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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 27.12.2010

Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm - Eine Biografie von Isabel Rohner
Ute Vetter

Die Frauenrechtlerin, Journalistin, Autorin und Publizistin Hedwig Dohm (1831- 1919) hatte vier Geburtsurkunden, wurde an einem Dienstag geboren und war mit 17 Geschwistern in der ...



... Friedrichstra√üe 235 gro√ü geworden. P√ľnktlich zum Hedwig-Dohm-Jahr 2011 erschien im November 2010 im Ulrike-Helmer-Verlag eine sachlich-kurzweilige Biografie der Jubilarin Hedwig Dohm, geborene Schlesinger.

Hedwig Dohm war zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts eine radikale und nicht zu √ľberh√∂rende Stimme der Frauenbewegung. Das zeigt sich vor allem in ihren phantastisch brillanten Polemiken. Mit der f√ľr sie so typischen Ironie zerst√ľckelte Hedwig Dohm antifeministische Ausspr√ľche renommierter M√§nner und f√ľhrte diese dann ad absurdum. Die Recht- und Chancenlosigkeit der Frauen war Zeit ihres Lebens ihr gro√ües Thema.

"Weil Frauen Kinder gebären - darum sollen sie keine politischen Rechte haben. Ich behaupte, weil die Männer keine Kinder gebären, darum sollen sie keine politischen Rechte haben. Und ich finde die eine Behauptung ist mindestens ebenso tiefsinnig wie die andere." (Hedwig Dohm, 1876)

Vielleicht ist Hedwig Dohm als j√ľdische Urgro√ümutter Erika Manns oder Gro√ümutter Katja Manns einigen im Ged√§chtnis geblieben - sie jedoch auf diese Verbindung zu reduzieren, w√§re hinl√§nglich unzul√§nglich. Das gr√∂√üere Interesse an m√§nnlicher Geschichte und m√§nnlichem Schaffen verstellt immer wieder die Sicht auf gro√üe Frauen. Hedwig Dohm wird dieses Schicksal nicht ereilen, denn die Autorin der Biografie "Spuren ins Jetzt" l√§sst das Leben der Hedwig Dohm aus dem Schatten treten. Die emanzipierte Erinnerung begann √ľbrigens schon im Jahr 2006 mit der Ver√∂ffentlichung ihrer Aufs√§tze, Briefe und Romane in der Edition Hedwig Dohm. Die Herausgeberinnen dieser Gesamtausgabe, Isabel Rohner und Nikola M√ľller, initiierten auch den Aufruf zum Hedwig-Dohm-Jahr 2011.

Nachweislich erlebte Hedwig Dohm ihre Kindheit und Jugend in der Gro√üstadt Berlin, das in ihren Kindertagen den Odem einer pulsierender Metropolen der Moderne nur hauchte. Hedwig Dohm ist √§lteste Tochter und wie neun weitere ihrer Geschwister ein unehelich geborenes Kind der Familie J√ľlich/Schlesinger. Wie kam es Anfang des 19. Jahrhunderts dazu? Und warum existieren diverse Geburtsurkunden von ihr? Warum verschwand diese bedeutende Aktivistin kurz nach ihrem Tod 1919 im Nichts, obwohl sie Anfang des letzten Jahrhunderts keine Unbekannte war? Fragen, die der Band versucht zu beantworten.

Die Biografin, Isabel Rohner, n√§hert sich der Pers√∂nlichkeit Hedwig Dohms respektvoll, behutsam und mit fachlicher Kompetenz. Sie suchte nach Zeugnissen, um bekannte Bilder zu pr√ľfen. Ihren Angaben zufolge bergen Archive und Bibliotheken, nicht zu √ľbersehende wahre Sch√§tze. Ausz√ľge privater und beruflicher Korrespondenz mit ihrer Tochter, ihren Verlegern und SchriftstellerInnen er√∂ffnen einen Blick in ihr soziales Netzwerk. Die ersten Lebensjahre bleiben hingegen fragmentarisch. Dass der Nachlass nicht zusammenh√§ngend geb√ľndelt existiert, liegt wahrscheinlich an den Wirren der Weltkriege oder aber auch an dem Geschlecht der Protagonistin. Das muss hier offen bleiben.

Mit der Biografie sch√∂pft Isabel Rohner ein Buch, das sich vor allem fernab der bekannten autobiographischen Interpretationen der Texte und Romane Dohms bewegt. Eine klare Gliederung, das sehr handliche Format und der erfrischend informelle Stil bleiben im Ged√§chtnis. Die Autorin verdichtet die Lebensdaten und das Portrait ihre Protagonistin auf 152 Seiten angenehm kurzweilig. Sie w√§hlt ganz bewusst einen sehr pers√∂nlichen Blick und ihre Pr√§senz als Biografin ist sp√ľrbar. Isabel Rohner machte die Spurensuche selbst zum Gegenstand des Buches:

"Und dennoch ist hier in Rom Dohms ber√ľhmter Roman mein Zugang zu ihr [...] Der Roman soll mir eine T√ľr sein zu Hedwig Dohms Wegen, zu ihrem Blick: So sehr der Roman Fiktion ist, Dohm wird die Stra√üen, die ihre Hauptfigur beschreibt, auch selber beschritten haben, die Kirchen selber besucht, die Kunstwerke mit eigenen Augengesehen haben..."

Knackige Zitate hat die Autorin den einzelnen Kapiteln vorangestellt. Sie geben eine Kostprobe zu Themen und Stil des Schaffens der Protagonistin und motivieren zeitlos Akzente im Leben zu setzen:
"Glaube nicht: es muss so sein, weil es nie anders war. Unm√∂glichkeiten sind Ausfl√ľchte f√ľr sterile Gehirne. Schaffe M√∂glichkeiten."

Biographisches ist mal mehr, mal weniger chronologisch zusammengesetzt. Die einzelnen Kapitel sind nicht √ľberfrachtet und auf 16 zusammenh√§ngenden Seiten finden sich einige wenige Abbildungen. Der Anhang bietet √ľbersichtlich Hinweise, Nachweise und einen tabellarischen Lebenslauf. Last but not least passt das gew√§hlte Layout mit dem Pfefferminzgr√ľn im Cover und dem Rot im Titel gut zusammen.

Insgesamt l√§dt der Band vor allem zu einer fachlich informativen Lekt√ľre ein. Spekulationen werden von der Autorin Isabel Rohner unbedingt vermieden. Aufbereitet sind ausschlie√ülich verifizierbare Daten und Fakten, sowie sorgsam recherchiertes Quellenmaterial. Die Biografie erinnert an eine Zeit, in der M√§dchen kein Gymnasium besuchen durften und im Gegensatz zu Jungen nur begrenzt Zugang zu Institutionen und Bildung hatten.
Hedwig Dohm wird als eine kraftvolle, k√§mpferische Frau portraitiert. Die revolution√§r syntaktische Verbindung Frauen-wahl-recht existierte in ihrer Zeit noch nicht. Die Spuren einer der ersten h√∂r- und lesbaren Frauenrechtlerinnen f√ľhren unmissverst√§ndlich ins Hier und Jetzt.

Zur Autorin: Isabel Rohner, geboren 1979 in St. Gallen, studierte in Z√ľrich und K√∂ln Germanistik, Philosophie und Romanistik. 2005-2008 war sie Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Justus-Liebig-Universit√§t Gie√üen und promovierte √ľber die Werkrezeption von Hedwig Dohm. Seit 2006 gibt sie zusammen mit Nikola M√ľller die kommentierte Gesamtausgabe von Hedwig Dohms Werken heraus. Isabel Rohner ist Referentin f√ľr Hochschulmarketing an der Fern-Universit√§t in Hagen.

AVIVA-Tipp: "Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm - Eine Biografie" ist die behutsame Ann√§herung an eine verlorengegangene Lebensgeschichte. Welche die unstillbare Neugier am Leben Hedwig Dohms nicht z√ľgeln kann, sollte sich dem kleinen biografischen Meisterinwerk hingeben. Das Buch macht Lust auf mehr wortgewandte und polemische Hedwig Dohm und l√§sst ganz nebenbei eine Familiengeschichte des ausgehenden 19.Jahrhunderts durchscheinen. Insgesamt kann frau sich schnell in die Biografie einlesen und bei Bedarf damit weiter arbeiten.


Isabel Rohner
Spuren ins Jetzt. Hedwig Dohm - Eine Biografie

www.ulrike-helmer-verlag.de
Paperback, 160 Seiten
ISBN 978-3-89741-299-6
19.95 Euro

Weitere Infos unter: www.hedwigdohm.de und www.fernuni-hagen.de/ausstellung/hedwig_dohm

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Ausgew√§hlte Texte - herausgegeben von Nikola M√ľller und Isabel Rohner

Hedwig Dohm im Gespräch

Gedanken zum Gedenken. Von Erica Fischer

Ganz im Zeichen von Hedwig Dohm

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Literatur Beitrag vom 27.12.2010 AVIVA-Redaktion 





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