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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2018 - Beitrag vom 12.06.2018

Ahima Beerlage. Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte. Lesung am 23. November 2018
Sharon Adler

Aufgewachsen in einem streng katholischen Elternhaus war ihr Coming out alles andere als einfach. In ihren Erinnerungen schildert die Aktivistin, Moderatorin, Queer-Party-Veranstalterin, Autorin und Redakteurin den Prozess vom befreienden Moment im Jahr 1980 über alle Metamorphosen und unterschiedlichste Stationen in ihrem Leben bis heute. Ihr Buch stellt ein individuelles wie gesellschaftlich wertvolles Zeitdokument der Lesbengeschichte aus persönlichster Perspektive dar. Im Interview mit AVIVA spricht Ahima über Etiketten bzw. Label-Schubladen, ihre Motivation, dieses Buch geschrieben zu haben und Visionen für eine gemeinsame, für eine freiere Gesellschaft, in der Ausgrenzungen auch innerhalb der Community endgültig ad acta gelegt werden.



"Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich 1980 auf dem Rand des verwitterten Brunnens mitten auf dem Marktplatz in Marburg saß. Ich spüre noch die Frühlingssonne auf meiner Haut, das Kribbeln und diese Wärme in meinem Bauch, die sich langsam ausbreitete in Arme und Beine, bis ich nicht anders konnte, als laut loszuschreien. Leute drehten sich verwundert zu mir um, aber mir war das egal.

Ich hatte zum ersten Mal seit vielen Jahren das Gefühl, richtig in der Welt zu sein. »Ich bin lesbisch.« Das war der Satz, der mir Einsamkeit und Scham nahm und das Gefühl, krank oder einfach nur falsch zu sein. Ein überwältigend schönes Gefühl.


Wohl jede kann sich noch gut an ihr Coming Out erinnern, weiß, wie schwierig oder leicht der Weg dahin war, vor allem aber ist sie sich einer - alle Lesben verbindenden - Tatsache bewusst: das Coming Out ist keine einmalige Sache, mit der Du der Welt enthusiastisch mitteilst, dass Du Frauen liebst. Vielmehr bedeutet ein Coming Out auch ein "lebenslänglich", es bedeutet, sich in den unterschiedlichsten Kontexten immer wieder neu zu "outen".

Ahima Beerlage hat es seit diesem Moment im Jahr 1980 immer wieder, bewundernswert mutig, getan. In familiären wie in beruflichen Zusammenhängen, von denen sie in diesem Buch ebenso erzählt wie von Konflikten, Herausforderungen, Diskriminierungen und auch den vielen Glücksmomenten.

Doch nicht nur um den Moment ihres Jahre zurückliegenden Outings geht es hier, vielmehr um den Prozess und die Auseinandersetzungen, die dafür nötig waren und sind. Denn für Ahima Beerlage gilt: Das Private ist politisch. Und so setzt für sie die Definition von lesbischer Identität voraus:

"Der Begriff »lesbisch« bedeutet für mich emotionale, politische und identitätsstiftende Heimat. Lesbisch zu sein ist dabei für mich immer subversiv, liebevoll parteilich für Frauen und im Feminismus verwurzelt."

Auf gerade mal 145 intensiven Seiten schildert Ahima authentisch, spannend und bis an die Schmerzgrenze ehrlich ihren turbulenten Weg, ihre persönliche und sozio-kulturell-politische Entwicklung vom ersten befreienden Glücksmoment auf dem Marktplatz in Marburg, über die Landlesben-WG in das ASTA-Café, bis zur Ankunft in der Mauerstadt West-Berlin im Jahr 1987, als Mitinitiatorin der ersten Queer-Partys im SO36, als Radio-Moderatorin ihres Programms "The Old Fashioned Lady", später als Texterin in einer Werbe-Agentur und noch später als Storylinerin in einer täglichen TV-Serie bis zu Auftritten im legendären Frauenort Pelze multimedia, der Ahima eine neue Perspektive auf Kunst und Musik eröffnete (um nur einige wenige Stationen zu benennen, denn Ahima war und ist umtriebig und engagiert sich in vielen Bereichen). Und auch der Blick über den eigenen Tellerrand, bzw. den der Community, zeichnet Ahima Beerlage aus: In ihrer Auseinandersetzung mit dem eigenen, erlernten bzw. tradierten Antisemitismus gibt sie auch einen Einblick in das Klima der Zeit, die, damals wie heute, antisemitisch und antiisraelisch geprägt war, auch in linken Kreisen.

In all ihrem Tun war und ist es Ahima Beerlage immer wichtig gewesen, lesbische Biographien und Lebensentwürfe sichtbar zu machen und vor dem Vergessen zu bewahren.
Vorangestellt sind ihren Kapiteln zu den einzelnen ausgewählte prägnante Zitate von Feministinnen wie Rebecca Solnit, Virgina Woolf, Sappho, oder Rita Mae Brown.

