Elizabeth Kolbert - Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im November 2020 - Beitrag vom 15.05.2016


Elizabeth Kolbert - Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt
Bärbel Gerdes

Eisbären, Elefanten, Großer Panda, die Kegelrobbe, Menschenaffen, Nashörner, Tiger, Löwen ... dies sind nur einige der Säugetiere, die gegenwärtig vom Aussterben bedroht sind. Laut WWF gelten zurzeit 22.413 Arten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) als gefährdet.




Gegenwärtig gibt es etwa 5500 Säugetierarten auf der Welt. Würde die natürliche Aussterberate zugrunde gelegt, würde etwa alle 700 Jahre eine Spezies verschwinden. Dies wird Hintergrundaussterben genannt: seltener als neue Spezies entsteht, stirbt eine Art aus.
Jedes Jahr aber sterben mehrere tausend Arten aus: Insekten, Amphibien, Säugetiere, Vögel, Fische, aber auch Hunderte von Pflanzenarten.
Darauf aufmerksam werden wir dann, wenn Zeitungen die Fotos verendeter Tiere zeigen oder wenn, wie Ende April 2016 in Kenia geschehen, die Regierung tonnenweise Elfenbein öffentlich verbrennt, um ein Zeichen gegen Elefanten- und Rhinozeroswilderei zu setzen. Betrug der Bestand der Elefanten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch mehrere Millionen, so ist er jetzt auf gerade einmal eine halbe Million zurückgegangen.

Amphibien gehören zu den Überlebenskünstlerinnen auf der Erde. Bereits vor 400 Millionen Jahren krochen die Vorfahren unserer Frösche aus dem Wasser. Etwa alle tausend Jahre stirbt eine Amphibienart aus, so dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass ein Mensch Zeugin dieses Ereignisses wird. Heutige Amphibienforscher_innen aber wurden bereits Zeug_innen des Aussterbens mehrerer Amphibienarten.

Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert hat sich in ihrem preisgekrönten Buch Das 6. Sterben mit diesem Massenphänomen auseinandergesetzt. In der Geschichte gab es bislang fünf solcher Ereignisse, wobei das letzte 65 Millionen Jahre zurückliegt. Ein Asteroid war auf der Erde eingeschlagen, worauf das Aussterben der Dinosaurier folgte.

Das sechste große Massenaussterben aber findet gegenwärtig statt und ist vom Menschen gemacht. Umweltverschmutzung und die daraus resultierende Klimaveränderung, der Verlust des Lebensraumes, Verdrängung heimischer Arten durch eingeschleppte Arten und weitere direkte Eingriffe des Menschen sorgen dafür, dass "signifikante Anteil[e] der Lebewesen auf der Welt in einem geologisch unbedeutenden Zeitraum" eliminiert werden.

Im ersten Teil des Buches stellt Kolbert die spannende Geschichte der Entdeckung von Aussterbephänomen dar. Zu unvorstellbar war es, dass Arten tatsächlich verschwinden könnten, noch unvorstellbarer, dass Menschen die Ursache dafür sein könnten. Dabei haben bereits Seemänner im 19. Jahrhundert den Riesenalk auf den Inseln des Nordatlantiks ausgerottet.

Im zweiten Teil widmet sich Kolbert, die früher für die New York Times arbeitete und heute Redakteurin des New Yorker ist, der Gegenwart, und die ist vernichtend. Das Korallensterben aufgrund der Versauerung der Meere, die wiederum das Ergebnis des massiven Ausstoßes von Kohlendioxid ist, ist nur eines der drastischen Beispiele für den Eingriff des Menschen in die Natur. Es gibt kaum noch naturbelassene Gebiete auf der Welt, denn die Globalisierung zahlt ihren Tribut unter anderem durch das Einschleppen fremder Arten, die die heimische Flora und Fauna zerstören.

Das alles liest sich spannend wie ein Krimi und wohlverdient ist der Pulitzerpreis, den die Autorin für dieses Werk erhalten hat. Es liest sich aber auch äußerst resignierend. Sehr deutlich wird, dass nur ein radikaler, also ein an der Wurzel anpackender Wandel sowohl ökologischer, aber auch ökonomischer Faktoren noch irgendeine Veränderung bringen könnte.
Der niederländische Meteorologe Paul Crutzen schlug im Jahre 2000 vor den jetzigen Zeitabschnitt der Erdgeschichte nicht länger als Holozän, sondern als Anthropozän zu bezeichnen. Das kommt aus dem Altgriechischen: "Das menschlich gemachte Neue."

AVIVA-Tipp: Das 6. Sterben zeigt drastisch, ohne populistisch zu sein, wie sehr der Mensch die Umwelt vernichtet – eines der wichtigsten Bücher zu diesem Thema.

Zur Autorin: Elizabeth Kolbert 1961 in New York City geboren, studierte Literatur an der Yale University und in Hamburg. Von dort aus leistete sie Zuarbeit für Artikel der New York Times und wurde dort 1992 politische Reporterin. Zudem arbeitete sie für das Times Magazine. Seit 1999 arbeitet sie als Redakteurin des New Yorker. 2006 erschien ihr Buch "The Climate of Man", das von der Erderwärmung handelt. Das 6. Sterben wurde 2015 als "Wissensbuch des Jahres", sowie mit dem Los Angeles Times Book Prize in der Kategorie "Science and Technology" ausgezeichnet, war Bestseller der New York Times und wurde 2015 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Die jüdisch-amerikanische Schriftstellerin veröffentlicht auch im Jewish Currents. Lesenswert ist hier auch ihr Beitrag "The Last Trial" über Oskar Gröning, den letzten Buchalter in Auschwitz, erschienen im Februar 2016 im New Yorker.
Mehr Infos zu Elizabeth Kolbert unter: elizabethkolbert.com, www.newyorker.com und jewishcurrents.org

Zur Übersetzerin: Ulrike Bischoff übersetzt aus dem Englischen (u.a. "Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt" von Elizabeth Kolbert sowie aus dem Französischen (u.a. "Steueroasen - Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird" von Gabriel Zucman) und ist auch als Dolmetscherin tätig.

Elizabeth Kolbert
Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt

Originaltitel: The Sixth Extintion. An Unnatural History
Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff
Suhrkamp Verlag, erschienen am 31.3.2015
Gebunden, 312 S.; auch als E-Book erhältlich
ISBN 978-3-518-42481-0
24.95 Euro

Elizabeth Kolbert
Das 6. Sterben. Wie der Mensch Naturgeschichte schreibt

Gepl. Erscheinen: 11.07.2016
suhrkamp taschenbuch 4687
Broschur, 300 Seiten
ISBN: 978-3-518-46687-2
12.00 Euro

Mehr Infos zum Buch und zur Autorin unter:

www.suhrkamp.de

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Literatur

Beitrag vom 15.05.2016

Bärbel Gerdes 






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