Barbara BišickĂ˝-Ehrlich – Sag´, dass es dir gut geht. Eine jĂĽdische Familienchronik - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD
AVIVA-Berlin > Literatur > Jüdisches Leben AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   JĂĽdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   JĂĽdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.03.2018

Barbara Bišický-Ehrlich – Sag´, dass es dir gut geht. Eine jüdische Familienchronik
Nea Weissberg

Persönliches Erinnern, historische Fakten und gesellschaftspolitisch aufoktroyierte Erinnerungskultur – das sind zwei Facetten eines Andenkens. In der vorliegenden Publikation stehen familiäre Erinnerungen im Fokus.



Erzählt Eure Familien-Geschichte Euren Kindern

Als Tochter tschechisch-jüdischer EmigrantInnen in Frankfurt am Main 1974 geboren, wuchs die Autorin Barbara Bišický-Ehrlich in einem atheistisch-assimilierten, nicht zionistisch geprägten Elternhaus wohlbehütet heran. Judentum spielte in ihrer frühen Kindheit keine Rolle.

"Wir kannten keinen einzigen jüdischen Feiertag, keine Bräuche und Riten und hatten stattdessen jedes Jahr ein großes feierliches Abendessen zu Heiligabend, sogar mit einem kleinen Weihnachtsbäumchen. Zu essen gab es klassisch tschechischen Kartoffelsalat, Schnitzel und panierten Karpfen. Meine Großeltern mütterlicherseits waren auch jedes Jahr dabei.".

Ihr Buch ist eine Verneigung vor ihrer Herkunftsfamilie, ihren drei Kindern gewidmet. Die Ich-Erzählerin führt in das Leben einer verzweigten Familie, die tief im Herzen Tschechen geblieben sind, ein: woher die Einzelnen kamen, wo sie lebten, was sie durchlitten, wer sie waren, was sie wurden, wohin sie flohen, wer zurückkehrte und wer im Heute noch in der Nachwirkung für die Ich-Erzählerin spürbar emotional präsent ist.

Zwei Erzählstränge werden miteinander verbunden, wobei die Familienchronik vorrangig ist und das Ich der Schreiberin beinahe an den Rand gedrückt zu sein scheint. Beide ineinander verwobene Erzählstränge, sind aus der Perspektive der Autorin geschrieben. Sie nimmt die LeserInnenschaft mit auf ihre Reise in die Biographien einiger Familienmitglieder.

Beim Blättern der in Kapiteln aufgeteilten Lektüre tauchen die Lesenden immer mehr in radikal einschneidend historisch existente Zeitperioden ein. Bišický-Ehrlich hat ein Gespür für die von der Gewalt geprägten Folgen des Judenhasses. Sie beschreibt scharf und mit Beobachtungsgabe die dadurch entstandenen kleinen zwischenmenschlichen Spannungen und unerfüllten Lebensträume, wie die Beziehung zwischen den verzweigten Familienmitgliedern davon geprägt wurde. Eine sich gärend ausbreitende Lebensgefahr legt sich wie ein sich immer mehr zuschnürender Schal generationsübergreifend erstickend um den Hals etlicher Familienmitglieder.

Am 15. März 1939 marschierte Hitlers Wehrmacht in die tschechoslowakische Hauptstadt Prag ein und besetzte die "Rest-Tschechei". Ausgrenzungen als "rassisch-Minderwertige", Stigmatisierung, Enteignung, Raub durch "Arisierung", Gestapo-Inhaftierung, Deportationen von Jüdinnen und Juden in Arbeits-Konzentrations- oder Vernichtungslager, nach Lodz, Theresienstadt, Bergen-Belsen, Auschwitz/Monowitz, Groß-Rosen, Dachau und Buchenwald, der Todesmarsch – all diese Orte und Lebensabschnitte sind mit abgrundtiefen Gräueltaten der NS-Herrschaft assoziiert.

