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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 23.10.2008

Christiane Kohl ÔÇô Bilder eines Vaters
Henriette Jankow

Die Entdeckung einer Marmorb├╝ste ist der Beginn einer Reise in die Vergangenheit. Christiane Kohl begibt sich auf die Spuren einer j├╝dischen Familie und liefert einen wichtigen Beitrag ...



... zur ├Âffentlichen Debatte um den Kunstraub durch Nationalsozialisten.

Dorle Wilke, geborene Meyer, war etwa 60 Jahre alt, als sie Mitte der 1990er Jahre einen Museumsbesuch in Leipzig unternahm und auf eine ihr "merkw├╝rdig vertraute" B├╝ste eines kleinen Jungen stie├č. Tats├Ąchlich handelte es sich bei Max Klingers "Knabenbildnis" um ein Kunstwerk, das ihren Vater Reinhold Meyer, Sohn eines j├╝dischen Literaturprofessors und Kunstsammlers und Enkel eines der Gr├╝nder der Deutschen Bank, zeigte. Dieser Moment, als Dorle Wilke ihren Vater in Marmor gemei├čelt sah, riss die Buchh├Ąndlerin aus jener "l├Ąhmenden Amnesie", die nach Ende des zweiten Weltkrieges nahezu alle Deutschen befiel. Sie begab sich auf eine Reise in die Vergangenheit der j├╝dischen, einst gro├čb├╝rgerlichen Familie Meyer. Als Zeitmaschine fungierten dabei unz├Ąhlige, Aufzeichnungen, Akten und Briefe, die Dorle ├╝ber ein halbes Jahrhundert lang auf ihrem Dachboden hortete.

Auf der Suche danach, wer ihr Vater tats├Ąchlich war, vertraute Dorle der Schriftstellerin und Journalistin Christiane Kohl all ihre historischen Schriften und privaten Erinnerungen an. Kohl f├╝gte sie in "Bilder eines Vaters" zu einem detailreichen Familienportr├Ąt zusammen. Es zeigt den Aufstieg und Fall einer j├╝dischen Familie, die Enteignung, Identit├Ątsberaubung und Deklassierung durch NS-Beh├Ârden - und es zeigt auch das unw├╝rdige Verhalten st├Ârrischer Beh├Ârden in der Nachkriegszeit, die bei weitem nicht immer daran interessiert waren, Schuld und Unrecht zu begleichen.

Die Geschichte von Dorles Familie setzt 1939 in Berlin ein. Nach Inkrafttreten der N├╝rnberger Rassengesetze galt die Verbindung der Meyers als "Mischehe", da er Jude, sie Nichtj├╝din war. Dadurch wurden sie zu Opfern von Entrechtung und Diskriminierung. Im Zuge der Zwangsumz├╝ge mussten sie immer mehr von ihren Kunstsch├Ątzen und Familienerbst├╝cken zur├╝cklassen und wurden auf pseudorechtlicher Grundlage um ihr Eigentum gebracht. Etwas, das Reinhold Meyer jedoch auch in den schlimmsten Zeiten nicht abhanden kam, war die Hauschronik seines Vaters. Das Buch dient der Autorin als zuverl├Ąssige Quelle f├╝r eine detailreiche Rekonstruktion der Meyerschen gro├čb├╝rgerlichen Gesellschaft um die Jahrhundertwende. Diese war zumeist von prunkvollen Abendgesellschaften im Haus von Dorles Gro├čeltern, Richard Moritz und Estella Meyer, gepr├Ągt, deren G├Ąste unter anderem die Schriftstellerin Ricarda Huch und der Galerist Paul Cassirer waren. Aber auch die subtilen, antisemitischen Umgangsweisen, wie sie schon um die Jahrhundertwende gang und g├Ąbe waren, geh├Ârten zum Leben dazu. Sie veranlassten Dorles Gro├čvater, im Jahre 1905 seine drei S├Âhne evangelisch taufen zu lassen.

