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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 18.08.2016

Jonas Engelmann - Wurzellose Kosmopoliten. Von Luftmenschen, Golems und j├╝discher Popkultur
Romina Wiegemann

Jonas Engelmanns Interesse gilt der Verarbeitung von existentiellen Verfolgungserfahrungen und diskriminierenden Zuschreibungen als Konstanten der j├╝dischen Kulturgeschichte. Entlang geographischer und k├╝nstlerischer Fluchtlinien...



... versammelt er in seiner schmalen Publikation ein breites, generations├╝bergreifendes Spektrum j├╝discher Pers├Ânlichkeiten, die bei aller Unterschiedlichkeit ihres Schaffens in Musik, Literatur und Malerei einen essentiellen Aspekt sicherlich teilen: das Ringen mit einer Identit├Ąt, bei der es oft um die Frage von Leben und Tod gegangen ist.

Dachau, Disney, Disco

"Yeah, I┬┤ve got Jewish damage. What the hell do you expect? Thirteen years of Hebrew school and all the slides that they project". singt Susan Gottlieb aka Phranc in ihrem Song "Take off the Swastikas" und unterstreicht damit die Funktion des in den 1970ern Jahren begr├╝ndeten US-Punks, den Jonas Engelmann als zentrales Element der j├╝dischen Popul├Ąrkultur einer Betrachtung unterzieht. Seine Begr├╝nder_Innen sind J├╝dinnen und Juden, deren famili├Ąre Fluchterfahrungen und die Anwesenheit von Holocaust├╝berlebenden h├Ąufig Bestandteil ihres Erlebens als Kinder und Jugendliche. Angesichts der Allgegenwart des Schreckens konnte die Flower-Power-Musik der Hippies und die darin enthaltene R├╝ckbesinnung auf Natur und Romantik auf sie nur wenig Anziehungskraft aus├╝ben. Der Punk dagegen bietet den Raum, sich musikalisch und textlich vehementer mit verschiedenen Formen identit├Ąrer und antisemitischer Zuschreibungen auseinander zu setzen. Es geht dabei um die Abwehr von Projektionen, die ihre Subjekte wie ein starres Korsett umgeben. Die j├╝dischen Punk-MusikerInnen lehnen eine in Ritualen leer gelaufene Erinnerungskultur ab, z.B. auch, indem sie provozierend und ironisierend Symbole und Gesten der Nazis ├╝bernehmen.

Luftschiffe und Fluchtschiffe

Dem persistierenden Sinnbild der J├╝dinnen und Juden als "Luftmenschen" geht Engelmann genauer auf den Grund. Er beleuchtet die Entwicklung einer Selbstbeschreibung, entstanden aus ├Âkonomischem Elend und gesellschaftlicher Marginalisierung in Osteuropa lange vor der Shoah, zu einem antisemitischen Vorwurf, der dem j├╝dischen Volk seine "Land- und Bandlosigkeit" als eigenes Verschulden vorh├Ąlt. W├Ąhrend das Vorurteil der "wurzellosen Kosmopoliten" (Stalin) nur die primitive Funktion des S├Ąens und Verst├Ąrkens von Judenhass hat, ist der Luftmensch innerhalb der j├╝dischen Kunst facettenreich. Das Aufsteigen vom Boden, das Entfliehen aus der Ausweglosigkeit ist dabei eine wiederkehrende Utopie, angefangen bei Kafkas schwebenden Hunden ├╝ber Chagalls fliegende Schtetl-Juden, bis hin zu "Kal-El" Superman, der dar├╝ber hinaus noch ├╝ber Golem-Qualit├Ąten verf├╝gt. Viele j├╝dische K├╝nstler variieren dieses Motiv und befassen sich mit Gegenentw├╝rfen, die eine "Verwurzelung in der Ortlosigkeit" (Georges Perec) beinhalten. Andere, wie z. B. Theodor Herzl, bauen Fluchtschiffe gen Pal├Ąstina, bis das Bild des Luftmenschen durch die Verkn├╝pfung mit der Shoah einen grauenhaften Realit├Ątsbezug bekommt, die Luft zur Grabst├Ątte wird, wie es Paul Celan in der "Todesfuge" beschreibt.

