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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 31.10.2011

Eva Besny√∂. Budapest - Berlin ‚Äď Amsterdam
Lisa Scheibner

Der Bildband zur ersten deutschen Retrospektive der ungarisch-j√ľdischen Fotografin (1910-2003), die entscheidende Impulse aus dem Berlin der 30er Jahre in ihrem Schaffen verarbeitete. Fasziniert..



... vom "Neuen Sehen" und der Diagonale erkundete sie hier ihre eigene Bildsprache, vor allem im regen Austausch mit der politischen Kunstszene.

1932 flieht sie vor dem Nationalsozialismus nach Amsterdam, wo sie nach dem Krieg ihre Karriere fortsetzen kann. Erst in den 1990ern kommt sie wieder nach Deutschland, um an Ausstellungen teilzunehmen. 1999 erh√§lt sie den Dr. Erich Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft f√ľr Fotografie.

Romantik ist nichts f√ľr Eva Besny√∂, das erkennt sie fr√ľh. Auf Rat von J√≥zsef P√©csi, in dessen modernem Foto-Atelier in Budapest sie Ende der 20er ihre Lehre gemacht hat, geht sie nicht etwa nach Paris, sondern nach Berlin.
Aus einer gebildeten j√ľdisch-ungarischen Familie stammend, mit Kultur und Musik aufgewachsen, ist die Berliner Kunstszene f√ľr sie wie geschaffen: Russische Filme, die neue Sachlichkeit, das Bauhaus ganz in der N√§he, Abendkurse in der Marxistische Arbeiterschule.

Die Rolleiflex als Einkaufstasche

Mit der Kamera als "Einkaufstasche" sammelt sie Realit√§ten ein, experimentiert mit der Form. W√§hrend sie tags√ľber im Atelier des international bekannten Fotografen Dr. Peter Weller arbeitet, taucht sie in ihrer Freizeit in die politische Kulturszene ein oder macht Aufnahmen mit ihrer Rolleiflex: experimentelle Portraits, Bauarbeiter am Alexanderplatz, Bahngleise, Menschen am Wannsee, Alltagsszenen.
Ihren Sommerurlaub verbringt sie bei ihrer Familie in Ungarn und fotografiert dort unter anderem ihre Schwestern Panna und Magda Besnyö.

Die Herausgeberinnen Marion Beckers und Elisabeth Moortgat beschreiben, dass es nicht einfach ist, Arbeiten Besny√∂s aus den Berliner Jahren zu identifizieren: Die Werbeaufnahmen und Reportagen, die sie f√ľr Dr. Weller angefertigt hat, wurden unter dem Namen seines Ateliers ver√∂ffentlicht, wie es damals √ľblich war. Beckers und Moortgat erg√§nzen die wenigen Abz√ľge die den Krieg √ľberlebt haben durch Aufnahmen aus dem Umfeld, das Besny√∂ beeinflusste. So gibt es auch zahlreiche Fotografien, auf denen sie selbst zu sehen ist.

Im Untergrund

Durch den aufkommenden Nationalsozialismus schl√§gt die kreative Stimmung in Berlin in Aggressivit√§t um: 1932 entschlie√üt sich Eva Besny√∂, mit dem Filmemacher und Fotograf John Fernhout, den sie wenig sp√§ter heiratet, Deutschland zu verlassen. Zun√§chst ist Amsterdam eine gute Alternative: Das Paar teilt sich mit zwei weiteren K√ľnstlern eine Atelierwohnung, Besny√∂ fotografiert Architektur, macht Werbeaufnahmen und portraitiert zahlreiche K√ľnstlerInnen, wie die Schauspielerin "Narda", deren intensives Portrait von 1937 das Titelbild des Buches ist. Der Freundeskreis um die Malerin Charley Tooroop, Vertreterin der "Neuen Wirklichkeit", hilft ihr, sich in den Niederlanden zu etablieren. 1936 ist sie beteiligt an der Ausstellung "D-O-O-D", die sich gegen die Olympiade im nationalsozialistischen Deutschland richtet.

