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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.05.2017

Angelika Grubner - Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus. Eine Streitschrift
Hannah Hanemann

Die österreichische Psychotherapeutin nimmt ihr eigenes Berufsfeld kritisch unter die Lupe und betont in einer ernĂŒchternden Analyse den Einfluss neoliberaler Strukturen auf die moderne Psychotherapie. Ein komplexes, konsequentes und kritisches Buch fĂŒr Philosophie-affine Leser*innen und Psychotherapeut*innen.



"Das psychologische Jahrhundert ist vorbei" singt Kabarettist und Liedermacher Rainald Grebe in seinem gleichnamigen StĂŒck durchaus ironisch. Dass das psychologische Jahrhundert mitnichten vorbei ist, ist eine der zentralen PrĂ€missen in Angelika Grubners Abhandlung ĂŒber die Verflechtung von Neoliberalismus und Psychotherapie, die sie offensiv mit "Eine Streitschrift" untertitelt hat.
Denn die Psychologisierung des Individuums sei, so Angelika Grubner, nicht nur allseits prÀsent, sondern zudem Produkt und Werkzeug des neoliberalen Systems.
Diese These begrĂŒndet die Autorin sehr grĂŒndlich und nachvollziehbar in fĂŒnf Kapiteln, in denen sie ihre Definition des Neoliberalismus als nicht bloß ökonomisches, sondern ideelles PhĂ€nomen erklĂ€rt, Michel Foucaults Theorien der Macht darlegt, auf die sich ihre Überlegungen stĂŒtzen, und schließlich Kritikpunkte und VerbesserungsvorschlĂ€ge bezĂŒglich der modernen Psychotherapie vorstellt.

"Mach doch mal eine Therapie"

In ihrem Buch beschreibt Angelika Grubner ein zirkulÀres MachtverhÀltnis zwischen neoliberaler Ideologie und Psychotherapie. Letztere werde von ersterer beeinflusst und geformt, um dann die Ideologien der ersten zu stÀrken und zu reproduzieren.
"Jede ist ihres GlĂŒckes Schmiedin" - so der Schlachtruf einer Gesellschaft, in der die Ursachen fĂŒr Leid, Unzufriedenheit und Versagen grundsĂ€tzlich beim Individuum gesucht werden. In diese Kerbe schlĂ€gt laut Grubner die Psychotherapie, in deren Verlauf die Patientin lernt, sich im neoliberalen System besser zu behaupten und sich in Folge dessen besser in es einzugliedern, besser in ihm zu "funktionieren". Körper und Psyche werden als Maschine begriffen, deren Pflege vor allem eine grĂ¶ĂŸere Effizienz und Leistungssteigerung zum Ziel hat. Grubner verweist hier unter anderem auf die Wiederspiegelung dieser MentalitĂ€t in der Sprache: Wir sprechen davon "mal aufzutanken", "den Preis fĂŒr etwas zu bezahlen", uns möglichst gut zu "verkaufen" oder uns zu "vermarkten". Begriffe wie "Selbstoptimierung", "Selbstverwirklichung" und "inneres Potential" suggerieren, dass der SchlĂŒssel zum glĂŒcklichen Leben immer schon in uns schlummert, jedoch durch die Psychotherapie erarbeitet und hervorgebracht werden muss. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass wer immer sich in der Gesellschaft unglĂŒcklich oder abgehĂ€ngt fĂŒhlt, sich an die eigene Nase bzw. Psyche fassen muss. Denn dass "innere Potential" wĂ€re ja da, machte Mensch sich nur die MĂŒhe es zu vervollkommnen!
Dieser Ansatz passt perfekt ins neoliberale GefĂŒge, auch deshalb, weil er Kritik an Regierung und System von vornherein ausschließt und auf das Individuum zurĂŒckwirft. Dem bleibt der gute Rat: "Mach doch mal eine Therapie!"

Das sich selbst regierende Selbst

Dass diese Sichtweise von Eigenverantwortung und Selbstoptimierung durch Selbstanalyse ein PhĂ€nomen der Neuzeit ist, macht Grubner anhand einer kurzen Untersuchung ĂŒber die Geschichte der Psyche deutlich. Der Begriff der Psyche als innersten Kern des Menschen etablierte sich so wie wir ihn heute verstehen nicht vor dem 18. Jahrhundert. Zuvor wurde stattdessen von einer Seele als transzendenter Instanz ausgegangen, vom Menschen als "einzelnem TrĂ€ger einer allgemeinen Seelensubstanz" innerhalb einer vorgegebenen göttlichen Ordnung. Erst im Rahmen der AufklĂ€rung löste sich das VerstĂ€ndnis des Menschen vom Göttlichen und richtete sich stattdessen auf die Vernunft. Im Rahmen dieses neuen Menschenbildes entwickelte sich die gottgegebene bestĂ€ndige Seele zur individuellen und formbaren Psyche. Der Mensch, der zuvor seinen Platz als ĂŒber-individuelles Glied in einer göttlichen FĂŒgung einnahm, wurde zum handlungsfĂ€higen Individuum innerhalb einer politischen Machtordnung erklĂ€rt. Einer Machtordnung, die in neoliberalen Zeiten erst durch die aktive Selbst-Regierung ihrer Mitglieder*innen ĂŒberhaupt in Kraft tritt.

