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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2020 - Beitrag vom 10.06.2013


Mehr Stolz ihr Frauen - Berliner Gedenktafel zu Ehren von Hedwig Dohm
Erica Fischer

Vom vermuteten einstigen Glanz des Gebäudes ist wenig geblieben. Trübselig schaut die mausgraue Stahlverkleidung des Hauses Nummer 235 auf die Friedrichstraße in Berlin-Kreuzberg. In diesem...




... Haus kam im Jahre 1831 Hedwig Dohm, geborene Schlesinger, zur Welt, und in diesem Haus hat auch der Dichter Adalbert von Chamisso gewohnt.

Immerhin scheint am Vormittag des 5. Juni 2013 die Sonne, als die Beauftragte für das Bürgerschaftliche Engagement, Staatssekretärin Hella Dunger-Löper, mit einem Zug an der Kordel den Vorhang von der Gedenktafel fallen lässt, finanziell ermöglicht durch die Stiftung Preußische Seehandlung.

Es sind nicht viele, denen der Name Hedwig Dohm (1831-1919) geläufig ist. Dabei gehört sie zu den wichtigsten politischen Autorinnen des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Als einer der ersten forderte sie bereits 1873 das Stimmrecht für Frauen und kämpfte für die völlige rechtliche, soziale und ökonomische Gleichstellung der Geschlechter. Sie gilt als Pionierin der Frauenemanzipation und war zweifelsfrei auch eine der witzigsten und ironischsten Stimmen der Wende zum 20. Jahrhundert.

Doch Hedwig Dohm geriet nach ihrem Tod schnell in Vergessenheit, ein Schicksal, das sie mit vielen Frauen teilt, die sich für ihr eigenes Geschlecht einsetzen. Erst die Feministinnen der 70er Jahre holten sie als eine ihrer Vorkämpferinnen zurück ins kollektive Gedächtnis der Frauenbewegung. Seit 1991 ehrt der Journalistinnenbund jährlich eine Kollegin für ihre journalistische Lebensleistung und ihr frauenpolitisches Engagement mit der Hedwig-Dohm-Urkunde und errichtete 2007 eine Gedenkstätte auf dem Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg, wo die frühe Feministin – unerkannt und vergessen - begraben liegt. Aus ihrer jüdischen Familie gab es nach der Nazizeit keine Nachfahren, die sich um Dohms Grab und ihr literarisches Andenken kümmern hätten können.

Als nächsten Schritt wird es nun darum gehen, das Land Berlin zu bewegen, Hedwig Dohm ein Ehrengrab zu gönnen, ein "Ewiges Grab", um zu verhindern, dass die Gedenkstätte nach den nunmehr gesicherten zwanzig Jahren verschwindet und eine nächste Generation Feministinnen wieder von vorne anfangen muss.

Am 5. Juni sprach nach der Staatssekretärin Dr. Isabel Rohner, die sich in besonderer Weise um Hedwig Dohm verdient gemacht hat. Sie ist Autorin der im Ulrike-Helmer-Verlag erschienen Biographie von Hedwig Dohm und zusammen mit der Historikerin Nikola Müller Mitherausgeberin der ersten kommentierten Gesamtausgabe von Dohms Werk. Sie war es auch, die sich seit 2010 für die Anbringung der Gedenkplakette in der Friedrichstraße 235 stark gemacht hat. In ihrer Rede wies Rohner auf das beeindruckende Gesamtwerk Hedwig Dohms hin, das scharfzüngige gesellschaftskritische Essays, Feuilletons, Theaterstücke, Romane und Novellen umfasst. Die beiden Herausgeberinnen der Hedwig-Dohm-Edition haben 2006 mit der Veröffentlichung dieser Texte begonnen und bislang fünf Bücher im Berliner Trafo Verlag publiziert. Insgesamt werden es wohl fünfzehn Bücher werden – "für uns ist es ein Herzensprojekt", betonte Isabel Rohner. "Wenn wir uns nicht darum kümmern, tut es niemand, denn für solche Projekte gibt es kein Geld."




Isabel Rohner

Rohner und Müller haben auch eine "Femmage" mit klugen, witzigen, ironischen – und auch heute noch aktuellen – Textstellen von Hedwig Dohm zusammengestellt, die sie zusammen mit dem Schauspieler Gerd Buurmann in inzwischen über achtzig Veranstaltungen als eine Mischung aus Lesung und literarischem Kabarett vortragen.

"Wir müssen die Vergangenheit kennen, um unsere Gegenwart zu verstehen und um in Zukunft etwas ändern zu können", sagte Rohner abschließend. "Gedenkplaketten wie diese weisen uns auf die Vergangenheit hin und sind darum sehr, sehr wichtig."

Den Kampf, den es gekostet hat, der Senatsverwaltung abzuringen, Hedwig Dohm auf der Tafel "Feministin" (und eben nicht "Frauenrechtlerin") zu nennen, erwähnte sie in der Öffentlichkeit nicht. Aber, so viel sei gesagt, es war nicht einfach.
Das Wort provoziert immer noch. Vielleicht ist das auch gut so.




Erica Fischer
(Hedwig-Dohm-Urkunde 2009)



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© Text und alle Fotos: Erica Fischer


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Beitrag vom 10.06.2013

AVIVA-Redaktion 






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