Christiane Kohl – Bilder eines Vaters - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 23.10.2008


Christiane Kohl – Bilder eines Vaters
Henriette Jankow

Die Entdeckung einer Marmorbüste ist der Beginn einer Reise in die Vergangenheit. Christiane Kohl begibt sich auf die Spuren einer jüdischen Familie und liefert einen wichtigen Beitrag ...




... zur öffentlichen Debatte um den Kunstraub durch Nationalsozialisten.

Dorle Wilke, geborene Meyer, war etwa 60 Jahre alt, als sie Mitte der 1990er Jahre einen Museumsbesuch in Leipzig unternahm und auf eine ihr "merkwürdig vertraute" Büste eines kleinen Jungen stieß. Tatsächlich handelte es sich bei Max Klingers "Knabenbildnis" um ein Kunstwerk, das ihren Vater Reinhold Meyer, Sohn eines jüdischen Literaturprofessors und Kunstsammlers und Enkel eines der Gründer der Deutschen Bank, zeigte. Dieser Moment, als Dorle Wilke ihren Vater in Marmor gemeißelt sah, riss die Buchhändlerin aus jener "lähmenden Amnesie", die nach Ende des zweiten Weltkrieges nahezu alle Deutschen befiel. Sie begab sich auf eine Reise in die Vergangenheit der jüdischen, einst großbürgerlichen Familie Meyer. Als Zeitmaschine fungierten dabei unzählige, Aufzeichnungen, Akten und Briefe, die Dorle über ein halbes Jahrhundert lang auf ihrem Dachboden hortete.

Auf der Suche danach, wer ihr Vater tatsächlich war, vertraute Dorle der Schriftstellerin und Journalistin Christiane Kohl all ihre historischen Schriften und privaten Erinnerungen an. Kohl fügte sie in "Bilder eines Vaters" zu einem detailreichen Familienporträt zusammen. Es zeigt den Aufstieg und Fall einer jüdischen Familie, die Enteignung, Identitätsberaubung und Deklassierung durch NS-Behörden - und es zeigt auch das unwürdige Verhalten störrischer Behörden in der Nachkriegszeit, die bei weitem nicht immer daran interessiert waren, Schuld und Unrecht zu begleichen.

Die Geschichte von Dorles Familie setzt 1939 in Berlin ein. Nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassengesetze galt die Verbindung der Meyers als "Mischehe", da er Jude, sie Nichtjüdin war. Dadurch wurden sie zu Opfern von Entrechtung und Diskriminierung. Im Zuge der Zwangsumzüge mussten sie immer mehr von ihren Kunstschätzen und Familienerbstücken zurücklassen und wurden auf pseudorechtlicher Grundlage um ihr Eigentum gebracht. Etwas, das Reinhold Meyer jedoch auch in den schlimmsten Zeiten nicht abhanden kam, war die Hauschronik seines Vaters. Das Buch dient der Autorin als zuverlässige Quelle für eine detailreiche Rekonstruktion der Meyerschen großbürgerlichen Gesellschaft um die Jahrhundertwende. Diese war zumeist von prunkvollen Abendgesellschaften im Haus von Dorles Großeltern, Richard Moritz und Estella Meyer, geprägt, deren Gäste unter anderem die Schriftstellerin Ricarda Huch und der Galerist Paul Cassirer waren. Aber auch die subtilen, antisemitischen Umgangsweisen, wie sie schon um die Jahrhundertwende gang und gäbe waren, gehörten zum Leben dazu. Sie veranlassten Dorles Großvater, im Jahre 1905 seine drei Söhne evangelisch taufen zu lassen.

Dieses Unterfangen, wofür Richard Moritz Meyer von seinen jüdischen Glaubensgenossen mit Unverständnis und Verachtung gestraft wurde, sollte jedoch auch seinen jüngsten Sohn Reinhold nicht vor dem Wahnsinn der Nazis schützen. In Zeiten der Denunziation war das einzige was ihm stets gewiss war die ungebrochene Liebe seiner Frau und seiner Tochter. Mit jeder Repressalie, die ihr Mann zu bewältigen hatte, wuchs die innere Stärke der Lucie Meyer, die sich mit ihrer Tochter Dorle zu einem spitzfindigen, starken Bündnis gegen die Ungerechtigkeiten zusammenschloss.

Die Enteignung, die Entrechtung und die allgegenwärtige Todesangst der Meyers sind für das Schicksal jüdischer Familien im Dritten Reich geradezu beispielhaft. Das dreiste Unschuldbewusstsein, mit welchem sich einige ehemalige NS-Funktionäre nach Kriegsende die Weste rein zu waschen versuchten und dabei Erfolg hatten, ist hingegen selten Gegenstand der Literatur.

AVIVA-Tipp: Christiane Kohl gelingt es durch akribische Recherche – es empfiehlt sich ein Blick in die angehängte Bibliographie – auf wunderbare Weise, eine Familiengeschichte nachzuzeichnen, "die so typisch ist für die Verwicklungen und das Leben in unserem Land". Uhrwerkgenau schildert sie die Verbindungen von Personen und deren mehrschichtige Verquickungen in zum Teil schwerwiegende Ereignisse. Kohl behält größten Teils einen beschreibenden Stil bei, der weniger anklagend ist, als dass er vielmehr kleine Steinchen historischer Fakten zu einem Ganzen zusammensetzt. Am Ende jedoch stellt dieses Buch nicht minder die Frage nach der Mitverantwortung eines jeden im System des praktizierten Unrechts und es zeigt die Tragweite der Enteignung: Bis heute befindet sich ein Großteil der wertvollen Kunststücke der Familie Meyer, die im Zuge staatlich organisierten Verbrechens und privater Bereicherung abhanden gekommen waren, nicht in den Händen seiner rechtmäßigen Eigentümer.

Zur Autorin: Christiane Kohl studierte Politik und Germanistik, arbeitete als Bonner Korrespondentin des Kölner "Express" und später als Pressesprecherin im Hessischen Umweltministerium. Von 1988 bis 1998 war sie Redakteurin und Reporterin beim "Spiegel". Von 1999 bis zum Sommer 2005 berichtete sie als Italien-Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung" aus Rom. Heute lebt sie als SZ-Korrespondentin in Dresden. Die Autorin konzentriert sich in ihrem schriftstellerischen Schaffen auf die Frage danach, "wie sich einzelne Menschen in einem totalitären Regime verhalten, das schließlich auch von Menschen gemacht ist." So sind weiterhin von Kohl erschienen "Das Zeugenhaus", "Der Jude und das Mädchen" und "Villa Paradiso".

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die Wertheims" von Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters.

"Eine Debatte ohne Ende? Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum" herausgegeben von Julius H. Schoeps, Anna-Dorothea Ludewig.

"Juden. Bürger. Berliner. Das Gedächtnis der Familie Beer - Meyerbeer - Richter".

"Berlin unterm Hakenkreuz" von Sven Felix Kellerhoff.

"Anwalt ohne Recht" von Simone Ladwig Winters.

"Juden in Berlin – Biografien" herausgegeben von Elke-Vera Kotowski.

"Berliner Juden 1941 – Namen und Schicksale" herausgegeben von Hartmut Jäckel und Simon Hermann.

Christiane Kohl
Bilder eines Vaters
Die Kunst, die Nazis und das Geheimnis einer Familie

Goldmann Verlag, erschienen Oktober 2008
Gebunden, 320 Seiten
ISBN: 978-3-442-31162-0
19,95 Euro


Literatur

Beitrag vom 23.10.2008

AVIVA-Redaktion 






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