Dieses Unterfangen, wof├╝r Richard Moritz Meyer von seinen j├╝dischen Glaubensgenossen mit Unverst├Ąndnis und Verachtung gestraft wurde, sollte jedoch auch seinen j├╝ngsten Sohn Reinhold nicht vor dem Wahnsinn der Nazis sch├╝tzen. In Zeiten der Denunziation war das einzige was ihm stets gewiss war die ungebrochene Liebe seiner Frau und seiner Tochter. Mit jeder Repressalie, die ihr Mann zu bew├Ąltigen hatte, wuchs die innere St├Ąrke der Lucie Meyer, die sich mit ihrer Tochter Dorle zu einem spitzfindigen, starken B├╝ndnis gegen die Ungerechtigkeiten zusammenschloss.

Die Enteignung, die Entrechtung und die allgegenw├Ąrtige Todesangst der Meyers sind f├╝r das Schicksal j├╝discher Familien im Dritten Reich geradezu beispielhaft. Das dreiste Unschuldbewusstsein, mit welchem sich einige ehemalige NS-Funktion├Ąre nach Kriegsende die Weste rein zu waschen versuchten und dabei Erfolg hatten, ist hingegen selten Gegenstand der Literatur.

AVIVA-Tipp: Christiane Kohl gelingt es durch akribische Recherche ÔÇô es empfiehlt sich ein Blick in die angeh├Ąngte Bibliographie ÔÇô auf wunderbare Weise, eine Familiengeschichte nachzuzeichnen, "die so typisch ist f├╝r die Verwicklungen und das Leben in unserem Land". Uhrwerkgenau schildert sie die Verbindungen von Personen und deren mehrschichtige Verquickungen in zum Teil schwerwiegende Ereignisse. Kohl beh├Ąlt gr├Â├čten Teils einen beschreibenden Stil bei, der weniger anklagend ist, als dass er vielmehr kleine Steinchen historischer Fakten zu einem Ganzen zusammensetzt. Am Ende jedoch stellt dieses Buch nicht minder die Frage nach der Mitverantwortung eines jeden im System des praktizierten Unrechts und es zeigt die Tragweite der Enteignung: Bis heute befindet sich ein Gro├čteil der wertvollen Kunstst├╝cke der Familie Meyer, die im Zuge staatlich organisierten Verbrechens und privater Bereicherung abhanden gekommen waren, nicht in den H├Ąnden seiner rechtm├Ą├čigen Eigent├╝mer.

Zur Autorin: Christiane Kohl studierte Politik und Germanistik, arbeitete als Bonner Korrespondentin des K├Âlner "Express" und sp├Ąter als Pressesprecherin im Hessischen Umweltministerium. Von 1988 bis 1998 war sie Redakteurin und Reporterin beim "Spiegel". Von 1999 bis zum Sommer 2005 berichtete sie als Italien-Korrespondentin der "S├╝ddeutschen Zeitung" aus Rom. Heute lebt sie als SZ-Korrespondentin in Dresden. Die Autorin konzentriert sich in ihrem schriftstellerischen Schaffen auf die Frage danach, "wie sich einzelne Menschen in einem totalit├Ąren Regime verhalten, das schlie├člich auch von Menschen gemacht ist." So sind weiterhin von Kohl erschienen "Das Zeugenhaus", "Der Jude und das M├Ądchen" und "Villa Paradiso".

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die Wertheims" von Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters.

"Eine Debatte ohne Ende? Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum" herausgegeben von Julius H. Schoeps, Anna-Dorothea Ludewig.

"Juden. B├╝rger. Berliner. Das Ged├Ąchtnis der Familie Beer - Meyerbeer - Richter".

"Berlin unterm Hakenkreuz" von Sven Felix Kellerhoff.

"Anwalt ohne Recht" von Simone Ladwig Winters.

"Juden in Berlin ÔÇô Biografien" herausgegeben von Elke-Vera Kotowski.

"Berliner Juden 1941 ÔÇô Namen und Schicksale" herausgegeben von Hartmut J├Ąckel und Simon Hermann.

Christiane Kohl
Bilder eines Vaters
Die Kunst, die Nazis und das Geheimnis einer Familie

Goldmann Verlag, erschienen Oktober 2008
Gebunden, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-31162-0
19,95 Euro

Literatur Beitrag vom 23.10.2008 AVIVA-Redaktion 





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