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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.11.2011

Alice Schwarzer - Lebenslauf
Nina Breher

Alice war immer dabei! Alice war mittendrin! Sie hat den "kleinen" und den "gro├čen Unterschied" erkannt und sie wusste "Die Antwort". Nun pr├Ąsentiert sie uns ihren "Lebenslauf". Teil 1 von 2.



Alice im Aliceland

├ťber 370 Seiten hinweg d├╝rfen LeserInnen ┬┤auf Du┬┤ sein mit Alice, d├╝rfen ihren Lebensweg verfolgen, der von Ber├╝hmtheiten, mit denen sie befreundet war, gepflastert ist, aber auch von Steinen. Denn Alice residiert nicht im Wunderland, nein, die Welt, die Alice zu ├Ąndern versucht, ist ein "M├Ąnnerland". Und Alice k├Ąmpft. Wie in Lewis Carrolls Geschichte von Alice im Wunderland werden in "Lebenslauf" allerdings so manche Dinge gr├Â├čer als sie eigentlich sind, andere Dinge auf magische Weise verschwindend klein und unbedeutend.

Gro├č ist ihre Geschichte, ihr "Lebenslauf", von denen das gerade erschienene Werk nur der erste von zwei Teilen ist. Gro├č ist ihr Gerechtigkeitssinn, ihre Verdienste sowie ihre Freundschaften ÔÇô zum Beispiel zu Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, wie sie nicht m├╝de wird zu betonen. Ganz klein und stumm werden in diesem rhetorisch ├╝berzeugenden und lebendig geschriebenen Text hingegen KritikerInnen sowie aktuelle Kontroversen um ihre Thesen und ihre Person. Kontroversen, denen die Berechtigung nicht im Vorhinein aberkannt werden sollte.

Der Lebenslauf: Wuppertal, Stadtlauringen, Wuppertal, M├╝nchen, Paris, D├╝sseldorf, Hamburg; Frankfurt, Paris, Berlin, K├Âln

Dabei gestaltet sich das Lesen des Buches als interessant, ja aufschlussreich. Sie schildert ihren journalistischen, publizistischen und pers├Ânlichen Werdegang, erz├Ąhlt von ihrer Kindheit in bescheidenen Verh├Ąltnissen, von ihren jungen Jahren in M├╝nchen und Paris. Nicht zuletzt auch von ihrer Zeit bei der Zeitschrift "pardon" und ihrem Engagement beim MLF (Mouvement de Lib├ęration des Femmes). Sie ver├Âffentlicht zunehmend im deutschsprachigen Raum, unter anderem den bahnbrechenden "Wir haben abgetrieben!"-Artikel. Bald kehrt sie zur├╝ck nach Deutschland ÔÇô der Rest ist Geschichte. Diese wichtigen Details der Frauenbewegung arbeitet Schwarzer nachvollziehbar und ansprechend aus.

Zwischen Biographie und Imagekampagne in Eigenregie

"Lebenslauf" wirft einen teils interessanten, teils glorifizierenden R├╝ckblick auf das Leben dieser Galionsfigur der deutschen Frauenbewegung bis zum Erscheinen der ersten EMMA (1977). Dass sie die Frauen in ihrer Familie zu Feministinnen avant la lettre hochstilisiert, scheint an manchen Stellen allerdings erzwungen. So mutma├čt sie ausgiebig ├╝ber das feministische Potenzial ihrer Familie, und findet ÔÇô einen fehlenden BH. "Sie hasste jede Art der Einengung", mutma├čt die Autorin, als sie begr├╝nden will, warum ihre Gro├čmutter keinen trug. "R├╝ckblickend" findet Alice Schwarzer vieles an ihrer eigenen Biographie "bemerkenswert." Zum Beispiel, dass sie f├╝r sich selbst bezahlte, wenn sie mit ihrem Freund essen ging. Dies mag bemerkenswert sein oder auch nicht, es ist allerdings schade, dass den LeserInnen fortlaufend Urteile vorgegeben werden. Die Schilderung ihrer Jugend ist durchzogen von Abschnitten ├╝ber die intellektuellen Filme, die sie sah sowie ├╝ber die alternativ-intellektuellen B├╝cher, die sie las. Immer mehr dr├Ąngt sich die Frage auf: Dient dieser Text der Information interessierter LeserInnen ÔÇô oder ist die Grenze zur PR flie├čend?

370 Seiten Gegendarstellung

Ebenso forciert wirken die akribischen Angaben, von welchem / welcher DesignerIn ihre Kleider stammen. Es scheint, als ver├Âffentliche Schwarzer dieses Buch auch, um zwei alten Vorw├╝rfen den Garaus zu machen. Einerseits dem, als ┬┤Emanze┬┤ unmodisch zu sein, andererseits auch um dem Klischee zu widersprechen, sie habe kategorisch etwas gegen M├Ąnner. ├ťber der Schilderung ihrer Bewunderung f├╝r James Dean und ├╝ber den Aufz├Ąhlungen ihrer verschiedenen Beziehungen zu M├Ąnnern vergisst sie, dass Menschen, die heute noch derartige Vorurteile verbreiten, sich nicht die M├╝he machen werden, ihre Memoiren zu lesen. 370 Seiten Gegendarstellung, die ungeh├Ârt verhallen werden. Dabei g├Ąbe es gen├╝gend Kontroversen, die f├╝r potenzielle LeserInnen interessanter w├Ąren.

