Ruth Melcer, Ellen Presser, Stephan Sch├Âll, Ruths Kochbuch, Gerstenberg Verlag, Die wunderbaren Rezepte meiner j├╝dischen Familie - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 06.04.2015

Ruth Melcer, Ellen Presser - Ruths Kochbuch. Die wunderbaren Rezepte meiner j├╝dischen Familie
Romina Wiegemann

K├Âstliche Speisen, ein bewegendes Familienschicksal, kombiniert mit einer kr├Ąftigen Prise j├╝dischen Witzes: Das liebevoll illustrierte Kochbuch der aus Polen stammenden M├╝nchnerin Ruth Melcer...



... erweist sich als ein ganz besonderer Schatz.

Starke Frauen

Ruth Melcer hat das Kochbuch den Cukierman-Frauen gewidmet, ihrer weiblichen Verwandtschaft v├Ąterlicherseits. Diese sehr unterschiedlichen Frauen waren durch das Leid, das ihnen wiederfahren war, vereint. Die Shoah hatte ihnen Eltern, Geschwister und Kinder geraubt. Dennoch entschieden sie sich f├╝r ein Leben "Danach", lie├čen das "Trotzdem" die Oberhand gewinnen. Von allem bestohlen, fehlten ihnen stets auch materielle Erinnerungsst├╝cke. Traditionen und m├╝ndliche ├ťberlieferungen erhielten in der Welt der ├ťberlebenden einen enormen Stellenwert. Dem Essen, gerade zu den j├╝dischen Feiertagen, wird dabei eine ganz besondere Bedeutung beigemessen. Ruth Melcers Wunsch, die Rezepte ihrer Familie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und etwas Bleibendes zu schaffen, resultierte in der Zusammenstellung dieses Familienkochbuchs. Ellen Presser, die Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde M├╝nchen, unterst├╝tzte dieses Vorhaben nicht nur durch das Schreiben der Zwischentexte, sondern arbeitete auch an der Rezeptsammlung mit, indem sie einige Gerichte hinzuf├╝gte, die aus ihrer Familie ├╝berliefert worden sind.

Erinnerung an Hunger

Ruths Erinnerung an Essen beginnt mit dem Moment, als es so gut wie nichts mehr gab.
Die Nationalsozialisten hatten sie im Jahr 1943 zusammen mit ihrer Familie aus dem Ghetto ihrer polnischen Heimatsstadt Tomasz├│w Mazowiecki nach Blyzin, ein Au├čenlager des Konzentrations- und Vernichtungslagers Majdanek, verschleppt. Nur "Arbeitsf├Ąhige" wurden am Leben gelassen. Ruth war zu diesem Zeitpunkt acht Jahre alt. Weil ihre Mutter Hanna behauptete, ihre Tochter sei bereits zw├Âlf, wurde Ruth zur Zwangsarbeit verpflichtet. Nat├╝rlich war das kleine M├Ądchen nicht in der Lage, das t├Ąglich geforderte Pensum an N├Ąharbeit zu absolvieren. Ruths Mutter bot einer anderen Gefangenen einen Teil ihrer eigenen Lebensmittelration an, damit die Frau f├╝r Ruth mitn├Ąhte. Ihren j├╝ngeren Sohn Mirek konnte Hanna jedoch nicht sch├╝tzen. Der Sechsj├Ąhrige wurde ermordet, als die Nazis im Herbst 1943 Jagd auf die letzten verbliebenen Kinder von Blyzin machten. Das Lager wurde 1944 geschlossen und Ruth mit ihren Eltern und Tanten nach Auschwitz deportiert. Dort wurde die Familie getrennt, bis sie sich 1945, im Jahr der Befreiung, wieder fand.

