Die Romanbiographie: Sylvia Roth - Claire Waldoff. Ein Kerl wie Samt und Seide. Und: musikalische Biografie von & mit Sigrid Grajek: Claire Waldoff. Ich will aber gerade vom Leben singen am 6. Mai 2017 - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD VOM BAUEN DER ZUKUNFT ‚Äď 100 JAHRE BAUHAUS
AVIVA-Berlin > Literatur > Biographien AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   J√ľdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 29.03.2017

Die Romanbiographie: Sylvia Roth - Claire Waldoff. Ein Kerl wie Samt und Seide
Ahima Beerlage

Vor 60 Jahren, am 22. Januar 1957 starb die Kabarettistin mit den feuerroten Haaren, die "Revolverschnauze" von Berlin, die mit ihrem Verbleib als K√ľnstlerin in Nazi-Deutschland nicht unumstritten ist. Die Musikwissenschaftlerin Sylvia Roth hat ihr eine sprachmelodi√∂se Romanbiographie gewidmet.



"All die Geschichten, die sie sie singt, erz√§hlen von kleinen, allt√§glichen Dingen, all diese Geschichten verdichten sich zu etwas Allgemeing√ľltigem, dass nicht nur f√ľr Berliner von Interesse ist." schreibt Sylvia Roth √ľber Claire Waldoff. Die S√§ngerin mit den auff√§llig roten Haaren und der blechernen Stimme ist f√ľr die Berlinerinnen und Berliner der Zwanziger und Drei√üiger Jahre ihre "Berolina", die Verk√∂rperung all ihrer √Ąngste und N√∂te, der frechen Schnauze und der immer optimistisch-hemds√§rmeligen Mentalit√§t der Gro√üstadt. Kaum jemand aus ihrem Publikum wei√ü aber, dass sie am 21. Oktober 1884 in Gelsenkirchen im Schatten der rauchenden Schlote von Zeche Hibernia als Clara Wortmann geboren wurde. Ihre Eltern haben viele Kinder, doch nur die kleine Clara hat verd√§chtig feuerrote Haare wie der ledige Gelegenheitsdichter Friedrich K√∂dding. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Clara aus einer Aff√§re ihrer Mutter mit dem roten Fritz entstanden ist.

Die Tante is nich meine Tante

W√§hrend die Mutter ein Kind nach dem anderen bekommt, arbeitet der Vater in den Fl√∂zen, bis seine Staublunge ihn dazu zwingt, √ľber Tage zu bleiben. Er er√∂ffnet ein Lokal in der N√§he der Zeche und verdient gutes Geld. Um ein Lokal mit B√ľhne er√∂ffnen zu k√∂nnen, zieht die Familie nach Oberhausen um. Dort schnuppert Clara zum ersten Mal Theaterluft. Doch noch will sie √Ąrztin werden. Kurzerhand schreibt sie einen Brief an den Verein Frauenbildungs-Reform in Hannover, um an einem der ersten Gymnasien f√ľr M√§dchen aufgenommen zu werden, das von der Frauenrechtlerin Helene Lange gegr√ľndet wurde. Die aufgeweckte G√∂re aus dem Kohlenpott wird genommen. Ihre Eltern und ihr Erzeuger, der heiraten will und erleichtert ist, dass sein uneheliches Kind aus der n√§heren Umgebung verschwindet, zahlen die Unterhaltskosten. In einem Caf√© in Hannover lernt die flei√üige Sch√ľlerin Schauspielerinnen und Schauspieler kennen und findet immer mehr Gefallen an der Schauspielerei. Als ihre Eltern sich scheiden lassen und auch ihr Erzeuger nicht mehr zahlen will, schmei√üt sie die Schule, gibt sich den K√ľnstlerinnennamen Claire Waldoff und widmet sich der Schauspielerei. Sie tingelt durch die Provinz, immer knapp an der Pleite vorbeischrammend, und lernt ihr Handwerk von der Pieke auf.

Die Großstadtpflanze

Doch erst als sie den Sprung nach Berlin schafft, entdeckt sie ihre komische Seite. Mit einem einzigen Satz in einem Theaterst√ľck als Liftboy Wat jeht mit Jelbsiejel an? stiehlt sie ihren MitspielerInnen die Show und kassiert Applaus. Sie verliert zwar ihr Engagement, weil die anderen SchauspielerInnen ihr den kleinen Erfolg nicht g√∂nnen, aber sie findet ihre Rolle: die freche Berliner Schnauze. Schnell hat sie sich den Dialekt angeeignet Er wird ihr zur zweiten Heimat. Die Mentalit√§t ‚Äď rau und pampig ‚Äď ist der im Ruhrpott nicht un√§hnlich. Und so wird sie schnell zur Stimme der kleinen Leute, nicht zuletzt, weil sie sich immer wieder unerm√ľdlich durch Berlin bewegt, die Menschen beobachtet. Heinrich Zille, der mit seinen Skizzen die Hinterhofszenen festh√§lt und die burschikose Claire liebevoll Karl nennt wird ebenso ihr Freund wie der vogelige Ringelnatz und der scharfe Beobachter Kurt Tucholsky.

