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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 27.05.2013

Die Lebenden. Ein Film von Barbara Albert. Kinostart: 30. Mai 2013
Sabine Reichelt

Eine Enkelin setzt sich mit der nationalsozialistischen T├Ąter-Vergangenheit ihres Gro├čvaters auseinander und sucht dabei den eigenen Umgang mit der Schuld ihrer Familie. Gegen den Willen ihres...



... Vaters reist sie durch Europa und entdeckt Erschreckendes.

Welche Verantwortung haben die Nachkommen von NS-T├Ąter_innen? Wie k├Ânnen sie mit der Schuld ihrer Familie umgehen? Und kann mensch den eigenen Vorfahren verzeihen? Das fragt sich Sita (Anna Fischer), Mitte 20, Studentin in Berlin, nachdem sie am 95. Geburtstag ihres Gro├čvater durch Zufall erf├Ąhrt, dass dieser unter Hitler SS-Untersturmf├╝hrer und von 1943 bis 1945 Wachmann in Auschwitz war. Der Schock sitzt tief, kann sie den von ihr so geliebten ├Ąlteren Herrn und Musikliebhaber doch nur schwer in Verbindung bringen mit den unfassbaren Verbrechen, von denen sie aus Geschichtsb├╝chern, Vorlesungen, Filmen und Dokumentationszentren wei├č.

Sita begibt sich auf die Suche: nach der Geschichte ihres Opas und ihrem eigenen Platz in der Welt. Eine unruhige Handkamera folgt ihr. Die Protagonistin versucht zu verstehen, wie ihr Gro├čvater zum T├Ąter werden konnte. Ihr Vater (August Zirner) ist ihr dabei keine gro├če Hilfe, hat er sich doch selbst jahrzehntelang in Verdr├Ąngung ge├╝bt. Von ihm bekommt die Tochter nur die immer gleichen und altbekannten "Entschuldigungsargumente" zu h├Âren: Ihr Gro├čvater h├Ątte nat├╝rlich nicht aus ├ťberzeugung gehandelt, sei naiv gewesen, h├Ątte ja schlie├člich keine andere Wahl gehabt und ├╝berhaupt sei man als Siebenb├╝rger Sachsen selbst verfolgt worden.

Ihre Recherchen f├╝hren die junge Frau von Wien, ├╝ber Warschau und Auschwitz bis nach Rum├Ąnien in das Heimatdorf ihrer Gro├čeltern. So ist Sita st├Ąndig unterwegs, bewegt sich mit ihrem Moped und joggend durch Berlin und die Bewegung selbst wird zu einem Leitmotiv des Films. Durch die Augen der Enkelin erf├Ąhrt die Zuschauerin, dass ihr Opa in Auschwitz au├čerdem Musik- und Religionslehrer war und f├╝r Rudolf H├Â├č pers├Ânlich Klavier spielte. Der einzige Kommentar des T├Ąters dazu: "Man musste sich ja irgendwie ablenken." Fassungslos sitzen Protagonistin und Zuschauerin vor Videob├Ąndern, in denen der Gro├čvater r├╝ckblickend erkl├Ąrt: "Ich f├╝hle mich ├╝berhaupt nicht schuldig."

F├╝r ihn scheint klar, dass seine Schuld durch das pers├Ânliche Leid, das er im Nachhinein ertragen hat, l├Ąngst abgegolten ist: "Wir sind sp├Ąter genug bestraft worden." Der Gro├čvater hat seine T├Ątervergangenheit beinahe von sich abgespalten: "In Auschwitz, da hab ich geglaubt, nur zu tr├Ąumen. Das war nicht ich, das war ein anderer. Ein Gespenst war dort."

Ein Nebenstrang der Handlung ist die konventionell erz├Ąhlte Liebesgeschichte zwischen Sita und dem israelischen Fotografen Jocquin (Itay Tiran), die leider weder besonders spannend ist, noch neue Blickwinkel auf die Themen des Films erlaubt. Weitere kleine Episoden sollen eine Br├╝cke in die Gegenwart und das heutige Europa schlagen und, so die Regisseurin Barbara Albert, fragen: "Wo beginnt Menschenverachtung? Wo f├╝hrt sie hin? Wer sind die T├Ąter, wer die Opfer heute?" In Warschau trifft die Protagonistin auf die Aktivistin Silver (Daniela Sea, bekannt vor allem als Max aus "The L Word" und als Soldatin Calvin aus "Itty Bitty Titty Committee") und setzt sich mit ihr gegen die R├Ąumung eines besetzten Hauses ein. Als Praktikantin beim Fernsehen interviewt Sita eine junge Tschetschenin und ihren Bruder, die als Waisen in Deutschland Asyl suchen. Eine wirkliche thematische Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart entsteht dadurch aber nicht. Die Episoden sind zu kurz oder wirken sehr konstruiert.

