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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 21.06.2010

14 km - Auf der Suche nach dem Gl├╝ck
Evelyn Gaida

Letzte Zuflucht Europa: Violeta, ein junges M├Ądchen aus Mali, soll mit einem ├Ąlteren Mann verheiratet werden, der sie bereits misshandelt hat. Vollkommen auf sich gestellt verl├Ąsst sie ihr Dorf,...



... um flussaufw├Ąrts eine Arbeit zu suchen. Dort sieht die Situation ganz anders aus, als erwartet.

F├╝r die Br├╝der Bouba und Mukela aus Niger gleicht Europa in ihrer Vorstellung einem paradiesischen Kontinent, dessen Bild sich aus Fernsehserien speist. Bouba ist ein begabter Fu├čballer, der die meiste Zeit in einer Autowerkstatt schuftet. Sein Traum: Von einem Talentscout entdeckt zu werden. Daf├╝r stehen die Chancen in einem zentralafrikanischen Dorf jedoch schlecht. Mukela ├╝berredet seinen Bruder schlie├člich zu einer Reise ans vermeintliche Traumziel, die sich als zerm├╝rbender Kampf um Leben und Tod herausstellt. Sie f├╝hrt durch einen gro├čen Teil Nordafrikas bis an die spanische K├╝ste: Nur 14 Kilometer liegen an der Meerenge von Cadiz zwischen den beiden Kontinenten. Doch selbst diese Strecke bedeutet eine ganze Welt.

Regisseur Gerardo Olivares macht auch f├╝r die ZuschauerInnen eine andere Welt erfahrbar. Die Alltagsszenerie eines nigerianischen Dorfes er├Âffnet sich zu Beginn wie mit der Handkamera aufgenommen vor ihren Augen, als w├╝rden sie mit Bouba und Mukela auf dem Moped die staubige Stra├če entlangschaukeln oder selbst im unvorstellbar ├╝berf├╝llten Kleinbus durch die schmutzige Windschutzscheibe starren. Authentizit├Ąt und Lebensn├Ąhe werden im Lauf dieses Extrem-Roadtrips mit faszinierenden Landschaftsaufnahmen verbunden, in die sowohl die Unerbittlichkeit als auch die Sch├Ânheit der Natur eingehen.

Mitten in der Tenere-W├╝ste schlie├čt Violeta sich den Br├╝dern an. Ein Lastwagen, dessen Fracht von Menschen, Tieren und Gep├Ąckst├╝cken doppelt so gro├č ist wie er selbst, hat die Reisenden dort abgesetzt. Von hier aus m├╝ssen sie zu Fu├č den diffusen Richtungsangaben folgen, die der Fahrer ihnen mit auf den Weg gegeben hat. Gemeinsam irren die drei durch die Ein├Âde: Unermessliche Weite, v├Âllige Orientierungslosigkeit, zermarternde, an den Rand des Wahnsinns oder des Todes treibende Hitze gehen ineinander ├╝ber, die Bilder werden immer eindringlicher und halluzinatorischer. J├Ąh kehrt Ruhe ein, als die Verdurstenden von Nomaden gefunden und zu deren Zeltlager mitgenommen werden.

Die Strapazen haben ihren Zenith mit der W├╝stenetappe noch nicht ├╝berschritten. Ein eisiger Marsch im scheinbar endlosen Niemandsland des ger├Âlligen Grenzgebietes zwischen Algerien und Marokko folgt unter anderem... Angesichts solcher Szenen l├Ąsst sich ausmalen, wie die Unertr├Ąglichkeit einer R├╝ckkehr mit den bereits durchlebten Anstrengungen proportional anw├Ąchst - Grenzerfahrungen im wahrsten Sinne des Wortes. Die filmische Umsetzung schlachtet sie in "14 km" an keiner Stelle zum Zweck eines sensationsl├╝sternen Sozial-Thrillers aus, sondern konzentriert sich auf Grundtatsachen. Immer wieder sto├čen die Vorw├Ąrtsstrebenden ans Ende ihrer eigenen M├Âglichkeiten, die in Abh├Ąngigkeiten m├╝nden. Wird die Grenzpatrouille Erbarmen zeigen, der Schleuser noch mehr Geld verlangen? Besonders gilt diese Abh├Ąngigkeit f├╝r Violeta als alleinstehende Frau, vor der sich unaufh├Ârlich neue Zwangslagen, Gefahren und Sackgassen auftun.