Raus mit den Männern aus dem Reichstag

Claire geht als "kesser Vater" in Frauenclubs, tr√§gt auf der B√ľhne Anzug, aller Zensur zum Trotz. Mit ihrer unerschrockenen und herzlichen Art verschafft sie sich Respekt bei TheaterbetreiberInnen und Publikum. Aber sie benutzt nicht nur das Elend der Leute als Leinwand f√ľr ihre Kunst. Sie singt auf Wohlt√§tigkeitsveranstaltungen, um Geld f√ľr notleidende Kinder zusammen zu bringen. Sie ist gro√üz√ľgig und gastfreundlich. Ihr Salon ist Anlass f√ľr viele Ger√ľchte. Der st√§mmigen, kleinen und urkomischen Person wird sogar eine Aff√§re mit Marlene Dietrich angedichtet. Ob ein K√∂rnchen Wahrheit daran ist, bleibt beider Geheimnis, schlie√ülich ist Claire schon mit Olga von Roeder liiert, ihre Lebensgef√§hrtin, die sie bis zum Tod begleiten wird. Die Freiin aus adeligem Haus wird Claire auch zur Seite stehen, als die unerschrockene S√§ngerin mit den Nazis aneinanderger√§t und sie in ein kleines H√§uschen im Bayrischen fliehen m√ľssen.

Claire versucht nach wie vor landesweit aufzutreten, um ihren Landsleuten Mut zu machen, ihre FreundInnen unterst√ľtzen zu k√∂nnen und auch, um die, die ihre Auftritte zu verhindern suchen, zu √§rgern. Schallplatten mit ihren Liedern sind verboten und nach fast allen Auftritten protestieren √∂rtliche Nazi-Gr√∂√üen gegen ihr Repertoire und ihre Art des Auftritts. Doch sie ganz zu verbieten wagen die Nazis nicht, dazu ist die "Volkss√§ngerin" zu popul√§r. Sie sieht ihre Auftritte als Trotzreaktion. Doch die Zweifel dar√ľber, ob sie das Richtige tut, werden immer gr√∂√üer. Freundinnen und Kolleginnen sind ins Exil gegangenen, andere werden verfolgt und verhaftet, j√ľdische K√ľnstlerinnen und K√ľnstler haben Berufsverbot oder werden deportiert. "M√ľsste nicht auch sie, so fragt sich Claire im Angesicht von Ringelnatzens Portrait, schweigen ‚Äď wie die Nachtigall? W√§re das nicht besser, als immerzu zu singen und sich st√§ndig zu verbiegen, um weiter singen zu k√∂nnen?...Arrangiert sie sich zu sehr? Oder ist das Weitersingen nicht vielleicht auch ein politischer Akt? Sie wei√ü, wie vielen Nationalsozialisten sie ein Dorn im Auge ist ‚Äď muss sie also genau deshalb weiter auftreten, um vor dem Hass der Braunhemden nicht in die Knie zu gehen? Ist das die ihr m√∂gliche Form des Widerstands?" Der Konflikt ist f√ľr Claire immer anwesend. 1942 singt sie in einem Lazarett f√ľr verwundete Soldaten im von den Deutschen besetzten Paris und wird damit auch zu einem Teil der Kr√§fte, die der Wehrmacht den R√ľcken st√§rken.

Olly bleibt auch bei ihr, als der Krieg vorbei ist und Claire keinen k√ľnstlerischen Anschluss mehr an die Nachkriegszeit findet. Claire kann nur wenige Auftritte absolvieren. Beide Frauen schreiben Bittbriefe an zahlreiche Freundinnen, denen sie w√§hrend des Krieges mit P√§ckchen geholfen haben, doch die Resonanz bleibt mager. Das Frauenpaar muss jeden Pfennig zweimal umdrehen. Nach zwei Schlaganf√§llen stirbt Claire 1957.

Det muss man jarnich ignorieren!

Der Dialekt oder der Slang einer Gruppe ist die Melodie der gesprochenen Sprache, die die Personen in ihrer Zeit und ihrem Umfeld lebendig werden lassen. √úber Claire Waldoff gibt es gro√üartige Biographien und ihre eigenen Aufzeichnungen, aber Sylvia Roth, Musikwissenschaftlerin und Operndramaturgin, bringt die K√ľnstlerin sprachlich zum Klingen, indem sie ihr den w√ľtend-wortkargen Duktus der Berliner Mundart zur√ľckgibt. Waldoff, die es wie wenige Interpretinnen schaffte, das allt√§gliche Leben insbesondere von Frauen in Berlin originalgetreu wiederzugeben, hat in diesem Buch ihre literarische Entsprechung gefunden.

AVIVA-Tipp: Ob es der trotzige Zorn der kleinen Au√üenseiterin im Kohlenpott ist, ob es die dickk√∂pfige K√ľnstlerin ist, die bei der Er√∂ffnung des "Roland in Berlin" ihren schr√§gen Song "Schmackeduzchen" zum Besten gibt ‚Äď Sylvia Roth setzt der Kabarettistin und dem kessen Vater, die den Etonboy-Anzug auf der B√ľhne durchsetzte, ein z√§rtlich-raues Denkmal mit ihrer eigenen Sprachmelodie. Einziger Wermutstropfen: Auch in diesem Buch √ľber Claire Waldoff wird kaum ihre zwiesp√§ltige Rolle als in Deutschland verbliebene K√ľnstlerin aufgearbeitet, ihre Motivation, vor Soldaten der Wehrmacht zu singen, hinterfragt. Sp√§testens in der Darstellung der Nachkriegszeit w√§re in diesem Buch Raum daf√ľr gewesen. Trotzdem lesenswert und unterhaltsam.

Zur Autorin: Sylvia Roth, Musikwissenschaftlerin und Autorin, arbeitet als Operndramaturgin an diversen deutschen Theatern und ist dar√ľber hinaus regelm√§√üig als Musikjournalistin f√ľr den Rundfunk t√§tig. Im Verlag Herder ver√∂ffentlichte sie bereits den Band "Ein Jahr in Lissabon". (Quelle: Verlag Herder)

Sylvia Roth
Claire Waldoff. Ein Kerl wie Samt und Seide

Romanbiografie
Herder Verlag, erschienen 8. November 2016
Taschenbuch, 275 Seiten
Euro 14,99
ISBN: 978-3451068348
www.herder.de


Hinweis:

Sigrid Grajek, auch bekannt f√ľr ihre Rolle als "Coco Lor√®s", erweckt die ber√ľhmteste Berliner Kabarettistin in ihrer musikalischen Biographie "Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen‚Ķ" wieder zum Leben. F√ľr Sigrid Grajek ist Claire Waldoff die Urmutter aller Kabarettistinnen. Deshalb schl√ľpft sie mit Enthusiasmus in die Figur der herausragenden Diseuse und singt, spielt und erz√§hlt sie ihr turbulentes Leben.
Nähere Infos und Termine zu Vorstellungen unter:
www.sigridgrajek.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die wilden Jahre in Berlin. Eine Klatsch- und Kulturgeschichte der Frauen"von Birgit Haustedt
Salonni√®res, Rennfahrerinnen, K√ľnstlerinnen und Provokateurinnen aus √úberzeugung pr√§gten die weibliche Topografie Berlins in den 1920er Jahren. Valeska Gert, Vicki Baum, Dora Benjamin, Claire Waldoff und andere Freigeister dekonstruierten g√§ngige Frauenbilder - bis der Nationalsozialismus sie von der B√ľhne verbannte. (2013)

"Die Frau im Dunkeln. Autorinnen und Komponistinnen des Kabaretts und der Unterhaltung von 1901 bis 1935"von Evelin Förster
Schon im Jahr 2009 brachte sie eine Text-Musik-Collage auf CD heraus, die sich den K√ľnstlerinnen des fr√ľhen 20. Jahrhunderts widmete. Neben vielen bekannten Frauen war die S√§ngerin bei ihren Recherchen auch auf Namen gesto√üen, die heute vollkommen vergessen sind ‚Äď eben "Frauen im Dunkeln". (2013)

Interview mit Sigrid Grajek √ľber die ber√ľhmteste Berliner Kabarettistin der 20er Jahre, Claire Waldoff"
Ein Gespr√§ch √ľber die ber√ľhmteste Berliner Kabarettistin der 20er Jahre. Mit ihrem Programm "Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen..." reist Sigrid Grajek durch die Bundesrepublik. (2012)

Ernestine Amy Buller - Finsternis in Deutschland. Was die Deutschen dachten. Interviews einer Engländerin 1934-1938"
Wie kann ein ganzes Volk in die F√§nge einer extremistischen Ideologie geraten? Die Engl√§nderin Amy Buller wollte dies in den 1930er Jahren direkt von denen h√∂ren, die in Nazi- Deutschland lebten. Sie interviewte Menschen unterschiedlichster Herkunft und Gesellschaftsschicht und gibt damit Einblick in die Hoffnungen, N√∂te, W√ľnsche und Selbstt√§uschungen derjenigen, die in Nazi-Deutschland geblieben sind.


Literatur > Biographien Beitrag vom 29.03.2017 Ahima Beerlage 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken