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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 29.06.2017

Bei├čreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autorit├Ąren Sehns├╝chten, Sprechverboten. Herausgegeben von Patsy l┬┤Amour laLove
Elianna Renner

Eine l├Ąngst ├╝berf├Ąllige Zusammenfassung von kritischen und analytischen Texten in queerfeministischen Kontexten. Lesegenuss nicht nur f├╝r "wei├če Privilegierte" sondern f├╝r alle, die sich gerne lustvoll in Debatten st├╝rzen und auch (ab und an) mit Selbstkritik umgehen k├Ânnen. Daf├╝r hat sich die Herausgeberin kompetente Autorinnen ins Boot geholt. Ver├Âffentlich wurde die Anthologie im Querverlag.



"Beissreflexe" analysiert, kl├Ąrt auf und hinterfragt politische und moralische Herangehensweisen in queerfeministischen Kreisen.
Insgesamt 27 Autor_innen aus unterschiedlichsten Kontexten setzen sich mit Themen wie die "Funktion der Betroffenheit", "Queering Islam" / "Islamophobie", "Queere Theorie", "Sichtbarkeit der Lesben", und "Pinkwashing und Antisemitismus" etc auseinander. Es werden Machtstrukturen und Unterdr├╝ckungsmechanismen aufgezeigt, die Aktivist_, innen benutzen um ihre politischen Interessen zu transportieren. Eigentlich kein neue Maxime, wenn nicht zu bedenken w├Ąre, dass ausgerechnet der politische Anspruch bei Queerfeminist_innen, was Selbstbestimmung, Sensibilit├Ąt und Kritik an Machtstrukturen anbelangt, sehr hoch gesetzt ist. Schwierig wird es dann, und das versucht diese Anthologie aufzuzeigen, wenn political correctness und critical whiteness den Katholizismus ersetzen, anstelle des Versuchs, eine selbstkritische und herzliche community zu etablieren, die f├Ąhig ist, genau diese Machtstrukturen zu hinterfragen.

Wenn Identit├Ąt und pers├Ânliche Erlebnisse Verhaltensweisen diktieren, Befindlichkeiten politisch werden, und eine "Olympiade der Diskriminierten" entsteht, sollten wir sp├Ątestens dann versuchen zu verhindern, dass sich eine "Rottenmeier-Bewegung" bildet.
("Heidi": Johanna Spyri.1880, Fr├Ąulein Rottenmeier: Kontrollinstanz f├╝rs richtige Benehmen)

Der Journalist und Redakteur Dirk Ludigs fragt: "Kennen Sie Kanada?" ein furchtbarer Staat, den es eigentlich nicht geben d├╝rfte, gegr├╝ndet auf Landraub und V├Âlkermord!...
Kein Wunder also, dass so ein Schurkenstaat sich ein besseres Image verleihen muss! ... Und deshalb hisst Kanadas Premierminister Trudeau, sobald eine Kamera in der N├Ąhe ist, l├Ąchelnd eine Regenbogenfahne...Gott sei dank gibt es jetzt endlich Gruppen die dieses "pinkwashing" publik machen und mit Aktionen dagegen vorgehen. Zum Boykott kanadischer Produkte aufrufen!"


Vom pink ribbon zum pinkwashing. "Pinkwashing und Antisemitismus"

Kanada steht in Ludigs Text f├╝r Israel, und im Beitrag des Journalisten Frederik Schindler wird schlie├člich die Frage aufgeworfen, wie es sein kann, dass nur ein Staat auf dieser Welt, n├Ąmlich Israel, fortw├Ąhrend von linken LGBT-Aktivistinnen und ÔÇôAktivisten in Berlin, ausgerechnet f├╝r ihr queerpolitisches Engagement, verurteilt wird. "Dass dieser Vorwurf ausgerechnet Israel trifft, also dass gerade Israel in Zusammenhang mit der Gew├Ąhrung von LGBT-Rechten angegriffen wird, scheint auf den ersten Blick verwunderlich: In keinem anderen Land der MENA-Region sind Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender rechtlich so weitreichend vor Diskriminierung gesch├╝tzt wie in Israel. (...) Und dennoch wird Israel hier nicht als vergleichsweise positives Beispiel im Nahen Osten gesehen, sondern als Manipulator diffamiert."