Und Enteignungen, Ausgrenzungen als StaatsfeindInnen, Inhaftierungen und Flucht sind mit der Zeit des Kommunismus nach 1945 in der CSSR und dem Prager Frühling 1968 verbunden. Entwurzelung, Neuanfang, Emigration gezwungenermaßen, wiederholte Entwurzelung, Ausbildungsabbrüche und Ausbildungslücken, finanzielle Sorgen und mit Fleiß hart erarbeiteter materieller Wohlstand sowie ein Integrationswille sind nachträglich wirksam.

Das Buch setzt sich aus zwei Teilen zusammen, der Jetzt-Zeit und der Vergangenheit: Die Autorin hat zum einen anhand von Familienfotos und historischen Objekten sowie Originaldokumenten (beim Abdruck dieser Abbildungen hat der Verlag nicht wirklich auf die Lesbarkeit geachtet) und Gesprächen eine Familienrecherche angekurbelt und somit ein Zeitdokument der letzten Holocaust-Überlebenden gezeichnet.
Zum anderen ringt die Autorin in ihrem Alltagsleben mit grundlegenden Zugehörigkeitsfragen, einer Identitätssuche, einem kleinschrittigen Wiederaneignen jüdischer Traditionen und Speisen, gewichtigen Selbstzweifeln im Wechsel mit dem zögerlichen Wunsch im Scheinwerferblitzlicht zu stehen, mit familiär übermittelten Klischeebildern samt knallharter Ab-und Bewertungen Anderer, Eifersüchteleien, und einer starken Mutter-Tochter-Bindung sowie dem Wunsch, sich als Ausländerkind unbemerkt in die deutsche Gesellschaft einzufügen und auch als ´Außenstehende´ sich in die seinerzeit polnisch-jüdisch geprägte Gesellschaft in Frankfurt ein Stück weit integrieren zu können.

"Innerlich war da immer ein tiefer Zwiespalt. Gehörten wir nun zu den kaugummiaufbewahrenden Dorfkindern des Ostens, zu den verwöhnten Kindern der jüdischen Gemeinde Frankfurt oder zu den ordentlichen, braven Westdeutschen? Nichts davon passte. Aber anpassen wollte ich mich an all das... Ich rollte das R auf eine andere Art. Das deutsche R konnte ich einfach nicht, und so übte ich täglich fleißig nach der Schule vor dem Spiegel das "Rrrrrrr".

Ihre schonungslose Beschreibung einzelner Familien-Charaktere, namentlich bezogen auf die mütterliche Herkunft, spricht eine klare Sprache und verdeutlicht ihre ihr von klein auf zugeschriebene Rolle innerhalb ihrer Familie: Sie wurde von ihrer um ihr Wohl besorgten, temperamentvollen und durchsetzungsstarken Mutter Zuzka, die selbst ihr Leben lang um die Anerkennung, die Liebe, den Respekt ihrer Eltern vergeblich gerungen hat, als eine Art Vertraute, "beste Freundin" eingeweiht und einbezogen, was sie als junges Mädchen überfordert und die kleine Barbara oft in einem Gefühl von Hilflosigkeit allein zurückgelassen hat.

Die Erzählerin grübelt über ihr So-Geworden-Sein nach und schreibt, mitunter nach schlaflosen Stunden, ihre Gedanken nieder. Barbara Bišický-Ehrlich gehört der Dritten Generation nach dem Holocaust an. Ihr Buch lässt die Herausforderungen und die möglichen Blockierungen der Nachgeborenen – im Schatten der Judenvernichtung geboren – erahnen. "Barbara, du wirst nicht sichtbar. Von allen kann man sich ein genaues Bild zeichnen, aber nicht von dir. Wo bist du?"

Die Ich-Erzählerin fragt sich, ob sie von einer dominanten, sie resolut unterstützenden Mutter zu wohlbehütet erzogen wurde, die ihr den beruflichen Lebensweg – dank "Vitamin B" – zu glättend vorgeebnet hat und ihr dadurch zu wenig eigenen Experimentier-Erfahrungsfreiraum gelassen hat. "Ich habe nichts und nie infrage gestellt, wusste nur instinktiv, dass, wenn es mir ´gutginge´, auch meine Mutter zufrieden wäre."

