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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 09.05.2018

Anna Hess - Briefe einer j├╝dischen Hamburgerin an ihre Tochter in Buenos Aires von 1937 bis 1943. Herausgegeben von Madelaine Linden, der Urenkelin der in Theresienstadt ermordeten Anna Hess
B├Ąrbel Gerdes

Das Trauma lastet schwer auf der Familie: w├Ąhrend die Tochter mit Mann und Kindern nach Argentinien emigriert, bleibt die j├╝dische Mutter in Deutschland zur├╝ck. Ihre Briefe berichten vom Alltag in einer sie immer schwerer belastenden und bedrohenden Gesellschaft.



"Zu unpolitisch", "zu privat", so das Verdikt zahlreicher Verlage, denen diese Briefsammlung vorgelegt wurde.

Anna Hess, eine j├╝dische, deutsche Unternehmerwitwe, ist 82 Jahre alt, als ihre Tochter mit Ehemann und Kindern nach Buenos Aires fl├╝chtet. Die Mutter hat sich f├╝r das Daheimbleiben entschieden. Daheim, das ist Hamburg, das ist das hanseatische Leben, das sind ihre Bridgefreundinnen und die vielen Verwandten und Bekannten.
Wiederholt bekr├Ąftigt sie ihrer Tochter gegen├╝ber diesen Entschluss: "Alt und Jung pa├čt nicht zusammen und ich w├Ąre Euch, die ihr ein neues, schweres Leben wieder beginnen mu├čtet, nur ein Stein am Wege gewesen", schreibt sie 1939 und setzt ein Jahr sp├Ąter hinzu: "Ich w├╝rde es nie getan haben, nur aus dem Grunde, meinen Kindern mit den unausbleiblichen Altersleiden nicht zur Last zu fallen. Aus der Entfernung ist eine Alte sehr liebenswert, aber das Alter versch├Ânt nicht und ist f├╝r die Umgebung schwer zu ertragen."

Zu diesem Zeitpunkt zieht sich die faschistische und antisemitische Schlinge bereits enger um den Hals der Ollen, wie sie liebevoll von ihren Kindern genannt wird.

Anna Hess lebt in verschiedenen Alterspensionen. Sie erh├Ąlt eine Rente aus dem ehemaligen Unternehmen ihres verstorbenen Mannes, das inzwischen den Besitzer "gewechselt" hat. 1937 liest sie ein Zirkular des neuen Inhabers "mit dem ├╝blichen Inhalt und nun als bemerkenswert: mit dem Ausscheiden des Herrn E. Hess sei die Firma ganz arisch." Regelm├Ą├čig schreibt Anna Hess ihrer Tochter Martha, die sie z├Ąrtlich mit "mein Muckchen" anredet. Sie berichtet von ihrem Alltag, den Besuchen, die sie erhalten hat, der sich verschlechternden Demenz ihrer Schwester und vom Bridge. "Bridge habe ich ganz aufgegeben, bin auch aufgegeben worden. Durch mein Nichth├Âren und langsames Denken und schlechtes Spiel werde ich nur aus Barmherzigkeit als Spielerin geduldet."

Ihre gro├če Sorge ist ihr Sohn Rudolf. Er fl├╝chtet von Land zu Land und kann nirgends Fu├č fassen. ├ťberall wird er verfolgt, und der Name "Rudolf Hess" macht ihm sein Dasein noch schwerer. "Er ist leider das verk├Ârperte Sinnbild des j├╝dischen Volkes, ein gehetztes Wild, ruhelos von einem Ort zum anderen.", schreibt Anna ihrer Tochter im Dezember 1938. "Was nun wird, ist mir unklar, ein Mensch ohne Geld und ohne Beziehungen in einem fremden Land ist ein schrecklicher Gedanke."

Auch ihr eigenes Leben ver├Ąndert sich stetig. 1937 finden Luftschutz├╝bungen statt und die Fenster m├╝ssen verdunkelt werden. Im selben Jahr beantragt sie einen Pass, um Rudolf Geld zuzuschicken, und stellt fest: "Ich als Nichtarierin bekomme keinen Pa├č." Bekannte k├Ânnen nicht heiraten, weil eine Heirat eines Mischlings mit einem Arier nicht erlaubt sei. Immer mehr Freunde und Freundinnen wollen das Land verlassen und immer mehr begehen Selbstmord. Einige Briefe enthalten vier oder f├╝nf Namen von Bekannten, die sich das Leben genommen haben.
Im August 1938 emp├Ârt sie sich ├╝ber die Namens├Ąnderungsverordnung. Im Oktober des gleichen Jahres erh├Ąlt sie die Mitteilung, der neue Firmeninhaber d├╝rfe j├╝dische RentnerInnen nicht l├Ąnger unterst├╝tzen. Damit ist ihre finanzielle Situation ├Ąu├čerst bedroht. Zwar wird sie von zahlreichen Freundinnen und Freunden unterst├╝tzt, doch ein regelm├Ą├čiges Einkommen gibt es nicht mehr. Gegen diesen Bescheid erhebt sie Einspruch.

