Marthe Cohn - Im Land des Feindes. Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Literatur Juedisches Leben



AVIVA-BERLIN.de im September 2020 - Beitrag vom 04.01.2019


Marthe Cohn - Im Land des Feindes. Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland
Sharon Adler

Nach mehr als sechzig Jahren schildert die als Marthe Hoffnung Gutglück 1920 in Metz geborene Holocaustüberlebende und Widerstandskämpferin in ihrer Autobiographie, wie sie undercover an wichtige Informationen zu den Truppenbewegungen der Nazis gelang, und diese an die Franzosen schmuggeln konnte.




Im Land des Feindes erzählt die Geschichte der französischen Jüdin Marthe Hoffnung Cohn, die ihr eigenes und das Leben anderer riskierte, um in Nazi-Deutschland kriegswichtige Vorhaben aufzuspüren und die Résistance zu unterstützen.

Als viertes von sieben Geschwistern aus einer frommen jüdischen Familie in der deutsch-französischen Grenzregion stammend, die verfolgte jüdische Kinder bei sich aufnimmt und später Menschen, darunter auch die Eltern, Großeltern, zwei Schwestern und einen Cousin in die Freie Zone schmuggelt, engagiert sie sich wie ihre gesamte Familie in der Résistance. Ein Großteil wird von den Nazis ermordet, darunter ihr Verlobter Jacques Delaunay und ihre ein Jahr jüngere Schwester Stéphanie. Stéphanie Hoffnung wurde am 21.09.1942 mit Transport 35 von Drancy in Frankreich nach Auschwitz Birkenau deportiert.

Der Grundstein für Marthes Gespür für Ungerechtigkeiten wurde in Marthes frühester Kindheit gelegt. Das Schicksal des jüdischen Uhrmachers, Dichters und Anarchisten Samuel Schwartzbard hatte sie geprägt: Schwartzbard, der nach den antijüdischen Pogromen von 1919 und 1920 aus der rumänischen Provinz Bessarabien nach Paris geflüchtet war, erschoss am Morgen des 25. Mai 1926 den damaligen General und Oberbefehlshaber Symon Petljura, der für den Tod von 60.000 Jüdinnen und Juden verantwortlich war. Petljura war mittlerweile Chef der ukrainischen Exilregierung in Paris und Schwartzbard hatte ihn aufgespürt. Der Mordprozess wurde sowohl innerhalb der politisch interessierten Familie, als auch in der Öffentlichkeit diskutiert.

Marthe Cohn erinnert sich: "Zahlreiche Zeugen berichteten von den grauenvollen Verbrechen, die Petljuras Kosaken begangen hatten. Sie hatten ganze Dörfer niedergebrannt und ihre Opfer, unter denen auch Kinder waren, gefoltert, vergewaltigt, verstümmelt und ermordet."

Marthe entschließt sich daraufhin, Rechtsanwältin werden, doch die Nazis zerstören nicht nur diesen Berufswunsch, sondern auch die Leben und Karrieren aller jüdischen Familien.

Die Résistance, der sich Marthe, mittlerweile ausgebildete Krankenschwester, unbedingt anschließen will, lehnt die nur 1,40 m kleine Frau zunächst ab, doch aufgrund ihrer ausgezeichneten Deutschkenntnisse und ihrer blonden Haare und ihres "arischen" Aussehens wird sie als Spionin nach Deutschland geschickt.

Unter dem Decknamen Martha Ulrich, die vorgibt, ihren Verlobten zu suchen und auf der Flucht vor den Alliierten zu sein, gelingt es ihr schließlich nach 14 Fehlversuchen – im Stockdunkeln nachts, ohne Kompass, Karte und Taschenlampe - in der Nähe bei Schaffhausen in der Schweiz "in einer klirrend kalten Nacht im Februar 1945", die französisch-deutsche Grenze zu überqueren. Ihr Ziel und ihre Mission: Die Dokumentation der Truppenbewegungen und militärischen Ziele der Deutschen, die Weitergabe an die französische Widerstandsbewegung, um so deren Ziele zu vereiteln.

Februar 1945, in den Vogesen. Es ist kalt, der Wind schneidet wie eine scharfe Klinge in ihr Gesicht. Alle paar Schritte sackt sie hüfttief in den Schnee. (…)Sie hat sich längst von ihrer Eskorte getrennt, läuft nun allein den kaum zu erkennenden Pfad entlang, als plötzlich ein Soldat hinter einem Baum hervorspringt. Seine Waffe ist auf sie gerichtet, das Bajonett glänzt im Mondlicht. Hinter einem Baum erkennt sie drei weitere Männer, am Boden liegen Leichen. Sie schreit: "Nicht schießen!"

