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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.01.2017

Katrin Meyer - Macht und Gewalt im Widerstreit. Politisches Denken nach Hannah Arendt
Hannah Hanemann

Gewalt ist das Gegenteil von Macht – mit dieser Festlegung hat die jĂŒdische Philosophin Hannah Arendt die sozialphilosophische und politische Debatte entscheidend verĂ€ndert. Die Autorin, Lehrbeauftragte fĂŒr Philosophie und Gender Studies an verschiedenen Schweizer UniversitĂ€ten...



... analysiert Arendts Machttheorie und stellt deren Bedeutung in der Gegenwart vor.

Macht wird im philosophischen sowie im alltÀglichen Sprachgebrauch auf unterschiedliche Weisen definiert, jedoch meistens mit Gewalt oder zumindest Zwang gleichgesetzt.
Die Philosophin Hannah Arendt revolutionierte den philosophischen Diskurs des 20. Jahrhunderts, indem sie einen positiven Machtbegriff einfĂŒhrte, der sich klar von dem der Gewalt unterscheidet. FĂŒr sie sind beide Begriffe unvereinbar und gegenteilig: "Gewalt kann Macht nur zerstören, sie kann sich nicht an ihre Stelle setzen." Gewalt ist nach Arendt ein Mangel an Macht, nicht ihre Steigerung. Macht entstĂŒnde nicht durch die UnterdrĂŒckung von GegnerInnen, sondern durch die Erlangung von Zustimmung, nĂ€mlich dann, wenn Menschen einvernehmlich zusammen handeln. Sie ist somit ein kollektiver Prozess normativer Art, der nur von mehreren, nie von Einzelnen realisiert werden kann.

Diese zentrale These Arendts bildet den Grundpfeiler fĂŒr ihre politische Vision der Möglichkeit von gewaltfreier, positiver Macht, die aus Einvernehmen und gegenseitiger ErmĂ€chtigung entsteht und die keine Macht ĂŒber jemanden oder etwas ist, sondern eine Handlungsmacht. FĂŒr deren Entstehung ist es notwendig, dass alle Menschen gleichwertig und als frei behandelt werden und das Recht auf Partizipation innerhalb der Gesellschaft haben.

Arendts Theorie feministisch rezipiert

An diesem Punkt knĂŒpft Katrin Meyer an, wenn sie im Rahmen ihres Buches, neben einer eingehenden Analyse des Machtbegriffs Hannah Arendts, auch BezĂŒge zum heutigen Zeitgeschehen zieht, etwa zur FlĂŒchtlingskrise oder zu Fragen des Feminismus. Letzterem hat sie das letzte Unterkapitel ihres Buches gewidmet in dem sie analysiert, wie Arendts Machttheorie in eine feministische Debatte eingebettet werden und dieser nĂŒtzen könnte.
Obwohl Hannah Arendt sich selbst nie als Feministin bezeichnete und ihre Beziehung zu dem Thema eher unterkĂŒhlt bis ignorant war, lassen sich ihre Theorien einer gewaltlosen Handlungsmacht, die durch freie und gleichberechtigte BĂŒrgerInnen geschaffen und aufrecht gehalten wird, durchaus mit denen des Feminismus vereinbaren.

Meyer kritisiert allerdings, dass Arendt eine klare Trennung zwischen Politischem und Privatem zog, wobei Fragen der Geschlechterrollen fĂŒr sie in den privaten Bereich fielen und deshalb aus ihren politischen Überlegungen ausgeschlossen waren. In der aktuellen Debatte ist der Blick auf die Rolle der Frauen in der Gesellschaft jedoch durchaus ein politischer, da geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen im öffentlichen Raum gestĂ€rkt und propagiert werden. Privates und Politisches bedingen und beeinflussen sich gegenseitig und sind darum in Bezug auf Gendertheorien kaum zu trennen.
Nichtsdestotrotz stuft Meyer Arendts Theorien als produktiv fĂŒr feministische Machtanalysen ein und verdeutlicht anhand verschiedener AnsĂ€tze, wie Arendt im feministischen Kontext gelesen und rezipiert werden könnte.

