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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.10.2015

Ingeborg Boxhammer - Marta Halusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen
Lisa Sophie Kämmer

Die bewegende Geschichte zweier junger Frauen, deren Liebe die Zeit des Nationalsozialismus √ľberdauerte. Mit ihrer Kurzbiografie liefert die Journalistin und Software-Trainerin einen wichtigen...



... Beitrag, um verfolgten lesbischen Frauen während der Nazizeit ein Gesicht zu geben.

Lesben im "Dritten Reich" ‚Äď eine Spurensuche

Das Schicksal von lesbischen Frauen im Nationalsozialismus wurde wie die Diskriminierung und Verfolgung homosexueller M√§nner √ľber viele Jahrzehnte von der Forschung nicht thematisiert. Erst infolge der Arbeiten der Historikerin Claudia Schoppmann, die in ihrer Dissertation die Situation vor allem weiblicher Opfer analysierte, nahmen sich zu Beginn der 1990er Jahre allm√§hlich einzelne ForscherInnen dieser Thematik an. Im Zuge ihrer Recherchen zur Lebenssituation von lesbischen Frauen im Nationalsozialismus st√∂√üt auch die Journalistin Ingeborg Boxhammer auf das Schicksal einer Betroffenen, deren Leidensgeschichte wie die vieler anderer Lesben in Vergessenheit geraten ist. Es handelt sich um die j√ľdische T√§nzerin Margot Liu. Mithilfe √ľberlieferter Archivalien und der Unterst√ľtzung des Neffen von Margot Liu, gelingt es Boxhammer in der Folge, das Leben von Margot und ihrer Partnerin Marta Halusa zu rekonstruieren. Die so entstandene Kurzbiografie zeichnet sich dabei durch ein umfangreiches Bildmaterial aus, das den Lebensweg der beiden Protagonistinnen anschaulich illustriert.

Der Beginn einer lebenslangen Liebe ‚Äď Margot Liu und Marta Halusa

Bevor Ingeborg Boxhammer die Verfolgungsgeschichte der beiden Frauen w√§hrend der Zeit des Nationalsozialismus informativ erl√§utert, erf√§hrt die Leserin in einem ersten Teil der Kurzbiografie mehr √ľber die Herkunft der beiden Protagonistinnen.
Margot Liu, die 1912 als Margot Holzmann im schlesischen Ratibor geboren wird, w√§chst als Halbwaise in einem j√ľdischen Erziehungsheim auf, das 1907 von der ber√ľhmten Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim (1859-1936) in der N√§he von Frankfurt gegr√ľndet wurde. Ihr Traum, eines Tages als angesehene T√§nzerin zu arbeiten, erf√ľllt sich nach bestandener Ausbildung in einer Ballettschule. So tritt Margot ab 1931 erfolgreich als T√§nzerin in verschiedenen deutschen St√§dten auf.
W√§hrend ihre sp√§tere Tanz- und Lebenspartnerin eine professionelle Ausbildung genoss, lernt Marta Halusa das Tanzen neben ihrer Anstellung als K√ľchenhilfe.
Sie wird 1910 in Brunsb√ľttel geboren, w√§chst in einfachen Verh√§ltnissen auf und ist evangelischer Konfession. Die beiden Frauen lernen sich 1932 in Hamburg kennen und lieben, wo beide in derselben Variet√©nummer als T√§nzerinnen auftreten. Als "Pepita und Peter" touren sie anschlie√üend durch Deutschland, wobei sie auch einige Auftritte im Ausland absolvieren. Gemeinsam ziehen sie 1937 nach Berlin.

Verfolgt und inhaftiert

W√§hrend die m√§nnliche Homosexualit√§t infolge des ¬ß 175 in den Jahren 1933 bis 1945 √∂ffentlich unter Strafe gestellt wurde und Tausende homosexuelle M√§nner aufgrund ihrer sexuellen Neigung in Konzentrationslager verschleppt wurden, waren sexuelle Handlungen unter Frauen nicht strafrechtlich kriminalisiert. Zwar verstie√ü auch ihre Sexualit√§t gegen das "gesunde Volksempfinden", doch erblickte man in ihren gleichgeschlechtlichen Handlungen keine ernstzunehmende Gefahr, sondern qualifizierte sie als "kurzzeitige Verirrungen" ab. Lesben gerieten dennoch ab 1935 verst√§rkt als sogenannte "Asoziale" in das Visier der Gestapo, die einen Zusammenhang zwischen Prostitution und weiblicher Homosexualit√§t vermutete. Auch Margot und Marta werden in der Folge mehrmalig verhaftet und der "Gewerbsunzucht" bezichtigt. Aufgrund ihrer j√ľdischen Herkunft ist Margot in besonderer Weise gef√§hrdet. In Absprache mit Marta heiratet sie deshalb 1941 den Chinesen Chin-Lan Liu, wodurch sie die chinesische Staatsb√ľrgerschaft erh√§lt. Als dieser sich get√§uscht sieht und die Scheidung einfordert, taucht Margot mithilfe von Marta unter. Nur mit viel Gl√ľck √ľberlebt das Paar das Ende des Krieges.