In den vier langen Jahren der Flucht durch ganz Frankreich, und in mehr als nur einer hochdramatischen und gefährlichen Situation beweist Marthe trotz der allgegenwärtigen Gefahren Besonnenheit und Mut.

Ihr Credo: ´It´s always possible to fight injustice.´

Marthe Cohns Geschichte ist geprägt durch den unbeugsamen Kampfgeist einer Frau, die alles riskierte und auch heute noch im hohen Alter als Zeitzeugin für Gerechtigkeit und Freiheit eintritt. Es erzählt eine Geschichte von Mut, aber auch die Geschichte vom Schicksal ihrer Familie und der Jüdinnen und Juden ihrer Zeit.

Deutsche Realitäten

Laut einer repräsentativen Umfrage der forsa Politik- und Sozialforschung GmbH im Auftrag der Körber-Stiftung zum Thema "Geschichtsunterricht" aus dem Jahr 2017 weiß heute nur ein verschwindend geringer Prozentsatz der befragten Jugendlichen, wofür Auschwitz-Birkenau stand. So wissen nur 59 Prozent der befragten SchülerInnen, dass Auschwitz-Birkenau ein Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis war. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind es sogar nur 47 Prozent.
Die Ergebnisse der CNN-Studie zu Antisemitismus in Europa belegen, dass nur etwa 40 Prozent der befragten jungen deutschen Erwachsenen im Alter von 18 bis 34 Jahren angaben, dass sie wenig oder gar nichts über den Holocaust wissen.

AVIVA-Tipp: Besonders denjenigen, die bis heute glauben, dass es keinen Widerstand auf jüdischer wie auf nichtjüdischer Seite gab, sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Marthe Cohn macht mit ihrer Geschichte deutlich, wie sehr es auf jede/n Einzelne/n ankam. Und schließlich widerlegt es einmal mehr diejenigen, die vorgeben, "von nichts gewusst" zu haben. Die Autobiographie "Im Land des Feindes. Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland" ist ein Zeugnis für den Mut einer jungen Frau, die abseits ihres persönlichen Schicksals selbstlos für die Rettung eines ganzen Volks eintrat.

Zur Autorin: Marthe Cohn wurde am 13. April 1920 in Metz, Lothringen, geboren. Ihre Familie engagierte sich in der Résistance. Für ihren Einsatz als Spionin erhielt sie 1945 das Croix de Guerre und 2000 die französische Militärmedaille. Das Simon Wiesenthal Center verlieh ihr im Jahr 2002 den Titel "Woman of Valor". 2014 wurde ihr außerdem das deutsche Bundesverdienstkreuz verliehen. Nach dem Krieg war sie als Krankenschwester in Indochina im Einsatz und wurde auch für diesen Einsatz ausgezeichnet. 1956 lernte Marthe Cohn in Genf über einen alten Freund ihren zukünftigen Mann kennen, einen amerikanischen Medizinstudenten, Major Lloyd Cohen. Das Paar zog 1958 in die USA, wo sie zwei Söhne bekamen und noch heute leben, in Kalifornien.
Ihr mit Wendy Holden als Co-Autorin verfasstes Buch "Behind Enemy Lines: the True Story of a French Jewish Spy in Nazi Germany", bereits 2002 bei Harmony Books, New York, und 2006 bei Broadway Books auf Englisch, sowie 2009 unter dem Titel "Derrière les lignes ennemies: Une espionne juive dans l´Allemagne nazie" auf Französisch bei Editions Tallandier publiziert, erschien im März 2018 im Verlag Schöffling & Co. in deutscher Übersetzung von Petra Post und Andrea von Struve.
Über ihr Leben wird ein Dokumentarfilm unter dem Titel "An Unusual Spy" unter der Regie von Nicola Hens gedreht, produziert von Amos Geva. Die Realisation des Films kann unterstützt werden unter: www.kisskissbankbank.com

Mehr zur Autorin:

Ein Artikel bei The Jewish Weekly vom 6.7.2018: thejewishweekly.com

United States Holocaust Memorial Museum: collections.ushmm.org

Yad Vashem: yadvashem-france.org

Videos bei You tube www.youtube.com

Ein Feature von Kerstin Zilm vom 13.5.2016: www.deutschlandfunknova.de

Marthe Cohn
Im Land des Feindes
Eine jüdische Spionin in Nazi-Deutschland

Originaltitel: Behind Enemy Lines. The True Story Of A Jewish Spy in Nazi Germany
Aus dem Englischen von Petra Post und Andrea von Struve
Schöffling Verlag, erschienen 2018
408 Seiten. Gebunden. Lesebändchen. Mit zahlreichen Fotografien
€ 26,00, €[A] 26,80
ISBN: 978-3-89561-667-9
Mehr zum Buch unter: www.schoeffling.de

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Beitrag vom 04.01.2019

Sharon Adler 






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