristig helfen soll.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg fürs Turnier!


Weitere Infos zu Iga Świątek unter:

twitter.com/iga_swiatek

facebook.com/swiatekiga

instagram.com/iga.swiatek

www.igaswiatek.pl

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Copyright Text und Foto: Sylvia Rochow


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Beitrag vom 02.05.2022

Sylvia Rochow