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AVIVA-BERLIN.de im Januar 2020 - Beitrag vom 15.12.2019


Literaturnobelpreis 2018 für die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk
Bärbel Gerdes

110 Jahre nach dem Literaturnobelpreis für Selma Lagerlöf erhält rückwirkend für das Jahr 2018 die fünfzehnte Frau diesen Preis. Verliehen wurde er an Olga Tokarczuk, die polnische Schriftstellerin, die nicht nur durch ihre Bücher, sondern auch durch ihr politisches Engagement berühmt ist.



"Ich bin mir sicher, dass ich diesen Preis nicht bekommen habe, weil ich eine Frau bin, sondern, weil ich gute Bücher geschrieben habe." betont Olga Tokarczuk auf der Pressekonferenz am 6. Dezember 2019, die traditionell der Überreichung des Preises am 10. Dezember vorausgeht.

Olga Tokarczuk werde für eine narrative Vorstellung, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform darstellt ausgezeichnet, so die Begründung der Schwedischen Akademie.
Genauso wichtig ist es der Autorin, hervorzuheben, dass sie keine Bücher mit aktuellen politischen Bezügen schreibe. Literatur solle nicht mit politischem Aktivismus verwechselt werden.
Und doch wird sie, vor allem in Polen, als politische Schriftstellerin wahrgenommen.

Olga Tokarczuk wurde 1962 im westpolnischen Sulechów bei Zielona Góra geboren. In ihrer Nobelpreisrede erzählt sie, wie gerne sie als Kind am Radio saß. Das Radio wurde zu ihrem Kindheitsbegleiter, durch den sie von der Existenz eines Kosmosses erfuhr. Ein Foto ihrer Mutter zeigt diese traurig vor eben diesem Radio sitzend. Als kleines Mädchen habe Tokarczuk ihre Mutter oft gefragt, weshalb sie so traurig aussähe. Ihre Mutter habe geantwortet, sie sei traurig, weil sie ihre Tochter Olga vermisse, obwohl diese noch gar nicht auf der Welt war. Aber man könne doch nur jemanden vermissen, den man verloren hat, erwiderte das kleine Mädchen. Das funktioniert auch andersherum, antwortete ihre Mutter. Eine Person zu vermissen, bedeutet, sie ist da. Durch diese Erzählung habe ihre Mutter sie als zärtliche Erzählerin ausgestattet.

Im Gegensatz zur zeitgenössischen Literatur, in der es stark um die Person des Autors/ der Autorin ginge, teilt die zärtliche Erzählerin ihr Schicksal mit anderen. Tenderness is deep emotional concern about another being, its fragility, its unique nature, and its lack of immunity to suffering and the effects of time.

Bevor Olga Tokarczuk Schriftstellerin wurde, studierte sie in Warschau Psychologie. Sie arbeitete als Psychotherapeutin, heiratete, bekam einen Sohn und gründete den kleinen Verlag Ruta, den sie von 1998 bis 2003 leitete.
Tokarczuk debütierte mit Erzählungen unter einem Pseudonym in dem Jugendmagazin Na Przełaj. Es folgten mehrere Romane. Der Durchbruch gelang ihr 1996 mit dem Roman Prawiek i inne czasy, der im Folgejahr unter dem Titel Ur und andere Zeiten auf Deutsch erschien. Danach wandte sich Tokarczuk der kürzeren Form zu. Ihr Buch Der Schrank besteht aus drei Kurzgeschichten, während Taghaus, Nachthaus unterschiedliche Textarten miteinander verbindet.
Daneben arbeitete Olga Tokarczuk als Drehbuchautorin und schrieb ein Libretto. Zahlreiche ihrer Texte wurden verfilmt.

Olga Tokarczuk gilt als wichtige Autorin der polnischen Gegenwartsliteratur, die mit Preisen überhäuft wurde. In Deutschland jedoch blieb sie bislang trotz mehrerer Berlin-Aufenthalte und der Übersetzung ihrer Werke weitgehend unbekannt. Ihre Bücher gelten als schwierig und setzen oft ein fundiertes Wissen über mitteleuropäische, oft auch polnische Geschichte voraus.

