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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 05.12.2014

Alina Gromova - Generation koscher light. Urbane Räume und Praxen junger russischsprachiger Juden in Berlin
Lisa Sophie Kämmer

Eine Untersuchung der postmodernen Generation junger Berliner J√ľdinnen und Juden, deren Identit√§t durch den urbanen Raum gepr√§gt wird. Die dem Buch zugrunde liegende Dissertation wurde 2013 mit ...



... dem "Humboldt-Preis" - Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" ausgezeichnet.

Erkunden Tourist_innen heutzutage Berlin, dann d√ľrfte ihnen vor allem eine Sache auffallen:
Die Hauptstadt an der Spree ist ein bunter Begegnungsort, der von Menschen verschiedener Nationen im multikulturellen Neben- und Miteinander bewohnt wird. Die internationale F√§rbung der Stadt wird dabei noch k√ľnftig zunehmen, sodass laut Bundesamt f√ľr Statistik bald jede/r dritte Berliner_in einen Migrationshintergrund aufweist.

Das kulturell so vielgestaltige Stadtleben wird in besonderer Weise auch durch die etwa 300.000 russischsprachigen Migrant_innen geprägt. Diese Einwanderergruppe, die aufgrund ihrer gemeinsamen Sprache gemeinhin als "Russen" bezeichnet wird, bildet dabei keineswegs eine homogene Einheit. Während sie sich lediglich aus knapp 20.000 ethnischen Russinnen und Russen zusammensetzt, stellen deutschstämmige Spätaussiedler_innen, sogenannte "Russlanddeutsche", sowie Staatsangehörige anderer ehemaliger Sowjetrepubliken das Gros der russischsprachigen Berliner und Berlinerinnen.

Diesem vielf√§ltigen Migrationsstrom, der von Litauen bis in den Kaukasus reicht, schlossen sich auch die sowjetischen Juden an, von denen zwischen 1991 und 2005 im Rahmen des "Kontingentfl√ľchtlingsgesetzes" etwa 200.000 nach Deutschland gelangten. Sie und ihre Nachkommen, die mehrheitlich aus Russland, der Ukraine und den baltischen Staaten stammen, verschafften der Berliner Gemeinde hierdurch einen merklichen Zuwachs. So z√§hlt diese derzeit etwa 10.000 Mitglieder, von denen zwei Drittel aus der ehemaligen Sowjetunion zuwanderten, w√§hrend die mindestens 25.000 aktuell in Berlin lebenden Juden zu 85 Prozent russischsprachig sind.

Die Gedanken- und Erfahrungswelt dieser bedeutsamen j√ľdischen Gruppe im urbanen Raum Berlins sichtbar zu machen, bildet das Forschungsziel der Kulturanthropologin Alina Gromova. Indem sie 15 russischsprachige Juden zwischen 18 und 35 Jahre √ľber zw√∂lf Monate begleitete und sich ihnen u.a. in Form von qualitativen Interviews n√§herte, erm√∂glicht sie den Leser_innen einen intimen Einblick in das Leben dieser jungen Hauptst√§dter_innen. Das Besondere an der Arbeit ist dabei ihre zentrale Stadtperspektive, wodurch die Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Interviewten stets im Hinblick auf den urbanen Kontext analysiert bzw. ihre "J√ľdischkeit" vor dem Hintergrund ihres st√§dtischen Alltags in Berlin nachgezeichnet wird.
Dass sich dieser mit Blick auf ihre j√ľdische Identit√§t von ihren Herkunftsl√§ndern stark unterscheidet, ist dabei ein wichtiger Ausgangspunkt der Arbeit. So wird vorangestellt, dass sich die jungen Juden anders als in ihren sowjetischen Herkunftsl√§ndern, wo das J√ľdische lediglich eine nationale Zugeh√∂rigkeit implizierte, nunmehr einer Religionsgemeinschaft gegen√ľbersehen. Vor diesem Hintergrund einer f√ľr sie neuen Definition des Judentums m√ľssen sie in einer fortw√§hrenden Identit√§tsarbeit ihre eigene Position stets bestimmen.