Zudem wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff "pinkwashing" urspr├╝nglich weder dem LGBTQ -Umfeld noch dem Nahost-Konflikt entstammt. Er bezieht sich auf das "pink ribbon" ÔÇô das rosa Band: Symbol der amerikanischen Bewegung gegen Brustkrebs seit 1992!
"pinkwashing wurde alsbald Firmen zum Vorwurf gemacht, die sich einerseits mit dem rosa band schm├╝ckten, anderseits aber in ihren Produkten Substanzen verwendeten, die im Verdacht stehen, Brustkrebs auszul├Âsen."
(Dirk Ludigs, "Pinkwashing und Antisemitismus", Seite 180, und Frederik Schindler, "Pinkwashing. Das queere Ressentiment gegen Israel", Seite 185)

Antisemitismus, in queeren und linken Zusammenh├Ąngen, ist leider kein Novum. Neu jedoch ist die Strategie, Einzelpersonen und Gruppen, die sich f├╝r LGBTQ-Rechte in Israel einsetzen, als "pinkwasher" zu diffamieren.
Eine mit einem Davidstern bedruckte Regenbogenflagge reicht heute schon aus, vom Dykemarch in Chicago gebannt zu werden, weil, so die Veranstalter_innen "sich beim Anblick des Davidsterns Personen verletzt f├╝hlen k├Ânnten".

"Jude" suggeriert heute "Israeli" und "der Israeli" wird als "Zionist" stigmatisiert.
Das hei├čt, Zionismus wird zum Prototyp einer kulturellen Aneignung hochstilisiert und nach Lust und Laune zum "white privileged"/Kolonialisator deklariert. Hier wird an einem tradierten Bild des "Shylock", des "habgierigen Juden" festgehalten, der die Welt beherrschen m├Âchte.

Frisurentrends und deren Abgr├╝nde: der Missbrauch von critical whiteness und kulturelle Aneignung in eigenen Kreisen

Ein Blick zur├╝ck ins Jahr 2013: in einem alternativen Berliner Szene Treffpunkt schneiden sich mehrere junge Leute die Z├Âpfe ab - mit traurigen, schuldbewussten Minen trennen sie sich von ihren Dreadlocks. Die "F├╝hrerin" verspricht derweil Erl├Âsung. Andere erledigen sich derweil ihrer Tunnelohrringe.

Ein Thema das nun schon seit ein paar Jahren in Berlin und anderswo herumgeistert. Patsy l┬┤Amour laLove beschreibt in diesem Zusammenhang nicht nur die Aktion, sondern auch die moralische Vorgehensweise, in der die Protagonist_innen motiviert werden, Gest├Ąndnisse, sprich Gel├╝bde abzulegen: "Ich bin wei├č weiblich lesbisch", "ich trage Dreadlocks und bin wei├č", "nur Betroffene d├╝rfen urteilen und sprechen, ich darf nicht sprechen und alles, was ich sagte war folglich nicht nur falsch, sondern auch extrem verletzend."

Es werden Mechanismen aufgezeigt, die eher religi├Âs zu verorten sind, die benutzt werden, um Aktivist_Innen zu manipulieren und zu bekehren. Die moralische Instanz wird zur sozialen Kontrolle und f├╝hrt Einzelpersonen dazu sich "in ihrer Haut" schlecht zu f├╝hlen. Selbstbestimmung wird durch Gruppenzwang abgel├Âst.