Kn├╝ppel und Baseballschl├Ąger

Motive des kabbalistischen Golems, des K├Ârpers ohne Seele, welcher in verschiedenen Mythen dem Schutz des j├╝dischen Volkes dient, tauchen bei Superhelden amerikanischer Comiczeichner mit j├╝dischem Background (z.B. Superman, Protagonisten in Marvel-Comics) auf und stehen dem antisemitisch gepr├Ągten Stereotyp des wehrlosen, passiven Schtetl-Juden entgegen. In dieses Kapitel der Selbsterm├Ąchtigung geh├Âren auch j├╝dische Gangster ÔÇô literarische und reale wie Babels Benja Krik bzw. Meyer Lansky und Benjamin "Bugsy" Siegel, die zur sogenannten Kosher Nostra, der j├╝dischen Mafiaorganisation, geh├Ârten. Schlie├člich finden Hy Burstein und Kinky Friedman als j├╝dische Cowboys Erw├Ąhnung. Sie alle teilen die von Engelmann zitierte Einsch├Ątzung von Isaac David, einer Filmfigur aus "Manhattan" und von Woody Allen verk├Ârpert. Er l├Ąsst ├╝ber eine Nazi-Demo in New York verlauten: "Ja, eine Satire in der Times ist gut, aber Kn├╝ppel und Baseballschl├Ąger sind eindeutig besser."

AVIVA-Tipp: In "Wurzellose Kosmopoliten. Von Luftmenschen, Golems und j├╝discher Popkultur" werden archetypische Erscheinungen der j├╝dischen Kunst sowohl in der sogenannten Hochkultur als auch der Popul├Ąrkultur klar herausgearbeitet. Obwohl manches davon schon verstreut zu lesen oder vage zu vermuten war, so ist es das Verdienst des B├Ąndchens, diese universalen Str├Ąnge straff geb├╝ndelt zu haben. Das besonders starke Kapitel ├╝ber den amerikanischen Punk gew├Ąhrt die ├╝berraschende Einsicht, dass die Nachwirkungen der Shoah viele seiner j├╝dischen ProtagonistInnen umtrieben und ihre Musik, die Texte, Gesten und Symbole pr├Ągten. Wo oberfl├Ąchliche KonsumentInnen vielleicht nur eine rotzige Attit├╝de gegen Gott und die Welt wahrnehmen (mit einigem Recht eigentlich, denn der Punk wollte Distanz schaffen und lehnte es ab, gelehrt analysiert zu werden) erkennen die LeserInnen mit Jonas Engelmann, dass die Verweigerung der konventionellen Kommunikation, der Bruch mit der Kultur, teils hochpolitische Gr├╝nde hatte: Widerstand gegen das "Weiter so" in einer postapokalyptischen Welt. Das Buch enth├Ąlt zahllose Anregungen zum Weiterlesen und -h├Âren, strukturiert durch eine Diskographie, eine Auflistung von Literaturstellen und ein Personenverzeichnis am Ende. Bei einschl├Ągigem Interesse eignet sich der Band vielleicht gerade aufgrund seiner Knappheit als Begleiter f├╝r viele Jahre.

Zum Autor: Jonas Engelmann, geboren 1978, ist Schriftsteller und Verleger. Er studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und promovierte zu selbstreflexiven Comics. Seine Abschlussarbeit wurde 2012 mit dem Roland-Faelske-Preis ausgezeichnet. Als freier Journalist schreibt er u.a. zu Filmen, Musik, Literatur, Feminismus und j├╝discher Identit├Ąt. Zu j├╝discher Subkultur gab er 2012 den Sammelband "We are ugly but we have the music" heraus. Auch sein neues Buch "Wurzellose Kosmopoliten" (2016) handelt von j├╝discher Popkultur. Ebenfalls in 2016 gab er gemeinsam mit Fiona Sara Schmidt und Torsten Nagel und Jonas Engelmann den Sammelband "Play Gender. Linke Praxis - Feminismus ÔÇô Kulturarbeit" heraus.

Jonas Engelmann
Wurzellose Kosmopoliten. Von Luftmenschen, Golems und j├╝discher Popkultur

Testcard im Ventil Verlag, erschienen im M├Ąrz 2016
125 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-95575-050-3
12 Euro
www.ventil-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

We are ugly but we have the music - herausgegeben von Jonas Engelmann, Hans-Peter Fr├╝hauf, Werner Nell und Peter Waldmann
Die Herausgeber und AutorInnen dieses ungew├Âhnlichen Buches begeben sich auf die Suche nach den Spuren j├╝discher Erfahrungen und Identit├Ąten in der Subkultur, vor allem in der Punkmusikbewegung. (2013)

Die Heebie-Jeebies im CBGBs ÔÇô Die j├╝dischen Wurzeln des Punk
Steven Lee Beeber untersucht die amerikanische Punkgeschichte mit Blick auf deren j├╝dische Wurzeln. Dabei stellt er fest, dass diese Musik das Gef├╝hl der ganzen Post-Holocaust-Generation ausdr├╝ckt. (2008)







Literatur Beitrag vom 18.08.2016 Romina Wiegemann 





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