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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 05.04.2017

Maria Heiner - Lea Grundig. Kunst f├╝r die Menschen. Mit einem Vorwort der Schauspielerin Esther Zimmering, erschienen in der Reihe J├╝dische Miniaturen
Romina Wiegemann

Viele Kenner_Innen des Werkes der 1906 als Leah Langer in Dresden geborenen deutsch-j├╝dischen antifaschistischen Zeichnerin, Grafikerin und Illustratorin Lea Grundig stellen sie in eine Reihe mit K├╝nstler_Innen wie K├Ąthe Kollwitz und Franz Masereel.



Diese Einsch├Ątzung teilt auch die Autorin der Kurzbiographie, die ├ärztin Maria Heiner, eine enge Wegbegleiterin in ihren letzten Jahren. Lea Grundig war Kommunistin, ihr Werk politisch, ihr Leben vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus, von Flucht, Exil und Remigration gepr├Ągt.

Doch wer annimmt, dass Lea Grundigs k├╝nstlerisches Erbe, ihr antifaschistisches Engagement und die ÔÇô erfolglos - unternommenen Anstrengungen, die Erinnerung an die Shoah zum Gegenstand der politischen Kunst der DDR zu machen, ├╝ber einen kleinen Kreis von Anh├Ąnger_Innen hinaus gesch├Ątzt werden, irrt.

In der in den neunziger Jahren gef├╝hrten Debatte ├╝ber die Vergabe des Hans-und Lea-Grundig-Preises - Lea Grundig hatte diesen f├╝nf Jahre vor ihrem Tod der Universit├Ąt Greifswald gestiftet - wurde ihr eine F├╝lle von Pr├Ądikaten zugeschrieben. "Stalinistin", "Chef-Propagandistin der DDR", "unpolitisch", und "naiv" sind nur einige Beispiele. Der Vorwurf einer "unpolitischen" Haltung erweist sich schon durch einen kurzen Blick in Lea Grundigs Biografie als haltlos.

Lea Grundig nahm fr├╝h Abstand von ihrem b├╝rgerlichen Elternhaus, das vor allem durch ihren Vater konservativ und religi├Âs gepr├Ągt war. Mit 14 Jahren trat sie dem zionistischen Bund "Blau-Wei├č" bei, einer Abspaltung der "Wandervogel-Bewegung", die aufgrund des stark verbreiteten Antisemitismus und der zunehmend "deutsch-v├Âlkischen" Ausrichtung der Ursprungsbewegung vollzogen werden musste. Die Zeit im j├╝dischen Jugendbund beschrieb Lea Grundig sp├Ąter als die gl├╝cklichsten Jahre ihres Lebens. Sie ging die ersten Schritte auf dem Weg ihrer Selbstbefreiung, raus aus der Enge und Beschr├Ąnktheit ihres Elternhauses. Sie schloss Freundschaften und begeisterte sich f├╝r die Idee eines kameradschaftlichen Aufbaus eines j├╝dischen Staates der Arbeiter_Innen in Pal├Ąstina.

Anders als es der von ihrem Vater vorgezeichnete Weg vorsah, besuchte Lea nicht die Handelsschule, sondern nahm 1922 zun├Ąchst ein Studium an der Kunstgewerbeakademie Dresden auf und lernte das Zeichnen. Ab 1924 studierte sie an der Dresdner Akademie der Bildenden K├╝nste und lernte dort ihren sp├Ąteren Mann, den Maler Hans Grundig kennen. Sie bewegte sich fortan in einem Kreis links eingestellter junger K├╝nstler_Innen und trat 1926 in die KPD ein. 1928 heiratete sie Hans und zog mit ihm in ein Arbeiter_Innenviertel. Die beiden hatten nur das Allern├Âtigste, aber arbeiteten intensiv, im Stile der Neuen Sachlichkeit. In ihren Zeichnungen und Druckgrafiken stellt Lea Grundig das elende Leben der Arbeiter_Innenschaft und ihrer Kinder w├Ąhrend der Zwanziger Jahre und besonders der Weltwirtschaftskrise dar. Das Anliegen der sich 1929 um Hans und Lea Grundig formierenden Dresdner Gruppe der "Assoziation revolution├Ąrer bildender K├╝nstler Deutschlands" war die Verbindung k├╝nstlerischer Arbeit mit dem politischem Kampf. Eine Kunst f├╝r alle Menschen sollte geschaffen werden, dem Markt entzogen und erschwinglich.

