Ingeborg Bachmann - Die Radiofamilie - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J├╝disches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.06.2011

Ingeborg Bachmann - Die Radiofamilie
Sonja Baude

Eine wunderbare Entdeckung! Die geistreiche Seifenoper, an der sie in jungen Jahren mitwirkte, ist hoch vergn├╝glich und zeigt eine neue und lebensfrohe Seite der gro├čen deutschsprachigen Lyrikerin.



In den Jahren 1951 bis 1953 arbeitete Ingeborg Bachmann bei dem amerikanischen Besatzungssender Rot-Wei├č-Rot in Wien. Aus dieser Zeit stammen 15 Typoskripte, die sie f├╝r eine Radiosoap, genannt "Die Radiofamilie", verfasste, beziehungsweise mitverfasste. Diese Texte befanden sich im Nachlass von Bachmanns Radiokollegen J├Ârg Mauthe und sind nun bei Suhrkamp unter der Herausgeberschaft von Joseph McVeigh erschienen.

Bereits im vergangenen Jahr wurde ein sehr fr├╝her Text der Schriftstellerin unter dem Titel "Kriegstagebuch" ver├Âffentlicht, der jetzt als Taschenbuch, ebenfalls bei Suhrkamp, vorliegt. Neben Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1944 und 1945, die im Original sechs DIN-A4-Bl├Ątter umfassen, beinhaltet das Buch Briefe von Jack Hamesh, einem Soldaten, den Ingeborg Bachmann im Alter von 18 Jahren im Fr├╝hsommer 1945 kennenlernte und mit dem sie eine enge Freundschaft verband. In einem dieser Briefe schreibt Hamesh aus Tel-Aviv: "So wie es war soll es und kann es nicht mehr werden. Aber ein neues Wien soll und muss erstehen, ein freies fortschrittliches, dazu geh├Ârt vor allem ein neuer Geist...nicht nur neue H├Ąuser." Dieser Satz liest sich wie ein p├Ądagogisches Programm, dem wir nun auch in "Die Radiofamilie" begegnen, das Gebot einer gesellschaftlichen Umerziehung und Demokratisierung, welche die amerikanische Besatzung vorsah.

Diesem Anspruch wurden die VerfasserInnen der "Radiofamilie" un├╝bersehbar gerecht und der neue Geist ist den Dialogen sp├╝rbar eingeschrieben. Dar├╝ber hinaus sind diese Radioskripte aber vor allem im Hinblick auf Bachmanns Werk eine Entdeckung besonderer Art. Ingeborg Bachmann schreibt in unbekannt leichtem und ├╝beraus humorvollem Ton. Unterhaltung feinster Art f├╝hrt sie vor, der Wiener Schm├Ąh ist inbegriffen. Sicherlich hat dieses von ihr meisterhaft bespielte Genre der Seifenoper nichts zu tun mit den sonstigen abgr├╝ndigen Welten ihres Schreibens, im Widerstreit zwischen Geschichtserfahrung und Utopie. Darin mag auch der Grund liegen, warum sie selbst diese "Radiofamilie" zeitlebens verschwiegen hat.

F├╝r die LeserInnen ist sie dennoch ein gro├čes Vergn├╝gen und schnell w├Ąchst uns die Familie Floriani vertraut ans Herz. Sie besteht aus: Hans, Pater Familias und korrekter Obergerichtsrat in Wien, Vilma, der klugen und liebevollen Mutter, der pubertierenden und aufgeweckten Tochter Helli und ihrem um ein paar Jahre j├╝ngeren Bruder Wolferl, der auch keineswegs auf den Kopf gefallen ist und sich gerade von seiner tr├Ąumerischen Kindheit mit Lateinvokabeln zu verabschieden hat. Daneben treten auf: Onkel Guido, einstmals Mitla├╝fer unter den Nazis, heute selbsternannter Erfinder mit immer neuen und immer vergeblichen Ideen und seine Gemahlin Liesl, die der Onkel zeitweilig, als er blaues Blut in seinen Adern w├Ąhnt, Sissi nennt. Die beiden betreiben auf dem Dorf eine kleine H├╝hnerfarm, in der auch das Hendl Ingeborg sein erstes Ei legt. Wir treten ein in eine b├╝rgerliche Nachkriegswelt, in eine Familie, die sich im Alltag nebenbei auch mit den wichtigen Fragen des Lebens, mit Kindererziehung im 20. Jahrhundert, dem Rollenverst├Ąndnis von M├Ąnnern und Frauen, spie├čb├╝rgerlichem Kleingeist der Nachkriegsgesellschaft und nicht zuletzt auch mit abstrakter Kunst konfontiert sieht und ├╝ber diese Themen in rege und oft auch am├╝sante Auseinandersetzungen ger├Ąt, die letztendlich immer vertr├Ąglich enden.

