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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 17.11.2011

Malina. Ingeborg Bachmanns Roman, verfilmt von Werner Schroeter, erstmals auf DVD. Verlosung
Lisa Scheibner

Eine K√ľnstlerin und ihre gro√üe Leidenschaft. Ein zweites Ich, das an Macht gewinnt. Ein mysteri√∂ser Mord, der keine Spuren hinterl√§sst... AVIVA verlost 2 DVDs



...Bachmanns vielstimmiger Roman in der beeindruckenden Verfilmung mit Isabelle Huppert.

"Ich habe in Ivan gelebt und ich sterbe in Malina." Das Ich, die Protagonistin in Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" f√ľhrt eine seltsame Dreiecksbeziehung: sie lebt mit einem Gef√§hrten namens Malina in Wien und sie scheint eine bekannte Schriftstellerin zu sein, die pl√∂tzlich und unaufhaltsam dem j√ľngeren Ivan verf√§llt.
Von neu erwachter Hoffnung durchstr√∂mt, plant Ich ein besonderes Werk, ein utopisches Buch, das die Kraft hat, die Welt zu retten. Denn diese scheint nur oberfl√§chlich zu funktionieren, wobei sie in Wahrheit an vielerlei Erkrankungen leidet, die auch in Ichs Verletzungen aus der Vergangenheit ihren Ausdruck finden. Doch Ivan versteht nichts von Ichs allumfassender Passion, er ist √ľberfordert und entzieht sich ihr.
Ichs Traumata kehren erstarkt zur√ľck, und w√§hrend sie von Alptr√§umen geplagt wird, entwickelt Malina eine neue, bedrohliche Qualit√§t: er scheint ein Teil ihrer selbst zu sein, der die emotionalen Abgr√ľnde beseitigen und die Macht √ľbernehmen will. Daf√ľr muss jedoch eine hoher Preis gezahlt werden: das Ich beginnt, sich selbst aufzul√∂sen, der letzte Satz des Romans lautet: "Es war Mord."

Ich bin du. Und du bist ich. Als m√ľsste mit immer ein anderer versichern, dass ich noch da bin."

"Malina" ist Ingeborg Bachmanns einziger zu Lebzeiten erschienener Roman, ein Teil ihres geplanten "Todesarten"-Projektes, von dem erst nach Bachmanns Tod die unvollendeten Teile "Requiem f√ľr Fanny Goldmann" und "Der Fall Franza" publiziert wurden. Die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel beschreibt das umfangreiche Projekt Bachmanns als "rhizomartiges Geflecht", in dem die verschiedenen Prosatexte in enger Verbindung zueinander stehen, sich immer wieder √ľberschneiden und gegenseitig beeinflussen.

Ingeborg Bachmann selbst bezeichnete "Malina" einmal als eine "geistige, imagin√§re Autobiographie", was oft missinterpretiert wurde. Der durchkomponierte Roman handelt mitnichten lediglich von der Person Bachmann, sondern ist ein Geflecht aus Bedeutungen, Geschichten und Einfl√ľssen, ein hochmusikalisches Verwirrspiel der widerstreitenden Identit√§ten und traumatischen Vergangenheiten im Kampf mit der Hoffnung und Utopie. Mit gutem Grund galt "Malina" lange als unverfilmbar.

Werner Schroeter gelang 1990 mit einem Drehbuch von Elfriede Jelinek dennoch ein filmisches Meisterwerk von Bachmanns Roman. Schroeter interessierte sich f√ľr die Selbstaufl√∂sung der Hauptfigur Ich und die starken Bilder Bachmanns gewinnen bei ihm eine verst√∂rend real-surreale Qualit√§t: die herumrollenden Autos, die immer aus dem Nichts hervorschie√üen, sobald das Ich eine Stra√üe betritt. Das Feuer, das erst tr√∂stendes Licht ist und mehr und mehr ein alles verschlingendes Brennen wird. Die Alptr√§ume, in denen Ich gegen ihre eigene L√§hmung ank√§mpft und nicht zuletzt Ichs mysteri√∂se Beziehung zu Malina, ihrem anderen, m√§nnlichen Ich, der zwar Stabilit√§t bietet, sich aber immer mehr zu einer Bedrohung f√ľr sie entwickelt.
Elfriede Jelinek zufolge behandelt "Malina" die Schwierigkeiten der weiblichen Kunstproduktion, nämlich "die Unmöglichkeit, Sexualität und Kreativität zugleich zu leben..."

