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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 24.11.2010

Mirjam Pressler - Novemberkatzen. Wenn das Gl├╝ck kommt. Zwei Romane und eine Rede - Jubil├Ąumsausgabe
Adriana Stern

Die Autorin und ├ťbersetzerin Mirjam Pressler wurde zur Frankfurter Buchmesse 2010 f├╝r ihr Gesamtwerk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Das ist in diesem Jahr nicht der einzige...



... Grund, dieser au├čergew├Âhnlichen Frau von ganzem Herzen zu gratulieren.

So geb├╝hrt der Autorin au├čerdem eine Gratulation zum ihrem 70. Geburtstag, den sie vor vier Monaten begangen hat. Mazal Tov, bis 120!

Wer ihr begegnet, erlebt eine lebendige, kreative, offene und jugendlich gebliebene Frau, die interessiert zuh├Ârt und ihre Umgebung zugewandt, mit h├Âchster Konzentration und voller Neugierde wahrnimmt.

Vor drei├čig Jahren wurde ihr erstes Buch Bitterschokolade ver├Âffentlicht und gewann auf Anhieb den Oldenburger Jugendbuchpreis. Dies sei ein gro├čes Gl├╝ck gewesen, sagt die Autorin heute, denn mittlerweile habe sie das Verlagswesen und den Literaturbetrieb kennengelernt. Mirjam Pressler wei├č, wie schwer sich gerade die B├╝cher vermitteln lassen, die nicht dem vorherrschenden Mainstream entsprechen.

Und keines der von Mirjam Pressler geschriebenen B├╝chern geh├Ârt zu dieser Mainstreamliteratur! Mit ihrer Zielgerichtetheit und ihrem Mut, stets bei ihrem gro├čen Lebensthema Kindheit zu bleiben, mit all seinen schwierigen und oft verschwiegenen Facetten, gewann die Autorin bis heute unz├Ąhlige Preise.
Die in dieser Jubil├Ąumsausgabe zu ihrem Geburtstag vorgestellten Romane sind bereits vor Jahren schon einmal erschienen. Dass der Verlag gerade sie neu auflegt, zeigt, wie aktuell sie nach wie vor sind und wie aktuell sie weiterhin bleiben werden.

Die beiden RomaneNovemberkatzen und Wenn das Gl├╝ck kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen sind w├╝rdige Stellvertreter f├╝r das Gesamtwerk der herausragenden und eigenwilligen Schriftstellerin. So stehen sie stellvertretend f├╝r ihre ├ťberzeugung und das Gelingen, Tabuthemen gesellschaftsf├Ąhig zu machen. Stellvertretend auch f├╝r ihren Mut, dem Mainstream zu trotzen und beharrlich weiterhin ├╝ber Themen zu schreiben, die meist verschwiegen werden und die vielleicht gerade deshalb die Emotionen und die Seele zutiefst ber├╝hren.

Und nicht zuletzt auch stellvertretend f├╝r ihre F├Ąhigkeit, die LeserInnen ganz in eine Geschichte hineinzunehmen und Bilder in ihnen zu wecken, die noch lange nachwirken.
Mirjam Pressler stellt bewusst die Welt der Kindheit in den Vordergrund ihres Schreibens. Eine Welt, die nicht heil, nicht perfekt und m├Ąrchenhaft ist, sondern realistisch, beunruhigend, bedr├╝ckend und voller schmerzhafter Erlebnisse. Eine Kindheit, wie sie zu viele Kinder bis heute erleben und aller Voraussicht nach auch weiterhin erleben m├╝ssen. Eine Kindheit, die "besch├Ądigt wurde" wie Mirjam Pressler sagt. Die St├Ąrke in den Beschreibungen der Autorin liegt darin, den harten Alltag ihrer Figuren und ihre gelungenen ├ťberlebensstrategien gleicherma├čen mit allen Sinnen und in vielen Details in der eigenen Phantasie lebendig werden zu lassen.

Mirjam Pressler begibt sich mit gro├čer Liebe und Sorgfalt in diese Welt, in der Verletzungen, Unverst├Ąndnis und fehlende Liebe an der Tagesordnung sind. Eine Welt, in der sich ihre stillen Heldinnen gegen allt├Ągliche und zum Teil auch zutiefst traumatische Gewalt behaupten m├╝ssen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Nicht ihre W├╝rde, nicht ihren Stolz, nicht ihre Hoffnung.
Und genau das gelingt den Figuren von Mirjam Pressler. Inmitten eines aussichtslosen, dem├╝tigenden Kampfes schaffen sie sich R├Ąume, in denen sie ihre Tr├Ąume, ihre Verletzlichkeit, ihre Selbstbestimmung sch├╝tzen. R├Ąume, in denen sie ganz sie selbst sein k├Ânnen und aus denen sie die Kraft sch├Âpfen, erwachsen zu werden und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

Es sind nicht die gro├čen Abenteuer, nicht die weltbewegenden Ver├Ąnderungen, die das Leben ihrer Figuren in Atem halten. Es sind die kleinen, allt├Ąglichen Begebenheiten, die ihren Figuren Mut machen und ihnen Hoffnung und innere St├Ąrke geben.
Mirjam Pressler bietet keine einfachen L├Âsungen an, beide B├╝cher haben kein Happy-End. Und doch befl├╝gelt das Schicksal ihrer Figuren die eigene Phantasie der LeserIn, l├Ąsst die Autorin die LeserIn nicht nur traurig und nachdenklich zur├╝ck, sondern auch mit der Erinnerung an die eigene, wie auch immer besch├Ądigte Kindheit und den daraus gewonnenen F├Ąhigkeiten.