Um nur ein Beispiel f√ľr die vielen interessanten Erkenntnisse zu nennen, sei auf den Titel der Arbeit verwiesen: "Koscher Light". Hierbei handelt es sich um eine abgewandelte Auslegung der religi√∂sen Speisegesetze, die von vielen der jungen Migrant_innen kreativ angewandt wird. Da es in Berlin ‚Äď anders als etwa in New York ‚Äď kaum koschere Restaurants gibt, versuchen die jungen russischsprachigen Juden durch eigene, offenere Auslegungen, ein solches Fehlen zu umgehen, ohne dabei auf ein Essen im Restaurant verzichten zu m√ľssen. In diesem Sinne wird deutlich, wie stark der urbane Raum auf die religi√∂sen Praxen der jungen Juden und damit letztlich auf ihre Identit√§t einwirkt. Das "J√ľdischsein" in Berlin ‚Äď so die These von Gromova ‚Äď offenbart sich als ein urbaner Lebensstil, der verschiedene kulturelle Optionen an die jungen Juden herantr√§gt, aus denen sie ausw√§hlen und mit Blick auf Inklusions- und Exklusionsstrategien ihre eigene Identit√§t konstruieren.

Zur Autorin: Alina Gromova, ist akademische Mitarbeiterin im J√ľdischen Museum Berlin, wo sie auch F√ľhrungen anbietet. Ihre Dissertation, die dem Buch zugrunde liegt, wurde 2013 mit dem "Humboldt-Preis" - Sonderpreis "Judentum und Antisemitismus" ausgezeichnet.
Im Vorstand der Berliner Stiftung "ZUR√úCKGEBEN", deren Stiftungszweck darin gr√ľndet, j√ľdische Frauen in Kunst und Wissenschaft zu f√∂rdern, war Gromova ebenfalls f√ľr lange Zeit aktiv. Als Kulturanthropologin bilden Migration, Urbanit√§t, Posts√§kularisierung sowie die Gemeinschaftsbildung den Schwerpunkt ihrer Forschung.

AVIVA-Tipp: Die ethnografische Studie von Alina Gromova bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Lebenswelten junger russischsprachiger J√ľdinnen und Juden in Berlin, die sich vor allem durch ihren Fokus auf den urbanen Raum einschlie√ülich seiner Wirkung auf die Identit√§tsbildung der Akteur_innen auszeichnet. Indem Gromova selbst russischsprachige J√ľdin ist, gelang es ihr im Zuge ihrer Feldforschungen, eine besondere N√§he zu ihren Interviewpartner_innen aufzubauen, wobei sie diese als Forscherin zugleich immer wieder kritisch reflektierte.
Die Studie besticht dar√ľber hinaus durch ihren fortw√§hrenden Bezug auf theoretische √úberlegungen und Konzepte, die als solche garantieren, dass die empirischen Ergebnisse im Rahmen weiterf√ľhrender Theorien verortet werden. Gromova gelingt es dabei, Klassiker wie den "Sozialen Raum" von Pierre Bourdieu sinnvoll auf ihre Empirie anzuwenden, ohne die Aufmerksamkeit der Leser_innen durch zu weitf√ľhrende theoretische Er√∂rterungen von ihren eigenen Erkenntnissen abzulenken.

Alina Gromova
Generation "koscher light". Urbane Räume und Praxen junger russischsprachiger Juden in Berlin

transcript Verlag, erschienen im Oktober 2013
306 Seiten, kart., 14 Abb.
ISBN 978-3-8376-2545-5
32,99 Euro
www.transcript-verlag.de


Mehr Infos unter:

www.taz.de "Russische Juden in Berlin. Unerwartet gut gelandet", taz-online vom 16.07.2012

www.welt.de "Berlin als Zentrum und Jerusalem Europas", DIE WELT-online vom 12.04.2012

www.merian.de/magazin/das-neue-juedische-berlin.html "Das neue j√ľdische Berlin". MERIAN-Magazin Berlin, 2/2013

www.deutschlandradiokultur.de/ "Ein anderer Umgang mit Geschichte: Die Berliner Stiftung Zur√ľckgeben". Deutschlandradio Kultur, Beitrag vom 27.05.2011

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Literatur Beitrag vom 05.12.2014 Lisa Sophie K√§mmer 





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