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Beitrag vom 13.01.2026
Raimund Wolfert, Oranna Dimmig, Claudia Schoppmann (Hg.) – Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Eva Siewert und Alice Carlé, eine Liebe während der Shoah
Doris Hermanns
Die Journalistin Eva Siewert und die Büroangestellte Alice Carlé lernten sich etwa 1938 in Berlin kennen und lieben. Ein Buch gibt umfassende Einblicke in ihr Leben als Verfolgte im Nationalsozialismus, von Haft und Untertauchen bis zur Deportation, und erzählt von ihrer Liebe während der Zeit der Shoah.
"Bis zum 9. November 1939 war der Wunsch nach Auswanderung der Wunsch nach Freiheit gewesen. Jetzt wurde er zur Notwendigkeit. Es galt sich zu retten." So Eva Siewert (1907-1994) in ihrer autobiografischen Kurzgeschichte "Das Orakel" von 1947, die einen ersten Einstieg in das Leben der beiden Frauen im Buch gibt. Erst jetzt wurde ihnen – wie auch der Titel deutlich macht – klar, "dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete". Das Orakel hatte ihnen jedoch ein halbes Jahr früher vorhergesagt, dass erst Eva Siewert gehen würde, dann erst Alice Carlé (1902-1943) – und sie sich nie wiedersehen würden. Eine Vorhersage, die sie zu diesem Zeitpunkt nicht verstanden, denn sie gingen davon aus, dass sie sich schon wiederfinden würden, wenn sie getrennt das Land verlassen müssten.
Wie dieser Feuilleton-Text sind auch andere von ihr im Buch verteilt, Geschichten, hinter denen, die wie sie sagte, ein eigenes Erlebnis stehe. Eindrücklich beschreibt sie beispielsweise auch die unterschiedlichen Gesichter der Menschen nach der Pogromnacht 1938 in "Die beiden Gesichter".
Detailreich und eingebettet in erklärenden historischen Hintergrund beschreiben Raimund Wolfert und Oranna Dimmig anschließend die Lebensgeschichten der beiden Frauen, sofern sich diese recherchieren ließen. Aufgewachsen in Berlin, arbeitete Eva Siewert nach einer Ausbildung als Opernsängerin, einem Beruf, den sie aufgrund von Asthma nicht dauerhaft ausüben konnte, und einer Reise nach Persien ab 1932 beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig als Radiosprecherin. Ein Jahr später wechselte sie als Chefredakteurin und dreisprachige Ansagerin zu Radio Luxemburg. Ihre dortige Anstellung beendete sie auf eigenen Wunsch Anfang 1938. Sie wollte nach Teheran zurückkehren, denn sie war "fest entschlossen", den "nächsten Krieg nicht in Europa zu verleben". Dazu musste sie ein Visum beim iranischen Konsulat in Berlin beantragen, dass ihr jedoch nicht ausgestellt wurde, wodurch sie in Berlin festsaß, wo sie sich auf Dauer mit schlecht bezahlten Büroarbeiten über Wasser hielt. Da sie durch die antisemitische NS-Gesetzgebung als "Halbjüdin" galt, erhielt sie als Journalistin und Radiosprecherin Berufsverbot.
Etwa zu dieser Zeit, vermutlich im August 1938, werden sich Eva Siewert und Alice Carlé kennengelernt haben. Schnell verliebten sie sich und wurden ein Paar.
Über das Leben von Alice Carlé ist vergleichsweise wenig bekannt, es scheint weit weniger bewegt gewesen zu sein. 1938 arbeitete sie nach einer Ausbildung zur Büroangestellten als Fremdsprachenkorrespondentin in einem jüdischen Gewerbebetrieb. Seit diesem Jahr war sie gezwungen mit ihrer Schwester und ihren Eltern in einer Zweizimmerwohnung zu leben, wobei die Töchter für den Lebensunterhalt ihrer betagten Eltern mit sorgen mussten. Ihr Bruder Hans hatte Deutschland bereits 1933 verlassen und war nach Palästina ausgewandert.
Nach dem Novemberpogrom spitzte sich die Situation zu. "In ihrer Not und Verzweiflung dürften Eva Siewert und Alice Carlé alles unternommen haben, was ihnen möglich war, um dem Druck der Ereignisse, der Angst und der Verfolgung in Deutschland zu entgehen." Aber es sollte ihnen nicht gelingen. Ihre Lebensumstände verschlechterten sich zunehmend durch anhaltende Schikanen. Im Mai 1941 wurde Eva Siewert dann aufgrund von "belastenden Briefen" an eine Freundin in Schutzhaft genommen. Nach einer Woche wurde sie zwar entlassen, aber in einem Prozess wegen "Heimtücke" zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, ein Jahr später gar zu neun Monaten.