Hier bricht der Buch-Text abrupt ab, die Rezensentin fragt sich, wie ist die Autorin als Mutter, wo engagiert sich Bišický-Ehrlich gesellschaftspolitisch als Frau und Jüdin in Deutschland, wenn sie sich selbst als eine ´starke Frau´ beschreibt, die hörbar so gerne mit anderen lacht, um vielleicht einen Hauch von dem ihr innewohnenden kleinen Kummer nicht spüren zu müssen? Weil sie als ´Dritte Generation´ nach dem Holocaust meint, kein Anrecht darauf zu haben? "...stark im Starksein..." "Ja, Helenka, es geht mir gut. Und was, wenn nicht? Dann habe ich jetzt die Kraft und den Mut, es zu fühlen. Ich lebe."

Durch den gewaltsam ausgelösten Riss in der natürlichen Generationenfolge gibt es nach dem Mord am jüdischen Volk eine offizielle neue Generationenzählung in den Familien. Bei jüdischen Familien wird zwischen der Zweiten Generation, hierzu gehören Bišický-Ehrlichs Eltern, und den sogenannten Child Survivors, unterschieden.

Die ´Child Survivors´ waren vom Tage ihrer Geburt an durch die NS-Ideologie und das NS-Vernichtungsprogramm existentiell bedroht. Sie lebten in beständiger Lebensgefahr, gefangen, gequält, erschossen, von auf sie gehetzten Hunden zerstückelt und zerfressen oder in Vernichtungslagern vergast zu werden. Mit dem Sterben von anderthalb Millionen jüdischer Kinder wurden in Folge automatisch zukünftige Generationen mitvernichtet und der natürliche Fortgang von Generation zu Generation auf gewaltsame Weise unterbrochen.

Barbaras Vater Honza starb 2009 in ihren Armen, ihre Verbundenheit zu ihrem Vater beschreibt Bišický-Ehrlich mit behutsamen Worten und hier sind die Leserinnen und Leser nah bei ihr: "Ich blieb einige Minuten sitzen und schaute aus dem Fenster. Der Tag brach an. Ein Schwarm Vögel flog vorbei,..." Seitdem symbolisieren Vögel, ob Spatzen oder Blaumeisen, für sie einen Moment der Ruhe und des Innehaltens.

1944 wurden ihre Urgroßmutter Štěpánka und ihre Großmutter Helenka in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert, der berüchtigte und gefürchtete NS-Arzt Josef Mengele führte die "Selektion" persönlich durch. Štěpánka, die ob der entsetzlichen Strapazen gebrechlich wirkte, schickte Mengele in eine andere Richtung, in die Richtung des Todes. Daraufhin begann Helenka panisch zu schreien, aus Angst, von ihrer Mutter auf immer getrennt zu werden. Mengele fragte Štěpánka: "´Wie alt bist du?´ Instinktiv machte sich die 44jährige einige Jahre jünger und durfte so auf die Seite ihrer etwa zwanzigjährigen Tochter. Sie wurden geschoren, desinfiziert und vor allem scheinbar endlos lange gezählt, immer wieder. Es wurde gepfiffen und gezählt, gezählt und gepfiffen.". Nach etwa zwei Wochen in Auschwitz wurden beide, Mutter und Tochter, mit eintausend anderen Frauen zur Strafarbeit geschickt. "Am 18. Januar 1945 wurde das Straflager evakuiert und die noch lebenden Häftlinge auf den Weg in ein weiteres Lager getrieben, diesmal zu Fuß. Es folgte ein grauenvoller Todesmarsch, durch den eisigen Winter...". Und weiter "Wenn ich heute daran denke, Barunko", sagte meine Oma, "habe ich keine Ahnung, wieso ich das überlebt habe."

Und immer wieder bat Oma Helenka – wohl in stillen Gedanken – um die Erfüllung ihres innigsten Wunschtraumes "möge Gott dich und deine Kinder in Freiheit, Frieden und Sicherheit leben lassen" – wenn sie ihre geliebte Enkeltochter Barunko stets aufs Neue beschwörend fragte: "Sag´, dass es dir gut geht".

AVIVA-Tipp: "Sag´, dass es dir gut geht – Eine jüdische Familienchronik" ist eine Geschichte, in der sich die Schreibende als ´Dritte Generation nach dem Holocaust´ ihrer Herkunftsfamilie minutiös annähert und sich selbst durch Reflexionen versucht zu hinterfragen und zu spüren.

Zur Autorin: Barbara Bišický-Ehrlich 1974 geboren, wuchs sie als Kind tschechischer EmigrantInnen in Frankfurt am Main auf. Nach ihrem Bachelor-Studium der Theaterregie und Dramaturgie in Prag absolvierte sie ein multimediales Redaktionsvolontariat beim Südwestrundfunk. Heute arbeitet sie freiberuflich, als Werbe- und Synchronsprecherin, leitet eine kleine Filmproduktion und Kinder-Theatergruppen in der jüdischen Gemeinde Frankfurt. Sie lebt mit ihren drei Kindern in Frankfurt am Main.
Zur Homepage der Autorin: www.barbara-bisicky-ehrlich.de

Barbara Bišický-Ehrlich
Sag´, dass es dir gut geht. Eine jüdische Familienchronik

Hardcover, 200 Seiten, Abbildungen
ISBN 978-3-95771-204-2
21,90 €
Größenwahn Verlag, erschienen 15. Februar 2018
Mehr zum Buch: groessenwahn-verlag.de

Zur Rezensentin: Nea Weissberg ist Pädagogin, Schriftstellerin und Psychodramaleiterin und Herausgeberin des Lichtig Verlags. Sie leitet seit Oktober 2017 eine Jahres-Selbsterfahrungsgruppe zum Thema‚ Second Generation nach der Shoa und veröffentlichte zum Thema diverse Beiträge u.a. folgende Bücher:
"Beidseits von Auschwitz". Dreißig Beiträge und Schlussgedanken von Halina Birenbaum.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

ES WAR EINMAL IN DEUTSCHLAND... basierend auf den semiautobiographischen Romanen von Michel Bergmann Kinostart 6. April 2017
Regisseur Sam Garbarski inszeniert mit großer Sensibilität die berührende wie kraftvolle Geschichte um die Menschen aus "Die Teilacher" und "Machloikes", Holocaustüberlebende in Frankfurt am Main. Ein Film zum Lachen und zum Weinen. Einfach grandios!

Andrea von Treuenfeld - Erben des Holocaust. Leben zwischen Schweigen und Erinnerung
Seit den 1980er Jahren sind auf Deutsch etliche Bücher zur "Second Generation" von den Nachkommen der Holocaust Überlebenden erschienen, in den USA bereits schon Ende der 1970er Jahre, vor allem von Helen Epstein ("Children of the Holocaust: Conversations with Sons and Daughters of Survivors"). Jetzt, im Jahr 2017 gibt die deutsche Journalistin Andrea von Treuenfeld den Sammelband "Erben des Holocaust – Leben zwischen Schweigen und Erinnerung" heraus.

Familie aus Papier - Hanacha Meyerowitz . Eine Recherche von Judith Kessler
Eines Tages steht ein Mann in meiner Tür – Mitte 30, schon etwas ergraut, zierlich. Er beginnt mit holprigem Hebräisch, ich verstehe ihn nicht, er versucht´s mit Russisch – ich höre den tschechischen Akzent... Ein tschechischer Jude, der nach der ´Revolution´ nach Israel ausgewandert ist. (2013)

Petr Ginz. Prager Tagebuch. 1941-1942
Wie ein Junge im Alter von 13 und 14 Jahren die Zeit der Shoah erlebte, bezeugen seine Tagebuchaufzeichnungen. Herausgegeben von seiner Schwester, der Malerin Chava Pressburger (2006)

Literatur > Jüdisches Leben Beitrag vom 10.03.2018 Nea Weissberg 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken