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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.06.2011

Das Labyrinth der Wörter - ab 9. Juni 2011 auf DVD und Blu-ray Disc
Evelyn Gaida

Ein Dichter mit zerrauften Haaren, der fiebrig seine Gehirnwindungen durchpfl√ľgt? Im Grunde ganz √§hnlich. Ein "bildungsferner" Bauarbeiter (G√©rard Depardieu) namens Germain, dem eine zuf√§llige...



..., Begegnung im Park durch Vorlesen allm√§hlich eine ganze Welt er√∂ffnet: das titelgebende Labyrinth der W√∂rter. Klingt wiederum nach Liebesgeschichte und ist auch eine, blo√ü ist die Dame (Gis√®le Casadesus) in der Gr√ľnanlage schon um die 90 Jahre alt, das Verh√§ltnis rein platonisch.

Alles an dieser Geschichte l√§sst an diverse Filmmotive denken, die man schon irgendwo mal gesehen zu haben glaubt ‚Äď goldige Omi adoptiert gutm√ľtigen Bauarbeiter mit ungehobelten Manieren, fertig scheint das R√ľhrst√ľck. Zwar bedient der Film diese kitschigen "Schon-gesehen-Klischees", gibt ihnen jedoch immer wieder eine weitere Dimension, die tats√§chlich ber√ľhrt, am√ľsiert und, mit einer Art kindhaftem Tiefsinn, die lebensgebeutelten Kinog√§ngerInnen auf warmherzigere Gedanken bringt. Es ist ein M√§rchen, aber keines, das eine(n) f√ľr dumm verkauft. Die filmkritischen BetrachterInnen der Pressevorf√ľhrung verlie√üen den Saal jedenfalls mit auffallend beseeltem L√§cheln.

Apropos `adoptieren¬ī: Er steht wirklich wie ein gro√ües Kind in der Landschaft herum, dieser Germain, liebevoll und mitrei√üend gespielt von der ultimativ leibgeschneiderten Besetzung, G√©rard Depardieu: Kugelbauch, Latzhose, Karohemd, Maurerh√§nde, sperrige Beine und die √ľbliche Frisur, die mit dem tolpatschigen Gang hin und her schaukelt ‚Äď ein Einfaltspinsel und lauter Geselle, der den Pointen st√§ndig hinterherstolpert oder selbst f√ľr welche sorgt, nur ohne es zu beabsichtigen. Doch so lustig ist das Ganze auch wieder nicht: "Man sollte aufpassen, bevor man Kinder macht, denn man kann sie nicht aussetzen wie K√∂ter ... `Das da!¬ī ... Nicht mal meinen Hund w√ľrde ich so nennen", grummelt der H√ľne vor dem Zubettgehen, von schauerlichen Kindheitserinnerungen heimgesucht. Er hatte nichts zu lachen. W√ľrde es sich um ein Sozialdrama handeln, m√ľsste man sagen, seine Kindheit war grausam. Gezeugt bei einem One-Night-Stand der Mutter verglich sie "das da", ihren ungeliebten und ungelenken Sohn, schlie√ülich mit einem pfundigen Sack Kartoffeln, der ihr schon bei der Geburt das Leben schwer gemacht habe. Der sadistische Klassenlehrer trug das √úbrige zum verkorksten Selbstbild bei: "eine Null". Trotzdem ein grundg√ľtiger und einfacher Mensch mit elefantengro√üem Herz geworden, liefert Germain damit ein weiteres Klischee - dahinter verbirgt sich jedoch die bewundernswerte Errungenschaft einer Selbstakzeptanz, die auf Bescheidenheit fu√üt. So bewerkstelligt es der Geschm√§hte, weder als Menschenhasser noch Selbsthasser durchs Leben zu gehen, stattdessen eine gro√üe Liebe zu schlichten Freuden und zu seiner ebenso gutartigen Freundin (Sophie Guillemin) hervorzubringen, der Busfahrerin des kleinen Ortes. Selbst f√ľr seine Mutter hat er noch treue Zuneigung √ľbrig, sodass er mit himmelw√§rts verdrehten Augen ihre hysterischen Anf√§lle ertragen kann.

In der Mittagspause trifft Germain eines sonnigen Tages auf Margueritte, mit Doppel-T, auch ihr Vater nahm es beim Ausf√ľllen der Geburtsurkunde nicht so genau mit der Rechtschreibung. Dennoch wurden die B√ľcher Marguerittes Droge, wurde die Tochter eine Wissenschaftlerin und schlie√ülich eine schalkhaft liebensw√ľrdige alte Dame von fragiler Statur, die sich von Germains wuchtiger und derber Schale nicht abschrecken l√§sst. Seine kindliche Aufgeschlossenheit f√ľr kleine Gl√ľcksspender des Alltags (Taubenz√§hlen und mit Namen ausstatten) schafft sofort eine unmittelbare Gemeinsamkeit und Verbindung zwischen dem sonst so ungleichen Paar. Die elegante und betagte Lady auf der Parkbank wird schnell zu Germains Dealerin eines kostbaren Stoffs. Mit ansteckender Begeisterung, frei von jeder elit√§ren Arroganz und stupiden PaukerInnenmentalit√§t liest sie ihm vor: die Passagen √ľber die Ratten in Camus¬ī "Pest" oder die √ľber Mutterliebe bei Romain Gary, und, siehe da, das Wortelixier tut in dem brachliegenden Kopf (der Originaltitel: "La T√™te En Friche") seine berauschende Wirkung. "Schlafen Sie?!?" Nein, er sehe nur bei geschlossenen Augen die Bilder aus dem Lesefluss auftauchen, antwortet der ehemalige "Schulversager".

