Spannende Publikationen der französisch-marokkanischen Schriftstellerin und Journalistin Leïla Slimani rund um die Themen sexuelle Freiheit, Tabus und Fremdenfeindlichkeit - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA_gegen_AFD A GSCHICHT ÜBER D´LIEB
AVIVA-Berlin > Literatur > Sachbuch AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   Jüdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Romane + Belletristik
   Biographien
   Jüdisches Leben
   Sachbuch
   Graphic Novels
   Art + Design
   Lesungen in Berlin
   Music
   Sport
   Gewinnspiele
   Frauennetze
   E-cards
   About us
 


Happy New Year 5780 - Schana tova u-metuka!

AVIVA wishes you a sweet, peaceful and happy Rosh HaShana!
AVIVA wünscht ein süßes, glückliches, gesundes und friedliches Neues Jahr 5780!



Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2019







 



AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2019 - Beitrag vom 28.07.2019


Spannende Publikationen der französisch-marokkanischen Schriftstellerin und Journalistin Leïla Slimani rund um die Themen sexuelle Freiheit, Tabus und Rassismus
Saskia Balser

Es sind sowohl kulturelle, gesellschaftliche, globale Themen als auch Fragen ihrer eigenen Identität, denen Leïla Slimani sorgfältig auf den Grund geht. AVIVA stellt einen Roman, sowie Kolumnen, Gespräche und Essays der "neuen Stimme Frankreichs" vor, die 2016 für ihren Roman "Dann schlaf auch du" mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.



Bereits mit ihrem 2017 auf AVIVA vorgestellten Roman, dem Thriller Dann schlaf auch du hat Leïla Slimani ihr psychologisches Feingefühl und ihre schlichte, kühle Erzählkunst unter Beweis gestellt. Auch Slimanis weiteren Texte leben von ihrer emotionaler Tiefe, unabhängig von dem jeweiligen Genre.

All das zu verlieren

"Seit einer Woche hält sie durch. Eine Woche schon ist Adèle standhaft geblieben. Vernünftig. [...] Aber heute Nacht hat sie davon geträumt und konnte nicht mehr einschlafen. Ein lustvoller, endlos langer Traum, der wie ein heißer Lufthauch in sie eingedrungen ist. Seitdem kann Adèle an nichts anderes mehr denken."

Mit diesen Worten beginnt Leïla Slimanis neuester Roman, der sich um die freie Pariser Journalistin Adèle dreht, die ein Geheimnis vor der Welt versteckt. Obwohl sie ein scheinbar perfektes Leben mit Ehemann, Kind, finanzieller Sicherheit, interessantem Job und vielen Freund*innen führt, sehnt sich Adèle nach mehr: nach Abenteuer, Ekstase, Kontrollverlust, Sex. In bildhafter Sprache, kompromiss- und schonungslos beschreibt Slimani die nächtlichen Eskapaden und drängenden Verlangen ihrer Protagonistin:
"Sie will dass man sie packt, dass ihr Kopf gegen die Scheibe prallt. Sobald sie die Augen schließt, hört sie die Geräusche: das Stöhnen, die Schreie, das Klatschen der Körper. Ein nackter, keuchender Mann, eine Frau, die kommt. Sie will nur ein Objekt inmitten einer Meute sein. Gefressen, ausgesaugt, mit Haut und Haar verschlungen werden. Sie will in die Brust gekniffen, in den Bauch gebissen werden. Sie will eine Puppe im Garten eines Ungeheuers sein."

Schnell wird klar, dass Adèle nicht einfach nur gelangweilt von ihrem prätentiösen und öden Familienleben ist, sondern ernsthaft krank. Die Vereinbarung ihrer Sexsucht mit ihrem Alltag wird zunehmend zur Herausforderung: "Ihre Obsessionen verzehren sie. Sie kann nichts dagegen tun. Da ihr Leben Lügen erfordert, verlangt es eine aufreibende Organisation die sie ganz und gar in Beschlag nimmt. Die sie auffrisst."

Wie sich Adèle immer wieder aus heiklen Situationen windet und intensive sexuelle Begegnungen zulässt, weil sie ihrem brennenden Verlangen vollkommen unterliegt, stellt Leïla Slimani in "All das zu verlieren" einmalig dar. Obwohl Leser*innen wohl kaum mit der egoistischen und destruktiven Protagonistin sympathisieren oder Mitleid für sie empfinden dürften, bewegen Adèles Einsamkeit und ihre verzweifelte Suche nachhaltig.

Sex und Lügen

Das Erscheinen von Leïla Slimanis Roman "All das zu verlieren" hat in Frankreich für einige Verwunderung gesorgt. Journalist*innen waren, so Slimani, "erstaunt, dass eine Marokkanerin so ein Buch schreiben konnte. Damit meinen sie ein Buch, in dem offen über Sexualität gesprochen wird". Auf ihrer Lesereise durch Marokko zeigte sich aber, dass der Wunsch danach, offen über weibliche Lust zu sprechen, von vielen Frauen geteilt wird. Sie kamen nach den Lesungen zu der Autorin und erzählten ihre persönlichen Geschichten – von Unterdrückung, Heuchelei, Prostitution und Vergewaltigung.

Leïla Slimani verschafft diesen Frauen Gehör: "Für mich war es wichtig, das, was mir diese Frauen erzählt haben, ungefiltert niederzuschreiben. Ihre mitreißenden und eindringlichen Worte festzuhalten, die mich erschüttert und bewegt, mich wütend gemacht und empört haben." Die Namen der Frauen wurden für die Veröffentlichung des Buchs größtenteils geändert, aufgrund der Restriktionen, die sie in Marokko infolge ihrer Erzählungen erfahren würden. Slimani betont im Zusammenhang damit auch die Furchtlosigkeit ihrer Gesprächspartner*innen: "Man muss sich einmal klarmachen, welchen Mut diese Frauen beweisen, die hier Zeugnis ablegen, wie schwer es ist, in einem Land wie Marokko aus der Reihe zu tanzen und sich nicht konform zu verhalten."

In einem Land wie Marokko – ein Land, in dem das Verbot der "Unzucht", welches sowohl außerehelichen Sex und Ehebruch als auch "homosexuelle Handlungen" miteinschließt, mit mehreren Jahren Haft bestraft und in dem sexuelle Bedürfnisse von Frauen ignoriert werden. Wo außereheliche Kinder in der Gesellschaft keine Chance haben, die Polizei korrupt, die Jungfräulichkeit heilig und Abtreibung verboten ist. Und nicht zuletzt ein Land, in dem Vergewaltiger, die die vergewaltigte Frau heiraten, nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können (nach Artikel 475 des Strafgesetzbuchs). Die herrschende konservative Moral tabuisiert das Thema Sexualität konsequent und gibt weiblichem Begehren keinen Raum. Umso wichtiger, dass Leïla Slimani, selbst als muslimische Frau in Marokko geboren, den Frauen, ihren Sehnsüchten, Ängsten und Träumen eine Stimme gibt.

Warum so viel Hass?

In ihrem ausdrucksstarken Essayband versammelt Slimani Texte, die in den Jahren 2014 – 2016 in der französischen Wochenzeitschrift "Le 1" erschienen sind und mit Titeln wie "Warten auf den Messias", "Fundamentalisten, ich hasse euch" und "Französin, Kind von Fremden" bereits auf ihren explosiven Inhalt hinweisen. Aus einer persönlichen Perspektive beleuchtet Slimani die Fragen unserer von Gegensätzen gezeichneten und in vielen Hinsichten rückwärtsgewandten Gesellschaft.

"Ich bin Immigrantin, Pariserin, eine freie Frau, überzeugt davon, dass man sich selbst behaupten kann, ohne die anderen abzulehnen." Mit solchen Worten spricht sich Slimani gegen Hass und für Toleranz aus, auch in Ländern, die vom Fanatismus gezeichnet und scheinbar irreparabel beschädigt worden sind. Sie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Kultur und Identität und plädiert für ein selbstbestimmtes Verständnis, das Kultur als das begreift, "was wir daraus machen."

AVIVA-Tipp: Leïla Slimanis Texte der letzten Jahre beweisen nicht nur ihr literarisches Geschick, provokant, ehrlich und punktgenau zu formulieren, sondern auch ihre Entschlossenheit, nicht die Augen zu verschließen vor der prekären Situation von Frauen in der islamischen Welt, sondern ihren Teil dazu beizutragen, sie daraus zu befreien.

Zur Autorin: Die französisch-marokkanische Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat geboren, wuchs in Marokko auf und studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Leïla Slimanis Mutter war eine der ersten Ärztinnen Marokkos, ihr Vater Vorstand einer Bank.
Leïla Slimani gilt heute als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs und ihre Bücher sind internationale Bestseller. Für den Roman "Dann schlaf auch du" wurde ihr der renommierte Prix Goncourt zuerkannt. "All das zu verlieren", ebenfalls preisgekrönt, erscheint in 25 Ländern. In den Essaybänden "Sex und Lügen" und "Warum so viel Hass?" widmet Leïla Slimani sich dem Islam und dem Feminismus sowie dem zunehmenden Fanatismus. Seit 2017 ist Leïla Slimani offiziell Botschafterin für Frankophonie. Sie lebt mit ihrer Familie in Paris. (Quelle: Verlagsinformation)
Weitere Informationen zu Leïla Slimani unter: www.francealumni.fr
Leïla Slimani spricht über ihren Roman "All das zu verlieren" (auf Französisch): www.youtube.com



All das zu verlieren
Originaltitel: Dans le jardin de l´ogre
Übersetzerin: Amelie Thoma
Luchterhand Literaturverlag, erschienen am 13. Mai 2019
224 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-630-87553-8
22 Euro
www.randomhouse.de



Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt
Originaltitel: Sexe et Mensonge. La vie sexuelle au Maroc
Übersetzerin: Amelie Thoma
Btb Verlag, erschienen am 10. September 2018
208 Seiten, Paperback
ISBN: 978-3-442-71681-4
12 Euro
www.randomhouse.de



Warum so viel Hass? Essays
Originaltitel: Le diable est dans les détails
Übersetzerin: Amelie Thoma
Btb Verlag, erschienen am 13. Mai 2019
64 Seiten, Taschenbuch
ISBN: 978-3-442-71728-6
8 Euro
www.randomhouse.de

Außerdem von Leïla Slimani erschienen:

Hand aufs Herz
Graphic Novel
Text: Leïla Slimani, Zeichnungen: Laetitia Coryn
Übersetzerin: Kerstin Behre
Avant Verlag, erschienen im September 2018
108 Seiten, vierfarbig, Hardcover
ISBN: 978-3-945034-95-8
25 Euro
www.avant-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Leïla Slimani. Dann schlaf auch du. (Chanson douce)
Das Böse befindet sich manchmal näher, als es Eltern lieb ist. Diese schmerzliche Erfahrung müssen Myriam und Paul Massé auf grausame Weise machen, als sie ihrer gewissenhaften Nanny Louise das Kostbarste anvertrauen, was sie besitzen: ihre Kinder. Der Roman der 1981 in Rabat geborenen Journalistin und Autorin wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und erschien in 32 Ländern. (2017)

Martha Nussbaum - Königreich der Angst. Gedanken zur aktuellen politischen Krise
Nachdem sich die Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago Martha Nussbaum dem Zorn und der Vergebung angenähert hat, wendet sie sich in ihrem neuen Werk der Angst und ihrer Instrumentalisierung zu. Scharfsichtig analysiert sie die Spaltung und Polarisierung in den Vereinigten Staaten. Ihre Einsichten lassen sich bequem auf Deutschland übertragen. (2019)

#FEMALE PLEASURE. Ab 20. Mai 2019 als VoD und DVD. Das AVIVA-Interview mit der Regisseurin Barbara Miller
Der Dokumentarfilm der Schweizer Regisseurin Barbara Miller schildert die Lebenswelten fünf mutiger, kluger Frauen aus den fünf Weltreligionen in einer hypersexualisierten, säkularen Welt: Deborah Feldman, Leyla Hussein, Rokudenashiko, Doris Wagner und Vithika Yadav. (2019)

Karine Tuil - Die Zeit der Ruhelosen
Der neue Roman der für "Die Gierigen" für den Prix Goncourt nominierten Schriftstellerin. Was geschieht mit Menschen, die nach Macht, Anerkennung und sozialem Aufstieg streben und dabei auf brutale Weise scheitern? Davon handelt Karine Tuils politischer Gesellschaftsroman, der erneut ein facettenreiches Porträt der französischen Gegenwart zeichnet. (2017)

Gila Lustiger - Erschütterung. Über den Terror
Leider wieder hochaktuell ist Gila Lustigers wegweisendes Essay über den Terror in Frankreich. Erst im Juni 2016 wurde die in Paris lebende deutsch-jüdische Autorin für ihr "widerständiges Erzählen im Sinne von Freiheit und Humanität" mit dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis der Stadt Fürth ausgezeichnet. (2016)

Sineb El Masrar - Emanzipation im Islam. Eine Abrechnung mit ihren Feinden Emanzipation im Islam?! Wie das geht und vor allem in der Zukunft vermehrt funktionieren muss, formuliert die junge Buchautorin mit marokkanischen Wurzeln offensiv und furchtlos in ihrem Werk und stellt sich damit gegen die aktuell weltweit verbreitete Islam-Ideologie. (2016)

Sonita. Ein Dokumentarfilm von Rokhsareh Ghaem Maghami. Kinostart: 26. Mai 2016.
Vor den Taliban geflüchtet, rappt die 18 Jährige Afghanin in Teheran gegen den Verkauf von Mädchen an den meistbietenden Freier. Ihr freies Leben steht vor einem jähen Ende, als ihre Familie die Zwangsheirat plant. (2016)

Das Mädchen Hirut. Ein Film mit Meron Getnet und Tizita Hagere von Zeresenay Berhane Mehari. Ab 17. Juli 2015 auf DVD und als Video on Demand
Zwei mutige Frauen gegen eine frauenfeindliche Tradition: Die 14jährige Hirut erhält Unterstützung von der Anwältin Meaza Ashenafi, als sie wegen Mordes an ihrem Vergewaltiger zum Tode verurteilt werden soll.

Melda Akbas - So wie ich will. Mein Leben zwischen Moschee und Minirock
SchülersprecherIn zu werden, birgt keine Karrierechancen? Weit gefehlt! Die Abiturientin Melda Akbas erzählt in ihrem Buch, was eine Deutsch-Türkin zwischen deutschem Schulalltag und türkischem Familienleben beschäftigt, und dass sie früh lernen musste, ihren Platz zwischen den Stühlen zu finden. (2010)

Necla Kelek - Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam
"Islam-Bitches" und "Hinterhofgesellschaft" – einmal mehr provoziert Necla Kelek mit ihren Ansichten über die muslimische Gesellschaft in Deutschland. Was deren Glauben ausmacht und warum eine Diskussion über den Islam dringend nötig ist, eröffnet sie in ihrem neuesten Werk. (2010)

Rachida Lamrabet - Frauenland
"Welcher Kerl nimmt schon Unterwürfigkeit auf sich? Jetzt einmal ganz im Ernst, du bist also bereit, für Europa deine Würde zu verhökern?" Die marokkanischen Männer bezeichnen den Westen als Frauenland, denn sie sind der Meinung, dass Frauen dort das Sagen haben. Doch der Roman thematisiert nicht nur die unterschiedlichen Geschlechterverhältnisse zwischen dem Westen und dem Islam, sondern auch die große Suche nach der eigenen Identität. (2009)

Seyran Ates - Der Islam braucht eine sexuelle Revolution
Die sexuelle Selbstbestimmung ist für viele muslimische Frauen eine Utopie, deren Verwirklichung sie in Lebensgefahr bringen kann. Seyran Ates erklärt in ihrer Streitschrift, dass sich die Unterdrückung direkt aus dem Koran ableiten lässt und dass dieser deshalb dringend reformiert werden muss. (2009)



Literatur > Sachbuch Beitrag vom 28.07.2019 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2019 
zum Seitenanfang   suche   sitemap   impressum   datenschutz   home   Seite weiterempfehlenSeite drucken