Das AVIVA-Kurzinterview mit Ahima Beerlage



AVIVA: Was hat dich dazu veranlasst, dieses doch sehr persönliche Buch zu schreiben?
Ahima: Immer häufiger geriet ich virtuell aber auch persönlich in Auseinandersetzungen, in denen mir Etiketten zugewiesen wurden, die mich als privilegierte Person dazu veranlassen sollten, so wörtlich "die Klappe zu halten und zu lernen". Mir flogen als Lesbe Begriffe wie "TERF" (Trans-Exclusionary Radical Feminist) und "Cis-Frau" um die Ohren. Ich wurde als "schrumpelige Kartoffel", was so viel wie "alte Deutsche" bedeutet, beschimpft, die erst einmal lernen sollte, wer in dieser Gesellschaft ausgegrenzt wird. Ich war einfach nur entsetzt und fühlte mich völlig falsch gesehen. Aber ich konnte mich auch nicht mit denen identifizieren, die plötzlich genauso hart zurückschlugen mit eigenen Begriffen und Etiketten. Das einzige, was ich sicher wusste, war, dass ich immer mehr als die Summe aller Etiketten war, die mir in diesen neuen Grabenkämpfen gegeben wurden. Ich war schon immer eher eine "Eigene", die nicht gern "wir" sagt und die sich vor allem nie als "Opfer" sieht. Und wie konnte ich das besser erklären, als meine Geschichte zu erzählen, in der ich durch Menschen, politische und persönliche Ereignisse gelernt habe, in der ich aber auch selbst Zeiten erlebt habe, in denen ich ausgegrenzt wurde. Und eines wollte ich unbedingt erklären: Warum mir ALLE Frauen* am Herzen liegen.
AVIVA: Dein Buch "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" ist ein sehr persönliches Buch. Du gibst einen tiefen Einblick in dein Leben als Lesbe. Das macht dich aber auch verwundbar. Warum tust du das?
Ahima: Es mag mich verwundbar machen, aber in erster Linie macht es mich berührbar und begreifbar. Ich verstecke mich nicht hinter Etiketten oder Bezeichnungen. Meine Geschichte hat meine lesbische Identität geformt. Und auf diesem Weg habe ich viel über Kapitalismus, Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit gelernt. Ich habe auch begriffen, wie privilegiert ich als Weiße in einem Land lebe, das seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr in den eigenen Grenzen geführt und das Pressefreiheit und Sozialversicherung etabliert hat. In diesem Land bin ich aber auch als Lesbe diskriminiert worden, ich habe hier Kämpfe als linke Feministin geführt und ich habe viele tausend Stunden ehrenamtlich für meine Überzeugungen gearbeitet. Dafür erwarte ich keinen Orden oder Dankesreden, ich erwarte nur Respekt und Achtung für mich und all die Lesben und Frauen und auch Schwulen und Heteromänner, mit denen ich mich für eine freiere Gesellschaft eingesetzt habe.

Natürlich könnte ich große, hochmoralische Reden schwingen. Das liegt mir aber nicht. Also habe ich meine Geschichte aufgeschrieben, die über all das erzählt – auch mein Scheitern an verschiedenen Punkten, die mein immerwährendes Lernen zeigt und auch erklärt, warum ich schließlich unter der Doppelbelastung, Geld verdienen zu müssen und meine politischen und künstlerischen Projekte ohne Einnahmen zu verwirklichen, krank geworden bin und nun auch mit einer Behinderung und kleiner Frührente leben muss. Da ich mich nie als Opfer gesehen habe, habe ich versucht, meine Geschichte mit einer gehörigen Portion Selbstironie und Humor zu Papier zu bringen. Es gibt also genug zu lachen, obwohl es um ernste Themen geht.