(Un)sichtbarkeit der Lesben

Die Mitbegr├╝nderin des Querverlags, Ilona Bubeck, thematisiert in ihrem Beitrag "Die Sichtbarkeit der Lesben" deren Unsichtbarkeit, indem sie ├╝ber ihre pers├Ânliche Erfahrungen in dogmatisch strukturierten Politgruppen berichtet.
"Das Gegenteil von Spaltung, n├Ąmlich Zusammenhalt und gegenseitige Unterst├╝tzung, ist heute notwendiger denn je. Lasst uns Unterschiede ansprechen, kritisch aber mit Respekt, damit wir daraus St├Ąrke beziehen, und zwar wir alle.
(Seite 247)

Wenn B├╝cher boykottiert werden...

Das Buch hat eine ├╝berf├Ąllige Debatte ausgel├Âst, auf Twitter etc. wird sich immer wieder abf├Ąllig und sowohl beleidigend als auch beleidigt ├╝ber die Inhalte ge├Ąu├čert.
Zu guter Letzt bleibt noch zu erw├Ąhnen, wie wenig fortschrittlich sich Kollektive wie der Buchladen Schanzenviertel in Hamburg zu der Kritik der Bei├čreflexe verhalten: Dort wird das Buch "Bei├čreflexe" nicht zu erwerben sein.

Dazu die Taz im Beitrag "Queere Maulk├Ârbe": "Wenn der linke Buchladen im Hamburger Schanzenviertel, also der linke Buchladen, ein politisches Buch nicht im Sortiment f├╝hrt, ist das schon ein Statement. Die Rede ist nicht von Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" oder etwas Vergleichbarem ÔÇô sondern von einem Sammelband der queerfeministischen Aktivistin, Geschlechterforscherin und "Polit-Tunte" Patsy l┬┤Amour laLove."

AVIVA-Tipp: "Bei├čreflexe ÔÇô Kritik an queerem Aktivismus, autorit├Ąren Sehns├╝chten, Sprechverboten" verschafft einen guten Einblick in die aktuelle Debatte des queer-feministischen Aktivismus. Die Texte ecken gerne an und hinterfragen Machtstrukturen und deren Konsequenzen. Aufschlussreich, am├╝sant und gut analysiert.

Zur Herausgeberin: Patsy l┬┤Amour laLove, Polit-Tunte und Geschlechterforscherin, Dissertation zur Schwulenbewegung der 1970er Jahre, Organisatorin wissenschaftlicher und kultureller Veranstaltungen wie Polymorphia ÔÇô die Tr├╝mmerTuntenNacht, arbeitet im Archiv & Kuratorium des Schwulen Museums* und als Referentin des LGBTI-Referats an der HU Berlin. Ebenfalls im Querverlag hat Patsy 2016 das Buch "Selbsthass & Emanzipation ÔÇô Das Andere in der heterosexuellen Normalit├Ąt" herausgegeben. 2017 folgte der Sammelband "Bei├čreflexe ÔÇô Kritik an queerem Aktivismus, autorit├Ąren Sehns├╝chten, Sprechverboten". (Quelle: Verlagsinformation)
Mehr Infos unter: www.patsy-love.de

Mit Beitr├Ągen von:
Leo Fischer, Ilona Bubeck, Dirk Ludigs, Tjark Kunstreich, Jan Noll, Elmar Kraushaar, Sama Maani, Benedikt Wolf, Hans H├╝tt, Koschka Linkerhand, Julia Jopp, Doloris Pralina Orgasma, Caroline A. Sosat, Nina Rabuza, Melanie G├Âtz, Nikola Staritz, Nikolai Schreiter, Jakob Hayner, Frederik Schindler, Jann Schweitzer, Till Randolf Amelung, Vojin Sa┼ía Vukadinovic, Marco Ebert, Christoph Wagner, Dierk Saathoff und Patsy l┬┤Amour laLove.

Bei├čreflexe. Eine Kritik an queerem Aktivismus, autorit├Ąren Sehns├╝chten, Sprechverboten
Patsy l┬┤Amour laLove (Hg.)

Sammelband mit 27 Autor_innen
Querverlag Berlin, erschienen 2017
269 Seiten
16,90 Euro
ISBN: 978-3-89656-253-1
www.querverlag.de

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Literatur Beitrag vom 29.06.2017 AVIVA-Redaktion 





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