Im August 1942 wurden Alice Carlés Eltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie beide wenige Monate später starben. Den beiden Schwestern gelang es noch für einige Zeit im Berliner Stadtteil Kladow unterzutauchen, wo sie in ständiger Angst lebten, entdeckt zu werden. Dort wurden sie im August 1943 von der Gestapo verhaftet und im September nach Auschwitz deportiert.
Beeindruckend sind die verschlüsselten Briefe, die Alice Carlé an ihre inhaftierte Partnerin ins Gefängnis schmuggeln konnte und die hier erstmals veröffentlicht sind. Sie zeugen von der innigen Verbundenheit der beiden Frauen.
Die Spurensuche
Anschließend berichten sowohl Raimund Wolfert als auch Oranna Dimmig in eigenen Kapiteln ausführlich über ihre spannende Spurensuche, die für ihn mit Briefen an Kurt Hiller (Eva Sievert und er waren im "Wissenschaftlich-humanitären Komitee, Gruppe Groß-Berlin engagiert) angefangen hatte, in denen er ihren Namen fand, während Oranna Dimming in einem Berliner Trödelladen eher zufällig in den Besitz eines Koffers mit einigen Erinnerungsstücken von Eva Siewert kam. Durch einen im Internet veröffentlichten Aufsatz von Raimund Wolfert über Eva Siewert kamen die beiden miteinander in Kontakt. Und so kamen auch die zahlreichen Gemälde von ihr ans Licht, von denen einige im Buch abgedruckt sind.
Ergänzt wird die Geschichte der beiden Frauen durch ein Kapitel von der Historikerin Claudia Schoppmann über lesbische Jüdinnen während der Zeit des Nationalsozialismus, in dem sie nicht nur auf die Schwierigkeiten der Spurensuche nach lesbischer Geschichte eingeht, sondern auch auf deren Lebensbedingungen. Anhand von verschiedenen Beispielen zeigt sie die Zerstörung lesbischer Zusammenhänge durch die Nationalsozialisten auf und weist darauf hin, dass Recherchen oft von Zufallsfunden abhängig sind, wie sie auch in diesem Buch beschrieben werden. Zudem geht sie auf die zahlreichen Emigrationsversuche ein, gelungene – wie dem beeindruckenden von Annette Eick – aber auch auf die, die nicht gelangen, denn Eva Siewert und Alice Carlé waren durchaus keine Einzelfälle. Sie verweist dabei auch auf diejenigen, die untergetaucht überleben konnten – wie beispielsweise die Malerin Gertrude Sandmann – und die Deportierten, die nicht überlebt haben.
Wenn Claudia Schoppmann in ihrem Beitrag schreibt: "Bisher gibt es keine umfassende Untersuchung zur Geschichte deutscher Jüdinnen in der NS-Zeit, die lesbisch oder bisexuell waren bzw. nicht-heteronormativ lebten", so ist dieses Buch auf jeden Fall ein wichtiger Beitrag zur Lesbengeschichte während der NS-Zeit.
AVIVA-Tipp: Ein vielschichtiges und beeindruckendes Buch, das nicht nur die Lebensgeschichten von Eva Siewert und Alice Carlé erzählt, sondern auch die spannende Forschungsgeschichte zu beiden, eingebettet in das historische Zeitgeschehen und weitere Geschichten lesbischer Frauen während der NS-Zeit. Ergänzt wird es durch die Kurzgeschichten und Gedichte von Eva Siewert, die sie als Autorin vorstellen, sowie Gemälde von ihr, wodurch es zusätzlich einen Einblick in ihr vielfältiges Schaffen gibt, das es zu entdecken gilt.
Zu den Autorinnen:
Oranna Dimmig, geboren 1955 in Saarbrücken, freie Kunsthistorikerin in Berlin und im Saarland. Veröffentlichungen unter anderem zur Kunst im öffentlichen Raum, zu Gedenkstätten und Biografien.
Claudia Schoppmann, geboren 1958, Historikerin und Publizistin, war bis 2023 Mitarbeiterin der Gedenkstätte Stille Helden in der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Veröffentlichungen zur Geschichte lesbischer Frauen im Nationalsozialismus sowie zur Hilfe für die als Juden Verfolgten und zu deren Selbstbehauptung.
Zum Autor: Raimund Wolfert, geboren 1963, freier Dozent und Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Geschichte des Nationalsozialismus.
Veranstaltungen
Am 25.1.2026, 19:30 im Bajszel, Emser Str. 8-9, 12051 Berlin
Abend zu Eva Siewert, ihrer Kunst, ihrer Liebe zu Alice Carlé, ihren antifaschistischen Witzen und ihrem Unbehagen an den Deutschen. Mit Raimund Wolfert, Oranna Dimmig und Sigrid Grajek
Ausgewählte Arbeiten von Eva Siewert werden vorgestellt.
Für das Webprojekt www.eva-siewert.dehat die Schauspielerin und Kabarettistin Sigrid Grajek Texte von Eva Siewert eingesprochen. Sie wird an dem Abend das Leben von Eva Siewert nachzeichnen.
