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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 15.08.2011

Slutwalk
Britta Meyer

Der erste Berliner Slutwalk ist vorbei und er war großartig. 3.500 Menschen wanderten am 13. August 2011 vom Wittenbergplatz bis zum Gendarmenmarkt, um gegen Vergewaltigungsmythen und...



... Victim-blaming zu protestieren.

© Sharon Adler


Die Berichterstattung in den Tagesmedien konzentrierte sich, wie in anderen "ge-slutwalkten" Ländern auch, vorrangig auf voyeuristische Darstellungen nahezu nackter Frauen: ein Nebeneffekt, den mensch leider mit einkalkulieren musste, tragen doch die gewollt provokanten Outfits maßgeblich zur gewaltigen Nachrichtenpräsenz bei, welche die Slutwalks erfahren.

© Sharon Adler


Die Realit√§t war jedoch wieder einmal komplexer als ihr Medienecho: Tausende von Menschen jeden Alters, aller Geschlechter und in jeder erdenklichen (Ver-)Kleidung demonstrierten f√ľr Respekt, Selbstbestimmung und ihr Recht auf Schutz vor sexualisierter Gewalt. Die Reaktionen der ZuschauerInnen waren gr√∂√ütenteils positiv-interessiert.

© Sharon Adler


© Sharon Adler


Seit April 2011 sind sie auf den Straßen der Welt zu sehen: ob in Toronto, Amsterdam, London, Paris, oder Glasgow, Frauen und Männer mit Transparenten, manche in Strapsen, High-Heels und Unterwäsche, andere in gewöhnlicher Alltagskleidung. Mit "NO means NO"-Plakaten protestieren sie gegen die angebliche Mitschuld, die Opfern von sexualisierter Gewalt unterstellt wird, sollten diese zum Zeitpunkt der Tat in irgendeiner Weise "provokativ" gekleidet gewesen sein.

Die so genannten "Slutwalks" nahmen ihren Anfang am 24. Januar 2011, als der Torontoer Polizeibeamte Michael Sanguinetti Frauen w√§hrend eines √∂ffentlichen Vortrags √ľber Sicherheit im Alltag empfahl, sich "nicht wie Schlampen anzuziehen", um Vergewaltigungen zu vermeiden. Dieser "freundliche" Ratschlag verbreitete sich rasend schnell √ľber Twitter, Blogs und Facebook und wurde so aufgenommen, wie er es verdient ‚Äď mit einer Protestbewegung. Der erste Slutwalk lief am 3. April durch Toronto, statt der erwarteten 100 TeilnehmerInnen kamen 3000. Das Interesse der Medien war geweckt und ist bis jetzt nicht erloschen.

Ein dummer Spruch zuviel

"My short skirt is not an invitation
a provocation
an indication
that I want it
or give it
or that I hook."


Es geht nicht um die Aussage an sich, sie war nur der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und spiegelt in wenigen Worten eine gesamtgesellschaftliche Haltung wieder, die auf mehreren Ebenen zugleich menschenverachtend wirkt.
Zum Einen die Implikation, dass Frauen nur dann zu Opfern sexualisierter Gewalt werden, wenn sie sich auf eine Weise kleiden und verhalten, die nicht der Vorstellung einer "guten" Frau entspricht. Dies deckt sich mit herrschenden Mythen, nach denen sexualisierte Gewalt nur solchen Frauen passiert, die sich auf irgendeine Weise "falsch" verhalten haben und daher an dem Erlittenen selbst schuld sind.
Zum Anderen dr√ľckte Sanguinetti mit seinem "netten" Tipp aus, dass Frauen, die seiner Vorstellung von einer "Schlampe" entsprechen, also Prostituierte und promiskuitive Frauen, nicht dasselbe Recht auf k√∂rperliche Unversehrtheit genie√üen wie andere Menschen.
Dar√ľber hinaus steckt in den Worten die selbstverst√§ndliche Annahme, dass die Art und Weise, in der eine Frau sich kleidet, nur einen einzigen Zweck verfolgen kann, n√§mlich das sexuelle Interesse von M√§nnern auf sich zu ziehen. Pers√∂nlicher Geschmack, Witterungsbedingungen, berufliche Kleidungsvorschriften, nichts hiervon z√§hlt als Grund f√ľr die t√§gliche Wahl der Bekleidung. Einzig der m√§nnliche Blick auf den weiblichen K√∂rper kann ausschlaggebend f√ľr das Outfit einer Frau sein.

Sanguinetti musste sich inzwischen aufgrund vielf√§ltiger aufgebrachter Reaktionen f√ľr seine Worte entschuldigen. Zu sp√§t. Den Initiatorinnen der Slutwalks, Sonya Barnett and Heather Jarvis reichte es endg√ľltig mit der st√§ndigen Umkehr von Opfern und T√§tern. Sie organisierten den ersten von zahlreichen Protestm√§rschen und dank Internet verbreiteten sich die Slutwalks in Windeseile in der ganzen Welt.

Schuld sind immer noch die Opfer

"My short skirt
is not a legal reason
for raping me
although it has been before
it will not hold up
in the new court."


Eine Studie der Londoner Metropolitan University von 2009 ergab, dass in Deutschland jährlich etwa 8.000 Vergewaltigungen angezeigt werden. Der Anteil der Fälle, die sich während der Untersuchungen als Falschanschuldigungen erweisen, betrug dabei nur 3 Prozent. In nur 1.400 Fällen pro Jahr wurde Anklage erhoben, die meist aus Mangel an Beweisen scheitert: die Verurteilungsquote lag bei 13 Prozent.
Sei es Kachelmann oder Strauss-Kahn, die j√ľngste Vergangenheit hat √ľberdeutlich gezeigt, wie Frauen, die M√§nner des √∂ffentlichen Interesses der Vergewaltigung bezichtigen, von Medien und Gerichten behandelt werden. Sie werden vorgef√ľhrt wie Kriminelle, ihr Privatleben wird bis ins intimste Detail ausgeleuchtet, ihr Geisteszustand angezweifelt, ihr Charakter in den Dreck gezogen und ihre Glaubw√ľrdigkeit von Grund auf unterminiert. Diesem voyeuristischen Spie√ürutenlauf, kann mensch argumentieren, werden die mutma√ülichen T√§ter genauso gnadenlos unterzogen. Wie bei jeder Straftat besteht die grunds√§tzliche Unschuldsvermutung. Anders als bei anderen Verbrechen jedoch kommt dem Opfer die unm√∂gliche Aufgabe zu, nachzuweisen, dass es keine Gewalt erleiden wollte und dies auch deutlich gesagt hat.
Unter dem Strich bleibt die Grenzverwischung zwischen Sex und Gewalt, die f√ľr alle Geschlechter beleidigende Grundannahme, dass eine Frau "Nein" sagt, wenn sie eigentlich "Ja" meint und dass ein Mann den Unterschied nicht erkennen kann.

"My short skirt, believe it or not
has nothing to do with you.
My short skirt is not proof
that I am stupid
or undecided
or a malleable little girl."


Die Selbstbezeichnung der Protestierenden als "Schlampe" soll das Wort f√ľr selbstbewusste Frauen beanspruchen und es so seiner verletzenden Bedeutung berauben, √§hnlich, wie es der schwullesbischen Bewegung mit dem Begriff "queer" gelungen ist. Von feministischer Seite kommt hierf√ľr jedoch nicht nur Beifall. "Schlampe" ist f√ľr viele GenderforscherInnen nur eine weitere misogyne Beschimpfung und nichts, was frau f√ľr sich annektieren sollte. Auch die √ľbertrieben grell inszenierte Sexualisierung von Frauenk√∂rpern tr√§gt KritikerInnen zufolge nicht zur Gleichstellung der Geschlechter bei, sondern reproduziert nur unreflektiert ein pornografisch gepr√§gtes Bild von weiblicher Sexualit√§t, welches genauso frauenverachtend ist, wie die Haltung, gegen die die Slutwalks sich eigentlich richten.

Sie kommen nach Deutschland

Bis voraussichtlich September 2011 wird jedes Wochenende in mindestens einer Stadt eine Demonstration stattfinden. Der erste deutsche Slutwalk ist f√ľr den 13. August 2011 geplant und soll st√§dte√ľbergreifend in Berlin, M√ľnchen, im Ruhrgebiet, Frankfurt und Hamburg stattfinden. Es liegt an allen Beteiligten, diese Bewegung nicht zu einer blo√üen Fleischbeschau verkommen zu lassen, sondern daran mitzuwirken, dass die gewaltige mediale Aufmerksamkeit, welche die M√§rsche derzeit erfahren, eine Botschaft vermittelt, f√ľr die mensch gerne auf die Stra√üe geht:

"Mainly my short skirt
and everything under it
is Mine.
Mine.
Mine."



Der Berliner Slutwalk findet am 13. August statt und startet um 15:00 Uhr am Wittenberplatz. Die Strecke endet am Gendarmenmarkt.

Die Slutwalks werden unterst√ľtzt von

Berlin Hollaback

bff - Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe

Doctorella

LaD.I.Y.fest Berlin

Mädchenmannschaft e.V.

NBI Club

Räuberhöhle

Respect my fist

Rodeo

Sookee

TERRE DES FEMMES e.V.

Totally Stressed

… und AVIVA-Berlin!


Weitere Informationen finden Sie unter:

Slutwalk United

Slutwalk Toronto

Slutwalk Berlin

www.frauen-gegen-gewalt.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

TERRE DES FEMMES f√ľrchtet fatale Signalwirkung durch Urteil im Kachelmann-Prozess

Kongress Streitsache Sexualdelikte - Frauen in der Gerechtigkeitsl√ľcke

AHGATA - Hilfe f√ľr die Zeugin feiert Geburtstag

Internationaler Aktionstag gegen Gewalt an Frauen 2010


(Quelle Zitate: "Vagina Monologe", Eve Ensler)

Public Affairs Beitrag vom 15.08.2011 Britta Meyer 





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