Werner Schroeters "Malina" lebt von den hervorragenden DarstellerInnen, allen voran Isabelle Huppert als Ich, deren enigmatisches und zugleich verletzliches Gesicht die Figur lebendig werden lässt.
Der Film konzentriert sich auf die "Ausschlie√ülichkeit der Liebe" (Elfriede Jelinek) Ichs, und ihren zunehmenden inneren Verfall. Es gelingt Schroeter und seinen DarstellerInnen, die inneren Zust√§nde der Hauptfigur ins Au√üen zu √ľbertragen: die merkw√ľrdigen Menschen um sie herum, die emotionale Qualit√§t der R√§ume, wie etwa der "Ungargasse", die f√ľr Ich zu einem heiligen Land wird, in dem sie mit Ivan verbunden ist.
Mathieu Carri√®re als Malina verk√∂rpert wunderbar dessen freundliche Neutralit√§t, die sich jedoch nie auf ein emotionales Terrain begibt. Von einem unauff√§lligen Besch√ľtzer mutiert er unmerklich zu einer gef√§hrlichen Figur. Ivan, gespielt von Can Togay, ist ein gew√∂hnlicher Mann, der sich um sein eigenes Leben k√ľmmert, seine Leidenschaft auf einer ganz anderen Ebene lebt als Ich und sie unm√∂glich begreifen kann.

"Wien brennt."

Herrlich sind auch die R√§ume und Effekte des Films: Ein Menschenchor mit Geiger scheint die Protagonistin zu verfolgen und vollf√ľhrt absurde T√§tigkeiten. Die riesige, fast leere Wohnung von Ich und Malina f√§ngt Feuer und beginnt an immer mehr Stellen zu brennen. Die Schnitte hetzen Ich durch Wien und in der Ungargasse hin und her und best√§rken das Gef√ľhl, dass die Au√üenwelt eine Gefahr darstellt. "Malina" ist ein Gesamtkunstwerk aller Beteiligten, was sich auch in den zahlreichen Auszeichnungen zeigt, die der Film erhielt: er gewann Preise f√ľr Regie, Darstellerische Leistung und Schnitt (f√ľr Schroeter, Huppert und Cutterin Juliane Lorenz, Deutscher Filmpreis 1991), sowie f√ľr Kamera (Elfi Mikesch, 1992) und Produktion (Thomas und Steffen Kuchenreuther, 1990).

Dennoch stellt sich die Frage, bei Schroeters Film wie auch in der "Malina-Rezeption insgesamt, warum es die Nervosit√§t und Fahrigkeit der Hauptfigur ist, die im Vordergrund steht. Eine Frau zu zeigen, die an ihrer eigenen Empfindsamkeit zugrunde geht, ist zwar nicht falsch, aber wo bleibt die Utopie der Figur? Bachmanns Roman ist immer wieder ironisch und hat viele sehr humorvolle Stellen, in denen das Tragikkomische von Ichs Situation dargestellt wird. Wenn diese Hinweise √ľbersehen werden, bleibt nur eine verwirrte oder gar verr√ľckte Frau, die selbst der Ausl√∂ser ihres eigenen Ungl√ľckes ist. Dabei ist der Mord, oder gar sind die Morde, denn Ich hat schon einige √ľberlebt, von der Gesellschaft begangen worden. Es war eine Ansammlung schleichender Verletzungen, die Ich zerm√ľrbt haben und ihr eine klare Identit√§t verunm√∂glichen. Auch durch das Dialogische geht Ichs Perspektive, die sehr genau beschreibt, was in ihrer Welt vorgeht, zum Teil verloren. Aus Bachmanns Protagonistin "Ich" wird "Die Frau", und diese ger√§t immer wieder in eine Position, in der sie das Objekt einer Betrachtung ist, denn ohne Bachmanns Text zu kennen, kann mensch kaum erraten, warum sie sich so merkw√ľrdig verh√§lt.

Zur Autorin: Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt (√Ėsterreich) geboren. Ber√ľhmt wurde sie 1953 mit dem Gedichtband "Die gestundete Zeit". In den folgenden Jahren bis zu ihrem Tod am 17. Oktober 1973 erschien eine Vielzahl weiterer Gedichte, H√∂rspiele, Erz√§hlungen und Romane. F√ľr ihr Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet, darunter 1953 mit dem Preis der Gruppe 47, 1964 mit dem Georg-B√ľchner-Preis, 1968 mit dem Gro√üen √Ėsterreichischen Staatspreis f√ľr Literatur. Sie ist Namensgeberin des Ingeborg-Bachmann-Preises, einer der wichtigsten Literaturpreise, der seit 1977 beim Klagenfurter Literaturwettbewerb verliehen wird. Mehr Infos: www.suhrkamp.de

Zum Filmteam: Werner Schroeter (1945 - 2012) war ein deutscher Film-, Theater- und Opernregisseur, die Liebe f√ľr diese verschiedenen Medien wird auch in Malina deutlich. Er drehte √ľber 40 Filme und gewann zahlreiche Preise. Elfriede Jelinek, geboren 1946, ist eine √∂sterreichische Schriftstellerin und Dramatikerin. F√ľr ihre provokanten Texte wird sie sowohl heftig verehrt wie angegriffen. 2004 erhielt sie den Literaturnobelpreis. Auf ihrer Webseite kann ihr literarisches und politisches Treiben aktuell verfolgt werden. www.elfriedejelinek.com
Isabelle Huppert, geboren 1953, ist eine Ikone des franz√∂sischen Kinos. Seit √ľber 40 Jahren ist sie als Film- und Theaterschauspielerin t√§tig und wurde vielfach f√ľr ihr Schaffen ausgezeichnet, zuletzt 2011 mit dem Ehrenleopard f√ľr ihr Lebenswerk.

AVIVA-Tipp: Schroeters Version von Ingeborg Bachmanns "Malina" ist ein herausragender Film. Isabelle Huppert verk√∂rpert die Protagonistin mit hinrei√üender Leidenschaft und Verletzlichkeit, die Schnitte und opulenten wie absurden Elemente des Films versetzen die Zuschauerin in einen Sog, wobei die Handlung wie im Roman oft r√§tselhaft bleibt. Trotz der inhaltlichen Beschr√§nkung auf einige Handlungsstr√§nge der Vorlage ein MeisterInnenwerk, das die Gefahr der r√ľckhaltlosen Liebe und die Schwierigkeiten weiblicher Kunstproduktion verhandelt. "Malina" wurde zu Recht vielfach pr√§miert und ist auch 22 Jahre nach seinem Erscheinen noch √ľberaus sehenswert.


AVIVA-Berlin verlost 2 DVDs. Bitte beantworten Sie dazu folgende Frage: Welcher ehemalige Liebhaber Bachmanns st√ľrzte sich in die Seine? Senden bis zum 28.12.2011 eine Email an folgende Adresse: info@aviva-berlin.de


Malina
Deutschland/√Ėsterreich, 1990
Lauflänge: 121 Min. + 20 Minuten Bonusmaterial
Bildformat: 1,78:1 (16:9)
Tonformat: Dolby Digital 1.0
Sprachen: Französisch und Deutsch, Untertitel auf Deutsch oder Englisch und ausblendbar.
Bonusmaterial: Neuer- und Original-Kinotrailer sowie ein Interview mit Elfriede Jelinek
Regie: Werner Schroeter
Drehbuch: Elfriede Jelinek, nach dem Roman "Malina" von Ingeborg Bachmann
Kamera: Elfi Mikesch
Schnitt: Juliane Lorenz
Musik: Giacomo Manzoni
Produktion: Thomas und Steffen Kuchenreuther
Architektur und Ausstattung: Herta Pischinger-Hareiter
Mit: Isabelle Huppert, Mathieu Carrière, Can Togay und vielen anderen
Deutsche Synchronstimme f√ľr Isabelle Huppert: Lisa Kreuzer
Vertrieb: Concorde Home Entertainment
Kauf-Release: ab 10. November 2011 auf DVD/Blu-ray
www.concorde-home.de


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Herzzeit", Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan (2008)

Ingeborg Bachmann: "Die Radiofamilie"

H√∂rb√ľcher von Ingeborg Bachmanns Roman "Malina" sowie ihrer Lyrik: "Erkl√§r mir, Liebe"

Ingeborg Bachmann: "Kriegstagebuch"

I`m not a f**king princess, ein Film von Eva Ionesco mit Isabelle Huppert

Intime Fremde mit Isabelle Huppert

I Heart Huckabees mit Isabelle Huppert

Nue Propriété mit Isabelle Huppert

Gabrielle - Liebe meines Lebens mit Isabelle Huppert

Zwei ungleiche Schwestern mit Isabelle Huppert

Gewinnspiele Beitrag vom 17.11.2011 AVIVA-Redaktion 





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