Beide entdecken eine neue Welt ‚Äď die emeritierte Wissenschaftlerin durch den staunenden Blick des unverbildeten Gem√ľts und der Bauarbeiter durch den freigeistigen Reichtum und bildgewaltigen Jungbrunnen der alten Dame. Die Wortverliebtheit des Films entspringt dabei nicht nur den B√ľchern, sondern auch Germains unverbl√ľmter Bauernpoesie: "Verknittert wie Klatschmohn" und zart wie ein Glasfig√ľrchen ist Margueritte seiner Beschreibung nach, "in alten T√∂pfen kocht es sich doch am besten" lauten seine "tr√∂stenden" Worte f√ľr die 50-j√§hrige Barfrau, die gerade von ihrem j√ľngeren Liebhaber sitzengelassen wurde. Margueritte halte Germain "bei den Ohren gefangen wie man einen Hasen f√§ngt", wenn sie vorliest. "Als gebe man einem Kurzsichtigen eine Brille" ver√§ndert sie auf diese Weise seinen Blick auf die Dinge, schlie√ülich wird er umgekehrt zu ihrem Augenlicht, als ihre physische Sehkraft schwindet.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Sch√∂n w√§r¬īs auf jeden Fall!

AVIVA-Tipp: Eine liebensw√ľrdige "M√§rchenerz√§hlung" √ľber die berauschende Reise auf dem Strom der Worte, eine kleine Parabel √ľber die unbegrenzten M√∂glichkeiten kindlich gebliebener Herzen und ein implizites Pl√§doyer gegen den gelehrten Unverstand elit√§ren Bildungsd√ľnkels. Mitrei√üende und hervorragende HauptdarstellerInnen inklusive.

Zum Regisseur: Jean Becker wurde 1938 in Paris geboren. Er arbeitete als Regieassistent f√ľr seinen Vater, den Regisseur Jacques Becker, und f√ľr Henri Verneuil. Als sein Vater 1960 unerwartet starb, f√ľhrte Jean die Dreharbeiten von dessen Ausbruchsdrama LE TROU "Das Loch" zu Ende. Danach blieb er dem Metier treu, drehte drei Krimis bzw. Kriminalkom√∂dien mit Jean-Paul Belmondo und arbeitete f√ľrs Werbefernsehen. 17 Jahre sp√§ter feierte er mit seinem Leinwandcomeback L¬ī√ČT√Č MEURTRIER ("Ein m√∂rderischer Sommer") Triumphe. Nach einer weiteren mehrj√§hrigen Auszeit sorgte er mit ELISA ("Elisa") mit G√©rard Depardieu f√ľr Furore. Der Film machte S√§ngerin Vanessa Paradis zum Star und wurde mit dem C√©sar in der Kategorie Beste Musik ausgezeichnet. In der Literaturverfilmung LES ENFANTS DU MARAIS ("Ein Sommer auf dem Lande") mit Gis√®le Casadesus schuf er ein stimmungsvolles Portr√§t der "kleinen Leute" voller Menschlichkeit.

Das Labyrinth der Wörter
La Tête En Friche
Frankreich 2009
Buch und Regie: Jean Becker
DarstellerInnen: Gérard Depardieu, Gisèle Casadesus, François-Xavier Demaison, Maurane, Patrick Bouchitey, Jean-François Stévenin, Claire Maurier, Sophie Guillemin u.a.
Verleih: Concorde
DVD-Start: 09. Juni 2011

DVD
Technische Infos:
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Sprachen: Deutsch, Englisch, Untertitel: Deutsch (ausblendbar)
FSK: 6 Jahre
Bildformat: 2,35:1 (16:9)
Tonformat: DD 5.1, DTS 5.1
Bonus: Making Of (ca. 20 Minuten)
EAN: 4010324028617

Blu-ray Disc
Technische Infos:
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Sprachen: Deutsch, Französisch, Untertitel: Deutsch (ausblendbar)
FSK 6 Jahre
Bildformat: 2,35:1 (16:9), 1080p High Definition
Tonformat: Deutsch DTS-HD Master Audio 5.1
Französisch DTS-HD Master Audio 5.1
Bonus: Making Of, Deutscher und Original-Trailer (ca. 20 Minuten)
EAN: 4010324037909

Weitere Informationen finden Sie unter:

labyrinth-derfilm.de


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Kultur Beitrag vom 07.06.2011 Evelyn Gaida 





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