Das gilt leider auch f├╝r die Dialoge, die beinahe alle im Zeichen von Sitas Recherche stehen, so vor allem Mittel zum Zweck sind und deshalb wenig nat├╝rlich klingen. W├Ąhrend Musik (das Spektrum reicht hier von Purcell ├╝ber Schubert bis hin zu SOAP&SKIN) und Poesie zwei weitere gelungene Leitmotive des Films sind, ist die Metapher vom gebrochenen Herzen, die letztendlich beinahe w├Ârtlich verstanden werden kann, kitschig und nicht gerade innovativ.

Zur Regisseurin: Barbara Albert wurde 1970 in Wien geboren. Sie studierte Theaterwissenschaft, Germanistik, Publizistik, Regie und Drehbuch. Neben ihrer Arbeit als Regie- und Schnittassistentin spielte sie als Schauspielerin unter anderem in "Memory of the Unknown" und "Crash Test Dummies". Ihren international erfolgreichen Kurzfilmen folgte der erste Langspielfilm "Nordrand, der 1999 bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt wurde. Im selben Jahr gr├╝ndete Barbara Albert gemeinsam mit Martin Gschlacht, Jessica Hausner und Antonin Svoboda die Produktionsfirma coop99. Sie war u.a. Co-Autorin preisgekr├Ânter Filme wie "Grbavica" oder "Das Fr├Ąulein". Au├čerdem schrieb sie das Drehbuch zum Spielfilm "Auswege". Als Produzentin war Barbara Albert mitverantwortlich f├╝r "Darwin┬┤s Nightmare", "Die fetten Jahre sind vorbei" und "Schl├Ąfer". Daneben war (und ist) sie als Gastprofessorin und Lektorin an mehreren Hochschulen in ├ľsterreich und Deutschland t├Ątig. (Informationen des Verleihs)

Zur Hauptdarstellerin: Anna Fischer wurde 1986 in Berlin geboren. Sie ist im Fernsehen mit ihrer Darstellung ungew├Âhnlicher Figuren aufgefallen und hat daf├╝r in den letzten Jahren mehrere Preise erhalten: 2009 den Deutschen Fernsehpreis als beste Nebendarstellerin in "Wir sind das Volk", ebenfalls 2009 den Adolf-Grimme-Preis f├╝r die beste Hauptrolle im Mehrteiler "Teufelsbraten". 2006 wurde sie auf dem Max-Oph├╝ls-Preis Filmfestival entdeckt; sie erhielt dort den Preis als beste Nachwuchsdarstellerin in "Liebeskind. Anna Fischer spielte au├čerdem u.a. in "Heiter bis wolkig", "Wir sind die Nacht" und "Unter Strom". (Informationen des Verleihs)

AVIVA-Fazit: Wirklich neue Sichtweisen und Fragen kann der Film trotz der Enkelinnenperspektive leider nicht bieten. Deutlich wird, dass Wissen der erste Schritt zur Verantwortung ist und wahrscheinlich wird die Protagonistin nun "mit einer anderen Haltung durchs Leben gehen und Entscheidungen anders und bewusster treffen als davor", wie Barbara Albert es im Interview mit profil formulierte. Ob es allerdings m├Âglich ist, Zusammenh├Ąnge zu hinterfragen ÔÇô das selbsterkl├Ąrte Ziel der Regisseurin ÔÇô ohne auf die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus wie Antisemitismus, Nationalismus und Rassismus einzugehen, bleibt fraglich.

Die Lebenden
├ľsterreich, Polen, Deutschland 2012
Drehbuch und Regie: Barbara Albert
Darsteller_innen: Anna Fischer, Hanns Schuschnig, August Zirner, Itay Tiran, Daniela Sea, Winfried Glatzeder, Almut Zilcher
Kamera: Bogumi┬│ Godfrej├│w
Schnitt: Monika Willi
Ausstattung: Enid L├Âser
Kost├╝mbild: Veronika Albert
Maskenbild: Martha Ruess
Ton: Dietmar Zuson
Musik: Lorenz Dangel
Produktion: Bruno Wagner, Barbara Albert
L├Ąnge: 112 Minuten
Verleih: RealFiction
Deutscher Kinostart: 30. Mai 2013
www.dielebenden.at
www.youtube.com

Weitere Informationen:

Barbara Albert: "Mittlerweile sch├Ąme ich mich nicht mehr", Interview mit profil (2012)

Barbara Albert: Mein SS-Gro├čvater war kein Monster, Interview mit Die Presse (2012)

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

B├Âse Zellen (Drehbuch und Regie Barbara Albert, 2004)

Wir sind die Nacht (mit Anna Fischer, 2010)

Karin Weimann - Sisyphos┬┤ Erbe. Von der M├Âglichkeit schulischen Gedenkens (2013)

Hilde Schramm - Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959. Nachforschungen (2012)





Kultur Beitrag vom 27.05.2013 Sabine Reichelt 





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