AVIVA: Du beschriebst dich ja selbst als "Eigene" und dein Lebensweg, den du beschreibst, berührt sehr viele unterschiedliche Themen. Wen willst du mit diesem Buch denn erreichen?
Ahima: Wenn du mich so fragst: Alle. Ich möchte den Frauen Mut und Stolz geben, die mit mir gestritten haben und älter geworden sind und unter denen viele sind, denen Altersarmut droht, weil sie chronisch unterbezahlt jahrelang in feministischen Projekten gearbeitet haben, als es dafür noch keine Budgets gab. Ich möchte schwule Männer wieder daran erinnern, dass wir Lesben in den neunziger Jahren ohne zu zögern an ihrer Seite waren, als sie wegen HIV und AIDS angegriffen wurden und viele von ihnen erkrankt sind und warum ich zumindest ihre Loyalität erwarte, wenn wir so massiv angegriffen werden. Ich möchte mit den Queerfeminist*innen Erfahrungen teilen, die ich als Mitinitiatorin der ersten Queer-Partys im SO36 gemacht habe. Ich möchte mit ihnen teilen, wie hart wir miteinander gerungen haben, um Rassismus in unseren weißen Köpfen und in der Gesellschaft zu begreifen und zu bekämpfen und wie wir solidarisch wurden mit People of Colour. Ich möchte anderen mental oder körperlich Behinderten signalisieren, dass wir unseren Raum einnehmen müssen und unsere Sichtbarkeit einfordern können. Wo bleiben wir schließlich in der Identitäten-Buchstabensuppe? Du siehst, ich will weiter mit allen im Gespräch bleiben und gefragt werden, bevor Menschen ein Urteil über mich fällen. Und mein größter Wunsch ist, die Lesben, die auch eine spannende Geschichte haben, anzuregen, ihre Geschichte ebenfalls aufzuschreiben. Sichtbar werden wir nicht nur über Statements, Klamotten und coole Sprüche. Sichtbar werden wir durch eine gemeinsame Geschichte und gemeinsame Kämpfe. Gemeinsamkeiten machen sich nämlich nicht durch immer feinere Justierungen unseres Begehrens und unserer sozialen Identität fest, sondern durch gemeinsames Handeln für eine freiheitliche Gesellschaft, in der Menschen nicht nach Geschlecht, Begehren, Religion, Klasse, Herkunft, Hautfarbe, körperlicher und mentaler Leistungsfähigkeit oder ihrem Alter auseinanderdividiert werden. Letztendlich ist das Buch für alle "Eigenen", die sich nicht gern in Label-Schubladen ablegen lassen, die gern selber denken und die auf die Frage "Bist du auf unserer oder auf deren Seite?" keine Antwort haben.

AVIVA-Tipp: "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" ist ein gleichsam feinsinniger wie kämpferischer, ein kluger und berührender Erfahrungsbericht über Lesben, Liebe und Sehnsüchte, über Behinderung, Ausgrenzung und nicht zuletzt das Einfordern von Sichtbarkeit. Mit ihrem Buch "Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte" setzt sich Ahima Beerlage für einen vorurteilslosen und fairen Dialog ein zwischen QueeraktivistInnen und Feministinnen aller Generationen. Wir alle sind dazu aufgerufen, sie damit nicht allein zu lassen.

Ahima Beerlage
Lesbisch. Eine Liebe mit Geschichte

Verlag Krug & Schadenberg, erschienen Mai 2018
152 Seiten, broschiert
ISBN: 9783959170154
Euro 14,90
Mehr zum Buch unter: www.krugschadenberg.de

LESUNG UND DISKUSSION
RuT — Rad und Tat — Offene Initiative Lesbischer Frauen e.V.

Schillerpromenade 1
Freitag, 23. November 2018/ 19.00 Uhr
Mehr Infos: www.rut-berlin.de

Zur Autorin: Ahima Beerlage, geboren 1960, lebt als Autorin in Berlin. Geboren und aufgewachsen in Gelsenkirchen-Buer, studierte sie Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte und Politik in Marburg/Lahn und kam 1987 nach Berlin. Beim linken Privatsender Radio 100 saß sie für die erste schwul-lesbische Sendung Eldoradio am Mikrofon und ist Miterfinderin der "Queerparty" im SO36 in Berlin-Kreuzberg. Nach einigen veröffentlichten Erzählungen, Essays und Zeitungsartikeln erschien 1998 ihr erster Roman Sterne im Bauch in den Anfangsjahren des Verlags Krug & Schadenberg. Sie steuerte Geschichten bei zu den erotischen Anthologien Verführungen und Augenblicke und vielen weiteren Büchern zum Thema lesbische Erotik. Seit einigen Jahren komplettiert sie das Podium bei der »Lesbischen Auslese«, dem literarischen Quartett im Berliner Frauen-Kultur-Treff Begine. Nach fünf Jahren als Autorin bei einer TV-Serie ist Ahima Beerlage jetzt im vorzeitigen Ruhestand und schreibt, liest und rezensiert Bücher für das Online Magazin AVIVA-Berlin und die Frauenliteraturzeitung Virginia. Im Mai 2018 erschien, ebenfalls im Verlag Krug & Schadenberg, ihr Buch Lesbisch – Eine Liebe mit Geschichte.2010 hat Ahima Beerlage ihre Frau Sabine geheiratet, eine evangelische Pastorin.
Mehr Infos zur Autorin unter: www.krugschadenberg.de und www.aviva-berlin.de

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Literatur > Biographien Beitrag vom 12.06.2018 Sharon Adler 





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