Madelaine Linden ist die Urenkelin Anna Hess┬┤ und die Herausgeberin der Briefe. Ihre Urgro├čmutter war "eine Ikone in unserer Familie. Und sie war das Trauma, die offene, nie verheilende Wunde." Die Idee zur Publikation kam von ihrem Vater, Egbert Meyer. Der hatte die Briefe, die in S├╝tterlin geschrieben waren, auf Band gesprochen. Mit der Publikation sei eine gro├če Last von ihr gefallen, gesteht sie in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung. 32 Jahre lang habe sie sich mit dem "Thema" besch├Ąftigt, ein Thema, das weit ├╝ber den famili├Ąren Rahmen hinausgeht. Einerseits habe sie ihrer Gro├čmutter ein Denkmal setzen wollen, anderseits aber aufzeigen, wie das Leben j├╝discher Menschen immer enger und einsamer wurde.

"Wenn man mal mit anderen Menschen zusammen ist, h├Ârt man nur Trauriges", schreibt Anna Hess, "Deshalb ist es ja auch gut, da├č ich mit sehr wenigen oder fast mit niemandem mehr zusammen komme. Meistens ist meine eigene Gesellschaft nicht so deprimierend."
Trotzdem ermutigt sie ihre Tochter jederzeit, sich ihr neues Leben sch├Ân einzurichten und nimmt regen Anteil an deren Familie. Das Briefeschreiben und das Briefeerhalten sind Festtage in ihrem Leben.

In ihrem letzten Brief vom 8. Juni 1943 schreibt die nun 88j├Ąhrige in gr├Â├čter Eile. Sie muss ihn ├╝ber Schweden verschicken. In ihm teilt sie mit, "da├č wir heute nun doch die gro├če lang geplante Reise antreten und bin ich nun froh, da├č es nun soweit ist und man aus dem ewigen Bangen, ob man reisen w├╝rde oder nicht, herauskommt." Die Familie erreicht dieser Brief erst 1946.

Anna Hess wurde in Theresienstadt ermordet. F├╝r Anna Hess wurde ein Stolperstein in Hamburg, Rothenbaumchaussee 207 (Eimsb├╝ttel, Harvestehude) und ein Stolperstein vor dem Geb├Ąude in der Bahnhofstra├če 7 in ihrem Geburtsort Celle gelegt.

Es ist Madelaine Linden hoch anzurechnen, dass sie sich nicht hat entmutigen lassen, um die Briefe zu ver├Âffentlichen. Der Dittrich-Verlag hat dies umgesetzt. Ihr Vater hat die Ver├Âffentlichung leider nicht mehr erleben d├╝rfen.
Vollkommen unverst├Ąndlich bleibt, was an diesen Briefen unpolitisch sein soll.

AVIVA-Tipp: Die Briefsammlung gibt ein eindrucksvolles und erschreckendes Bild vom Leben j├╝discher Menschen w├Ąhrend der Nazidiktatur. Sie ist ein ├Ąu├čerst wichtiges und auch aktuelles Zeitzeugnis, in dem der schleichende Prozess der Ausgrenzung fast f├╝hlbar wird sowie das beschwerliche Leben von Menschen, die sich auf der Flucht befinden.

Zur Herausgeberin: Madelaine Linden wurde 1954 in Montevideo, Uruguay geboren und lebte in Buenos Aires, Lausanne, Genf, Br├╝ssel, New York, Hamburg und Stuttgart. Sie ist seit 1989 freischaffende K├╝nstlerin.
Mehr Informationen zu Madelaine Linden unter: www.madelaine-linden.com

Mehr Informationen zu Anna Hess, geb Daniel (21. Mai 1855 - 28. September 1943)

www.synagoge-steinsfurt.org

www.celle.de

Anna Hess: Briefe einer j├╝dischen Hamburgerin an ihre Tochter in Buenos Aires von 1937 bis 1943
Herausgegeben von Madelaine Linden

Dittrich Verlag, erschienen November 2017
Klappenbroschur, 280 Seiten
ISBN 978-3-943941-93-7
19.80 Euro
Mehr zum Buch unter: www.dittrich-verlag.de

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