Mirjam Pressler - Novemberkatzen. Wenn das Glück kommt. Zwei Romane und eine Rede - Jubiläumsausgabe - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Women + Work WorldWideWomen



AVIVA-BERLIN.de im Juli 2021 - Beitrag vom 24.11.2010


Mirjam Pressler - Novemberkatzen. Wenn das Glück kommt. Zwei Romane und eine Rede - Jubiläumsausgabe
Adriana Stern

Die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler wurde zur Frankfurter Buchmesse 2010 für ihr Gesamtwerk mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Das ist in diesem Jahr nicht der einzige...




... Grund, dieser außergewöhnlichen Frau von ganzem Herzen zu gratulieren.

So gebührt der Autorin außerdem eine Gratulation zum ihrem 70. Geburtstag, den sie vor vier Monaten begangen hat. Mazal Tov, bis 120!

Wer ihr begegnet, erlebt eine lebendige, kreative, offene und jugendlich gebliebene Frau, die interessiert zuhört und ihre Umgebung zugewandt, mit höchster Konzentration und voller Neugierde wahrnimmt.

Vor dreißig Jahren wurde ihr erstes Buch Bitterschokolade veröffentlicht und gewann auf Anhieb den Oldenburger Jugendbuchpreis. Dies sei ein großes Glück gewesen, sagt die Autorin heute, denn mittlerweile habe sie das Verlagswesen und den Literaturbetrieb kennengelernt. Mirjam Pressler weiß, wie schwer sich gerade die Bücher vermitteln lassen, die nicht dem vorherrschenden Mainstream entsprechen.

Und keines der von Mirjam Pressler geschriebenen Büchern gehört zu dieser Mainstreamliteratur! Mit ihrer Zielgerichtetheit und ihrem Mut, stets bei ihrem großen Lebensthema Kindheit zu bleiben, mit all seinen schwierigen und oft verschwiegenen Facetten, gewann die Autorin bis heute unzählige Preise.
Die in dieser Jubiläumsausgabe zu ihrem Geburtstag vorgestellten Romane sind bereits vor Jahren schon einmal erschienen. Dass der Verlag gerade sie neu auflegt, zeigt, wie aktuell sie nach wie vor sind und wie aktuell sie weiterhin bleiben werden.

Die beiden RomaneNovemberkatzen und Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen sind würdige Stellvertreter für das Gesamtwerk der herausragenden und eigenwilligen Schriftstellerin. So stehen sie stellvertretend für ihre Überzeugung und das Gelingen, Tabuthemen gesellschaftsfähig zu machen. Stellvertretend auch für ihren Mut, dem Mainstream zu trotzen und beharrlich weiterhin über Themen zu schreiben, die meist verschwiegen werden und die vielleicht gerade deshalb die Emotionen und die Seele zutiefst berühren.

Und nicht zuletzt auch stellvertretend für ihre Fähigkeit, die LeserInnen ganz in eine Geschichte hineinzunehmen und Bilder in ihnen zu wecken, die noch lange nachwirken.
Mirjam Pressler stellt bewusst die Welt der Kindheit in den Vordergrund ihres Schreibens. Eine Welt, die nicht heil, nicht perfekt und märchenhaft ist, sondern realistisch, beunruhigend, bedrückend und voller schmerzhafter Erlebnisse. Eine Kindheit, wie sie zu viele Kinder bis heute erleben und aller Voraussicht nach auch weiterhin erleben müssen. Eine Kindheit, die "beschädigt wurde" wie Mirjam Pressler sagt. Die Stärke in den Beschreibungen der Autorin liegt darin, den harten Alltag ihrer Figuren und ihre gelungenen Überlebensstrategien gleichermaßen mit allen Sinnen und in vielen Details in der eigenen Phantasie lebendig werden zu lassen.

Mirjam Pressler begibt sich mit großer Liebe und Sorgfalt in diese Welt, in der Verletzungen, Unverständnis und fehlende Liebe an der Tagesordnung sind. Eine Welt, in der sich ihre stillen Heldinnen gegen alltägliche und zum Teil auch zutiefst traumatische Gewalt behaupten müssen, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Nicht ihre Würde, nicht ihren Stolz, nicht ihre Hoffnung.
Und genau das gelingt den Figuren von Mirjam Pressler. Inmitten eines aussichtslosen, demütigenden Kampfes schaffen sie sich Räume, in denen sie ihre Träume, ihre Verletzlichkeit, ihre Selbstbestimmung schützen. Räume, in denen sie ganz sie selbst sein können und aus denen sie die Kraft schöpfen, erwachsen zu werden und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

Es sind nicht die großen Abenteuer, nicht die weltbewegenden Veränderungen, die das Leben ihrer Figuren in Atem halten. Es sind die kleinen, alltäglichen Begebenheiten, die ihren Figuren Mut machen und ihnen Hoffnung und innere Stärke geben.
Mirjam Pressler bietet keine einfachen Lösungen an, beide Bücher haben kein Happy-End. Und doch beflügelt das Schicksal ihrer Figuren die eigene Phantasie der LeserIn, lässt die Autorin die LeserIn nicht nur traurig und nachdenklich zurück, sondern auch mit der Erinnerung an die eigene, wie auch immer beschädigte Kindheit und den daraus gewonnenen Fähigkeiten.