Mit der Macht├╝bernahme der Nationalsozialisten hatten Lea und Hans Grundig Berufsverbot. In der "Illegalit├Ąt" arbeiteten die beiden vorrangig an antifaschistischen Zyklen. Bekannt wurden die Radierfolgen "Unterm Hakenkreuz", "Der Jude ist schuld" und "Krieg droht!". Ganz besonders eindringliche Zeichnungen aus diesen Reihen sind "Gestapo im Haus" (1935), "M├╝tter, Krieg droht! (1937), "Gefangen (1937) und "Der Schrei" (1937). Lea und Hans Grundig stellten die Not der Gequ├Ąlten ins Zentrum ihres Schaffens und wurden selbst Opfer der Verfolgung. Es folgte eine Zeit mehrfacher Verhaftungen. Lea Grundig wurde aus ihrer letzten Haft mit der Auflage entlassen, direkt nach Pal├Ąstina zu emigrieren, und bis dahin mit niemandem, insbesondere nicht mit Hans, Kontakt aufzunehmen. Die beiden trafen sich dennoch, wurden erkannt und denunziert. Hans wurde 1940 ins KZ Sachsenhausen deportiert, Lea Grundig endg├╝ltig aus Deutschland ausgewiesen. Auf Umwegen gelangte sie als ├ťberlebende des Fl├╝chtlingsschiffes "Patria" ins britische Mandatsgebiet Pal├Ąstina, wo sie direkt ins Internierungslager Atlit ├╝berstellt wurde. Dort entstand die "Antifaschistische Fibel", 18 anklagende Zeichnungen, die den "Deutschen Soldaten" und das kriegstreibende Morden in den Fokus nehmen.

Nach einem Jahr durfte Lea das Internierungslager verlassen. Sie versuchte, in Pal├Ąstina Fu├č zu fassen, lernte Hebr├Ąisch und erhielt die Gelegenheit, Kinderb├╝cher, darunter die Werke von Lea Goldberg oder Anda Amir-Pinkerfeld zu illustrieren.
Buchillustrationen hatte sich Lea Grundig bislang nicht zugetraut, wurde nun aber sehr erfolgreich damit. Zwischen 1942 und 1948 illustrierte sie 20 Kinderb├╝cher mit etwa 350 Zeichnungen und trug somit ma├čgeblich dazu bei, einen kulturellen Fundus f├╝r die vielen Kinder und Jugendliche, die nach Pal├Ąstina gefl├╝chtet waren, entstehen zu lassen. Sie war lange Zeit die einzige K├╝nstlerin, die sich in Pal├Ąstina mit dem Massenmord an den europ├Ąischen Juden besch├Ąftigte. Der Zyklus "Im Tal des Todes", der 1944 von der Dachorganisation der Kibbutzim ver├Âffentlicht wurde, handelt von Verfolgung, Flucht und Vernichtung, aber auch Widerstand der J├╝dinnen und Juden in Europa (z.B. "Fl├╝chtende" "Im Todeswaggon", "Bluthunde").

Im Jahr 1946 erfuhr Lea Grundig, dass ihr Mann Hans, wenn auch schwer gezeichnet von einer Lungenkrankheit, die aus der Zeit im KZ stammte, ├╝berlebt hatte. Visumschwierigkeiten f├╝hrten dazu, dass sie erst 1949 zu ihm nach Dresden zur├╝ckkehren konnte. Kurz nach ihrer R├╝ckkehr wurde Lea Grundig im Jahr 1950 erste Professorin mit Lehrstuhl an der neuen Hochschule f├╝r Bildende K├╝nste in Dresden. Ihr baldiger Versuch, ihren Shoah-Zyklus "Niemals wieder!" in Buchform zu publizieren, scheiterte, mit der Begr├╝ndung, dass "die Zeichnungen der derzeitigen sich vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR nicht mehr entsprachen." Dar├╝ber hinaus noch nahm die "T├Ągliche Rundschau", die Zeitung der Sowjetischen Besatzungsmacht, in einem Artikel zur "Kunst des H├Ąsslichen" Bezug auf diesen Zyklus, was Lea Grundig als Diffamierungsversuch empfand.
In den 1950er Jahren portraitierte sie die Arbeiter_Innenschaft der DDR, bekannt als der Zyklus "Kohle und Stahl f├╝r den Frieden". Die F├Ąhigkeit des Illustrierens, die sie in Pal├Ąstina erworben hatte, setzte sie f├╝r die Nachkriegsausgabe der M├Ąrchen der Gebr├╝der Grimm um. So entstand mit ├╝ber 400 Zeichnungen das gr├Â├čte zusammenh├Ąngende Werk von Lea Grundig. 1958 starb Hans Grundig an den Folgen der KZ-Haft, was einen weiteren tragischen Wendepunkt im Leben der K├╝nstlerin markierte. 1964 wurde sie Pr├Ąsidentin des Verbands Bildender K├╝nstler der DDR und bekleidete dieses Amt bis 1970. F├╝r ihre wichtigste kulturpolitische Leistung hielt sie die Intergrafik, eine bis 1990 alle drei Jahre stattfindende Ausstellung unter dem Leitspruch: "Gegen Faschismus und gegen den Krieg, f├╝r den Frieden." Diese Ausstellungen brachten K├╝nstler_Innen aus der ganzen Welt, Ost und West, zusammen. In den 1960er Jahren widmete sie sich k├╝nstlerisch erneut der Erinnerung der Shoah (z. B. "Die Erde von Auschwitz" oder "Sie beschlossen die Endl├Âsung der Judenfrage"), sicherlich auch als Reflexion des Globke-Prozesses, bei dem sie 1963 vor dem Obersten Gericht der DDR als Nebenkl├Ągerin auftrat. Lea Grundig starb am 10. Oktober 1977 auf einer Schiffsreise. "Sie wurde neben ihrem Mann Hans Grundig auf dem Dresdner Heidefriedhof im "Kleinen Ehrenhain der Widerstandsk├Ąmpfer des Faschismus" beigesetzt.