Im Kampf um eine rechtmäßige Entschädigung

Im Herbst 1945 stellen Liu und Halusa einen Antrag auf Anerkennung als "Opfer des Faschismus". Sie beide sind von der Gestapo mehrmals in "Schutzhaft" genommen und gewaltsam verh√∂rt worden, wodurch sie k√∂rperliche und seelische Gebrechen davontragen. Da beide Frauen auch im antifaschistischen Widerstand aktiv waren, werden ihre Antr√§ge schlie√ülich bewilligt. Dennoch kommt es in den nachfolgenden Jahren zu langwierigen Prozessen, in deren Verlauf die beiden immer wieder darum k√§mpfen m√ľssen, dass ihr Leid staatlicherseits anerkannt wird. W√§hrend ehemalige T√§ter und Handlanger zum Teil hohe Geh√§lter und Renten beziehen, m√ľssen Liu und Halusa wie viele andere Opfer des NS-Regimes um eine rechtm√§√üige Entsch√§digung bangen. 1949 emigrieren die beiden nach England. In Deutschland, wo man sie aufgrund ihrer Liebe und Margots j√ľdischer Herkunft verfolgte, m√∂chten sie nie wieder leben.

Zur Autorin: Ingeborg Boxhammer wurde 1962 in Ostwestfalen geboren und arbeitet gegenw√§rtig als freie Journalistin und Software-Trainerin. 1991 erlangte sie den Magister in √Ąlterer und Neuerer Germanistik sowie Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Bonn. Von 1991 bis 1997 arbeitete sie als Filmarchivarin und Vorf√ľhrerin in einem Kino. Neben dem Schreiben von Filmrezensionen h√§lt sie seit 1992 auch Filmvortr√§ge. Im Fr√ľhjahr 2007 ver√∂ffentlichte sie ihr erstes Buch "Das Begehren im Blick - Streifz√ľge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte". Seit 2005 ist sie Redakteurin bei dem Online-Portal lesbengeschichte.org.
Aktuell arbeitet Boxhammer an einer Biografie √ľber Margarete Herz (1872-1947) und Helene Wolff (1871-1917), die als fr√ľhe Aktivistinnen im Kampf f√ľr das Frauenwahlrecht auftraten.

AVIVA-Tipp: Mit ihrer "J√ľdischen Miniatur" ist es Boxhammer gelungen, das Schicksal der beiden T√§nzerinnen Margot Liu und Marta Halusa knapp, aber eingehend nachzuzeichnen. Ihre Kurzbiografie d√ľrfte einen wichtigen Impuls f√ľr die historische Forschung liefern, die weiterhin daran krankt, die Lebenswege lesbischer Frauen im Nationalsozialismus ausreichend sichtbar zu machen. Dass die biografische Rekonstruktion aufgrund unzureichenden Quellenmaterials dabei L√ľcken aufweist und die Autorin in mehreren F√§llen auf Vermutungen zur√ľckgreifen muss, tut dem B√ľchlein keinen Abbruch, sondern zeugt von den Bem√ľhungen Boxhammers, die die Leserin zugleich zu eigenen Schlussfolgerungen anspornt.

Ingeborg Boxhammer
Marta Halusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen

Hentrich & Hentrich Verlag Berlin, erschienen im August 2015
Aus der Reihe J√ľdische Miniaturen, Bd. 175, herausgegeben von Hermann Simon
Broschur, 92 Seiten, 20 Abbildungen
ISBN 978-3-95565-116-9
9,90 Euro
www.hentrichhentrich.de

Weitere Infos unter:

www.lesbengeschichte.org Quellen und Studien zu lesbischen Frauen im Nationalsozialismus

www.freie-radios.net Interview mit der Historikerin Claudia Schoppmann zum Thema Lesben im Nationalsozialismus

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ingeborg Boxhammer - Das Begehren im Blick. Streifz√ľge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte Streifz√ľge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte verspricht Ingeborg Boxhammer und hat tats√§chlich eine beeindruckende Sammlung von Filmbeispielen in ihrem Buch zusammen getragen (2007)

Erstes Internet-Projekt zur Lesbengeschichte ist online - lesbengeschichte.org (2005)

Keine Tochter aus gutem Hause - Johanna Elberskirchen, 1864-1943 Christiane Leidinger portraitiert eine der ersten feministischen und bekennend homosexuellen Schriftstellerinnen vor dem historischen Hintergrund zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus (2008)

Anna Havemann - Gertrude Sandmann. K√ľnstlerin und Frauenrechtlerin Anna Havemann ist nicht nur Kuratorin der aktuellen Gertrude Sandmann-Ausstellung und verwaltet deren Nachlass. In der Reihe "J√ľdische Miniaturen" ver√∂ffentlichte sie nun zus√§tzlich eine Kurzbiographie zu der faszinierenden Malerin, die viel zu lange aus dem √∂ffentlichen Ged√§chtnis verschwunden war. (2011)

Drei Frauen, eine Spurensuche - Die T√§nzerin Tatjana Barbakoff Layla Zami erz√§hlt die bewegende Geschichte der chinesisch-lettisch-j√ľdischen Ausdrucks-T√§nzerin, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde und von der zeitgen√∂ssischen K√ľnstlerin Oxana Chi in der TanzFemmage "Durch G√§rten" geehrt wird.

Susanne Beyer - Palucca - Die Biografie. AvivA Verlag Die SPIEGEL-Kulturredakteurin zeichnet mit dieser Biographie ein neues Bild dieser widerspr√ľchlichen und charismatischen Frau, der Wegbereiterin des modernen Tanzes, Gret Palucca (1902-1993). (2009)



Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 11.10.2015 Lisa Sophie K√§mmer 





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