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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 13.12.2015

Karen Kr├╝ger und Anna Esser - Bosporus reloaded. Die T├╝rkei im Umbruch
Helga Egetenmeier

Brisant nah an den aktuellen, auch geschlechterpolitisch unterlegten Spannungen in der t├╝rkischen Gesellschaft, pl├Ądieren die Autorinnen mit ihrem schwungvollen Feuilletonstil f├╝r mehr ...



...Demokratie. Dem Blick in die T├╝rkei, der Br├╝cke zwischen Okzident und Orient, stellen sie ihre Neugier auf die Auswirkungen der Demonstrationen um den Gezi-Park an die Seite.

Die Proteste um den Istanbuler Gezi-Park und den angrenzenden Taksim-Platz im Sommer 2013, durch die sich die junge t├╝rkische Generation zuerst gegen das Abholzen von B├Ąumen und nachfolgend gegen die Politik des regierenden Recep Tayyip Erdogan wehrten, bilden den Kern von Anna Essers und Karen Kr├╝gers Blick auf den Scheideweg, vor dem sie die T├╝rkei stehen sehen.

Die in Deutschland geborenen Autorinnen verbrachten ihre Jugend aus famili├Ąren Gr├╝nden in Istanbul. "Wir schauen mit deutschem Blick auf Dinge, die uns einerseits fremd, durch unsere Biographien aber auch sehr vertraut sind." So schreiben sie empathisch gegen Klischeevorstellungen an und machen gleichzeitig den vielf├Ąltigen Widerstand gegen die konservative t├╝rkische Regierungspolitik sichtbar. Ihr Bezugspunkt, die Welt- und Partystadt Istanbul mit ihren Freiheiten, wie Techno-Clubs, der Transvestiten-Szene und den M├Âglichkeiten, homosexuell und ehelos zu leben, zeigt auch die Ungewissheit, der sie nachsp├╝ren, denn sie ist gleichzeitig "einer der wichtigsten Rekrutierungsorte f├╝r den IS."

Zwischen personifizierten Anbindungen und erg├Ąnzendem Hintergrundwissen wechselnd, nehmen sie sich die gro├čen Themen Bildung und Milit├Ąr, Medien und Zensur, Kultur, Politik und Religion vor. In vierzehn Kapiteln begleiten sie dabei die aktuelle Protestkultur und verweisen auch auf die seit vielen Jahren vorhandenen progressiven Diskurse und K├Ąmpfe.

Anhand eines kurzen Dialogs zweier Frauen in einem hippen Istanbuler Caf├ę ├╝ber den Dauerbrenner Kopftuch, vermitteln die Autorinnen pr├Ągnant deren pers├Ânlichen Konflikt bei ihrer Suche nach Freiheit und Individualit├Ąt. Die patriarchal ausgerichtete Politik interessiert sich dabei nicht f├╝r die Bed├╝rfnisse der Frauen, sondern vereinnahmt deren K├Ârper und kaschiert damit ihre r├╝cksichtslosen Machtk├Ąmpfe. Mit dem Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter entstanden in der T├╝rkei viele Frauenorganisationen, wie die 1997 gegr├╝ndete und im Jahr 2015 mit dem Anne-Klein-Preis ausgezeichnete Organisation KAMER (Kadin Merkezi / Frauenzentrum), die in einer Studie f├╝r das Jahr 2014 landesweit von 260 Morden an Frauen durch Ehem├Ąnner oder m├Ąnnliche Verwandte berichtet.