Als die Nazis in den Niederlanden einmarschieren, muss sich Eva Besny√∂ lange versteckt halten und kann nicht offiziell arbeiten, erh√§lt aber rechtzeitig einen "Ariernachweis" und √ľberlebt. Ihr Vater wird in Auschwitz ermordet, wie sie sp√§ter erf√§hrt. Nach dem Krieg dauert es Jahre, bis sie sich wieder als Fotografin etabliert hat. Mit ihrem zweiten Mann Wim Brusse bekommt sie zwei Kinder. In den 70ern dokumentiert sie die niederl√§ndische Frauenbewegung "Dolle Mina", an der sie auch aktiv teilnimmt, und vernachl√§ssigt f√ľr eine Weile die Form f√ľr den Inhalt.
1999 erh√§lt Eva Besny√∂ 89-j√§hrig den Dr. Erich Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft f√ľr Fotografie.
Besny√∂s sp√§tere Arbeiten in den Niederlanden wurden dort mehrfach aufbereitet, es erschienen bereits einige Monografien. Der Bildband von Marion Beckers und Elisabeth Moortgat dokumentiert nun die raren fr√ľheren Aufnahmen aus Budapest und Berlin, die vor allem aus dem pers√∂nlichen Archiv Besny√∂s stammen, das seit ihrem Tode im Jahre 2003 von ihrer Tochter verwaltet wird.

AVIVA-Tipp: Eva Besny√∂ war eine eigenwillige, moderne Fotografin, die sich, nach eigener Aussage, immer auf der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Inhalt und Form befand. Ihre Portraits von K√ľnstlerInnen, Kindern und ArbeiterInnen sind direkt und konzentriert, nie gesch√∂nt oder gar nostalgisch. Sie erzeugen trotz genauer Betrachtung und ungew√∂hnlicher Perspektiven ein Gef√ľhl von N√§he. Besny√∂s formale Experimente sind nie g√§nzlich abstrakt, die Realit√§t findet immer wieder einen Weg in das Bild, wenn sie Architektur, Details oder Menschengruppen fotografiert. Die Schwarz-Weiss-Aufnahmen des wunderbaren Bildbandes sind eingebunden in die Texte √ľber Besny√∂, in denen die Herausgeberinnen deren ereignisreiche Biografie beleuchten.

Zu den Herausgeberinnen:

Marion Beckers
ist Chefkuratorin und Gesch√§ftsf√ľhrerin des Verborgenen Museums, in dessen Vorstand Elisabeth Moortgat sitzt. Das Verborgene Museum besch√§ftigt sich mit der Aufarbeitung von Biografien und dem Lebenswerk in Vergessenheit geratener K√ľnstlerinnen, die es in Ausstellungen und durch Buchpublikationen w√ľrdigt. 1992 ver√∂ffentlichten Beckers und Moortgat bereits einen Band √ľber Eva Besny√∂, der inzwischen vergriffen ist. Dar√ľber hinaus haben sie mehrere Fotografinnen-Biografien zusammen herausgegeben: "Die Riess: Fotografisches Atelier und Salon 1918-1932 in Berlin" (2008) und "Atelier Lotte Jacobi: Berlin - New York"(1997).

Weitere Infos unter:

www.dasverborgenemuseum.de

Marion Beckers im Jewish Women¬īs Archive

Elisabeth Moortgat in der Redaktion MuseumsJournal bei Kulturprojekte Berlin.

Das Verborgene Museum zeigte vom 28. Oktober 2011 - 27. Februar 2012 Besnyös Fotografien in der Berlinischen Galerie.
Weitere Infos: www.berlinischegalerie.de

Eva Besnyö. Budapest - Berlin - Amsterdam
Herausgegeben und mit Beiträgen von Marion Beckers und Elisabeth Moortgat.
Hirmer Verlag, erschienen Herbst 2011
Texte in deutscher und englischer Sprache
Gebunden, 248 Seiten mit 112 Duplex-Tafeln und 159 Duplex-Abbildungen
ISBN: 978-3-7774-4141-2
39,90 Euro
www.hirmerverlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Ausstellung Eva Besnyö im Veranstaltungskalender "Exhibitions"

Ungarische FotografInnen 1914-2003

Trude Fleischmann

Drei Fotografinnen. Eine Doku von Antonia Lerch

Ellen Auerbach. Das dritte Auge

Eine Frau mit Kamera - Liselotte Grschebina. Deutschland 1908 - Israel 1994

Die Riess. Fotografisches Atelier und Salon 1918 bis 1932

Ruth Jacobi - Fotografien

Gisèle Freund. Photographien & Erinnerungen

Helen Levitt ‚Äď Fotografien 1937-1991

UNBELICHTET. M√ľnchner Fotografen im Exil

Changing New York 1935-1939 fotografiert von Berenice Abbott

Happy birthday, Lotte Jacobi

Literatur Beitrag vom 31.10.2011 AVIVA-Redaktion 





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