Das alles ist, um mit Hellis Lieblingswort zu sprechen, sehr "phantastisch" und mit viel Sprach- und Denkwitz arrangiert. Gemeinsam mit dem Sprecher, der die Gemengelage immer wieder auch kritisch in Augenschein nimmt, k├Ânnen wir uns von Folge zu Folge auf die n├Ąchste Begegnung mit den Familienmitgliedern freuen, auf ihre Schw├Ąchen und Liebensw├╝rdigkeiten, vor allem auf ihre gro├če Lebendigkeit. Rund 300 Folgen wurden im Radio in den 1950er Jahren ausgestrahhlt. Wir m├╝ssen uns mit 15 Geschichten begn├╝gen und k├Ânnen mit dem Sprecher von vor 60 Jahren darin ├╝bereinstimmen: "Nichts hat sich ge├Ąndert! Der Zahn der Zeit hat spurlos am H├Ąuserl vorbeigebissen", oder sagen wir: nicht allzuviel hat sich ge├Ąndert. Und wohl auch deshalb kommt uns die Welt der Familie Florani in der Taubengasse im 8. Wiener Bezirk doch recht vertraut vor.

AVIVA-Tipp: Ingeborg Bachmanns Radiofamilie ist eine h├Âchst am├╝sante und geistreiche Familienserie, angesiedelt in der Wiener Nachkriegsgesellschaft. Mit gro├čem Vergn├╝gen begleiten wir die Familie Florani in ihrem ganz gew├Âhnlichen Alltagsleben, in dem ÔÇô wie nebenbei ÔÇô auch die Gesellschaft sehr scharfsichtig unter die Lupe genommen wird.

Zur Autorin: Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 als erstes von drei Kindern des Volksschullehrers Matthias Bachmann und seiner Frau Olga (geb. Haas) in Klagenfurt (├ľsterreich) geboren. Ber├╝hmt wurde sie 1953 mit dem Gedichtband ÔÇ×Die gestundete Zeit". In den folgenden Jahren bis zu ihrem Tod am 17. Oktober 1973 erschien eine Vielzahl weiterer Gedichte, H├Ârspiele, Erz├Ąhlungen und Romane. F├╝r ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, darunter 1953 mit dem Preis der Gruppe 47, 1964 mit dem Georg-B├╝chner-Preis, 1968 mit dem Gro├čen ├ľsterreichischen Staatspreis f├╝r Literatur. Sie ist Namensgeberin des Ingeborg-Bachmann-Preises, einer der wichtigsten Literaturpreise, der seit 1977 beim Klagenfurter Literaturwettbewerb verliehen wird.
Mehr Infos: www.suhrkamp.de


Ingeborg Bachmann
Die Radiofamilie

Hrsg. und mit einem Nachwort von Joseph McVeigh
Suhrkamp, erschienen am 23.05. 2011
gebunden, 411 Seiten
ISBN 978-3-518-42215-1
24,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ingeborg Bachmann - Kriegstagebuch

Herzzeit - Ingeborg Bachmann - Paul Celan ÔÇô Der Briefwechsel

Ingeborg Bachmann - Erkl├Ąr mir, Liebe

Ingeborg Bachmann - Malina



Literatur Beitrag vom 11.06.2011 Sonja Baude 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken