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AVIVA-BERLIN.de im März 2019 - Beitrag vom 18.12.2018

Nana Ekvtimishvili - Das Birnenfeld
Bärbel Gerdes

Es ist eine Welt des Verfalls, des Niedergangs und der Gewalt. In ihrem preisgekrönten Roman "Das Birnenfeld" erzählt die georgische Autorin und Filmemacherin Nana Ekvtimishvili ("Die langen hellen Tage", "Meine glückliche Familie") von dem harten Leben in einem Heim für geistig behinderte Kinder und von der achtzehnjährigen Lela, die dagegen aufbegehrt.



Georgien wurde 1991 unabhängig von der Sowjetunion. Gegen die erste gewählte Regierung, deren Präsident Gamsachurdia sich mit diktatorischen Vollmachten ausstattete, fand noch im selben Jahr ein Militärputsch statt. Es folgten Konflikte mit separatistischen Kräften und ethnische Gewalttätigkeiten. Die EinwohnerInnen lebten in bürgerkriegsähnlichen Zuständen und mit einer Wirtschaft, die sich im freien Fall befand.

Wie ein Sinnbild der georgischen Gesellschaft in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts liegt das Birnenfeld direkt neben dem Kinderheim, das euphemistisch Internat genannt wird. Kleine krüppelige Birnbäume stehen dort, deren Früchte nie reif werden. Niedrig, knorrig, warzenbedeckt sind die Stämme. Das ganze Jahr über steht das Feld unter Wasser und niemand weiß, woher es kommt.

Im Debilenheim außerhalb von Tbilissi, der Hauptstadt Georgiens, leben Kinder und Jugendliche, die psychische Probleme haben oder als geisteskrank gelten. Die meisten jedoch wurden einfach abgeschoben, fortgebracht für eine bestimmte Zeit und nie wieder abgeholt.
Das Heim liegt in der Kertsch-Straße, benannt nach einem Ort auf der ukrainischen Krim, in der 1942 die Nationalsozialisten 160 000 Menschen töteten. Es ist heruntergekommen. Wasser dringt durchs Dach ein, das Essen ist karg und schlecht, und die BewohnerInnen werden mehr oder weniger verwahrt.
Die achtzehnjährige Lela kann sich an kein Leben vor dem Heim erinnern. Vor drei Jahren hat sie die Schule beendet und arbeitet dort nun als Parkplatzwächterin. Ihr Schützling Irakli ist erst seit einem Jahr dort. Sein Vater ist verschwunden, seine Mutter arbeitet in Tbilissi, verspricht in den wöchentlichen Telefonaten, ihren Sohn zu besuchen und zurückzuholen, doch nichts verwirklicht sie.

Das alltägliche Leben der Kinder und Jugendlichen ist geprägt von Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung. Ältere Kinder zerren Mädchen auf das Birnenfeld, wo sie sie vergewaltigen, Lehrer missbrauchen und vergewaltigen die Kinder, während ihre KollegInnen abgestumpft ihren Dienst versehen und versuchen, für Ordnung zu sorgen.

"Dieses Heim gab es und gibt es immer noch in Tbilissi, in einem Randbezirk von Tbilissi. Und ich bin neben diesem Kinderheim aufgewachsen. Wir haben einen gemeinsamen Hof gehabt, uns trennte nur ein Zaun. Ich kannte diese Kinder sehr gut., berichtet Ekvtimishvili in einem Gespräch mit dem WDR. Es sei bekannt gewesen, dass die Kinder sich gegenseitig schlugen und missbrauchten. "Wir haben alle zugesehen", äußert sie sich in der Zeit.
Lela schwört Rache, sie will den Geschichtslehrer ermorden. Sie ist inzwischen zu der Starken herangewachsen, die die anderen Kinder respektieren und fürchten. Sie ist es auch, die den neunjährigen Irakli unter ihre Fittiche nimmt, ihn beschützt und alles dafür gibt, damit er das Heim verlassen kann. Zimperlich ist sie dabei nicht. Sei ein Mann, herrscht sie ihn an, wenn er verzagt oder ängstlich ist. Die Kinder müssen sich abhärten, um in einer Gesellschaft bestehen zu können, die sie weder unterstützt noch ihnen beisteht.
Die Kinder in dem Heim spiegeln die gesellschaftliche Perspektivlosigkeit Georgiens. Lela kann sich ihre Zukunft nicht vorstellen. Wer würde sie einstellen? Was kann sie vorweisen? Um so wichtiger ist es ihr deshalb, wenigstens Irakli zu retten, der von einer amerikanischen Familie adoptiert werden soll.

Mit großer sprachlicher Einfühlsamkeit schildert Nana Ekvtimishvili, wie es an diesem Schreckensort dennoch Räume und Zeiten der Nähe und Verbundenheit untereinander geben kann. "An solchen Mainachmittagen, wenn es so aussieht, als wolle der Regen allen Schmutz auf einmal von der Kertsch-Straße abwaschen, wenn sich alle … im Fernsehzimmer vor den beschlagenen Fensterscheiben versammelt haben und niemand Lust hat rauszugehen, macht sich etwas wie Gemütlichkeit breit, als wären sie alle eine große Familie und hätten doch ein schönes Zuhause."

AVIVA-Tipp: Nana Ekvtimishvilis poetischer und zarter Text in einer rauen und gewalttätigen Welt zeigt die Unbarmherzigkeit einer Gesellschaft, die ihre Kinder im Stich lässt. Ein sehr beeindruckendes und fesselndes Debüt.

