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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.04.2010

Silvia Kontos - √Ėffnung der Sperrbezirke - Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution
Undine Zimmer

Herrschaft und Lust sind die beiden stärksten Komponenten, die Prostitution vom Mittelalter bis heute prägten. Prostitution fand und findet noch immer in tabuisierten gesellschaftlichen Räumen...



... statt. Silvia Kontos hat mit "√Ėffnung der Sperrbezirke" eine politische Geschichte der Prostitution verfasst und treibt darin gleichzeitig die aktuelle Debatte um Prostitution als "normalen Beruf" weiter an.

"Unerw√ľnscht, aber unverzichtbar": B√ľrgerliche Gesellschaften haben seit der Reformation Sexualit√§t normativ mit der Ehe verkn√ľpft. Was f√ľr die Einen zur privatesten Sache der Welt geh√∂rt, wird f√ľr die anderen zum Gesch√§ft. Prostitution ist in seinen verschiedenen Formen noch immer Schauplatz der Geschlechterzuschreibungen. Machtkonstellationen zwischen den Geschlechtern spielten von jeher eine Rolle in diesem Business und waren schon immer verbunden mit der √úberschreitung von Grenzen. Heute verwischen Migrationsprostitution, Sextourismus und Heiratshandel st√§rker als zuvor die √úberg√§nge zwischen √∂ffentlicher und privater/famili√§rer Sph√§re.

Sivlia Kontos schreibt ausgehend von einer heterosexuellen Prostitution, die vor allem als "Dienst am Mann" verstanden wird. Sowohl Freier als Prostituierte gelten zwar als AkteurInnen, dennoch macht die Autorin darauf aufmerksam, dass ein hierarchischer Zusammenhang von Sexualität und Geschlecht wirksam bleibt. Selbst dann, wenn man von den Prostituierten als "Herrinnen des Verfahrens" spricht, um ihre Subjektivität zu wahren und sie als aktive professionelle Geschäftsfrauen von ihrem "Opferstatus" zu befreien.

Das Hauptanliegen dieser Publikation ist es, der LeserIn vor Augen zu f√ľhren, dass Prostitution mehr ist als eine sexuelle Dienstleistung. Kontos sind die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereiche wichtig, in die Prostitution heute hineinspielt. Arbeitsrecht, gesellschaftliche Diskriminierung, Gewalt und Ausbeutung von Prostituierten bieten noch immer Anlass zu Reformen und sind bereits Teile eines Prozesses. Diesen nennt die Autorin die Politik der Prostitution und m√∂chte mit dem vorliegenden Buch auf dem Feld der Prostitution vor allem eine Konfliktgeschichte der Geschlechter schreiben.

Der erste Teil beginnt mit einer theoretischen Auseinandersetzung mit den Prostitutionstheorien des 19. Jahrhunderts. Von der Untersuchung des "Dirnentums" (A.J.B. Parent-Duchatelet), der "Superiorit√§t des Mannes" (C. Lombroso) bis zu "Prostitution und Psychoanalyse" (Freud) und anderen werden chronologisch verschiedene Standpunkte dargelegt. Kontos beleuchtet die Erkl√§rungsmuster f√ľr die Notwendigkeit und Existenz von Prostitution in hegemonialen gesellschaftlichen Positionen. Dazu geh√∂rt auch das Eingest√§ndnis, dass erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Idee von der "Prostituiertenpers√∂nlichkeit" aufger√§umt werden konnte. Es folgen neuere Positionen, mit besonderer Ber√ľcksichtung der Frauenbewegung in den 1980er Jahren, die den Debatten neue Anst√∂√üe zur Sexualit√§t gegeben haben. Die Kapitel "Prostitutionstheorien im Kontext von Frauenbewegungen und Feministischer Theorie" und "Prostitution im Kontext hegemonialer M√§nnlichkeit" k√∂nnen auch als Kernkapitel gelesen werden.

Im zweiten Teil konzentriert sich die Autorin auf die Historie der rechtlichen Regelungen, deren Bestreben es war, Prostitution zu institutionalisieren und kontrollierbar zu machen. Der zweite Teil ist keinesfalls weniger spannend als der erste: Zahlreiche Fallbeispiele veranschaulichen (erfolglose) Versuche der Kontrolle. Auch dieser Teil schlie√üt reflektierend mit einem Kapitel √ľber Prostitution und Frauenbewegungen ab, wobei in alte und neue Frauenbewegung unterschieden wird.

"Die √Ėffnung der Sperrbezirke" steht f√ľr die Forderung nach einer offensiven gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Prostitution, im Idealfall zusammen mit den Prostituierten. Immer noch, so kritisiert Kontos, wird √ľber deren K√∂pfe hinweg laut diskutiert, w√§hrend ihre Stimmen leise geblieben sind.

Zur Autorin: Silvia Kontos, Prof. Dr. phil. habil. f√ľr Soziologie und Frauenforschung in Wiesbaden, besch√§ftigt sich mit K√∂rperpolitik als Dimension der Geschlechterverh√§ltnisse. Dazu geh√∂ren Abtreibungsregulierungen, Reproduktionstechniken und Prostitution. Kontos geh√∂rt der Frauenbewegung seit ihren Anf√§ngen an. F√ľr "Sperrbezirke" hat Kontos einen langen Rechercheprozess auf sich genommen. Seit den 1980er Jahren besch√§ftigt sie sich mit Prostitution.

AVIVA-Tipp: Dieses Buch ist eine Bereicherung f√ľr alle, die sich mit Prostitution als gesellschaftliches Ph√§nomen, mit der Verhandlung der Geschlechterpositionen und Sexualit√§t auseinandersetzen. Es reflektiert kritisch den aktuellen Forschungstand und bezieht auch intersektionale Ans√§tze mit ein. Ausgehend vom Diskurs √ľber Prostitution schreibt die Autorin gleichzeitig eine Geschichte der Frauenbewegung. In dieser Verbindung liegt auch eine besondere St√§rke des Buches. Die beiden Teile erg√§nzen sich, indem sie zeigen wie sich theoretische Perspektiven und die Umsetzung der Reglementierungen gegenseitig bedingen. Besonders das Kapitel √ľber feministische Theorien und die Fallbeispiele des zweiten Teils verleihen der Publikation Aktualit√§t. Die theoretischen Abschnitte sind anschaulich und pr√§gnant formuliert, so dass die Leserin die Entwicklung der Positionen sehr gut nach verfolgen und sich in das Thema einarbeiten kann.

Silvia Kontos
√Ėffnung der Sperrbezirke - Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution

Ulrike Helmer Verlag, erschienen 2009
Paperback, 428 Seiten
ISBN 978-3-89741-285-9
32,90 Euro


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Literatur Beitrag vom 15.04.2010 Undine Zimmer 





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