Der Regisseur wei├č, wovon er erz├Ąhlt: 2003 reiste er in den Niger, um eine Dokumentation ├╝ber die Salzkarawanen in der Tenere-W├╝ste zu drehen. So erfuhr er direkt vor Ort von den Immigrationsrouten und den dortigen, oft brutalen und tragischen Ereignissen. Die gewohnten Nachrichtenbilder von ersch├Âpften afrikanischen ImmigrantInnen auf sch├Ąbigen Booten erhalten in Olivares┬┤ Spielfilm Dimensionen, die zumindest erahnen lassen, welche erlebte Wirklichkeit dahinter steht. Das entspricht dem erkl├Ąrten Ziel des Regisseurs, Bilder von den Einwanderungsrouten zu zeigen, wie sie im Kino vorher noch nicht zu sehen waren. "14 km" wurde auf dem Filmfestival in Valladolid 2008 als Bester Film mit der "Goldenen ├ähre" ausgezeichnet, der auch in den Kategorien "Beste Musik" und "Beste Kamera" gewann. Den LaiendarstellerInnen ist ihre Unerfahrenheit stellenweise anzumerken - das krude Los der ImmigrantInnen r├╝ckt dennoch ein ergreifendes St├╝ck n├Ąher. Dabei macht die unvergleichliche Art, mit der die rettenden W├╝stennomaden Tee, Beruhigung und uralte Tradition in ihre Gl├Ąser rieseln lassen, diesen Film fast allein schon sehenswert.

AVIVA-Tipp: Ein lebensnahes Roadmovie, das Natursch├Ânheit und ├ťberlebenskampf in packenden, manchmal hinrei├čenden, jedoch niemals rei├čerischen Bildern untrennbar vermischt. Die "14 Kilometer" als k├╝rzeste Entfernung zwischen Afrika und Europa, so vermag dieser Film eindrucksvoll zu vermitteln, sind f├╝r afrikanische ImmigrantInnen nur die Spitze des Eisberges: Im R├╝cken, im Herzen und in den Knochen haben sie das schier endlose Wandern am Rande der Existenz. Regisseur Gerardo Olivares durchbricht die Distanz der herk├Âmmlichen Berichterstattung und gibt den Schicksalen vieler AfrikanerInnen ein filmisches Gesicht, das sich einpr├Ągt.

Zum Regisseur: Gerardo Olivares, geboren 1964 in Cordoba, arbeitet seit 1991 als Dokumentarfilmregisseur. Er hat sich auf anthropologische und ethnographische Themen spezialisiert und ist haupts├Ąchlich f├╝r das spanische Fernsehen und den franz├Âsischen "Canal +" t├Ątig. Der Dokumentarfilm "Caravan" (1995) ├╝ber Salztransporte in der Tenere-W├╝ste gab den Ansto├č zu "14 km".
Sein erster Spielfilm "La gran final" (2006) kam in Deutschland unter dem Titel "Das gr├Â├čte Spiel der Welt" ins Kino. (Quelle: Kairos Filmverleih)

14 km - Auf der Suche nach dem Gl├╝ck
Originaltitel: 14 kil├│metros
Spanien 2008
Originalfassung (Haussa/Franz├Âsisch/Tamasheq/Arabisch) mit deutschen Untertiteln
Regie und Buch: Gerardo Olivares
DarstellerInnen: Adoum Moussa, Aminata Kanta, Illiassou Mahamadou Alzouma
Musik: Santi Vega, Youssou N┬┤Dour
Verleih: Kairos Film G├Âttingen
Laufl├Ąnge: 95 Min.
Filmstart: 24. Juni 2010

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.kairosfilm.de

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Kultur Beitrag vom 21.06.2010 Evelyn Gaida 





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