AVIVA-Tipp: F├╝r eine erste und durchaus auch intensive Ann├Ąherung an den Menschen und die K├╝nstlerin Lea Grundig ist die Lekt├╝re der kurzen Biographie sehr geeignet. Komprimiert und doch detailreich beschreibt Maria Heiner das durch Br├╝che gekennzeichnete Leben sowie das Gesamtwerk der K├╝nstlerin, das sie sehr genau kennt. Der pers├Ânliche Blick auf ihre Freundin Lea Grundig bildet eine sch├Âne Erg├Ąnzung, ohne dass darunter die Sachlichkeit des Buches leidet. Fragen um Lea Grundigs Rolle als politische Funktion├Ąrin, die einem Wechselspiel aus f├╝r die SED unbequemem Engagement und Anpassung gefolgt sein muss, bleiben ausgeklammert. Eine tiefgreifende Auseinandersetzung damit w├Ąre der erste Schritt, um die pauschale Diffamierung Lea Grundigs im ├Âffentlichen Bewusstsein zu ├╝berwinden. Anders als es typisch war f├╝r j├╝disch-deutsche Kommunist_Innen, schien Lea Grundig ÔÇô so Maria Heiner - ihre j├╝dische Herkunft nicht versteckt zu haben. Die politische Verfolgung, der auch einige j├╝dische Freund_Innen der Grundigs in den F├╝nfziger Jahren zum Opfer fielen, muss daher Auswirkungen auf sie gehabt haben, seien dies innere Konflikte oder Abwehrmechanismen, die dazu f├╝hrten, den in ihrer eigenen Partei verbreiteten Antisemitismus nicht erkennen zu m├╝ssen. Eine alle diese Themen aufgreifende Biographie, die sicherlich das Format der "J├╝dischen Miniaturen" sprengen w├╝rde, m├╝sste erst noch geschrieben werden. Das beschreibt aber genau die Leistung dieser "Miniatur": Sie weckt Interesse und regt zu weiterer Recherche an.

Zur Autorin: Maria Heiner, geboren 1937 in D├Âbeln/Sachsen, Studium der Humanmedizin in Leipzig und Dresden, Fach├Ąrztin f├╝r Allgemeinmedizin, Promotion Dr. med., ├Ąrztliche T├Ątigkeit in verschiedenen Gesundheitseinrichtungen von Dresden, Studium der Gesundheitswissenschaften mit Magisterabschluss, MPH, seit 1963 Bekanntschaft und Freundschaft mit Lea Grundig, sp├Ąter ├Ąrztliche Betreuung der K├╝nstlerin. In den 1970er Jahren Beginn der Sammelt├Ątigkeit von Kunst der Moderne, 1974 bis 1977 Mitarbeit am Werkverzeichnis der K├╝nstlerin, ab 2008 erneute Arbeit am Werkverzeichnis. Seit 2010 Anlegen einer Sammlung erster hebr├Ąischer Kinder- und Jugendb├╝cher, die Lea Grundig im Exil illustrierte. Kuratieren von Ausstellungen des graphischen Werkes von Hans und Lea Grundig aus eigener Sammlung. (Quelle: Verlagsinformationen)

Unter der Schirmherrschaft der Rosa-Luxemburg-Stiftung und in Erinnerung an Hans Grundig (1901ÔÇô1958) und Lea Grundig (1906ÔÇô1977) wird der gleichnamige Preis f├╝r k├╝nstlerische, kunsthistorische und kunstvermittelnde Leistungen vergeben. Im Mittelpunkt der diesj├Ąhrigen Auslobung stehen Beitr├Ąge zur "diasporistischen" Kunst.
Informationen zum Hans-und Lea-Grundig Preis unter:
www.hans-und-lea-grundig.de


Maria Heiner
Lea Grundig. Kunst f├╝r die Menschen

Hentrich & Hentrich, in der Reihe "J├╝dische Miniaturen", erschienen im August 2016
Mit einem Vorwort der Schauspielerin Esther Zimmering
128 Seiten, Broschur, 45 Abbildungen
ISBN: 978-3-95565-150-3
12,90 Euro
www.hentrichhentrich.de

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