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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.02.2010

Wir waren Nachbarn. Biografien j√ľdischer Nachbarn. 2011 erneut erg√§nzt
Claire Horst

Die Ausstellung im Sch√∂neberger Rathaus wird seit 2005 j√§hrlich am 24. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, f√ľr drei Monate neu er√∂ffnet. Seit 2010 ist sie endlich dauerhaft zu sehen. Im Gegensatz ...



...zu zahlreichen anderen Ausstellungen und Mahnmalen, die den Holocaust thematisieren, unternimmt "Wir waren Nachbarn" nicht den Versuch, durch möglichst monumentale Gebäude zu beeindrucken und das Unsagbare so darzustellen.

Stattdessen arbeitet die Ausstellungsinstallation mit der Methode der "oral history" - sie basiert auf den Erinnerungen von ZeitzeugInnen. Zeitgeschichte wird "konsequent aus der Perspektive derer beschrieben, die ihren Lebensmittelpunkt in den 1930er Jahren in den damaligen Bezirken Sch√∂neberg und Tempelhof hatten". Vor allem die Gegend um den Bayerischen Platz findet gro√üe Beachtung, da hier zahlreiche Juden und J√ľdinnen lebten.

BesucherInnen der Ausstellung


Insbesondere Sch√ľlerInnen nehmen heute die Vernichtung der J√ľdInnen h√§ufig als etwas Entferntes wahr, das Au√üenstehende traf. In dieser Ausstellung erfahren sie, dass es "ganz normale" NachbarInnen waren, die vertrieben und ermordet wurden.

Katharina Kaiser, Leiterin des Kunstamtes Tempelhof-Sch√∂neberg und Kuratorin der Ausstellung, erl√§utert die Wirkung der Ausstellung auf Jugendliche: "Zu Beginn fragen sie nicht selten, was haben die denn f√ľr eine Sprache gesprochen ‚Äď und sind ganz erstaunt, dass diese Nachbarn selbstverst√§ndlich deutsch sprachen, ihre Muttersprache." Dass es ganz normale Menschen waren, die mitten im noch immer existierenden Wohngebiet ausgegrenzt und von hier aus deportiert wurden, ist den Jugendlichen oft nicht klar: "Mit Opfern mag man sich nicht identifizieren. Mit den M√§dchen und Jungen, den Leuten von nebenan, die ein ganz normales Leben als Deutsche unter Deutschen gef√ľhrt haben, dagegen schon."

Es sind sehr unterschiedliche Geschichten, die in der Ausstellung erz√§hlt werden. BesucherInnen erfahren von einem Kind, das von der Hauswartsfrau versteckt √ľberlebt, einer Musikerin, die Abschied von ihren FreundInnen feiert, bevor sie ihrer Deportation durch Selbstmord zuvorkommt, einem junger Mann, der bis zu seiner Verpflichtung zur Zwangsarbeit noch stolz die Uniform der Wehrmacht tr√§gt, einer Kinderg√§rtnerin, die gemeinsam mit den Kindern deportiert wird. Die Vielfalt des j√ľdischen Lebens und seiner Vernichtung wird so deutlich.

Die Reaktionen vieler √úberlebender und ihrer Angeh√∂rigen zeigen, dass die Ausstellung einen Nerv ber√ľhrt. Katharina Kaiser erkl√§rt: "Anders als bei der Diskussion um manche Denk- und Mahnmale haben wir von j√ľdischen Ausstellungsbesuchern nie den Satz geh√∂rt: Das ist Eure Sache, wir Juden brauchen das nicht. Wir m√ľssen uns erinnern, Ihr als Nicht-Juden k√∂nnt Euch erinnern." Stefanie Endlich, Autorin und Honorarprofessorin f√ľr Kunst im √∂ffentlichen Raum, schreibt in einer Publikation zur Ausstellung auf www.fragdoch-verein.de, dass das Sch√∂neberger Projekt in der Debatte um die gegenw√§rtige Erinnerungskultur deutlich Stellung nehme. H√§ufig gehe es bei der Konzeption von Mahnmalen vor allem darum zu zeigen, wie sehr man Erinnerung geleistet habe, wie sehr man sich mit der Vergangenheit besch√§ftigt habe. Die Ausstellung in Sch√∂neberg dagegen sieht die Erinnerung als fortlaufenden Prozess, der immer wieder neu gestaltet werden muss.

Deshalb werden die Erinnerungsb√ľcher, die den Hauptteil der Ausstellung ausmachen, best√§ndig erg√§nzt. Inzwischen sind es 136 B√§nde, die jeweils eine Biografie darstellen. Passend zum letztj√§hrigen Schwerpunkt "Sch√ľler und Schule" sind 2010 mehrere Alben hinzugekommen, die von in Sch√∂neberg t√§tigen LehrerInnen und Sch√ľlerInnen berichten, etwa der Schulleiterin Luise Zickel und der Sch√ľlerin Doris Kaplan.

Doris Kaplan



In dem einer Bibliothek nachempfundenen Ausstellungsraum kann in den B√ľchern wie in Fotoalben gebl√§ttert werden, im Anschluss ist in einem eigenen Raum der Interviewfilm "Geteilte Erinnerung" zu sehen.

Die Ausstellungshalle


Zusätzlich gibt es Hörsäulen, Tafeln mit Hintergrundinformationen und Karteikarten mit Namen und Adressen aller Deportierten. Die Ausstellung ist ein Ort, an dem sich jede/r auf persönliche Weise mit der Geschichte des Ortes auseinandersetzen kann. Nachdem bereits 28.000 BesucherInnen die Ausstellung gesehen haben, wird sie seit Januar 2010 endlich dauerhaft im Lichthof des Rathauses Schöneberg gezeigt.

Auch 2011 wurde die Ausstellung erneut erg√§nzt: Das Biografische Album von Doris und Gertrud Bloch ist neu hinzugekommen. Gertrud Bloch hat - 2010 aus Amerika kommend - die Ausstellung besucht und wollte unbedingt, dass die Geschichte ihrer Familie in diesem Rahmen gew√ľrdigt wird. Ein anderes neues Album ist einer bekannten Pers√∂nlichkeit gewidmet: Hellmut Stern, der langj√§hrige erste Geiger der Berliner Philharmoniker. Den Lebenserinnerungen von Marion House sind Gedanken von Sch√ľlerInnen der R√ľckert-Oberschule gegen√ľber gestellt worden. Sie haben sich gefragt: "Was h√§tte ich getan?"


Noch bis zum 3. April ist hier außerdem eine
Retrospektive zu Gertrude Sandmann zu sehen.

Unterst√ľtzt wird die Ausstellung von "frag doch! Verein f√ľr Erinnerung und Begegnung e.V."

Wir waren Nachbarn
131 Biografien j√ľdischer Zeitzeugen

Rathaus Schöneberg, Foyer
John-F.-Kennedy-Platz
10820 Berlin
√Ėffnungszeiten: Montag - Donnerstag, Samstag und Sonntag von 10:00 bis 18:00 Uhr

Veranstalter: Kunstamt Tempelhof-Schöneberg
Ansprechpartnerin: Katharina Kaiser
Email: hausamkleistpark-berlin@t-online.de
Tel.: 90277-6965, Fax: 90277-4613

Informationen zur Ausstellung sowie zu den Begleitveranstaltungen finden Sie unter: www.hausamkleistpark-berlin.de

Weitere Informationen unter: frag doch! Verein f√ľr Erinnerung und Begegnung e.V.

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Kultur Beitrag vom 11.02.2010 Claire Horst 





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