So stößt auch ihr 2019 in Deutschland erschienener Roman Die Jakobsbücher auf ein geteiltes Echo. Die Geschichte des jüdischen Reformers, Scharlatans und Ketzers Jakob Franz ist eingebettet in eine Geschichte des 18. Jahrhunderts, die von Polen bis in die Türkei reicht. Auf fast 1200 Seiten entfaltet sie ein Bild der polnischen, vor allem der jüdischen Gesellschaft. Auch wenn sie, wie oben erwähnt, keine aktuell politischen Bezüge herstellen möchte, hält sie der heutigen Gesellschaft und der aktuellen polnischen Politik einen Spiegel vor, indem sie jüdische Menschen als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft darstellt, gleichzeitig aber konfrontiert mit Polens Antisemitismus, Pogromen und Morden an jüdischen Menschen. Auch der oft verklärte polnische Adel wird enttarnt als Sklavenhalter, der die ukrainische Bevölkerung unterdrückte.

Als Tokarczuk 2015 für die Jakobsbücher mit der Nike, dem höchsten polnischen Literaturpreis, ausgezeichnet wurde, forderte sie, dass die polnische Gesellschaft ihre Vergangenheit genauso aufarbeiten müsse wie die deutsche es getan habe. Es ergoss sich ein Shitstorm über sie. Sie hätte die polnische Nation verraten, hieß es. Sie erhielt Morddrohungen.

Auch nach der Verleihung des Literaturnobelpreises tönt die Rechte wieder gegen Tokarczuk. Zwar habe eine polnischsprachige Autorin den Preis erhalten, sie sei aber keine polnische Autorin. Das Nobelkomitee habe mit der Entscheidung für Tokarczuk bewiesen, dass es am Tiefpunkt angelangt sei, wüteten rechtskonservative Medien. Tokarczuk sei schädlich für das Image Polens im Ausland.

Tokarczuk, die sich für LGBT- und Frauen-Rechte stark macht und noch kurz vor der Preisverleihung an einer Demonstration teilnahm, die gegen die Versuche der Regierung protestierte, die Gerichte vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen, wurde in ihrer Heimatstadt Wrocław gleichwohl gefeiert. Der Bürgermeister überreichte ihr den Schlüssel zu den Stadtoren und die Stadt Krakau wird ihr zu Ehren einen Wald mit 25.000 Bäumen pflanzen, der Ur heißen soll.

Ihr Preisgeld hat sie übrigens gleich dafür eingesetzt, die "Olga-Tokarczuk-Stiftung" zur Förderung von Kunst und Kultur zu gründen. Mit ihr wolle sie die Beteiligung von Frauen am kulturellen und gesellschaftlichen Leben unterstützen, aber auch wissenschaftliche Untersuchungen zum Feminismus.

Zum aktuellen Buch:
Olga Tokarczuk: Die Jakobsbücher
Originaltitel: Księgi Jakubowe
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein
Kampa Verlag, erschienen im Oktober 2019
1184 Seiten, gebunden
ISBN 978 3 311 10014
42,00 €
Mehr zum Buch: kampaverlag.ch

Mehr zu Olga Tokarczuk

www.tokarczuk.wydawnictwoliterackie.pl
www.facebook.com/OlgaTokarczukProfil
www.facebook.com/olga.tokarczuk.english

Zu den Skandalen der Schwedischen Akademie auf AVIVA-Berlin:

Literaturnobelpreis 2019 – Würdigung der großartigen Schriftstellerin Olga Tokarczuk und die skandalöse Entscheidung der Schwedischen Akademie. Eine Chronologie

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

DIE SPUR (OT: POKOT). Regie Agnieszka Holland. Co-Regisseurin: Kasia Adamik. Nach dem Roman Der Gesang der Fledermäuse von Olga Tokarczuk
DIE SPUR (OT: POKOT) zeichnet ein Vexierbild der patriarchalen polnischen Gesellschaft der Gegenwart. Agnieszka Hollands wagemutiger Genremix aus skurriler und mysteriöser Detektivstory, spannendem Ökothriller und politisch-feministischem Märchen wurde auf der 67. BERLINALE mit dem Alfred Bauer Preis ausgezeichnet. Im Fokus der polnischen Filmemacherin Agnieszka Holland ("Hitlerjunge Salomon", "IN DARKNESS – EINE WAHRE GESCHICHTE", "House of Cards", "Treme") steht die streitbare und exzentrische Duszejko, eine pensionierte Brückenbauingenieurin und Tierschützerin, die zurückgezogen in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze lebt. (2017)

Simone Frieling - Ausgezeichnete Frauen. Die Nobelpreisträgerinnen für Literatur
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Kurz vor ihrem 88. Geburtstag erhält die britische Schriftstellerin den wichtigsten internationalen Literaturpreis. Lessing ist die 11. Frau, die mit dem Literaturpreis geehrt wird. Gratulation! (2007)



Women + Work > WorldWideWomen Beitrag vom 15.12.2019 Bärbel Gerdes 





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