Melda Akbas - So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 06.07.2010


Melda Akbas - So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock
Undine Zimmer

SchülersprecherIn zu werden, birgt keine Karrierechancen? Weit gefehlt! Die Abiturientin Melda Akbas erzählt in ihrem Buch, was eine Deutsch-Türkin zwischen deutschem Schulalltag und türkischem...




... Familienleben beschäftigt, und dass sie früh lernen musste, ihren Platz zwischen den Stühlen zu finden.

Kulturen sind manchmal wie Räume

Der postkoloniale Identitätsforscher Homi Bhabha hat die Situation, in der Melda sich befindet, als den "Dritten Raum" bezeichnet und meint damit die selektive Aneignung bestimmter Fähigkeiten und Sichtweisen aus unterschiedlichen kulturellen Räumen, aus der etwas Neues entsteht. Anschaulich beschreibt Melda, wie in ihrem Leben zwei kulturelle Identitäten miteinander verhandeln und sich ständig in die Quere kommen. Um sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen, setzt Melda ihre eigenen Maßstäbe. Zum Beispiel dann, wenn sie gerne spät nach Hause kommt und gerne in Bars geht. Das klingt dann so: "Muslime dürfen eigentlich keinen Alkohol trinken. Eine böse Sünde. Man verunreinigt den Körper und verliert die Kontrolle über sich. Weiß ich alles. Doch was soll man sonst in einer Bar anstellen?"

Was ist denn eigentlich ´türkisch´?

Melda verstößt mit Handlungen, die sie als ihre Freiheiten versteht, gleichzeitig gegen einen anderen Teil ihrer Identität: Sie ist Muslimin, sie ist Tochter eines türkischen Einwandererpaares, sie ist eine engagierte Schülerin und sie ist jung und lebensfroh. Das bedeutet, dass sich Melda nicht nur in ständiger Verhandlung mit ihrer Umwelt, sondern auch mit sich selbst befindet. Von ihrer deutschen Umwelt wird sie als Türkin wahrgenommen, dazu gehören auch Diskriminierungserfahrungen auf dem Spielplatz oder auf dem Amt. Aber auch in türkischen Kontexten findet sie sich mitunter in einer Außenseiterposition und stößt auf Kommunikationsschwierigkeiten in der Schule, in der Moschee oder auf der Straße. Melda weigert sich bewusst eine Identität zu wählen. Sie bleibt beides, Türkin und Deutsche, das Ergebnis dieser Mischung ist sie selbst: Melda Akbas. Dabei gibt sie uns zu verstehen, dass es schon lange gar nicht mehr möglich ist, klare Zuordnungskriterien für eine der beiden Seiten aufzustellen.

Wer wagt, gewinnt

Zum Glück hat Melda Mut und Verstand. Sie hat erkannt, dass ihr nur die Freiheiten zugestanden werden, die sie sich nimmt. Das heißt aber auch, dass sie für jede ihrer Freiheiten ein Risiko eingeht: Von ihrer eigenen Familie ausgeschlossen zu werden. Diesen Druck verspürt sie besonders stark, als sie von einer Agentur das Angebot bekommt, ihre Biographie zu verfassen. Ihr Leben in einem Buch zu beschreiben, das jeder - auch ihre Eltern - lesen kann, bedeutet, dass sie alle ihre Tricks verrät (Minirock wird in der Tasche aus dem Haus geschmuggelt und erst vor der Party angelegt) und ihre Geheimnisse (Melda hat schon einen Jungen geküsst, trinkt Alkohol und hat heimlich mit Hilfe ihres Bruders eine rauschende Geburtstagsparty gefeiert) aufdeckt.

Wir, die opäische/ europäisch-sozialisierten LeserInnen sind natürlich stolz auf Melda. Sie reflektiert ihre Handlungen und ist eine optimistische, lernfreudige, engagierte junge Frau und könnte für jede/n SchülerIn als Musterbeispiel gelten. Viele Konflikte, die sie täglich verhandeln muss, scheinen wie geglückte Streiche, die im Grunde genommen harmlos sind. Wer genau liest, erkennt jedoch, dass dieses Versteckspiel auch seinen Preis hat: Körperlich kommt unsere Heldin nämlich an ihre Grenzen. Nervenzusammenbrüche und Burn-out Syndrome sind Phänomene, von denen 18-jährige SchülerInnen verschont beleiben sollten. Melda ist sicherlich nicht die einzige SchülerIn, die damit zu kämpfen hatte.

Locker versucht Melda in Interviews zu überspielen, dass ihr Vater sich seit Erscheinen des Buches nicht dazu geäußert hat. Der größte Erfolg des Buches ist sicherlich ihr persönlicher: Sie ist sich treu und die Tochter ihrer Eltern geblieben. Mit "So wie ich will" richtet Melda ihre Botschaft vor allem an die Deutsch-TürkInnen ihrer eigenen Generation: Wenn ich dieses Risiko eingegangen bin, dann könnt ihr das auch. In Meldas Worten heißt es: "(...) und Liebe fängt lange vor der Hochzeit an, das ist nun mal so."


AVIVA-Tipp: Unterhaltsam, anschaulich und mit einer gehörigen Portion pragmatischer Selbstironie beschreibt Melda Akbas, wie sie in ihrem Alltag ihre Familie, ihre Träume und die Schule unter einen Hut bringt. In ihrer ganz persönlichen Geschichte spricht sie viele Themen und Probleme an, die nicht nur für Jugendliche mit Migrationshintergrund in Berlin relevant sein dürften. "So wie ich will" lässt ahnen, dass Berliner PolitikerInnen den Dialog mit den jungen Menschen Berlins in den sogenannten "Problembezirken" umso mehr suchen sollten. Denn auch wenn Melda bewusst ist, dass sie eine Ausnahme ist - vielleicht gibt es ja noch mehr "Meldas" zu entdecken. Ihnen sollte frau/man aufmerksam zuhören.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lesen Sie auch unser Interview mit Melda Akbas.

Melda Akbas
So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock

C. Bertelsmann, erschienen Mai 2010
Broschiert, 172 Seiten
ISBN: 978-3-570-10043-1
14,95 Euro

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Literatur

Beitrag vom 06.07.2010

Undine Zimmer 






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