Ingeborg Gleichauf - Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Biographien



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 09.12.2013


Ingeborg Gleichauf - Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit
Bärbel Gerdes

Die vierjährige Beziehung zwischen Bachmann und Frisch bleibt rätselhaft. Sind Beziehungen tatsächlich ein Mordschauplatz ganz eigener Art? Als sie sich 1958 in Paris persönlich kennen lernten,...




... waren beide bereits bekannte SchriftstellerInnen.

Bachmann hatte 1953 den Preis der Gruppe 47 erhalten, 1956 erschien ihr zweiter Lyrikband Anrufung des Großen Bären, die Dichterin [bekam] eine öffentliche Präsenz wie ein Popstar.
Max Frisch hatte einige Stücke zur Aufführung gebracht, 1954 erschien sein bedeutender Roman Stiller, 1957 Homo faber. Drei Jahre vor der Begegnung hatte er seinen Architektenberuf aufgegeben, Biedermann und die Brandstifter sollte als nächstes auf die Bühne kommen.

1958 hörte Max Frisch im Radio das Hörspiel Der Gute Gott von Manhattan. Er kannte Bachmann bereits durch ihre Gedichte – dieses Hörspiel aber wirkte noch stärker auf ihn, er musste ihr unbedingt persönlich begegnen.

Der Beginn des Traumpaar[es] der deutschsprachigen Literatur wie es der Klappentext des hier zu besprechenden Buches verspricht? Ingeborg Gleichauf, Biografin so namhafter Menschen wie Simone de Beauvoir, Max Frisch und Hannah Arendt, schildert uns eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Sie möchte uns diese große wie unmögliche Liebe (ebenfalls der Klappentext) nahe bringen. Ein mehr als 200 Seiten starkes Buch ist daraus geworden, obwohl, wie die Autorin in ihrer editorischen Notiz am Ende (sic!) des Buches schreibt die Quellenlage, was die Liebesbeziehung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch betrifft, [noch immer] dürftig [ist]. Bachmanns Briefe sind noch bis zum Jahre 2025 gesperrt, der Briefwechsel zwischen Frisch und Bachmann liegt in Zürcher und Wiener Archiven und wird in naher Zukunft nicht ediert werden. So stützt sich Gleichauf auf andere Briefwechsel, auf andere Biografien, vor allem aber auf literarische Texte Frischs und Bachmanns.

Als die sich also in Paris begegnen, lebt der 15 Jahre ältere Schweizer getrennt von seiner Frau und seinen drei Kindern. In Paris will Frisch der französischen Premiere seines Stückes Biedermann und die Brandstifter beiwohnen.
Nachdem er Bachmanns Hörspiel erlebt hatte, hatte er ihr geschrieben. Er finde es wichtig, dass die andere Seite, die Frau sich ausdrückt.
Hat auch Bachmann Frisch zuerst lesend erfahren? Wir wissen es nicht. Doch Gleichauf schreibt: Sollte Bachmann diesen Roman [Homo faber] wirklich vor der Begegnung mit Frisch gelesen haben, ist anzunehmen, dass sie angetan war davon….
Ingeborg Bachmann wohnt zu diesem Zeitpunkt in München und erlebt eine schmerzliche Zeit: wieder einmal – und diesmal soll es endgültig sein – haben Paul Celan und sie sich getrennt, da beide einsehen, dass eine Liebesbeziehung unmöglich sei. Auch in ihrem Schreiben erfährt sie einen Bruch: sie möchte etwas Neues, neue Gedichte schreiben.
Frisch ist bereits nach dieser ersten Begegnung im Café, die vermutlich in einer gemeinsamen Nacht mündet, verliebt. Bachmann hingegen zögert, lässt sich aber nach und nach auf Frisch ein, als brauche sie dieses Gefühl, um die Leere nach der Trennung von Paul Celan zu ertragen. Frisch verspricht Verlässlichkeit, Bodenständigkeit, Sicherheit.

Was folgt, ist eine vierjährige Beziehung zwischen Nähe und Distanz. Frisch möchte am liebsten gleich heiraten – Bachmann nicht. Frisch ist der Werbende, der auf einen Beweis ihrer Liebe wartet – Bachmann ist widersprüchlich: sie zieht zwar nach Zürich, hält aber an Celan, ihrer großen, unmöglichen Liebe fest.

Sie ziehen zusammen und Frisch erwartet, bekocht und umsorgt zu werden. Aber so ist Bachmann nicht! Er genießt es, mit dieser Frau zusammen zu sein - Bachmann scheut gemeinsame Unternehmungen als Paar. Ihre Freundeskreise hält sie strikt getrennt. Treffen sie einen Bekannten Bachmanns in der Öffentlichkeit, stellt diese die beiden einander nicht vor. Es gibt kein einziges Foto, auf dem Frisch und Bachmann gemeinsam zu sehen sind – trotz der zahllosen Fotos, die von beiden existieren.
Diese Heimlichkeiten verunsichern Frisch und führen zu Eifersucht und unschönen Szenen.

Die Anwesenheit der/des anderen in der gemeinsamen Wohnung hat auch Auswirkungen auf das Schreiben. Frisch ist ein disziplinierter Autor mit festen Zeiten. Das blockiert Bachmann, die eine andere Arbeitsweise hat. Hingegen ist er eifersüchtig auf die Qualität und den Erfolg von Bachmanns Texten.

Dennoch macht er Ingeborg Bachmann 1959 einen Heiratsantrag. Sie lehnt ab, da die Ehe eine unmögliche Institution für arbeitende Frauen sei.

Woraus die große Liebe der beiden besteht, bleibt im Ungefähren. Von außen zu verstehen oder gar im Detail zu analysieren, so Gleichauf, ist das alles nicht.... Bachmann und Frisch kämpfen um diese Beziehung, die Motivationen dazu erscheinen jedoch sehr unterschiedlich. Über Bachmann heißt es, sie sei eine von der Liebe Begeisterte, die über dem Liebesenthusiasmus den Geliebten vergesse. Frisch glaubt und hofft, das Bachmann ihn liebt, schließlich wohnt und reist sie mit ihm zusammen. Auf keinen Fall aber möchte sie als Ehepaar gelten.

1961 ziehen die beiden nach Rom. Ingeborg Bachmann macht ausgedehnte Lesereisen, Das dreißigste Jahr ist erschienen. Bachmanns Heimlichkeiten befeuern Frischs Eifersucht, die Zerwürfnisse nehmen zu.

Knall auf Fall und für Bachmann vollkommen unvorhergesehen, trennt sich Frisch 1962 von ihr und wendet sich einer weitaus jüngeren, nicht schreibenden Frau, Marianne Oellers, zu.

Die Dichterin fühlt sich aus dem Weg geräumt und bestätigt in ihrer Meinung: Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Und sie fährt fort, man müsse sagen können, was jeden Tag neben uns passiert, auf welche Weise Menschen ermordet werden von den andern. Die Trennung verkraftet sie nur schwer: Krankenhausaufenthalte folgen, sie leidet zunehmend an Alkohol- und Tablettenabhängigkeit.

Diese Begegnung, Beziehung, Liebe hat auf beiden Seiten Einfluss auf das jeweilige Schreiben genommen. Frisch berichtet darüber in seinem stark autobiographisch gefärbten Roman Montauk, der 1975 erscheint und bei Gleichauf eine wesentliche Quelle darstellt.

Eine direkte Übertragung realer Personen in ein fiktives Geschehen gibt es nie. schreibt Gleichauf gegen Ende des Buches.

AVIVA-Tipp: Ingeborg Bachmann und Max Frisch – Liebe oder die Angst vor der Einsamkeit? Ingeborg Gleichauf stellt bei der Spurensuche nach dieser komplizierten Beziehung viele unbeantwortete Fragen.

Zur Autorin: Ingeborg Gleichauf, geboren 1953, studierte Philosophie und Germanistik und promovierte über Ingeborg Bachmann. Beginn der freien Tätigkeit. Verschiedene biografische Publikationen im Erwachsenen- und Jugendbereich: "Worte, mir nach!" (2008), "Ich will verstehen. Die Geschichte der Philosophinnen" (2005), "Was für ein Schauspiel! Deutschsprachige Dramatikerinnen des 20. Jh. und der Gegenwart" (2003) und "Hannah Arendt" (2000). Für ihr Buch über Simone de Beauvoir (2007) erhielt sie den Wiener Preis der Jungen Kritiker, 2010 folgte eine Max-Frisch-Biografie. Gleichauf lebt in Freiburg.

Ingeborg Bachmann, geboren 1926 in Klagenfurt, gilt als eine der wichtigsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Schriftstellerinnen des vorigen Jahrhunderts. Sie starb 1973 in Rom in Folge eines Brandes in ihrem Bett.

Max Frisch, 1911 in Zürich geboren und dort 1991 gestorben. Seine Werke umfassen Theaterstücke, Romane, literarische Tagebücher und Hörspiele.

Ingeborg Gleichauf
Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit

Piper Verlag, erschienen 2013
Gebunden, 218 Seiten, 9 Abbildungen
ISBN 978-3-492-05478-2
19,99 Euro

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Weitere Informationen unter:

Biographie von Ingeborg Bachmann auf FemBio

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Beitrag vom 09.12.2013

Bärbel Gerdes 






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