Ihre im Anhang abgedruckte Rede "Eine Orchidee bl├╝ht im Continen-Tal" ist beinahe so etwas wie der Lebenslauf dieser Autorin, durch den sich das geschriebene und sp├Ąter das selbst geschriebene Wort wie ein roter Faden oder treffender ausgedr├╝ckt, wie ein Rettungsanker zieht.
Denn das Leben der Mirjam Pressler war in keiner Hinsicht leichter als das Leben des j├╝dischen M├Ądchens Halinka in dem Roman "Wenn das Gl├╝ck kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" oder das Leben der kleinen Ilse, der Hauptfigur in "Novemberkatzen".

"Ich glaube, ich verfiel dem Lesen als M├Âglichkeit zu fliehen, in andere Welten und andere Wirklichkeiten." sagt die Autorin in dieser Rede. "Gegen die lauten, groben W├Ârter, die mir an den Kopf geworfen wurden, suchte ich die leisen, gedruckten W├Ârter, die mir Raum f├╝r Gedanken lie├čen." Und die ihr sp├Ąter den Raum er├Âffneten, ├╝ber drei├čig B├╝cher zu schreiben, die wiederum ihren LeserInnen R├Ąume, Welten und Wirklichkeiten er├Âffneten und sie an die wunderbare innere St├Ąrke erinnerten, die sich Hoffnung nennt.
Die beiden folgenden Zitate vermitteln vielleicht am deutlichsten das Geheimnis von Mirjam Presslers gro├čem Erfolg: (...)"Am Anfang war das Wort. Ein gro├čer Satz. Aber f├╝r mich stimmt er. Das Wort ist die Wahrheit und die L├╝ge, es ist das Trennende und Verbindende. Ohne Wort ist nichts, ist alles nur wabernder Nebel. (...)"ÔÇŽMich interessiert die Frage, wie Identit├Ąt unter widrigen Bedingungen entstehen und wachsen kann."(...)

AVIVA-Tipp: Warum gerade die antiautorit├Ąren Jugendb├╝cher von Mirjam Pressler nicht nur f├╝r Jugendliche so wichtig und daher unbedingt empfehlenswert sind, kann niemand besser begr├╝nden als die Autorin selbst: "Die meisten Autoren haben nur ein Thema, das sie in immer neuen Variationen und Varianten bearbeiten, sie schreiben das Buch immer wieder neu, n├Ąmlich die Geschichte ihres Lebens. (...) Mein Thema ist ÔÇô im weitesten Sinne ÔÇô die besch├Ądigte Kindheit, ist letztlich die Verwunderung dar├╝ber, dass das Leben, der Wille zu leben zum Gl├╝ck meist st├Ąrker ist als alles, was Menschen sich gegenseitig antun."

Zur Autorin: Mirjam Pressler, geb. 1940 in Darmstadt, wuchs bei Pflegeeltern auf. Sie studierte an der Akademie f├╝r Bildende K├╝nste in Frankfurt und Sprachen in M├╝nchen und lebte f├╝r ein Jahr in einem Kibbuz in Israel. Zur├╝ck in Deutschland arbeitete sie unter anderem als Taxifahrerin und f├╝hrte einen Jeansladen. Sie hat drei inzwischen erwachsene T├Âchter, die sie nach der Scheidung von ihrem Mann alleine gro├čgezogen hat. Heute lebt sie als freie Autorin und ├ťbersetzerin in Landshut.
Mirjam Pressler hat mehr als 30 eigene Kinder- und Jugendb├╝cher verfasst, darunter "Bitterschokolade" (Oldenburger Jugendbuchpreis), "Novemberkatzen", "Wenn das Gl├╝ck kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" (Deutschen Jugendliteraturpreis), "Malka Mai" (Deutscher B├╝cherpreis) und die Romane "Golem stiller Bruder", "Shylocks Tochter" und "Nathan und seine Kinder" sowie die Lebensgeschichte der Anne Frank "Ich sehne mich so". Au├čerdem hat sie viele B├╝cher aus dem Niederl├Ąndischen, Englischen und Hebr├Ąischen ├╝bersetzt, darunter auch die Romane von Uri Orlev.
F├╝r ihre "Verdienste an der deutschen Sprache" wurde sie 2001 mit der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet, f├╝r ihr Gesamtwerk als ├ťbersetzerin mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises und f├╝r ihr Gesamtwerk als Autorin und ├ťbersetzerin 2004 mit dem Deutschen B├╝cherpreis. Weitere Infos und Kontakt: www.mirjampressler.de
(Quelle: Verlag Beltz & Gelberg)

Mirjam Pressler
Novemberkatzen ÔÇô Wenn das Gl├╝ck kommt - Jubil├Ąumsausgabe

Verlag: Beltz & Gelberg, erschienen: 12.03.2010
Originalausgabe: Novemberkatzen 1982 Beltz & Gelberg ÔÇô Wenn das Gl├╝ck kommt 1994 Beltz & Gelberg
Hardcover: 427 Seiten
ISBN: 978-3407799708
www.beltz.de
15,00 Euro

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Women + Work Beitrag vom 24.11.2010 AVIVA-Redaktion 





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