Zur Autorin: Nana Ekvtimishvili wurde 1978 in Tbilissi geboren. Sie studierte zunächst Philosophie in Tbilissi und anschließend an der Filmhochschule in Babelsberg. Ihre ersten Geschichten wurden 1999 im georgischen Literaturmagazin Arili veröffentlicht. 2011 führte sie Regie im Film Deda/Waiting for Mum. Mit Simon Groß drehte sie zwei vielfach preigekrönte Filme: Die langen hellen Tage (2014) und Meine glückliche Familie (2017). Ihr Debütroman Das Birnenfeld wurde ausgezeichnet mit dem SABA-Preis, dem LITERA-Literaturpreis und mit dem Preis der Staatlichen Ilia-Universität für den besten Roman der Jahre 2014 und 2015. Nana Ekvtimishvili lebt in Tbilissi und Berlin.
Mehr Infos: www.facebook.com

Zu den Übersetzerinnen:

Julia Dengg
wurde 1986 in Steyr (Österreich) geboren und studierte Übersetzten und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Genua und Tiflis. Für ihre Übersetzung von Giorgio Orellis «Un Giorno della vita» wurde sie 2015 mit dem Preis «Terra nova» der Schweizerischen Schillerstiftung und dem Förderpreis des Deutsch-Italienischen Übersetzerpreises ausgezeichnet. Gemeinsam mit der Übersetzerin Ekaterine Teti erhielt sie auf der Frankfurter Buchmesse 2018 den SABA-Preis für die beste ausländische Übersetzung des Buches von Reso Tscheischwilis Die Himmelblauen Berge.
Ekaterine Teti wurde 1975 in Tiflis geboren, wo sie auch Germanistik studierte. Dort unterrichtete sie bis 2002 Deutsch an der Universität Tiflis. Seit 2003 Promotionsstudium in Wien. Teti arbeitet als Gerichtsdolmetscherin und literarische Übersetzerin. Sie übersetzt aus dem Georgischen und dem Russischen und lebt in Wien. Mehr Infos: www.translatorscafe.com

Nana Ekvtimishvili
Das Birnenfeld

Originaltitel: Mskhlebis Mindori
Aus dem Georgischen von Julia Dengg und Ekaterine Teti
Suhrkamp Verlag, erschienen am 13.8.2018
221 Seiten
ISBN 978-3-518-46882-1
16,95 Euro
Mehr zum Buch: www.suhrkamp.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Von der Philosophie zum Filmemachen: AVIVA-Interview mit der Regisseurin Nana Ekvtimishvili
"Georgische Filme mit 14-jährigen Mädchen interessieren niemanden". Im Gespräch über ihren dokumentarischen Spielfilm "Die langen hellen Tage" spricht die Georgierin von der schwierigen Suche nach weiblicher Identität in einer Gesellschaft, in der häusliche Gewalt, Brautentführungen und Waffengeschenke auch heute noch eine Realität konstituieren, die junge Frauen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden bestimmt. (2014)

Die langen hellen Tage. Ein Spielfilm von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß. Kinostart am 21. August 2014
In starken Bildern mit virtuoser Erzählkraft öffnet sich die Kulisse des postsowjetischen Tiflis, vor der die Teenager Eka und Natia zu jungen erwachsenen Frauen heran-, aber auch über gesellschaftliche Konventionen hinauswachsen.

Bittere Bonbons - Georgische Geschichten. Erzählungen
Die Herausgeberin Rachel Gratzfeld gibt die Bühne frei für 13 georgische Autorinnen der jüngeren Generation, die es unbedingt zu entdecken gilt! Ihre Kurzgeschichten sind in manchen Fällen bereits bestehenden (und zum Teil erfolgreichen) Romanen entnommen, oder sind eigens für diese Sammlung entstanden. Was ihnen jedoch allen gemein ist, ist ihre ungeheure Einzigartigkeit, ihre Kreativität mit der sie Realität und Fiktion, Frau und Mann, Gestern und Heute, Norm und Rebellion in einem Erzählstrang vereinen. (2018)

Nino Haratischwili - Juja
Die Theaterregisseurin Nino Haratischwili hat sich für ihren Debütroman "Juja" eine wahre Begebenheit vorgenommen, die sie zu einem spannenden Werk verarbeitet. Die Geschichte der mythischen Gestalt Danielle Sarréra wird von Haratischwili in einer kunstvollen Mischung von verschiedenen Zeitebenen, Erzählweisen und Perspektiven neu erzählt. (2010)

Kéthévane Davrichewy - Am Schwarzen Meer
Die französische Autorin georgischer Herkunft erzählt die bewegende und weitgespannte Lebens- und Liebesgeschichte der 90-jährigen Tamuna: eine Geschichte, deren Anfänge in eine ferne Zeit am Schwarzen Meer reichen. (2011)

Helga Kurzchalia - Lamaras Briefe oder vom Untergang des Kommunismus
Der Roman, erschienen im Juni 2010, ist geschrieben als poetischer Briefwechsel zwischen Lamara, einer Georgierin, und ihrer Familie in Ost-Berlin. Lamaras Sohn Dito, ein leidenschaftlicher Wissenschaftler, ist wegen seiner Liebe zu Clara in die DDR gezogen. (2010)


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