Die 1923 gegr├╝ndete Republik T├╝rkei mit ihrem ersten Pr├Ąsidenten Atat├╝rk f├╝hrte offiziell die strikte Trennung zwischen Staat und Religion ein. Erdogan (2003 - 2014 Ministerpr├Ąsident, seit 2014 Staatspr├Ąsident) und seine AKP bem├╝hen sich in den letzten Jahren vermehrt, ihre Politik mit ihrem konservativen Islamverst├Ąndnis zusammen zu bringen. Das europ├Ąische Ausland erreichen meist nur die Zensurk├Ąmpfe der einigen wenigen kritisch dazu berichtenden t├╝rkischen Medien und die Verhaftung von JournalistInnen. Die Autorinnen geben in mehreren Artikeln immer wieder einen genaueren Einblick in diese Verkn├╝pfungen zwischen Medienmacht, Gesetzgebung und Religion.

Dem angenehm plakativ-leichten Feuilletonstil ist es m├Âglicherweise geschuldet, dass, obwohl die Autorinnen die Situation der Frau in der t├╝rkischen Gesellschaft immer kritisch im Blick behalten, keine weibliche Schreibweise den Weg ins Buch fand. Eventuell war dies auch ein Ausschlusskriterium gegen ein Verzeichnis von weiterf├╝hrenden Links und Literaturhinweisen, was bei der Viezahl von Informationen und Bez├╝gen bedauerlich ist.

AVIVA-Tipp: Neben der politischen Analyse zieht sich der geschlechterbewusste Blick der Autorinnen wie selbstverst├Ąndlich durch ihre gehaltvollen und dennoch leichtg├Ąngigen Betrachtungen der t├╝rkischen Gesellschaft. Dabei geben sie den strukturierenden Genderzuweisungen die aktive Bedeutung, die in den meisten Betrachtungen von nationalstaatlichen Konstrukten fehlt - nicht minder spannend ist der Blickwinkel der Autorinnen f├╝r die deutsche und europ├Ąische Politik.

Zu den Autorinnnen:
Anna Esser
, geboren 1977 besuchte zuerst das Gymnasium in Bingen am Rhein, wechselte 1988 an die Deutsche Schule in Istanbul an der ihr Vater unterrichtete, und machte dort 1996 das Abitur. In Berlin und Bielefeld studierte sie Sozialwissenschaften und Deutsch als Fremdsprache, war in Chile, Kolumbien und Spanien, und ging 2008 zur├╝ck nach Istanbul. Dort arbeitete sie als Deutschlehrerin f├╝r den DAAD, sowie an der Marmara-Universit├Ąt und der K├╝lt├╝r-Universit├Ąt und ist seit 2008 beim Goethe-Institut Istanbul zuerst als Deutschlehrerin, heute in der Kulturabteilung.

Karen Kr├╝ger, geboren 1975 in Marburg, zog mit 14 Jahren mit ihren Eltern nach Istanbul, machte dort ihr Abitur und studierte dann Geschichtswissenschaften, Soziologie und Romanistik in Bielefeld, Berlin und Bordeaux. L├Ąngere Forschungsaufenthalte verbrachte sie in Afrika, ver├Âffentlichte drei Artikel (u.a. "Die Vergewaltigung von Tutsi-Frauen im ruandischen Genozid 1994" in Feministische Studien 22/2004) ├╝ber den ruandischen Genozid und war Mitarbeiterin an der Humboldt-Universit├Ąt in einem Projekt zu Afrikas Geschichte und Gegenwart. Als freie Journalistin schrieb sie f├╝r verschiedene Zeitungen und ab 2008 als Redakteurin im Feuilleton und Reiseblatt der FAZ. Im Rahmen des deutsch-t├╝rkischen Johannes Rau-Journalistenprogramms war sie 2009 zwei Monate Stipendiatin bei der t├╝rkischen Tageszeitung "Radikal" in Istanbul und ist seit 2012 bei der Feuilleton-Redaktion der FAS/Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.

Karen Kr├╝ger, Anna Esser
Bosporus reloaded. Die T├╝rkei im Umbruch

Aufbau Verlag, erschienen Oktober 2015
Klappenbroschur, 335 Seiten
ISBN-13: 978 3351036225
16,95 Euro
www.aufbau-verlag.de

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Literatur Beitrag vom 13.12.2015 Helga Egetenmeier 





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