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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.03.2015

Elisabeth Asbrink - Und im Wienerwald stehen noch immer die B├Ąume. Ein j├╝disches Schicksal in Schweden
Claire Horst

F├╝r die Journalistin Elisabeth Asbrink beginnt die Geschichte mit einem IKEA-Karton. 500 Briefe enth├Ąlt er, geschrieben von Josef und Elise Ullmann an ihren Sohn Otto in Schweden. Anfangs kommen...



... sie aus Wien, die letzte Adresse der AbsenderInnen lautet: Theresienstadt.

Die ├ťberbringerin des Kartons voller Briefe ist die Tochter von Otto Ullmann. Mit ihrem Auftrag macht Asbrink sich auf die Reise in die Vergangenheit. Sie l├Ąsst die Briefe ins Schwedische ├╝bersetzen, w├╝hlt sich durch Archive, f├╝hrt Interviews.

Die Geschichte, die sie schlie├člich erz├Ąhlt, setzt sich zusammen aus gesicherten Fakten und dem Versuch, sich das Vergangene vorzustellen. Manches wissen wir aus den Briefen und Fotos: Die Ullmanns sind eine gutsituierte und gebildete Familie. Der Vater ist Sportreporter bei einer Tageszeitung, Otto erh├Ąlt privaten Latein- und Englischunterricht und w├Ąchst in Geborgenheit zwischen seinen Eltern, Gro├čeltern und Tanten auf.

"Es f├Ąllt nicht schwer, sie alle vor sich zu sehen. Beim Spaziergang hielt Mutti Liesl ihren Sohn Otto an der Hand, so lange, wie er es zulie├č. Papa Josef war einen Kopf gr├Â├čer als seine Frau, von st├Ąmmigem K├Ârperbau und mit deutlich sichtbarer Platte. Er ging gern mit den H├Ąnden in den Taschen, und seine wei├čen Hosen endeten direkt unterm Knie, wo sie in die Str├╝mpfe gestopft wurden. Auf dem Tennisplatz trug er nat├╝rlich Wei├č. Und Otto? In kleinen Blazern ÔÇô einem dunkelblauen mit doppeltem Revers, einem blau-wei├č gestreiften mit doppeltem Revers-, fast immer mit kurzen Hosen. Er war ja noch ein Kind."

So beschaulich dieses Leben beginnt, so katastrophal nimmt es seinen Lauf. Als die Bedrohung der Juden in Wien zunimmt, als die Hoffnung auf ein baldiges Ende der NS-Herrschaft sinkt und der Kampf ums ├ťberleben immer existentieller wird, ergreifen die Ullmanns eine winzige Chance: Ganze 100 j├╝dische Kinder werden 1939 ├╝ber eine christliche Missionseinrichtung nach Schweden verschickt. Otto ist eins dieser Kinder. In den n├Ąchsten Jahren besteht ihr Kontakt nur aus Sehnsucht, tr├Âstenden Briefen, Liebe, die hin und her geschickt wird.

Weil wir den dokumentarischen Roman vom Ende her lesen, weil wir wissen, dass Ottos Eltern die Schoah nicht ├╝berlebt haben, ist die Lekt├╝re umso bedr├╝ckender. Die Autorin macht aus ihrer Wut und ihrem Unverst├Ąndnis keinen Hehl. Immer wieder dr├╝ckt sie ihre Ersch├╝tterung ├╝ber die Reaktion der schwedischen Bev├Âlkerung aus, die keineswegs aus lauter GegnerInnen Nazideutschlands bestand. Nicht einmal die vielger├╝hmte schwedische Neutralit├Ąt bleibt am Ende ├╝brig. Denn Asbrink zitiert LeserInnenbriefe, Zeitungsartikel und Gesuche verschiedener Berufsverb├Ąnde, die sich gegen eine Aufnahme j├╝discher Fl├╝chtlinge stellen. Schwedische Arbeitspl├Ątze nur f├╝r SchwedInnen, das ist der Tenor.

Parallel zu Otto Ullmanns Geschichte, parallel zur Ermordung seiner Eltern in Auschwitz erz├Ąhlt Asbrink die von Ingvar Kamprad, dem Gr├╝nder des M├Âbelhauses IKEA und reichsten Mann Schwedens. Im Gegensatz zu seiner Selbstdarstellung war Kamprad schon als 16-J├Ąhriger begeisterter Anh├Ąnger des Nazis Per Engdahl und leitendes Mitglied von dessen Partei Nysvenska R├Ârelsen. Wie er es fertigbrachte, zugleich mit dem Juden Otto Ullmann befreundet zu sein, der auf dem Hof von Kamprads Eltern arbeitete (ohne Gegenleistung wurde Asbrink zufolge kein j├╝disches Kind in Schweden aufgenommen), l├Ąsst Asbrink nicht los. Mit Kamprad hat sie ein Interview gef├╝hrt, das ebenfalls in das Buch einflie├čt.

AVIVA-Tipp: Eingefasst ist die Geschichte von Otto Ullmann in die eigene Geschichte der Autorin: Ihre j├╝dischen Eltern zogen sie in dem Bewusstsein auf, dass ihr Judentum etwas sei, von dem sie niemals sprechen d├╝rfe. Die Emp├Ârung dar├╝ber, dass die Bedrohung durch den Antisemitismus bis heute ebenso lebendig ist wie die verbreitete ├ťberzeugung, Schweden habe stets richtig gehandelt, tr├Ągt die Erz├Ąhlung. Somit ist der Roman nicht nur eine ber├╝hrende Biografie, sondern auch ein Werk, das Fakten ├╝ber historische Zusammenh├Ąnge richtigstellt.

Zur Autorin: Elisabeth Asbrink, geboren 1965, lebt als Schriftstellerin, Journalistin, Fernsehproduzentin und Autorin in Stockholm. Sie arbeitet au├čerdem f├╝r Schwedens popul├Ąrstes Radioprogramm Sommar in P1, wo sie u. a. Sendungen f├╝r das fr├╝here ABBA-Mitglied Bj├Ârn Ulvaeus produziert hat. "Und im Wienerwald stehen noch immer die B├Ąume" ist ihr drittes Buch, f├╝r das sie 2011 mit dem August-Preis f├╝r das beste Sachbuch des Jahres ausgezeichnet wurde. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.elisabethasbrink.se

Elisabeth Asbrink
Und im Wienerwald stehen noch immer die B├Ąume. Ein j├╝disches Schicksal in Schweden

Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek
Arche Verlag, erschienen im M├Ąrz 2014
Hardcover, 320 Seiten
ISBN 978-3-7160-2710-3
24,95 Euro

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Literatur Beitrag vom 12.03.2015 Claire Horst 





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