Hanns Christian Löhr - Der eiserne Sammler. Die Kollektion Hermann Göring - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 07.08.2009


Hanns Christian Löhr - Der eiserne Sammler. Die Kollektion Hermann Göring
Iella Peter

Im Rahmen der aktuellen Debatte über Raubkunst widmet sich das Buch "Der eiserne Sammler" einem Menschen, der maßgeblich an den Raubzügen im "Dritten Reich" verantwortlich war: Hermann Göring.




Hanns Christian Löhr liefert mit seiner detailreichen Arbeit ein Zeugnis der maßlosen Gier Hermann Görings nach Kunstschätzen aller Art. Damit ist es erstmalig gelungen, einen Gesamtüberblick über die Sammlung des Reichsmarschalls zu verschaffen. Über 1.700 Gemälde, zahlreiche Wandteppiche, Möbel, Skulpturen und Porzellan gehörten zu seiner Kollektion.

Erworben hatte der zweite Mann im Staat die Kunstschätze auf meist illegalem Weg. Oft erhielt er Gemälde als Gefälligkeit großer Unternehmen, die sich dadurch einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen wollten oder er kaufte die Werke bei ihm wohl gesonnenen KunsthändlerInnen mit dem Kapital zwielichtiger Stiftungen. Göring schuf sich ein Netz von InformantInnen und gründete für diesen Zweck die so genannten "Devisenschutzkommandos", welche ihn mit Informationen zu beschlagnahmten privaten Kunstsammlungen in den besetzten Gebieten unterrichteten. Meist gehörten diese Sammlungen wohlhabenden jüdischen Familien, die sich gezwungen sahen, für einen lächerlich kleinen Betrag ihre Kunstwerke an den Nationalsozialisten abzugeben. 40 Prozent von Görings Kunstsammlung stammten aus Beschlagnahmungen und Zwangsverkäufen.
Die in den Augen der damaligen Zeit entartete Kunst interessierte den Kunstsammler besonders. Er war Besitzer diverser Gemälde, die beispielsweise Frauenakte als Motiv hatten.

Das Ziel Hermann Görings war es, nach dem Krieg in seinem Landhaus Carinhall ein privates Museum mit den gesammelten Kunstschätzen zu eröffnen. Bereits in seiner Kindheit war Göring mit den schönen Künsten in Berührung gekommen. Mit seiner Familie hatte er in der Burg Veldenstein in Mittelfranken gelebt, die seinem Patenonkel Hermann von Epenstein gehörte. In der historischen Anlage befanden sich viele Kunstwerke, die schon früh sein Bewusstsein zur Kunst schulten.

Adolf Hitler, selbst begeisterter Kunstsammler, war eine stete Konkurrenz für den Reichsmarschall, denn er war Göring immer einen Schritt voraus beim Erwerb von Gemälden oder anderen Kunstschätzen. Sein Führervorbehalt sicherte ihm das Vorverkaufsrecht auf alles. Im Gegensatz zu Hitler tauschte und handelte Göring auch gern mit seinen Werken. Deswegen ist es auch bis heute schwer, eine genaue Inventarliste seiner Sammlung aufzustellen, denn viele Gegenstände wurden erst gar nicht archiviert. Vor Kriegsende vergrub Hermann Göring viele Stücke seiner Kunstsammlung im Garten von Carinhall, um sie so vor dem Zugriff der Alliierten zu sichern. Bis Heute wird noch immer nach vielen verloren gegangenen Werken gesucht.

Das Buch legt der LeserIn eine systematische Darstellung des Lebens und der Aktivitäten Hermann Görings im Kunstgewerbe vor. Die Methoden, wie er die Kunstgegenstände erwarb, die Tätigkeit seiner Devisenschutzkommandos oder die Namen von Schenkern und Händlern werden aufgelistet. Löhr zeigt auf, wie kriminell das System der Nazi-Kunstraube wirklich war. Auch der Verbleib der bekannten und wiedergefundenen Kunstwerke und die Rückgaben verschiedener Kunstschätze beispielsweise an die Niederlanden oder Frankreich werden vom Autor beschrieben. Im Anhang findet sich ein Katalog mit 150 Abbildungen von Gemälden, Teppichen und Statuen, die bis heute verschwunden geblieben sind.

AVIVA-Tipp: Ein sehr ausführliches Buch, das versucht, das System der Nazi-Kunstraube anhand des gierigen Kunstliebhabers Hermann Görings zu entlarven. Löhr gelingt es, der LeserIn die vielen unterschiedlichen Aspekte dieser Thematik in einem einheitlichen Bild zu präsentieren.

Zum Autor: Hanns Christian Löhr arbeitet als Redakteur und Historiker in Berlin. Er studierte Geschichte und Philosophie in Hamburg und Bonn und wurde 1992 in Bonn promoviert. Von ihm erschienen bereits Bücher über die Arbeit der Treuhandanstalt ("Kampf um das Volkseigentum", Berlin 2002) und über Hitlers Kunstsammlung ("Das Braune Haus der Kunst", Berlin 2005).

Hanns Christian Löhr
Der eiserne Sammler. Die Kollektion Hermann Göring
Kunst und Korruption im "Dritten Reich"

Gebr. Mann Verlag Berlin, erschienen im April 2009
Gebunden, 256 Seiten mit 159 Abbildungen
ISBN 978-3-7861-2601-0
Preis: 49,00 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Stealing Klimt". Der Film dokumentiert den juristischen Kampf Maria Altmans um fünf Gemälde von Gustav Klimt, die ihrer Familie von den Nazis geraubt wurden.

Lesen Sie auch das AVIVA-Interview mit der Regisseurin von "Stealing Klimt", Jane Chablani.

"Verlorene Bilder, verlorene Leben" von Melissa Müller und Monika Tatzkow.

"Eine Debatte ohne Ende - Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum" herausgegeben von Julius H. Shoeps und Anna-Dorothea Ludewig

"Fiskalische Ausplünderung der Juden in Berlin 1933 bis 1945"

"Die Wertheims" von Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters

"Ich besaß einen Garten in Schöneiche bei Berlin" von Jani Pietsch

Verstrickung Berliner Universitäten im Nationalsozialismus

"Bilder eines Vaters" von Christiane Kohl



Literatur

Beitrag vom 07.08.2009

AVIVA-Redaktion 






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