Ihre im Anhang abgedruckte Rede "Eine Orchidee blüht im Continen-Tal" ist beinahe so etwas wie der Lebenslauf dieser Autorin, durch den sich das geschriebene und später das selbst geschriebene Wort wie ein roter Faden oder treffender ausgedrückt, wie ein Rettungsanker zieht.
Denn das Leben der Mirjam Pressler war in keiner Hinsicht leichter als das Leben des jüdischen Mädchens Halinka in dem Roman "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" oder das Leben der kleinen Ilse, der Hauptfigur in "Novemberkatzen".

"Ich glaube, ich verfiel dem Lesen als Möglichkeit zu fliehen, in andere Welten und andere Wirklichkeiten." sagt die Autorin in dieser Rede. "Gegen die lauten, groben Wörter, die mir an den Kopf geworfen wurden, suchte ich die leisen, gedruckten Wörter, die mir Raum für Gedanken ließen." Und die ihr später den Raum eröffneten, über dreißig Bücher zu schreiben, die wiederum ihren LeserInnen Räume, Welten und Wirklichkeiten eröffneten und sie an die wunderbare innere Stärke erinnerten, die sich Hoffnung nennt.
Die beiden folgenden Zitate vermitteln vielleicht am deutlichsten das Geheimnis von Mirjam Presslers großem Erfolg: (...)"Am Anfang war das Wort. Ein großer Satz. Aber für mich stimmt er. Das Wort ist die Wahrheit und die Lüge, es ist das Trennende und Verbindende. Ohne Wort ist nichts, ist alles nur wabernder Nebel. (...)"…Mich interessiert die Frage, wie Identität unter widrigen Bedingungen entstehen und wachsen kann."(...)

AVIVA-Tipp: Warum gerade die antiautoritären Jugendbücher von Mirjam Pressler nicht nur für Jugendliche so wichtig und daher unbedingt empfehlenswert sind, kann niemand besser begründen als die Autorin selbst: "Die meisten Autoren haben nur ein Thema, das sie in immer neuen Variationen und Varianten bearbeiten, sie schreiben das Buch immer wieder neu, nämlich die Geschichte ihres Lebens. (...) Mein Thema ist – im weitesten Sinne – die beschädigte Kindheit, ist letztlich die Verwunderung darüber, dass das Leben, der Wille zu leben zum Glück meist stärker ist als alles, was Menschen sich gegenseitig antun."

Zur Autorin: Mirjam Pressler, geb. 1940 in Darmstadt, wuchs bei Pflegeeltern auf. Sie studierte an der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt und Sprachen in München und lebte für ein Jahr in einem Kibbuz in Israel. Zurück in Deutschland arbeitete sie unter anderem als Taxifahrerin und führte einen Jeansladen. Sie hat drei inzwischen erwachsene Töchter, die sie nach der Scheidung von ihrem Mann alleine großgezogen hat. Heute lebt sie als freie Autorin und Übersetzerin in Landshut.
Mirjam Pressler hat mehr als 30 eigene Kinder- und Jugendbücher verfasst, darunter "Bitterschokolade" (Oldenburger Jugendbuchpreis), "Novemberkatzen", "Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen" (Deutschen Jugendliteraturpreis), "Malka Mai" (Deutscher Bücherpreis) und die Romane "Golem stiller Bruder", "Shylocks Tochter" und "Nathan und seine Kinder" sowie die Lebensgeschichte der Anne Frank "Ich sehne mich so". Außerdem hat sie viele Bücher aus dem Niederländischen, Englischen und Hebräischen übersetzt, darunter auch die Romane von Uri Orlev.
Für ihre "Verdienste an der deutschen Sprache" wurde sie 2001 mit der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet, für ihr Gesamtwerk als Übersetzerin mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises und für ihr Gesamtwerk als Autorin und Übersetzerin 2004 mit dem Deutschen Bücherpreis. Weitere Infos und Kontakt: www.mirjampressler.de
(Quelle: Verlag Beltz & Gelberg)

Mirjam Pressler
Novemberkatzen – Wenn das Glück kommt - Jubiläumsausgabe

Verlag: Beltz & Gelberg, erschienen: 12.03.2010
Originalausgabe: Novemberkatzen 1982 Beltz & Gelberg – Wenn das Glück kommt 1994 Beltz & Gelberg
Hardcover: 427 Seiten
ISBN: 978-3407799708
www.beltz.de
15,00 Euro

Weiterlesen auf AVIVA - Berlin:

Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen von Mirjam Pressler

Malka Mai ein Hörspiel von Mirjam Pressler

Rosengift, von Mirjam Pressler

Golems stiller Bruder von Mirjam Pressler

Grüße und Küsse an alle - Anne Franks Familiengeschichte in Briefen von Mirjam Pressler

Aharon Appelfeld – Katerina, übersetzt von Mirjam Pressler

Amos Oz – Geschichten aus Tel Ilan, übersetzt von Mirjam Pressler




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Beitrag vom 24.11.2010

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