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AVIVA-BERLIN.de im August 2021 - Beitrag vom 17.11.2015


Jenny Erpenbeck - Gehen, ging, gegangen
Clarissa Lempp

In Jenny Erpenbecks Roman taucht ein emeritierter Professor in die Flüchtlingsbewegung um den Berliner Oranienplatz ein. Ein aktuelles Thema, das für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert wurde.




Der Altphilologe Richard ist verwitwet und im Ruhestand. Er lebt an einem Ostberliner See, in dem in diesem Sommer niemand schwimmen mag. Ein Mann ist ertrunken und sein Körper wurde noch nicht gefunden. Aber diese Begebenheit ist nur ein Bild für das eigentliche Thema in Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen". Denn Richard, der nach Ablenkung sucht, nutzt seine Zeit und informiert sich über die Flüchtlinge, die in seiner Stadt vor dem Roten Rathaus und am Oranienplatz aufgetaucht sind. Die dort hungern und schweigen. Durch seine Recherchen landet Richard mitten in der Refugee-Bewegung.Er wird Teil der "Willkommenskultur", gibt Deutschunterricht und lädt Geflüchtete zu sich nach Hause ein.

Richard geht die Sache zunächst aus einer empirischen Perspektive an. Mit einem Fragekatalog interviewt er junge Männer in den Flüchtlingslagern Berlins. Statt einfachen Antworten erhält er Erzählungen, ergreifende Lebensgeschichten, die neue Fragen aufwerfen. Er kämpft sich durch die "Dublin II" Verordnung, die die Zuständigkeit europäischer Länder bei Asylverfahren regelt, sucht Anwälte auf und macht Amtsbegleitungen. Die geflüchteten Männer haben aber auch Fragen an Richard, über sein Leben, seine Entscheidungen und über die Geschichte seines Landes. Daraus entspinnt Jenny Erpenbeck manchmal nahezu komische Dialoge und Szenen, die aus der Spannung zwischen Unverständnis und Verstehen-Wollen des Gegenübers schöpft.

In den lebendigen Unterhaltungen wird der sonst knappe, fast dokumentarische Erzählstil durchbrochen. Dieser bemäkelt die politischen Übel noch einmal zusammengefasst für die Leser_innen, Richard selbst bleibt dabei aber von Kritik weitgehend verschont. Darin liegt vielleicht auch eine verpasste Chance des Romans. Denn mit der Auseinandersetzung der eigenen Positionierung hätte Richard aus der Schablone des wohltätigen Bürgers und "Gutmenschen" herauswachsen können.

AVIVA-Tipp: "Gehen, ging, gegangen" ist literarisch vielleicht nicht Jenny Erpenbecks bestes Buch. Der gut recherchierte Roman fasst die Ereignisse der Berliner Refugee-Bewegung aber gekonnt zusammen und ist fast schon ein Lehrstück zur aktuellen Lage. Nicht zuletzt dafür ist der Roman auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis 2015 zu finden.

Zur Autorin: Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin geboren. Sie arbeitete zunächst als freie Regisseurin am Theater. Mit der Novelle "Geschichte vom alten Kind" gab sie 1999 ihr literarisches Debüt. Ihre Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Ihr Roman "Aller Tage Abend" wurde unter anderem 2015 mit dem Independent Foreign Fiction Prize ausgezeichnet.

Jenny Erpenbeck
Gehen, ging, gegangen

Albrecht Knaus Verlag, Herbst 2015
Gebunden, 352 Seiten
ISBN 978-3813503708
€ 19,99
www.randomhouse.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Wörterbuch. Ein Roman von Jenny Erpenbeck (2005)

Jenny Erpenbeck - Heimsuchung (2008)

Ausgelesen. Interview mit Jenny Erpenbeck (2005)

I could be a refugee – eine Botschaft, die nachdenklich macht. Setzt auch ihr ein Zeichen von Respekt und Solidarität. Ein Gastbeitrag von Yasmin Kassar und Marvin Hassan (2015)





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Beitrag vom 17.11.2015

Clarissa Lempp 






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