Mit Büchertisch der FrauenLesbenBuchhandlung.
Am 8.2.2026, 15:00 Uhr in der Begine, Treffpunkt und Kultur für Frauen e.V.
Potsdamer Str. 139, Berlin-Schöneberg
Literaturcafé mit Oranna Dimmig und Claudia Schoppmann zum Buch "Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Eva Siewert und Alice Carlé, eine Liebe während der Shoah"
Raimund Wolfert, Oranna Dimming, Claudia Schoppmann (Hg.):
Damals wurde uns klar, dass Bleiben Lebensgefahr bedeutete. Eva Siewert und Alice Carlé, eine Liebe während der Shoah.
ISBN 978-3-86732-477-9
Lukas Verlag, Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Reihe B: Quellen und Zeugnisse;14, erschienen 2025
263 Seiten, Hardcover mit Umschlag
Euro 29,80
Mehr zum Buch unter: www.lukasverlag.com
In Erinnerung an Eva Siewert eva-siewert.de
In Erinnerung an Alice Carlé auf der Seite "Stolpersteine" in Berlin, Biografische Zusammenstellung von Raimund Wolfert www.stolpersteine-berlin.de
Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:
Queere jüdische Gedichte und Geschichten in homosexuellen Zeitschriften zwischen 1900 und 1932. Janin Afken und Liesa Hellmann (Hg.)
Die Anthologie macht erstmalig eine Vielzahl ausgewählter Texte unterschiedlicher Themen und Genres zugänglich, darunter Erzählungen, Lyrik und Kontaktanzeigen. Hervorgegangen ist sie aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Hebräischen Universität in Jerusalem. (2024)
Ingeborg Boxhammer – Herrin ihrer selbst: Zahnkunst, Wahlrecht und Vegetarismus. Margarete Herz und ihr Freundinnen-Netzwerk
In ihrem 2019 im Hentrich & Hentrich Verlag erschienenen Buch beschreibt die Journalistin und Autorin ("Marta Halusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen" und "Das Begehren im Blick - Streifzüge durch 100 Jahre Lesbenfilmgeschichte") ein Freundinnen-Netzwerk zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, wobei sie ausführlich auf das Leben lediger Frauen und die Reformbewegungen, in denen sie aktiv waren, eingeht. Daneben zeichnet sie die Möglichkeiten nach, die Frauen im Deutschen Kaiserreich hatten, ihre eigenen Wege zu gehen und wirtschaftlich unabhängig zu sein. (2022)
Barbara Degen: Meine Zeit mit Annette Kuhn
"Wie Kunst, Poesie und Liebe in die Frauengeschichte kamen", so lautet der Untertitel dieser sehr persönlichen Biographie, verfasst von der Juristin, NS-Forscherin und Feministin Barbara Degen. Sie schreibt über die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit ihrer langjährigen Freundin und zeitweilige Geliebte, die Frauengeschichtsforscherin und Gründerin des Hauses der FrauenGeschichte (HdFG) in Bonn. (2022)
Else Krell - Wir rannten um unser Leben. Illegalität und Flucht aus Berlin 1943. Herausgegeben von Claudia Schoppmann
Dr. Claudia Schoppmann forscht und publiziert seit vielen Jahren zur Geschichte lesbischer Frauen im Nationalsozialismus, wofür sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Sorgfältig und kenntnisreich hat die Historikerin und Publizistin die ihr anvertrauten Erinnerungen und Manuskripte in Buchform aufbereitet und schließlich, sechs Jahre später, eine Veröffentlichung erwirkt. (2016)
Ingeborg Boxhammer - Marta Halusa und Margot Liu. Die lebenslange Liebe zweier Tänzerinnen
Die bewegende Geschichte zweier junger Frauen, deren Liebe die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte. Mit ihrer Kurzbiografie liefert die Journalistin und Software-Trainerin einen wichtigen Beitrag, um verfolgten lesbischen Frauen während der Nazizeit ein Gesicht zu geben. (2015)
Elli Smula (1914-1943) - eine biografische Zusammenstellung von Dr. Claudia Schoppmann
Am 16. November 2015 wurde auf Initiative der Historikerin und Publizistin Claudia Schoppmann in Berlin-Mitte gegenüber der Singerstr. 120 ein Stolperstein im Gedenken an Elli Smula verlegt. Sie wurde 1940 als lesbisch denunziert, verhaftet und ins KZ Ravensbrück deportiert. (2015)
Anna Havemann - Gertrude Sandmann. Künstlerin und Frauenrechtlerin
Havemann ist nicht nur Kuratorin der aktuellen Gertrude Sandmann-Ausstellung und verwaltet deren Nachlass. In der Reihe "Jüdische Miniaturen" veröffentlichte sie nun zusätzlich eine Kurzbiographie zu der faszinierenden Malerin, die viel zu lange aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden war. (2011)