Das Leben "Danach"

Ruths Eltern lie├čen sich in der Nachkriegszeit in M├╝nchen nieder, wo ihr Vater in der Textilbranche t├Ątig wurde. Sie selbst verbrachte einige Jahre ihrer Schulzeit in Israel, bis sie 1955 zur├╝ckkehrte, Jossi Melcer heiratete und Mutter dreier Kinder wurde. Ruths Beziehung zur Zubereitung von Mahlzeiten war anfangs keine einfache. Anders als ihre Mutter war sie keine "geborene K├Âchin", sondern interessierte sich zun├Ąchst mehr f├╝rs Gesch├Ąft ihres Vaters, das sie schlie├člich auch ganz ├╝bernahm. Die Liebe zum Kochen begann nur langsam zu wachsen. Das Gemeinschaftsgef├╝hl, das sich durch im Familien- und Freundeskreis eingenommene Mahlzeiten an einem sch├Ân gedeckten Tisch entfaltet, hatte sie bei ihren Eltern kennengelernt und wurde von Ruth schlussendlich auch mit viel Leidenschaft weiter kultiviert. Bis heute genie├čt Ruth Melcer diese Form der Esskultur.

Erinnerungen, in ein Kochbuch gegossen

Gefilte Fisch, Tscholent, Kreplach, Borschtsch, marinierter Hering... In Ruths Kochbuch sto├čen die LeserInnen auf viele Klassiker der osteurop├Ąischen j├╝dischen K├╝che. Ruth Melcer und Ellen Presser haben die Rezepte so, wie sie durch ihre Familien ├╝berliefert wurden, niedergeschrieben. Damit erhalten diese Gerichte jene individuelle Note, die f├╝r die j├╝dische K├╝che so typisch ist. Denn laut Ruth Melcer hat "jede K├Âchin ihren eigenen Kopf". Sie glaubt au├čerdem, dass gerade beim Kochen das Sprichwort "Wo zwei Juden sind, gibt es drei Meinungen, mindestens!" gilt. Einige typische ostj├╝dische Gerichte wie zum Beispiel Knishes und Kigel fehlen in der Zusammenstellung auch einfach deswegen, weil sie in den Familien Cukierman und Melcer nicht gerne gegessen wurden. Daf├╝r sto├čen die LeserInnen neben den j├╝dischen Gerichten auch auf Rezepte f├╝r Wiener Schnitzel, Gr├Âstl und Palatschinken, Klassiker der Umgebungskultur, die sich in der Familie gro├čer Beliebtheit erfreuten.

Kleine und gro├če Weisheiten

Ganz besonderen Reiz erh├Ąlt das Kochbuch durch den eingestreuten j├╝dischen Witz, der in Form von Anekdoten und Sprichw├Ârtern auf Jiddisch wiedergegeben wird. So erfahren kalorienbewusste LeserInnen z.B.: "Fin schmule lokschn hot men nit kajn brajten tuches", was so viel hei├čt, dass man von schmalen Nudeln kein breites Hinterteil bekommt. Ist mensch zu faul, den k├Âstlichen Pessach-Schokoladenkuchen zu backen, soll das Sprichwort "Wus men legt nijt arajn, nemt men nit arojs - Wenn man nicht investiert, kann man nicht profitieren" zu kulinarischen H├Âchstleistungen motivieren.

Ein Zitat von Ephraim Kishon, das auch in Ruths Kochbuch abgedruckt ist, trifft ebenfalls ins Schwarze: "Alles in der Welt kann dem Menschen genommen werden, nur das eine nicht: was er gegessen hat."

AVIVA-Tipp: In "Ruths Kochbuch" lebt die Esskultur einer Welt, die der Vernichtung preisgegeben wurde, wieder auf. Die Rezepte, in ihrer F├╝lle dargestellt, offenbaren die Vielfalt der Einfl├╝sse, die durch die Diaspora auf das osteurop├Ąische Judentum eingewirkt haben. Ruth Melcer steht mit der Ver├Âffentlichung ihrer pers├Ânlichen Rezeptsammlung daher in der Tradition der ├ťberlieferung und Bewahrung des Vergangenen, die f├╝r das Judentum - und sie pers├Ânlich - so gro├če Bedeutung erlangt hat.
Gekonnt spannen die Autorinnen den Bogen zwischen ber├╝hrender Familienchronik und praktischen Kochanleitungen. Der Mix aus einfachen Gerichten f├╝r den Alltag und etwas aufw├Ąndigeren f├╝r Feiertage wird mit vielen n├╝tzlichen Tipps und Tricks f├╝rs Gelingen angereichert. Damit gelingt es auch, das Vorurteil, j├╝dische Gerichte seien aufgrund der Speisegesetze nur m├╝hevoll zuzubereiten, zu widerlegen. Die wundersch├Ânen Illustrationen von Stephan Sch├Âll verleihen dem appetitanregenden Blick in Ruths Familienkochtopf den angemessenen optischen Glanz.

Zu den Autorinnen:

Ruth Melcer
wurde im Jahr 1935 als Ryta Cukierman in der polnischen Stadt Tomasz├│w Mazowiecki, 55 km s├╝d├Âstlich von Lodz gelegen, geboren. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten dort etwa 13.000 Juden. Nach der Besetzung durch deutsche Truppen im September 1939 wurde im Dezember 1940 ein Ghetto errichtet. 1943 wurden Ruth und ihre Familie zun├Ąchst in das Lager Blizyn, danach nach Auschwitz deportiert. Sie und ihre Eltern ├╝berlebten den Holocaust, ihr sechsj├Ąhriger Bruder wurde noch in Blizyn im Zuge einer der ber├╝chtigten "Kinderaktionen" im Jahr 1943 ermordet. Das Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946 gab f├╝r die verbleibende Familie endg├╝ltig den Ausschlag, Polen f├╝r immer zu verlassen. Nach einer Zwischenstation in Berlin lie├čen sich die Cukiermans in M├╝nchen nieder. Dort besuchte Ruth das j├╝dische Gymnasium. Als dieses im Jahr 1951 aufgel├Âst wurde, entschied sich Ruth daf├╝r, den Rest ihrer Schulzeit in Israel zu verbringen. Nach dem Abitur kehrte sie 1955 zur├╝ck, um eine Ausbildung als Chemielaborantin zu absolvieren. In M├╝nchen lernte sie den ebenfalls aus Polen stammenden Jossi Melcer kennen. Die beiden heirateten im Jahr 1959, zogen nach Augsburg und bekamen drei Kinder. Seit 1991 lebt Ruth Melcer wieder in M├╝nchen.

Ellen Presser, Jahrgang 1954, wurde in M├╝nchen geboren. Sie ist die Tochter polnisch-j├╝discher Displaced Persons und wuchs in einem traditionellen Elternhaus auf, weswegen sie sich in der MelcerÔÇśschen K├╝che sehr zuhause f├╝hlt. Sie hat Psychologie und Biologie studiert und ist seit 1983 Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde M├╝nchen. Ellen Presser liebt "Cartoons, Krimis und gute K├╝che, ohne selbst in einer stehen zu m├╝ssen".
Sie ist Mitherausgeberin von "Nur wenn ich lache"

Der Grafiker: Stephan Sch├Âll, Jahrgang 1971, lebt bis zu seinem sechsten Lebensjahr in Afrika, anschlie├čend in Deutschland, dann zog die Familie nach Papua-Neuguinea, wo sein Vater f├╝r den deutschen Entwicklungsdienst arbeitete. In Brisbane, Australien, machte er Abitur, in Sydney seinen Bachelor in Grafikdesign. Stephan Sch├Âlls Leidenschaft gilt der Gestaltung von Corporate Identities, Imagebrosch├╝ren, Papeterieartikeln und B├╝chern.

(Quelle: Verlagsinformationen)

Ruth Melcer, Ellen Presser
Ruths Kochbuch ÔÇô Die wunderbaren Rezepte meiner j├╝dischen Familie

Illustrationen und Gestaltung von Stephan Sch├Âll
Gerstenberg Verlag, erschienen im M├Ąrz 2015
160 Seiten, Flexcover mit Goldfolienpr├Ągung, durchgehend farbig
ISBN: 978-3-8369-2095-7
19,95 Euro
www.gerstenberg-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Israelisch kochen - Katrin Richter und Martin Krau├č. Internationale j├╝dische Festmahlzeiten - Miriam Magall. Gefillte Fisch und Lebensstrudel - Helene Maimann

J├╝dische Familienrezepte, erschienen in der Reihe J├╝dische Miniaturen, herausgegeben von Deborah und Hermann Simon

Oma & Bella. Ein Film von Alexa Karolinski

Kaschrut, ein Beitrag von Elisa Klapheck

Koscher und Co. - ├ťber Essen und Religion, herausgegeben von Michal Friedlander und Cilly Kugelmann

Heiliges Essen von Lea Fleischmann



Literatur Beitrag vom 06.04.2015 Romina Wiegemann 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken