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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.06.2018

Ahima Beerlage. Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte. Buchpr├Ąsentationen am 16. Juni 2018 im Aquarium und am 28. Juni bei Sigrid Grajek in ihrem Salon Wundert├╝te im Barbische
Sharon Adler

Aufgewachsen in einem streng katholischen Elternhaus war ihr Coming out alles andere als einfach. In ihren Erinnerungen schildert die Aktivistin, Moderatorin, Queer-Party-Veranstalterin, Autorin und Redakteurin den Prozess vom befreienden Moment im Jahr 1980 ├╝ber alle Metamorphosen und unterschiedlichste Stationen in ihrem Leben bis heute. Ihr Buch stellt ein individuelles wie gesellschaftlich wertvolles Zeitdokument der Lesbengeschichte aus pers├Ânlichster Perspektive dar. Im Interview mit AVIVA spricht Ahima ├╝ber Etiketten bzw. Label-Schubladen, ihre Motivation, dieses Buch geschrieben zu haben und Visionen f├╝r eine gemeinsame, f├╝r eine freiere Gesellschaft, in der Ausgrenzungen auch innerhalb der Community endg├╝ltig ad acta gelegt werden.



"Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich 1980 auf dem Rand des verwitterten Brunnens mitten auf dem Marktplatz in Marburg sa├č. Ich sp├╝re noch die Fr├╝hlingssonne auf meiner Haut, das Kribbeln und diese W├Ąrme in meinem Bauch, die sich langsam ausbreitete in Arme und Beine, bis ich nicht anders konnte, als laut loszuschreien. Leute drehten sich verwundert zu mir um, aber mir war das egal.

Ich hatte zum ersten Mal seit vielen Jahren das Gef├╝hl, richtig in der Welt zu sein. ┬╗Ich bin lesbisch.┬ź Das war der Satz, der mir Einsamkeit und Scham nahm und das Gef├╝hl, krank oder einfach nur falsch zu sein. Ein ├╝berw├Ąltigend sch├Ânes Gef├╝hl.


Wohl jede kann sich noch gut an ihr Coming Out erinnern, wei├č, wie schwierig oder leicht der Weg dahin war, vor allem aber ist sie sich einer - alle Lesben verbindenden - Tatsache bewusst: das Coming Out ist keine einmalige Sache, mit der Du der Welt enthusiastisch mitteilst, dass Du Frauen liebst. Vielmehr bedeutet ein Coming Out auch ein "lebensl├Ąnglich", es bedeutet, sich in den unterschiedlichsten Kontexten immer wieder neu zu "outen".

Ahima Beerlage hat es seit diesem Moment im Jahr 1980 immer wieder, bewundernswert mutig, getan. In famili├Ąren wie in beruflichen Zusammenh├Ąngen, von denen sie in diesem Buch ebenso erz├Ąhlt wie von Konflikten, Herausforderungen, Diskriminierungen und auch den vielen Gl├╝cksmomenten.

Doch nicht nur um den Moment ihres Jahre zur├╝ckliegenden Outings geht es hier, vielmehr um den Prozess und die Auseinandersetzungen, die daf├╝r n├Âtig waren und sind. Denn f├╝r Ahima Beerlage gilt: Das Private ist politisch. Und so setzt f├╝r sie die Definition von lesbischer Identit├Ąt voraus:

"Der Begriff ┬╗lesbisch┬ź bedeutet f├╝r mich emotionale, politische und identit├Ątsstiftende Heimat. Lesbisch zu sein ist dabei f├╝r mich immer subversiv, liebevoll parteilich f├╝r Frauen und im Feminismus verwurzelt."

Auf gerade mal 145 intensiven Seiten schildert Ahima authentisch, spannend und bis an die Schmerzgrenze ehrlich ihren turbulenten Weg, ihre pers├Ânliche und sozio-kulturell-politische Entwicklung vom ersten befreienden Gl├╝cksmoment auf dem Marktplatz in Marburg, ├╝ber die Landlesben-WG in das ASTA-Caf├ę, bis zur Ankunft in der Mauerstadt West-Berlin im Jahr 1987, als Mitinitiatorin der ersten Queer-Partys im SO36, als Radio-Moderatorin ihres Programms "The Old Fashioned Lady", sp├Ąter als Texterin in einer Werbe-Agentur und noch sp├Ąter als Storylinerin in einer t├Ąglichen TV-Serie bis zu Auftritten im legend├Ąren Frauenort Pelze multimedia, der Ahima eine neue Perspektive auf Kunst und Musik er├Âffnete (um nur einige wenige Stationen zu benennen, denn Ahima war und ist umtriebig und engagiert sich in vielen Bereichen). Und auch der Blick ├╝ber den eigenen Tellerrand, bzw. den der Community, zeichnet Ahima Beerlage aus: In ihrer Auseinandersetzung mit dem eigenen, erlernten bzw. tradierten Antisemitismus gibt sie auch einen Einblick in das Klima der Zeit, die, damals wie heute, antisemitisch und antiisraelisch gepr├Ągt war, auch in linken Kreisen.

In all ihrem Tun war und ist es Ahima Beerlage immer wichtig gewesen, lesbische Biographien und Lebensentw├╝rfe sichtbar zu machen und vor dem Vergessen zu bewahren.
Vorangestellt sind ihren Kapiteln zu den einzelnen ausgew├Ąhlte pr├Ągnante Zitate von Feministinnen wie Rebecca Solnit, Virgina Woolf, Sappho, oder Rita Mae Brown.

Das AVIVA-Kurzinterview mit Ahima Beerlage



AVIVA: Was hat dich dazu veranlasst, dieses doch sehr pers├Ânliche Buch zu schreiben?
Ahima: Immer h├Ąufiger geriet ich virtuell aber auch pers├Ânlich in Auseinandersetzungen, in denen mir Etiketten zugewiesen wurden, die mich als privilegierte Person dazu veranlassen sollten, so w├Ârtlich "die Klappe zu halten und zu lernen". Mir flogen als Lesbe Begriffe wie "TERF" (Trans-Exclusionary Radical Feminist) und "Cis-Frau" um die Ohren. Ich wurde als "schrumpelige Kartoffel", was so viel wie "alte Deutsche" bedeutet, beschimpft, die erst einmal lernen sollte, wer in dieser Gesellschaft ausgegrenzt wird. Ich war einfach nur entsetzt und f├╝hlte mich v├Âllig falsch gesehen. Aber ich konnte mich auch nicht mit denen identifizieren, die pl├Âtzlich genauso hart zur├╝ckschlugen mit eigenen Begriffen und Etiketten. Das einzige, was ich sicher wusste, war, dass ich immer mehr als die Summe aller Etiketten war, die mir in diesen neuen Grabenk├Ąmpfen gegeben wurden. Ich war schon immer eher eine "Eigene", die nicht gern "wir" sagt und die sich vor allem nie als "Opfer" sieht. Und wie konnte ich das besser erkl├Ąren, als meine Geschichte zu erz├Ąhlen, in der ich durch Menschen, politische und pers├Ânliche Ereignisse gelernt habe, in der ich aber auch selbst Zeiten erlebt habe, in denen ich ausgegrenzt wurde. Und eines wollte ich unbedingt erkl├Ąren: Warum mir ALLE Frauen* am Herzen liegen.
AVIVA: Dein Buch "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" ist ein sehr pers├Ânliches Buch. Du gibst einen tiefen Einblick in dein Leben als Lesbe. Das macht dich aber auch verwundbar. Warum tust du das?
Ahima: Es mag mich verwundbar machen, aber in erster Linie macht es mich ber├╝hrbar und begreifbar. Ich verstecke mich nicht hinter Etiketten oder Bezeichnungen. Meine Geschichte hat meine lesbische Identit├Ąt geformt. Und auf diesem Weg habe ich viel ├╝ber Kapitalismus, Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit gelernt. Ich habe auch begriffen, wie privilegiert ich als Wei├če in einem Land lebe, das seit ├╝ber 70 Jahren keinen Krieg mehr in den eigenen Grenzen gef├╝hrt und das Pressefreiheit und Sozialversicherung etabliert hat. In diesem Land bin ich aber auch als Lesbe diskriminiert worden, ich habe hier K├Ąmpfe als linke Feministin gef├╝hrt und ich habe viele tausend Stunden ehrenamtlich f├╝r meine ├ťberzeugungen gearbeitet. Daf├╝r erwarte ich keinen Orden oder Dankesreden, ich erwarte nur Respekt und Achtung f├╝r mich und all die Lesben und Frauen und auch Schwulen und Heterom├Ąnner, mit denen ich mich f├╝r eine freiere Gesellschaft eingesetzt habe.

Nat├╝rlich k├Ânnte ich gro├če, hochmoralische Reden schwingen. Das liegt mir aber nicht. Also habe ich meine Geschichte aufgeschrieben, die ├╝ber all das erz├Ąhlt ÔÇô auch mein Scheitern an verschiedenen Punkten, die mein immerw├Ąhrendes Lernen zeigt und auch erkl├Ąrt, warum ich schlie├člich unter der Doppelbelastung, Geld verdienen zu m├╝ssen und meine politischen und k├╝nstlerischen Projekte ohne Einnahmen zu verwirklichen, krank geworden bin und nun auch mit einer Behinderung und kleiner Fr├╝hrente leben muss. Da ich mich nie als Opfer gesehen habe, habe ich versucht, meine Geschichte mit einer geh├Ârigen Portion Selbstironie und Humor zu Papier zu bringen. Es gibt also genug zu lachen, obwohl es um ernste Themen geht.

AVIVA: Du beschriebst dich ja selbst als "Eigene" und dein Lebensweg, den du beschreibst, ber├╝hrt sehr viele unterschiedliche Themen. Wen willst du mit diesem Buch denn erreichen?
Ahima: Wenn du mich so fragst: Alle. Ich m├Âchte den Frauen Mut und Stolz geben, die mit mir gestritten haben und ├Ąlter geworden sind und unter denen viele sind, denen Altersarmut droht, weil sie chronisch unterbezahlt jahrelang in feministischen Projekten gearbeitet haben, als es daf├╝r noch keine Budgets gab. Ich m├Âchte schwule M├Ąnner wieder daran erinnern, dass wir Lesben in den neunziger Jahren ohne zu z├Âgern an ihrer Seite waren, als sie wegen HIV und AIDS angegriffen wurden und viele von ihnen erkrankt sind und warum ich zumindest ihre Loyalit├Ąt erwarte, wenn wir so massiv angegriffen werden. Ich m├Âchte mit den Queerfeminist*innen Erfahrungen teilen, die ich als Mitinitiatorin der ersten Queer-Partys im SO36 gemacht habe. Ich m├Âchte mit ihnen teilen, wie hart wir miteinander gerungen haben, um Rassismus in unseren wei├čen K├Âpfen und in der Gesellschaft zu begreifen und zu bek├Ąmpfen und wie wir solidarisch wurden mit People of Colour. Ich m├Âchte anderen mental oder k├Ârperlich Behinderten signalisieren, dass wir unseren Raum einnehmen m├╝ssen und unsere Sichtbarkeit einfordern k├Ânnen. Wo bleiben wir schlie├člich in der Identit├Ąten-Buchstabensuppe? Du siehst, ich will weiter mit allen im Gespr├Ąch bleiben und gefragt werden, bevor Menschen ein Urteil ├╝ber mich f├Ąllen. Und mein gr├Â├čter Wunsch ist, die Lesben, die auch eine spannende Geschichte haben, anzuregen, ihre Geschichte ebenfalls aufzuschreiben. Sichtbar werden wir nicht nur ├╝ber Statements, Klamotten und coole Spr├╝che. Sichtbar werden wir durch eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame K├Ąmpfe. Gemeinsamkeiten machen sich n├Ąmlich nicht durch immer feinere Justierungen unseres Begehrens und unserer sozialen Identit├Ąt fest, sondern durch gemeinsames Handeln f├╝r eine freiheitliche Gesellschaft, in der Menschen nicht nach Geschlecht, Begehren, Religion, Klasse, Herkunft, Hautfarbe, k├Ârperlicher und mentaler Leistungsf├Ąhigkeit oder ihrem Alter auseinanderdividiert werden. Letztendlich ist das Buch f├╝r alle "Eigenen", die sich nicht gern in Label-Schubladen ablegen lassen, die gern selber denken und die auf die Frage "Bist du auf unserer oder auf deren Seite?" keine Antwort haben.

AVIVA-Tipp: "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" ist ein gleichsam feinsinniger wie k├Ąmpferischer, ein kluger und ber├╝hrender Erfahrungsbericht ├╝ber Lesben, Liebe und Sehns├╝chte, ├╝ber Behinderung, Ausgrenzung und nicht zuletzt das Einfordern von Sichtbarkeit. Mit ihrem Buch "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" setzt sich Ahima Beerlage f├╝r einen vorurteilslosen und fairen Dialog ein zwischen QueeraktivistInnen und Feministinnen aller Generationen. Wir alle sind dazu aufgerufen, sie damit nicht allein zu lassen.

Ahima Beerlage
Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte

Verlag Krug & Schadenberg, erschienen Mai 2018
152 Seiten, broschiert
ISBN: 9783959170154
Euro 14,90
Mehr zum Buch unter: www.krugschadenberg.de

Buchpr├Ąsentationen

Samstag, 16. Juni 2018, ab 19.30 Uhr
Lesbisch.Eine Liebe mit Geschichte

"Lesbisch zu sein ist f├╝r mich immer subversiv, liebevoll parteilich f├╝r Frauen und im Feminismus verwurzelt." In ┬╗Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte┬ź erz├Ąhlt Ahima Beerlage, langj├Ąhrige Aktivistin, Moderatorin, Queer-Party-Veranstalterin und Autorin, aus ihrem facettenreichen und oft turbulenten Leben, in dem eines bei allen Metamorphosen pr├Ągend bleibt: ihre lesbische Identit├Ąt. Indem sie ihre Geschichte erz├Ąhlt, m├Âchte Ahima Beerlage dazu beitragen, dass Lesben und ihre Geschichte(n) nicht verschwinden und den Dialog neu beleben ÔÇô zwischen Alten und Jungen, QueeraktivistInnen und Feministinnen ÔÇŽ am Samstag stellt sie ihr Buch vor. F├╝r musikalische Zwischent├Âne sorgt die Band "G├╝lina" und mitlesen wird die Schauspielerin Uta Prelle.
Veranstaltungsort: "Aquarium" am S├ťDBLOCK, Admiralstra├če 6 (Kottbusser Tor)

28. Juni 2018 um 19.00 Uhr
Ahima Beerlage als G├Ąstin bei Sigrid Grajek in ihrem "Salon Wundert├╝te" im Barbische, Potsdamer Stra├če 151

Zur Autorin: Ahima Beerlage, geboren 1960, lebt als Autorin in Berlin. Geboren und aufgewachsen in Gelsenkirchen-Buer, studierte sie Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte und Politik in Marburg/Lahn und kam 1987 nach Berlin. Beim linken Privatsender Radio 100 sa├č sie f├╝r die erste schwul-lesbische Sendung Eldoradio am Mikrofon und ist Miterfinderin der "Queerparty" im SO36 in Berlin-Kreuzberg. Nach einigen ver├Âffentlichten Erz├Ąhlungen, Essays und Zeitungsartikeln erschien 1998 ihr erster Roman Sterne im Bauch in den Anfangsjahren des Verlags Krug & Schadenberg. Sie steuerte Geschichten bei zu den erotischen Anthologien Verf├╝hrungen und Augenblicke und vielen weiteren B├╝chern zum Thema lesbische Erotik. Seit einigen Jahren komplettiert sie das Podium bei der ┬╗Lesbischen Auslese┬ź, dem literarischen Quartett im Berliner Frauen-Kultur-Treff Begine. Nach f├╝nf Jahren als Autorin bei einer TV-Serie ist Ahima Beerlage jetzt im vorzeitigen Ruhestand und schreibt, liest und rezensiert B├╝cher f├╝r das Online Magazin AVIVA-Berlin und die Frauenliteraturzeitung Virginia. Im Mai 2018 erschien, ebenfalls im Verlag Krug & Schadenberg, ihr Buch Lesbisch ÔÇô Eine Liebe mit Geschichte.2010 hat Ahima Beerlage ihre Frau Sabine geheiratet, eine evangelische Pastorin.
Mehr Infos zur Autorin unter: www.krugschadenberg.de und www.aviva-berlin.de

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Was passiert, wenn deine m├╝hsam erk├Ąmpfte multikulturelle Identit├Ąt sich in Nichts aufl├Âst? In ihrem dritten Roman schickt die Journalistin und Spoken-Word-Performerin ihre queere Clique auf einen turbulenten Roadtrip durch die Vergangenheit. (2014)

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Die Germanistin und Historikerin M.A., zudem AVIVA-Berlin-Redakteurin, hat im Mai 2008 bei Krug & Schadenberg ihr erstes Buch "K├╝sse in Pink" ver├Âffentlicht: ein Coming-out-Buch f├╝r junge Lesben. (2008)

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Literatur > Biographien Beitrag vom 12.06.2018 Sharon Adler 





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