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AVIVA-BERLIN.de im November 2021 - Beitrag vom 05.08.2015


Molly Antopol - Die Unamerikanischen
Julia Lorenz

Von New York bis Tel Aviv, von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart: Molly Antopols kluge, intime Erzählungen berichten von jüdischer Identitätssuche in einer globalisierten Welt.




"Unamerikanisch" - das war einst ein Kampfbegriff. Im Kalten Krieg, vor allem jedoch in der Regierungszeit des US-Präsidenten Joseph McCarthy, machte das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" Jagd auf vermeintlich subversive Oppositionelle und Spitzel, die den Staat unterwandern könnten. Unamerikanisch, das waren in den antikommunistischen USA der Fünfziger: Linke aller Couleur - doch im Grunde die meisten Skeptiker_innen, die sich dem herrschenden politischen Zeitgeist nicht anpassen wollten.

Doch "unamerikanisch" sind auch die Protagonist_innen in Molly Antopols Kurzgeschichten. So etwa Howard und Sveta, ein Paar, wie es in Hollywoodfilmen nicht vorkommt: Er musste eine Scheidung, sie den Verlust ihres Ehemannes verarbeiten. Sie lernen sich kennen, nähern sich zaghaft an und realisieren: Es gibt sie doch, die späte, aber große Liebe. Die Hochzeitsreise führt das Paar in die Ukraine, Svetas Herkunftsland. Doch mit dem amerikanischen Kontinent scheint sich Sveta auch von Howard zu entfernen. In der Ukraine angekommen, hat sich ihre Liebe verflüchtigt. Eine rationale Erklärung wird der/die LeserIn nicht bekommen.

Mit der Erzählung "Die alte Welt", dem Auftakt des x Kurzgeschichten umfassenden Werks "Die Unamerikanischen", umreißt Molly Antopol, worum es ihr geht: Um Fragen der Herkunft, der Zugehörigkeit und der Identität - vor allem jüdischer Identität. Ihre Geschichten spannen einen narrativen Bogen von den Vierzigern bis ins Jetzt, von Amerika bis in den Nahen Osten: Von der in den 1940er Jahren wirkenden Brigade "Jüdischer Untergrund" berichtet Antopol, unternimmt einen Exkurs ins Israel der Gegenwart, um schließlich den Bogen in die USA der McCarthy-Ära zu schlagen.

Antopols Versuch, jüdische Identitäten über die Jahre und Kontinente zu ergründen, hat auch einen persönlichen Bezug. Wie die Autorin berichtet, lernte sie vor Jahren in Haifa eine Frau kennen, die sich als Weißrussin aus Antopol herausstellte - jenem Dorf, aus dem die Großmutter der Autorin stammt. Im Namen trägt Antopol ihre familiären Wurzeln ohnehin, doch begann sie in Konsequenz der Begegnung, ihre jüdisch-amerikanische Familiengeschichte zu ergründen.

So hinterlässt "Die Unamerikanischen" nicht zuletzt den Eindruck, Antopol verarbeite - stets pointiert, bisweilen wehmütig - ihre Beobachtungen, wie verschiedene Generationen mit ihrer Herkunft, ihren jüdischen Wurzeln umgehen. So lässt sie in "Die alte Welt" zwei Generationen und Lebensmodelle aufeinanderprallen, wenn sie Howard, an religiöser Praxis wenig interessiert, mit seiner Tochter konfrontiert, die von einer Israelreise als tief gläubige Jüdin zurückgekehrt ist. Am Ende steht nicht die Frage, wer "unamerikanisch" ist und warum - sondern vielmehr, welche Bedeutung Konstruktionen wie "Amerikanisch-Sein" überhaupt haben.

AVIVA-Tipp: Scharfsinnig beobachtet und wehmütig-schön: Mit ihrem Werk "Die Unamerikanischen" erweist sich Molly Antopol als Meisterin der Kurzform - und als eine der aktuell spannendsten US-amerikanischen Chronistinnen jüdischer Lebensgeschichten.

Zur Autorin: Molly Antopol wurde 1979 geboren und verbrachte ihre Kindheit in einer Kommune an der Ostküste der USA. Zwei Drittel des Jahres lebt sie in Israel, wo sie nach ihrem Studium für eine Menschenrechtsorganisation arbeitete. Den Rest des Jahres lebt Antopol in San Francisco und lehrt an der Stanford University.

Weitere Infos zur Autorin unter www.mollyantopol.com

Molly Antopol
Die Unamerikanischen

Originaltitel: The UnAmericans
Übersetzt von Patricia Klobusiczky
Hanser Berlin, erschienen Februar 2015
ISBN 978-3446247710
320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Euro 19,80
Weitere Infos unter: www.hanser-literaturverlage.de


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Literatur > Jüdisches Leben

Beitrag vom 05.08.2015

Julia Lorenz 






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