Ein Buch fĂŒr (Fach)Wissensdurstige

Meyer arbeitet in den ersten zwei Hauptkapitel auf theoretischer Ebene Arendts Machtbegriff ab, analysiert ihn und prĂ€sentiert mögliche EinwĂ€nde und ErgĂ€nzungen. Das ist interessant, aber auf Grund seiner KomplexitĂ€t nicht immer leicht zu lesen. Generell ist das Buch, obwohl nur ein schmaler Band, inhaltlich sehr dicht und verlangt der LeserIn einiges an Konzentration ab. Das letzte der drei Hauptkapitel ist etwas zugĂ€nglicher, da Arendts MachtverstĂ€ndnis hier aus dem rein theoretisch-philosophischen Kontext geholt und auf seine Relevanz fĂŒr aktuelle (politische) Fragen untersucht wird.
Das gleichermaßen informative wie analytische Philosophie-Sachbuch erlĂ€utert Hannah Arendts Theorie nicht nur, sondern eröffnet der Leserin zusĂ€tzlich neue Perspektiven auf ihre AktualitĂ€t und Anwendbarkeit.

AVIVA-Tipp: Katrin Meyers Abhandlung "Macht und Gewalt im Widerstreit. Politisches Denken nach Hannah Arendt" liefert eine klare und detaillierte Untersuchung von Arendts VerstĂ€ndnis von Macht und Gewalt und diskutiert dessen Bedeutung fĂŒr eine politische Theorie demokratischer Praxis Heute.

Zur Autorin: Katrin Meyer, geboren 1962, ist Privatdozentin fĂŒr Philosophie an der UniversitĂ€t Basel und Lehrbeauftragte fĂŒr Philosophie und Gender Studies an verschiedenen Schweizer UniversitĂ€ten. Sie promovierte ĂŒber Friedrich Nietzsche und habilitierte sich mit einer Studie ĂŒber Michel Foucault und Hannah Arendt. Ihre aktuellen Forschungsgebiete sind Theorien der Macht und Gewalt, (Post)Demokratie, Kritik der Sicherheit und feministische Theorien der IntersektionalitĂ€t.
Mehr Infos zu Katrin Meyer finden Sie unter:
genderstudies.unibas.ch

Über Hannah Arendt:

Die Publizistin und politische Theoretikerin Hannah Arendt wurde 1906 in Linden bei Hannover geboren. Als JĂŒdin von den Nazis verfolgt, musste sie Deutschland 1933 verlassen. Über Paris emigrierte sie nach Amerika, wurde von den Nazis ausgebĂŒrgert und war ab 1937 staatenlos, bis sie 1951 die amerikanische StaatsbĂŒrgerschaft erhielt. Ihre wichtigsten Werke sind: "Elemente und UrsprĂŒnge totaler Herrschaft", "Menschen in finsteren Zeiten", "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der BanalitĂ€t des Bösen.", "Vita Activa" und "Rahel Varnhagen".
Hannah Arendt starb 1975 in New York.

Mehr Infos zu Hannah Arendt:

Hannah Arendts BeitrÀge im Archiv des "New Yorker" unter:

www.newyorker.com

archives.newyorker.com

Ein Interview mit Hannah Arendt aus den 1960er Jahren:

www.youtube.com


Macht und Gewalt im Widerstreit
Politisches Denken nach Hannah Arendt

Schwabe Verlag, erschienen 2016
201 Seiten. Broschiert.
ISBN 978-3-7965-3556-7
17,50 Euro
www.schwabe.ch


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Hannah Arendt - Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte
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Hannah Arendt - Die verborgene Tradition. Essays
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Literatur Beitrag vom 03.01.2017 AVIVA-Redaktion 





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