Fast am├╝sant sind die Erg├Ąnzungen, die Schwarzer in Klammern in verschiedene S├Ątze einf├╝gt. Es scheint, als wolle sie ihr Revier markieren. Sie liest Beauvoir in einer "sehr schlechten ├ťbersetzung (die Jahrzehnte sp├Ąter auf meine Anregung hin ├╝berarbeitet werden wird)." Als Kind mussten sie und ihre Gef├Ąhrtinnen im Winter ├╝ber ihre Hose einen Rock ziehen, "(so wie heute noch so manche kleine T├╝rkin)." An Stellen wie diesen blitzen unauff├Ąllig Kontroversen auf, die noch ausgetragen werden m├╝ssten. Da diese in rhetorisch gut platzierte, oft vereinfachende Nebens├Ątze gedr├Ąngt werden, stellt sich die Frage, wo Biographie aufh├Ârt und wo Polemik anf├Ąngt. Bei dem schriftstellerischen Geschick Schwarzers in Verbindung mit der Geschichte, die sich liest wie ein guter Kriminalroman, muss mensch aufpassen, sich nicht im Aliceland zu verlieren ÔÇô und blindlings alle Aussagen zu bejahen.

Flucht nach vorn

Leider h├Ârt der Text da auf, wo es politisch interessant werden k├Ânnte. Ihre Positionen zu heutigen Debatten erfahren wir nur aus polemischen Nebens├Ątzen und aus einigen kurzen Abs├Ątzen. Dass sich diese Positionierungen hinter dieser fr├╝hen, wirklich beeindruckenden und f├╝r die Frauenbewegung wichtigen Lebensphase von Schwarzer verstecken, ist kein Zufall. Denn das Buch dient vor allem der Aufpolierung eines angeknacksten Images. Dieses ist nicht, wie das Buch LeserInnen nahelegen will, immer noch besch├Ądigt, sondern schon wieder. Es ist schon l├Ąngst nicht mehr der M├Ąnnerhasserinnenvorwurf, der an ihrem Bild in der ├ľffentlichkeit nagt. Sp├Ątestens seit sie gegen Honorar auf Plakaten mehrerer BILD-Kampagnen zu bestaunen war, wundern sich viele, auch Fans und FeministInnen.

Unter Berufung auf ┬┤den┬┤ Feminismus polarisiert Alice Schwarzer aktuell gegen einzelne Personen (Kachelmann-Prozess) und gegen eine ganze Weltreligion, die sie pauschalisiert ("Die gro├če Verschleierung"). Dies hat zwar bewirkt, dass sie in der ├ľffentlichkeit nach wie vor sichtbar ist, doch sie verliert zunehmend ihr Gesicht vor j├╝ngeren feministischen Generationen. Junge Frauen ÔÇô auch welche mit feministischem Potenzial ÔÇô weisen den Begriff ┬┤Feministin┬┤ weit von sich. Das liegt nicht ausschlie├člich am m├Ąchtigen Patriarchat, das frauenpolitisch Engagierte abwertet, sondern ist ein Problem, das auch innerhalb der Frauenbewegung(en) lokalisiert werden muss. Dass hinter diesem derzeit negativ besetzten Begriff ein anderes Bild in die K├Âpfe nachr├╝ckt, wird nicht zuletzt durch Pers├Ânlichkeiten wie Schwarzer erschwert.

AVIVA-Fazit: "Lebenslauf" vermittelt den Anschein, als handle Alice Schwarzer nicht mehr im "M├Ąnnerland" f├╝r die Sache ┬┤der┬┤ Frauen, sondern als agiere sie in einem Aliceland f├╝r die Sache von Alice. Es w├Ąre sch├Ân gewesen, wenn Schwarzer das aktuelle Zeitgeschehen und ihre Rolle in diesem reflektieren w├╝rde, anstatt es nur in polemischen Nebens├Ątzen zu antizipieren. Ihren Platz in der heutigen ├ľffentlichkeit aus der Vergangenheit heraus zu begr├╝nden, reicht nicht aus. Es bleibt zu hoffen, dass die offenen Rechnungen und Fragen an Alice Schwarzer zumindest im zweiten Teil ernsthaft aufgegriffen werden. Aufschlussreich f├╝r das Verst├Ąndnis der Frauenbewegung der 70er Jahre ist dieses Buch allemal.


Alice Schwarzer
Lebenslauf

Kiepenheuer & Witsch, erschienen: September 2011
Gebunden, 464 Seiten
ISBN: 978-3-462-04350-1
22,99 Euro
Weitere Informationen finden Sie unter: www.kiwi-verlag.de

Weitere Infos finden Sie unter:

Alice Schwarzer:
www.aliceschwarzer.de

EMMA:
www.emma.de

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Literatur Beitrag vom 17.11.2011 AVIVA-Redaktion 





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