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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.02.2017

Fatma Aydemir ÔÇô Ellbogen
Hannah Hanemann

Der Deb├╝troman der deutsch-t├╝rkischen Autorin und Redakteurin Fatma Aydemir dreht sich um die Themen Migration und Integration, Selbst - und Fremdbestimmung, strukturelle und physische ÔÇŽ



... Gewalt. Nach der Lekt├╝re schwirrt der Leserin der Kopf. Ein Buch, das provoziert und polarisiert.

Fatma Aydemirs Deb├╝t f├╝hlt sich an wie sein Titel - wie ein Ellbogen, der einer zwischen die Rippen gerammt wird. Der siebzehnj├Ąhrigen Protagonistin ihres Romans, Hazal Akg├╝nd├╝z, geht es laut eigener Aussage bereits ihr ganzes Leben so. Aufgewachsen im Berliner Stadtteil Wedding, f├╝hlt sie sich dem Land und der Gesellschaft in der sie lebt, kein bisschen zugeh├Ârig. Sie pendelt zwischen ihrer konservativen Familie und ziellosem Zeitvertreib mit ihren Freundinnen, die ebenso zwischen den Kulturen h├Ąngen wie sie.
Ihr Leben verl├Ąuft in relativ ereignislosen Bahnen, bis Hazal und ihre Freundinnen an ihrem achtzehnten Geburtstag zu einem fatalen Befreiungsschlag ausholen, der nicht nur ihre eigenen Leben aus dem Ruder laufen l├Ąsst.

Hazals Wut

Sprachlich orientiert sich "Ellbogen" an Hazals eigener Ausdrucksweise, da die Geschichte aus ihrer Perspektive erz├Ąhlt wird. Die Dialoge sind umgangssprachlich, die Umschreibungen der Ereignisse ├╝berwiegend knapp und emotionslos gehalten.
W├Ąhrend Hazal von ihrem Leben erz├Ąhlt, von den Problemen mit ihrer Familie, von ihrer verhassten Arbeit in der B├Ąckerei einer Verwandten, und womit sie und ihre Freundinnen sich die Zeit vertreiben, wird immer deutlicher, wie w├╝tend sie ist. Dabei bleibt die Frage, wer oder was der Ausl├Âser f├╝r diese Wut ist. F├╝r Hazal sind es ganz klar "die Anderen" - dass sie kein Abitur hat, ziellos durchs Leben geht und ungl├╝cklich ist, liegt f├╝r sie einzig und allein an ihrer gesellschaftlichen Disposition.
So projiziert sie ihre Aggression nach Au├čen und f├╝hlt sich von allen Seiten angegriffen und abgelehnt.

Vorhersehbare Eskalation

So scheint es unausweichlich, dass die recht stereotype Erz├Ąhlung einer siebzehnj├Ąhrigen Migrantin im Wedding in einer Eskalation m├╝nden muss.
Betrunken und frustriert von einem Club kommend, begegnen Hazal und ihre Freundinnen einem ebenfalls betrunkenen Studenten, der sie verbal bel├Ąstigt.
Dass die M├Ądchen sich gegen diese Bel├Ąstigung wehren, freut die Leserin nur einen Moment lang - denn im n├Ąchsten eskaliert die Situation in ├╝berzogene, drastische und brutale Gewalt. Am Ende der Auseinandersetzung ist der Student tot - und Hazal, als diejenige die ihm den finalen Sto├č auf die U-Bahngleise verpasst hat, auf der Flucht nach Istanbul.

Die Wut der Leserin

"Ellbogen" macht traurig, aber auch w├╝tend. W├╝tend auf viele Dinge, die angesprochen werden, w├╝tend auf Gesellschaft und Politik, aber auch w├╝tend auf Hazal, die mit ihrer eigenen Wut ihr unentschuldbares Verbrechen rechtfertigt.

"Hallo? Menschenrechte?" fragt Hazel auf das Verbot ihrer Mutter, an ihrem Geburtstag auszugehen. "Ich schei├č auf deine Menschenrechte" antwortet ihre Mutter. "Jetzt steh auf und hol mir einen Cay."
Hazals Kampf um Selbstbestimmung unter Erw├Ąhnung der Menschenrechte wirkt paradox, wenn frau sp├Ąter erf├Ąhrt, wie mitleidlos und brutal sie selber mit den Rechten anderer umgeht.

"Gewalt produziert Gewalt" meint die Autorin Fatma Aydemir in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur. Die Gewalt, der Hazal ausgesetzt ist, ist ├╝berwiegend struktureller Natur. Es sind weniger konkrete Einzelerfahrungen, die ihre Wut sch├╝ren, als vielmehr ein generelles Gef├╝hl, ausgeschlossen und zur├╝ck gewiesen zu werden. Dass Hazals Antwort ein derartiger Ausbruch roher physischer Gewalt ist, schockiert dennoch.
Nach der Lekt├╝re des Romans, die eine mit einem flauen Gef├╝hl im Magen zur├╝ck l├Ąsst, hat die Leserin zudem das Gef├╝hl: Wut produziert Wut.

AVIVA-Fazit: Fatma Aydemirs Roman "Ellbogen" bleibt der Leserin im Ged├Ąchtnis, wenn auch eher wegen seines beklemmenden Inhalts als wegen der Qualit├Ąt seiner Sprache. Die angesprochenen Fragen und Themen bieten jedoch reichlich Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.

Zur Autorin: Fatma Aydemir wurde 1986 in Karlsruhe geboren. 2007 bis 2012 studierte sie Germanistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2012 lebt sie in Berlin und ist Redakteurin bei der taz. Als freie Autorin schreibt sie daneben f├╝r zahlreiche Zeitschriften, unter anderem Spex und das Missy Magazine. 2015 war sie als "Grenzg├Ąnger-Stipendiatin" des Literarischen Colloquium Berlin und der Robert-Bosch-Stiftung in Istanbul. 2017 erschien ihr Deb├╝troman "Ellbogen". Die Recherche f├╝r den Roman wurde gef├Ârdert durch die Robert Bosch Stiftung. "Ellbogen" ist nominiert f├╝r den Deb├╝t-Preis der lit.COLOGNE 2017.
Mehr Infos unter: www.taz.de

Fatma Aydemir
Ellbogen

Hanser Verlag, erschienen 30.01.2017
272 Seiten, Fester Einband
20,00 Euro
ISBN 978-3-446-25441-1
www.hanser-literaturverlage.de

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Literatur Beitrag vom 03.02.2017 AVIVA-Redaktion 





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