Der Philosoph Michel Foucault entwickelte im 20. Jahrhundert fĂŒr dieses PhĂ€nomen den Begriff der "GouvernementalitĂ€t", mit dem er eine Macht beschrieb, die nicht von "oben nach unten" durch die Repression durch einen SouverĂ€ns auf das Volk erfolgt, sondern in der die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft "aktiv an ihrer Subjektwerdung mitwirken." Die oder der einzelne macht sich im Sinne der "GouvernementalitĂ€t" selbst zum Instrument der Regierung, indem sie oder er nicht nur als Privatperson fungiert, sondern zugleich als regierende und regulierende Instanz auf sich selbst. Das (selbstverstĂ€ndlich gewordene) Denken in ökonomischen Dimensionen, das GefĂŒhl einer permanenten Überwachung und Subjektivierung, sowie der Druck der KonformitĂ€t nehmen dem Staat gewissermaßen die Arbeit ab: das Individuum muss nicht lĂ€nger von außen unterdrĂŒckt werden, sondern es unterdrĂŒckt sich selbst.

Grubner kritisiert, dass auch die Psychotherapie als lösungsorientierte Selbstanalyse sich von diesen Mechanismen nicht frei machen kann und verstĂ€rkt zur Selbstdisziplinierung im Sinne der vorherrschenden Ideologie wird, wĂ€hrend es diese zugleich immer weiter reproduziert. Im letzten Kapitel ihres Buches appelliert sie deshalb an eine Modifizierung der modernen Psychotherapie, die sich ĂŒber ihre eigene Einbettung in Politik - und Machtstrukturen bewusst werden und sich von diesen emanzipieren muss.

"Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus" ist sicherlich keine leichte Kost, zum einen wegen der sehr dichten FĂŒlle an Informationen, zum anderen wegen seines pessimistischen Inhalts. Die Leserin, die sich auf die LektĂŒre einlĂ€sst, erhĂ€lt anhand der konsequenten und verstĂ€ndlichen Analyse jedoch einen aufschlussreichen philosophischen Einblick in die vielschichtige Thematik. FĂŒr Arbeiter*innen im psychotherapeutischen Bereich bietet das Buch außerdem praktische Anreize, sich der eigenen Arbeitsweise aus einem ungewohnten und kritischen Blickwinkel zu nĂ€hern.

AVIVA-Tipp: Angelika Grubners Streitschrift "Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus" ist eine ernĂŒchternde Abrechnung mit den subtilen Machtmechanismen der Gegenwart, wie sie auch in der Psychotherapie zu tragen kommen. Durch ihre wissenschaftliche, jedoch gut verstĂ€ndliche und prĂ€zise Sprache macht die Autorin die hochkomplexe Thematik auch der philosophisch ungeschulten Leserin zugĂ€nglich und öffnet den Blick auf ein weitgehend unbeleuchtetes Problem der modernen Psychotherapie.

Zur Autorin: Angelika Grubner arbeitete bis 2000 als diplomierte Sozialarbeiterin in einer Niederösterreichischen Landesnervenklinik und ist heute als Psychotherapeutin in freier Praxis tÀtig. Sie veröffentlichte diverse Fachartikel mit dem Schwerpunktthema Psychotherapie im Spannungsfeld von (feministischer) Philosophie und Politik. 2014 erschien im Carl-Auger Verlag ihr erstes Buch "Geschlecht therapieren. Andere ErzÀhlungen im Kontext narrativer systemischer Therapie".

Angelika Grubner
Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus. Eine Streitschrift

Mandelbaum Verlag, erschienen Februar 2017
386 Seiten, englische Broschur
ISBN: 978385476-663-6
20,00 Euro
www.mandelbaum.at

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Gewalt ist das Gegenteil von Macht – mit dieser Festlegung hat die jĂŒdische Philosophin Hannah Arendt die sozialphilosophische und politische Debatte entscheidend verĂ€ndert. Die Autorin, Lehrbeauftragte fĂŒr Philosophie und Gender Studies an verschiedenen Schweizer UniversitĂ€ten, analysiert Arendts Machttheorie und stellt deren Bedeutung in der Gegenwart vor. (2017)

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Literatur Beitrag vom 02.05.2017 AVIVA-Redaktion 





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